Nr. 30: Können Sie „es tut mir leid“ sagen?

Wenn ich Elton Johns Lied „Sorry seems to be the hardest word“ höre und innerlich so dahinschmelze, habe ich immer wieder gedacht: „Ja, stimmt! Aber warum genau ist das so? Warum ist es so schwer, „es tut mir leid“ zu sagen?“ Dieser Frage will ich hier nachgehen, denn dafür gibt es tatsächlich logische – im Sinne von „psycho-logische“ – Gründe.

Die Problemstellung 

Wenn man sich nüchtern und objektiv anguckt, was zu einer Situation führt, in der die Worte „es tut mir leid“ angebracht sein könnten, stellt man folgendes fest: Jemand – nennen wie ihn Arthur – hat etwas getan, das beim Anderen – nennen wir sie Berta – Schmerzen ausgelöst hat. Muss Arthur jetzt „es tut mir leid“ sagen oder nicht?

Als erstes vorab: Arthur „muss“ natürlich gar nichts. Es ist seine freie Entscheidung, ob er sein Verhalten bereut oder nicht. Und Berta hat in jedem Fall auch keinen „Anspruch“ darauf, dass Arthur Reue zeigt. Aber es ist eine Tatsache, dass die Ursache-/Wirkung-Kette „Verhalten von Arthur hat zu Schmerzen bei Berta geführt“ im Raum steht und die Beziehung und damit die weitere Kommunikation belastet wird, wenn die Situation nicht bereinigt wird.

Vielleicht denken Sie jetzt spontan: Das hängt doch alles davon ab, ob Arthur sich „falsch“ oder „richtig“ verhalten hat. Das ist nur bedingt zutreffend. Denn sehr oft kann man trefflich darüber streiten, was „falsch“ und was „richtig“ ist. Mir ist zum Beispiel schon einmal allen Ernstes „angelastet“ worden, dass ich auf einem Nachmittagsspaziergang zu lebhaft und zu fröhlich erzählt und meine Begleiterin dadurch in ihrer Ruhe gestört hätte. Deshalb wurde ich zusammengeschrien. Ich war so perplex, dass ich sprachlos war. Und selbst wenn Arthur ein vermeintlich eindeutig „falsches“ Verhalten an den Tag gelegt hat wie zum Beispiel einen Wutanfall ohne jeden Anlass, gibt es für schlaue Köpfe immer noch ausreichend Argumentationsspielraum, warum dieses Verhalten doch „richtig“ oder „berechtigt“ oder zumindest „verständlich und deshalb in Ordnung“ war. Arthur hat also immer die Möglichkeit, sich irgendwie auf den Standpunkt zu stellen, dass sein Verhalten „richtig“ war, was dann leicht zu Streit führen kann. Der löst jedoch leider gar nichts, sondern führt nur vom Ausgangsproblem weg. Denn entscheidend ist im ersten Schritt etwas ganz anderes.

Der fatale (meist unterbewusste) Fehlschluss

Der Kern des Problems liegt darin, dass die allermeisten Menschen glauben, dass es überall da, wo Schmerz auftaucht, einen „Schuldigen“ geben müsse, der „bestraft“ werden müsse. Der Schmerz bei Berta wird quasi gleichgesetzt damit, dass Arthur, dessen Verhalten den Schmerz ausgelöst hat, die Schuld daran trägt, dass Berta Schmerz fühlt. (Sie merken: Ich vermeide zu schreiben, dass Berta von Arthur „verletzt“ worden ist! Ich spreche lediglich von Verhalten, das Schmerz auslöst!) Weil keiner Schuld haben will, wehrt Arthur sich mit Händen und Füßen dagegen, etwas „falsch“ gemacht zu haben, um sich die Schuld vom Leibe zu halten. Denn Schuld wird automatisch mit Bestrafung gleichgesetzt. Und Berta beharrt darauf, dass Arthur einen Fehler gemacht hat = „schuldig“ ist, um für ihren Schmerz einen Schuldigen „dingfest machen“ und „bestrafen“ zu können. Diese Denke hat sich bedauerlicherweise auch in der deutschen Sprache niedergeschlagen: Das Wort „Entschuldigung“ impliziert, dass es einen Schuldigen gegeben haben muss.

Genau darin liegt nämlich der Irrtum! Deshalb meide ich das Wort „Entschuldigung“ und spreche lieber von Reue oder noch lieber Bedauern, weil es weniger dramatisch klingt als Reue. Denn egal, was zwischen Arthur und Berta passiert ist, gibt es für den Schmerz von Berta keinen Schuldigen, sondern lediglich eine Verantwortliche, und das ist allein Berta selbst. Denn der Schmerz bei Berta ist nur deshalb entstanden, weil Berta insofern verletzlich war. Um es überspitzt auf den Punkt zu bringen: Wer erleuchtet ist und damit jenseits aller menschlichen Schwächen, ist unverletzlich. Aber wer ist schon erleuchtet? Am allerwenigsten diejenigen, die von sich behaupten, fehlerlos und unverletzlich zu sein…

Gleichwohl wird sich Arthur in den allermeisten Fällen zumindest unterbewusst dennoch „schuldig“ fühlen und sich genau deshalb auf der bewussten Ebene umso vehementer dagegen wehren, einen „Fehler“ gemacht zu haben. Und so entsteht dann unter Umständen zwischen Arthur und Berta ein Streit darüber, ob Arthur einen Fehler gemacht hat oder nicht, obwohl die Situation erst einmal etwas ganz anderes erfordert, nämlich Mitgefühl und Respekt für den Schmerz von Berta. Denn Berta kann ihren Schmerz und ihre Verletzlichkeit nur auflösen, indem sie ihren Schmerz wahrnimmt und umfassend fühlt. Und wenn Arthur – aus welchen Gründen auch immer – nicht dazu in der Lage ist, Mitgefühl und Respekt für den Schmerz von Berta aufzubringen, tut Berta gut daran, sich erst einmal von Arthur zurückzuziehen und sich selbst Mitgefühl und Respekt zu geben, anstatt sich mit Arthur in einen zusätzlichen Streit mit weiterem Verletzungspotential zu verstricken über die Frage, ob dessen Verhalten „falsch“ war. Denn solange Berta nicht die Verantwortung für ihren Schmerz übernommen und diesen aufgelöst hat, wird ihr ein ruhiges, konstruktives Gespräch kaum möglich sein.

Jeder ist für seinen eigenen Schmerz verantwortlich und sonst niemand!

Warum jeder Mensch für seinen eigenen Schmerz verantwortlich ist, ergibt sich daraus, wie Schmerz entsteht:

Wenn eine Seele als Mensch auf der Erde inkarniert, bringt sie aus ihren vorangegangenen Leben bestimmte „Gefühlserfahrungen“ mit. Denn die Seele eines Menschen besteht ausschließlich aus Gefühlen. Die Seele ist der Emotionalkörper eines Menschen. Bildlich gesprochen sieht dieser Emotionalkörper aus wie ein elastischer Gummiball, der – soweit die Seele gesund ist – durch eine Berührung eingedrückt wird und sich anschließend von allein wieder in die runde Ursprungsform zurückausdehnt. Soweit seine Seele gesund ist, kann ein Mensch also „Kollisionen“ mit anderen Menschen zwar spüren, wird dadurch aber nicht nachhaltig beeindruckt, weil sich seine Seele von allein wieder entspannt.

Soweit die Seele aus Vorleben jedoch bestimmte Erfahrungen mitbringt – wie etwa Schmerz, Schuld, Angst, Wut, Hass oder andere negative Gefühle – fehlt dem „Gummiball“ die Elastizität: Auf Berührung reagiert er an dieser Stelle wie Knete, das heißt, er bleibt eingedrückt. Und genau das passiert unweigerlich in jeder Kindererziehung: Soweit die kindliche Seele aus vorangegangenen Leben verwundbare Stellen aus „Knete“ mitbringt, wird sie durch die Eltern emotional geprägt. Diese emotionale Prägung durch die Eltern ist also nur möglich, weil die Seele des Kindes die entsprechende seelische Verletzlichkeit mitbringt. Wenn das Kind dann erwachsen wird, verhärtet sich die „Knete“ nach und nach, und die entsprechenden Verformungen sind die Ursache allen Leides, das ein Mensch in seinem Leben erfährt. Heilung erfolgt, indem diese Verhärtungen aufgelockert und die darunter „gefrorenen“ Gefühle aufgelöst werden, indem sie „durchfühlt“ werden. Dadurch nimmt die Seele – um im Bild zu bleiben – wieder die Form eines „heilen“ (= geheilten), vollelastischen Gummiballs an. Dieser Prozess der Heilung findet nach und nach in kleinen Schritten statt, und zwar jedes Mal, wenn in einem durch irgendetwas im Außen oder durch irgendjemanden Gefühle ausgelöst und diese Gefühle vollständig durchlebt werden. So gesehen ist jede „Verletzung“ im Leben eines Erwachsenen ein Anstoß zur Heilung der Seele.

Das heißt aber auch: Nicht einmal Ihre Eltern sind schuld an Ihrem Schmerz, egal was Sie Ihnen „angetan“ haben! Denn es war Ihre Seele, die auf das Verhalten Ihrer Eltern auf bestimmte Art und Weise reagiert hat. Wäre Ihre Seele heil gewesen, hätte das Verhalten der Eltern nichts bei Ihnen anrichten können, weil Ihre Seele das einfach abgefedert hätte. Das erklärt auch, warum Geschwister ihre Eltern ganz unterschiedlich erleben: Sie bringen schlicht unterschiedliche und höchst individuelle seelische Verletzlichkeiten mit und reagieren deshalb höchst individuell auf den Erziehungsstil der Eltern. Und schon im Schritt vorher reagieren Eltern unterschiedlich auf jedes ihrer Kinder, weil  jedes Kind sein eigenes Naturell mitbringt, das den Eltern entweder näher oder weniger nahe liegt und dementsprechend weniger oder mehr Schwierigkeiten bereitet.

Es gibt trotzdem „Verhaltensfehler“ und auch „Erziehungsfehler“!

Daraus, dass jeder für seinen eigenen Schmerz verantwortlich ist, kann man natürlich nicht den Rückschluss ziehen, dass deshalb jedes Verhalten nur „richtig“ sein kann so nach dem Motto: Wenn es weh tut, ist doch gut, wenn Du Deinen Schmerz auflösen kannst! Natürlich gibt es Verhaltens- und auch Erziehungsfehler. Und dafür, was ein Verhaltens- oder Erziehungsfehler ist, gibt es auch einen sehr einfachen Bewertungsmaßstab: Jedes lieblose Verhalten ist ein Fehler!

Die Schwierigkeit besteht lediglich in der Anwendung dieses Bewertungsmaßstabs, und zwar in mehrfacher Hinsicht. Es gibt unendlich viele Irrtümer darüber, was liebevolles Verhalten ist und was nicht. Um den gängigsten zu nennen: Viele glauben zu lieben bedeute, vom Anderen alles hinzunehmen und zu tolerieren. Das ist definitiv falsch: Selbstliebe gebietet, dass man sich gegen negatives oder missbräuchliches Verhalten Anderer zur Wehr setzt und abgrenzt. Ob Verhalten liebevoll oder lieblos ist, ist außerdem kontextabhängig. Die größte Hürde ist allerdings, dass auch die Wahrnehmung eines Menschen durch die seelische Prägung höchst subjektiv und damit mehr oder weniger verengt ist. Wenn jemand von Zuhause mitbekommen hat, dass ein bestimmtes Verhalten „normal“ ist, wird er Schwierigkeiten haben zu erkennen, dass es bei objektiver Betrachtung lieblos ist. Oder wenn ein Mensch in seiner Seele viel Schuld mitgebracht hat, ist es für ihn um ein Vielfaches schwieriger, einen Fehler einzugestehen, weil sofort (wenn auch vielleicht nur unbewusst) seine Schuldgefühle aktiviert sind. Wie geht man also mit dem schwierigen Thema „Fehler“ um?

Das Wichtigste habe ich dazu im Grunde schon gesagt: Man muss innerlich Fehler abkoppeln von dem Schuldkonzept, wonach wer einen Fehler macht, am Schmerz des anderen „schuld“ oder gar per se schuldig ist. Was übrig bleibt, ist die Tatsache, dass alle Menschen Fehler haben und machen und dass man für sich einen Modus Operandi finden muss, um damit umzugehen.

Dieser Prozess der Abkopplung ist allerdings ein Wachstumsprozess, der einige Zeit in Anspruch nimmt. Dabei muss man sich den eigenen Fehlern, dem eigenen Schmerz und den eigenen Schuldgefühlen stellen und insbesondere aufhören, anderen Menschen (insbesondere den Eltern!) die Schuld für den eigenen Schmerz zuzuweisen. Es ist aber ein sehr lohnenswerter Wachstumsprozess, weil man dadurch eine innere Sicherheit gewinnt, die Gold wert ist. Ich habe bei mir selbst zum Beispiel festgestellt, dass ich mich früher sehr oft mit Schuldgefühlen herumgequält habe, obwohl ich gar keinen Fehler gemacht hatte! Tatsächlich habe ich mich sogar nach der oben geschilderten Spaziergang-Szene schuldig gefühlt. Und wenn ich heute einen Fehler mache, quält mich das nicht mehr wie früher tagelang, sondern höchstens ein oder zwei Stunden, wobei sich meine Überlegungen auch eher darauf konzentrieren, ob und was ich zur Wiedergutmachung tun kann. Was die Fehler anderer Menschen anbelangt, bemühe ich mich darum, eine individuelle Lösung zu finden, die sowohl meinen Bedürfnissen und Gefühlen gerecht wird als auch denen des Anderen. Die größte Herausforderung ist für mich dabei: Wie gehe ich mit Menschen um, die ihre Fehler verleugnen wollen, eben weil sie damit Schuld verbinden? Die Antwort darauf ist einen eigenen Artikel wert, weil man diese Frage sehr differenziert und für den Einzelfall betrachten muss. Jedenfalls mache ich dabei auch gelegentlich Fehler. Aber so ist das eben mit dem Menschsein: Dass man Fehler macht. Jedenfalls lerne ich aus jedem Fehler, den ich mache, und werde den gleichen Fehler sicherlich nicht noch einmal begehen.

Das genau ist der Grund, warum es wichtig ist, über Fehler zu sprechen: Um die Fehler nach und nach auszumerzen. Natürlich gelingt ein solches Gespräch nur, wenn es ohne gegenseitige Vorwürfe und Schuldzuweisungen geführt wird, sondern mehr in einem Spirit von „Fandest Du Dein eigenes Verhalten eigentlich OK?“ und „Wir können aus diese Gespräch herausgehen mit dem Ergebnis, dass wir im Moment noch nicht einer Meinung sind und mal gucken, wie wir in Zukunft damit umgehen.“ Und so kann man gemeinsam für den Umgang miteinander nach und nach Regeln entwickeln. Idealerweise kann man sogar gegenseitiges Verständnis für Verhalten und Schmerz entwickeln und dadurch einander gegenseitig darin unterstützen, aus Fehlern herauszuwachsen und erfahrenen Schmerz wirklich zu fühlen und so aufzulösen.

Ein Wort noch speziell zu den Erziehungsfehlern von Eltern: Auch wenn Eltern also nie „schuld“ an dem Glück oder Unglück ihrer Kinder sein können, ist es trotzdem unausweichlich, sich die Fehler, die die Eltern in der Kindererziehung gemacht haben, genau anzugucken und diese auch zu benennen. (Ob man mit den Eltern dann auch darüber spricht, steht auf einem anderen Blatt und hängt vom Einzelfall ab.) Denn nur dann kann man verstehen, warum man auf bestimmte Ereignisse oder Verhaltensweisen empfindlich, mit Schmerz, Schuldgefühlen oder gar mit Schock reagiert. Das nimmt außerdem denjenigen Menschen aus der „Schusslinie“, der den Schmerz aktuell angetriggert hat. Denn wenn man konkret vor Augen hat, dass es sich eigentlich nur um eine „Wiederholung“ aus der Kindheit handelt, wird deutlich, dass andere nie die Schuld am eigenen Schmerz tragen, sondern dass der Schmerz schon lange in einem ist und lediglich reaktiviert worden ist.

Außerdem habe ich beobachtet, dass viele Menschen sich nicht zugestehen, ihren Schmerz in voller Gänze zu fühlen, eben weil sie unterbewusst irrtümlicherweise glauben, das sei gleichbedeutend mit einer Schuldzuweisung gegenüber den Eltern. Das heißt, dass diese Menschen mehr oder weniger gefühlstaub bleiben, weil sie sich aus falsch verstandener Loyalität gegenüber den Eltern den Schmerz zu fühlen verbieten. Dann kann der Schmerz nie ganz ausheilen, weil er (teilweise) verleugnet wird.

Die Worte „es tut mir leid“ sind Balsam für Seele und Beziehung

Ich denke, es ist jetzt klar geworden, warum „sorry!“ so ein schweres Wort ist: Viele Menschen verbinden damit ein Schuldeingeständnis, und für manche kommt das einer persönlichen Bankrotterklärung gleich. Lieber verwenden sie alle ihre Energie darauf plausibel zu machen, warum das eigene Verhalten völlig in Ordnung war, oder verleugnen schlicht das eigene Verhalten.

Damit tun sie aber in aller erster Linie sich selbst nichts Gutes: Denn unsere Seele registriert unser eigenes liebloses Verhalten unterbewusst und fühlt sich dafür schuldig, ob das unserem bewussten Verstand nun passt oder nicht. Sie können noch so überzeugt abstreiten, einen Fehler gemacht zu haben: Ihre Seele fühlt sich – fernab vom bewussten Denken – schuldig. Und wer sich seiner Schuldgefühle nicht bewusst ist, läuft Gefahr, die Schuld ausgerechnet auch noch demjenigen aufbürden zu wollen, dem er unrecht angetan hat. Das funktioniert natürlich nicht, weil niemand seine Schuldgefühle „abgeben“ kann. Stattdessen fühlt sich die Seele nur noch viel schuldiger, weil das nur ein erneutes liebloses Verhalten ist, sodass ein Teufelskreis entstehen kann, der früher oder später eine Beziehung töten kann.

Hingegen fühlt sich die Seele entlastet, wenn jemand aufrichtiges Bedauern für sein Verhalten zeigt – sei es, gegenüber der betreffenden Person selbst oder gegenüber jemand anderem. Deshalb gibt es in der katholischen Kirche übrigens die Institution der Beichte: Um das eigene Gewissen zu entlasten. Allerdings bezweifle ich, ob diese an sich sinnvolle Tradition noch gepflegt wird. Damit wird aber auch deutlich: Bedauern hilft in erster Linie derjenigen Person, die sich daneben benommen hat. Und Bedauern ist natürlich nur dann aufrichtig, wenn damit die Selbstverpflichtung verbunden ist, den Fehler nach Möglichkeit kein zweites Mal zu begehen.

In zweiter Linie ist Bedauern hilfreich für die Beziehung zu demjenigen, dessen Schmerz man reaktiviert hat. Denn wie ich aus eigener leidvoller Erfahrung weiß, können die unterbewussten Schuldgefühle eines Menschen eine Beziehung zerstören, nämlich dann, wenn einer der Beteiligten in dem oben beschriebenen Teufelskreis festhängt und sich daraus nicht befreien kann.

Und erst an dritter Stelle ist aufrichtiges Bedauern hilfreich für das „Opfer“, das dadurch befreit wird von der Ungewissheit, ob mit ihm selbst oder dem eigenen Verhalten irgendetwas nicht in Ordnung ist. Denn diese Ungewissheit kann quälend sein, weil sie das Selbstwertgefühl beeinträchtigen kann. Wer allerdings die volle Verantwortung für den eigenen Schmerz übernommen hat und deshalb die Fehler anderer Menschen mit Abstand angucken kann, braucht es gar nicht, dass der Andere sein Bedauern ausdrückt. Der weiß sowieso was Sache ist, weil er Klarheit darüber hat, was Fehler sind und was nicht.

Die zentrale Frage: Können Sie sich selbst trotz Ihrer Fehler lieben?

Wenn Sie sich selbst trotz Ihrer Fehlerr lieben können, dann können Sie auch andere Menschen samt ihrer Fehler lieben. Das ist der Garantieschein für gelingende Partnerschaft. Wenn Ihnen das nicht möglich ist, endet die Liebe so, wie Elton John es in seinem Lied besingt: „It´s a sad, sad situation and it is getting more and more absurd!“ Die Alternative ist nur, sich in Zweckbeziehungen mit viel Abstand einzurichten, weil man so das Thema „Fehler“ meiden kann. Aber wenn Sie wirklich freundschaftliche Intimität und leidenschaftliche Liebe in Ihrem Leben haben wollen, werden Sie nicht daran vorbeikommen zu lernen, „es tut mir leid“ zu sagen. Und eines kann ich Ihnen versichern: Das tut insgesamt weit weniger weh, als im gesellschaftlich praktizierten Fehler-/Schuld-Denken festhängen zu bleiben!

 

Bildrechte: Konstantin Opel „Kollisionspartner gefunden“; Bildquelle: www.piqs.de

 

KatrinNr. 30: Können Sie „es tut mir leid“ sagen?