Nr. 10: Kennen Sie Ihren eigenen Schatten?

So, wie jeder Mensch in seinem Kern Gott ist, hat jeder Mensch, der nicht vollständig geläutert ist, immer auch Schatten in sich. Dieser Schatten verdunkelt der Seele und Persönlichkeit eines Menschen und verhindert dadurch, dass der göttliche Kern in all seiner Kraft und Herrlichkeit aus einem Menschen hervorstrahlen und die Welt bereichern kann. Konkret gesprochen sind das Fehler, negative Gefühle, lieblose Verhaltensweisen, Egoismen, destruktive Glaubenssätze und ähnliches, die einem Menschen innewohnen und ihm selbst und anderen das Leben schwer machen. Ein treffender Oberbegriff für die genannten Eigenschaften ist Negativität, die den Gegenpol zur Liebe in einem Menschen bildet. Da der spirituelle Zweck eines Lebens auf der Erde ist, eben diesen Schatten in sich zu läutern, gibt es keinen Menschen, der zu Beginn seiner Reise durch eine Inkarnation nicht auch Negativität in sich hat. Die Existenz dieser Negativität anzuerkennen, ist der erste Schritt jeder Läuterung und Transformation.

Nur der Vollständigkeit eine kurze Randbemerkung: Davon ausgenommen sind einige wenige reine Seelen, die sich entweder nie von Gott getrennt oder aber ihr individuelles Bewusstsein bereits in vorangegangenen Leben ausreichend gereinigt haben und freiwillig zu einem bestimmten Zweck das Abenteuer der Reinkarnation auf sich genommen haben. Eine der Aufgaben dieser Seelen ist immer, durch die menschliche Persönlichkeit, die sie mit der Geburt angenommen haben, Negativität aufzunehmen und diese dann im eigenen Körper zu transformieren. Dadurch tragen sie dazu bei, das kollektive Bewusstsein zu reinigen. Einige mediale Menschen können reine Seelen identifizieren. Ansonsten kann man Menschen mit einer reinen Seele am ehesten daran erkennen, dass sie die Negativität in sich nicht verleugnen und sich dazu bekennen, Fehler zu haben.

Für andere Seelen gilt: Jeder Schatten in der Seele rührt daher, dass die Seele sich von Gott abgewandt und gegen die göttlichen Gesetze verstoßen hat. Mit anderen Worten: Jede Seele hat allein sich selbst zuzuschreiben, dass Negativität in ihr steckt und ihr selbst und anderen das Leben sauer macht. Und es ist allein Aufgabe der Seele, sich von dieser Negativität zu befreien. Dafür bietet ein irdisches Leben die besten Voraussetzungen. Seelen wissen das, bevor sie auf der Erde als Menschen wiedergeboren werden. Sie wissen auch genau, was in einem bestimmten Leben zur Läuterung ansteht, weil in der geistigen Welt zuvor ein maßgeschneiderter Plan erstellt wird nach der Maßgabe, welche Voraussetzungen und Lebensumstände die Seele dafür benötigt. Und in eben diese Voraussetzungen und Lebensumstände wird die Seele dann „hineingeboren“. Aber dieses Wissen steht dem Menschen, in dem sich die Seele manifestiert hat, zunächst nicht zur Verfügung. Es ist lediglich unterbewusst vorhanden bzw. wird durch die von der Seele gezielt gewählten Lebensumstände – Geburtsland, Eltern, familiäres Umfeld usw. – in das Unterbewusstsein „hineingeprägt“. Je genauer man das eigene Unterbewusstsein erforscht und versteht, desto eher kann die Negativität in sich präzise erkennen und dann transformieren.

Keiner guckt sich gern seinen Schatten an. Das ist auch verständlich: Denn er löst Scham, Angst und andere unangenehme Gefühle aus. Als Kinder haben die meisten von uns gelernt, dass wir „gut“ sein müssen, um Liebe zu bekommen. Da die Negativität in uns all das umfasst, was uns als „nicht gut“ erscheinen lässt, möchten wir alle am liebsten so tun, als gäbe es unseren Schatten nicht. Und dem eigenen Stolz tut die Negativität auch nicht gut. Nur Tatsache ist: Durchs Weggucken verschwindet die Negativität nicht! Im Gegenteil: Sie erhält genau dadurch eine noch viel größere Wirkkraft: Denn diese dunklen Anteile des individuellen Bewusstseins nehmen dann Einfluss auf das Gruppenbewusstsein eines Kollektivs von Menschen (z. B. einer Familie, eines Unternehmen oder einer Nation) und prägen die Umstände und Voraussetzungen, die das Miteinander im Kollektiv bestimmen. Anders ausgedrückt: Der Schatten des Einzelnen schlägt sich nieder in jedem Kollektiv, dem er oder sie angehört, also in seiner/ihrer Familie, am Arbeitsplatz und in der Gesellschaft. Und was ist die Lieblings-Vermeidungsstrategie der meisten, um der eigenen Negativität nicht in die Augen schauen zu müssen? Die Verantwortung für das eigene Unglück dem Kollektiv zuzuschieben nach dem Motto:

  • „Wenn meine Eltern mir nicht … angetan hätten, könnte ich jetzt ein glücklicher Mensch sein.“
  • „Wenn meine Ehefrau liebevoller wäre, müsste ich keine cholerischen Wutanfälle bekommen.“
  • „Wenn mein Chef mir mehr Anerkennung geben würde, hätte ich ein besseres Leben.“
  • „Wenn ich in der Schule besser gefördert worden wäre, könnte ich jetzt mehr Geld verdienen.“
  • „Wenn die Politik mehr für die Rechte der Frauen tun würde, gäbe es mehr Gleichberechtigung.“

Diese Strategie, das „Böse“ lediglich im Außen zu sehen, nennt man Projektion. Und wohin führt diese Strategie? Dass der Status quo beibehalten wird und weder auf kollektiver noch auf individueller Ebene eine Veränderung stattfinden kann. Denn wenn jede(r) den Fehler nur bei anderen sieht, ändert er/sie selbst sich nicht. Und Tatsache ist: Jeder Mensch kann verlässlich nur einen einzigen Menschen auf dieser Welt verändern, und das ist er oder sie selbst. Oder anders: Das kollektive Bewusstsein kann ausschließlich dadurch verändert werden, dass die Beteiligten eines Kollektivs ihr individuelles Bewusstsein verändern.

Was dabei allerdings verwirrend sein kann: Es ist durchaus möglich, dass Eltern, Ehefrau, Schule, Chef und Politik tatsächlich nicht so gehandelt haben oder handeln, wie es objektiv in Gottes Sinne (gewesen) wäre. Deshalb kann die Kritik in der Sache durchaus berechtigt sein. Lediglich die Schlussfolgerung, die daraus gern gezogen wird – nämlich dass bei einem selbst alles in Ordnung ist und der „Fehler“ ausschließlich bei den anderen liegt –, ist in den allermeisten Fällen unzutreffend. Denn das eigene individuelle Bewusstsein einschließlich seiner Schatten wirkt mit an und in jeder Situation, in die ein Mensch kommt. Und je weniger man den eigenen Schatten kennt, desto weniger ist man in der Lage, Eltern, Ehefrau, Schule, Chef und Politik objektiv zu bewerten. Denn der Schatten verdunkelt unter anderem insbesondere auch die eigene Wahrnehmung. Wer seine eigene Negativität nicht kennt, kann unmöglich andere objektiv wahrnehmen. Nur wer sich konsequent seinen eigenen „bösen“ Aspekten stellt, gewinnt nach und nach eine auf Objektivität basierende Unterscheidungskraft.

Dem eigenen Schatten auf die Schliche zu kommen, bedeutet deshalb im ersten Schritt bereit zu sein, die Aufmerksamkeit von den Defiziten im Außen abzuziehen und auf die eigenen Fehler zu richten. Das ist kein einmaliger Vorgang, den man einmal vollzieht und damit „abgearbeitet“ hat. Vielmehr ist es eine grundsätzliche Haltung, mit der man dem Leben begegnen muss. Den eigenen Schatten lernt nur kennen, wer sich bei allem, was ihm Leben widerfährt, fragt: Was hat das mit mir zu tun? Inwieweit hat mein eigener Schatten da die Finger im Spiel gehabt? Die Bibel drückt es wie folgt aus:

Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge, und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge? Oder wie darfst du sagen zu deinem Bruder: Halt, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen, und siehe, ein Balken ist in deinem Auge? Du Heuchler, zieh am ersten den Balken aus deinem Auge; darnach siehe zu, wie du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst! (Matt. 7, 3)

Wie die Negativität in einem genau ausgestaltet ist, ist einerseits eine höchst individuelle Angelegenheit. Jeder Mensch ist anders. Andererseits ist keine Qualität oder Eigenschaft an sich einzigartig und bei ausschließlich einem Individuum zu beobachten. Vielmehr gibt es kollektive Muster, die in unterschiedlicher Intensität, Ausrichtung und Zusammensetzung im Einzelnen wiederzufinden sind. Wer die kollektiven Muster kennt, kann deshalb sich selbst und den eigenen Mustern leichter auf die Schliche kommen. Deshalb werde ich Ihnen in vielen folgenden Beiträgen diese typischen Muster beschreiben, um Sie bei der Reflexion über Ihren eigenen Schatten zu unterstützen. Allerdings ist diese Reflexion bedeutend einfacher, wenn Sie dafür die Hilfe anderer Menschen annehmen. Denn andere Menschen sehen einen in der Regel präziser und objektiver als man sich selbst sehen kann.

Abschließend noch ein genereller Hinweis: Dem eigenen Schatten begegnen Sie immer dann, wenn Sie sich – vielleicht auch nur irgendwie diffus – unwohl, aufgeregt, irritiert oder unsicher fühlen. Wer an sich selbst arbeiten will, setzt genau dort an und erforscht gründlich die Hintergründe der eigenen Reaktion oder des eigenen Zustands. Das Spannende ist: In diesem Prozess lernt man nicht nur sich selbst besser kennen, sondern gleichzeitig hebt sich auch das eigene Wohlbefinden insgesamt im Schnitt an. Das ist Heilung durch Bewusstheit.

 

Na, trauen Sie sich jetzt an Ihren Schatten heran?

 

 

Bildrechte: Nagesh Jayaraman „Ever seen a three dimensional view of a lotus flower?“, Quelle piqs.de

KatrinNr. 10: Kennen Sie Ihren eigenen Schatten?