Nr. 12: Kennen Sie Ihre Muster?

Das Verhalten, Denken und Fühlen eines Menschen erfolgt im Schnitt nur zu 4% bewusst und zu 96% unbewusst. Mit anderen Worten: Wie Sie sich verhalten, denken und fühlen, steuern Sie nur zu einem geringen Anteil mit Ihrem bewussten Willen. Ansonsten funktionieren Sie „automatisch“ nach Programmierungen, die in Ihrem Unterbewusstsein abgelegt sind. Diese Programmierungen haben sich in Ihr Unterbewusstsein eingeprägt infolge der Erfahrungen, die Sie in der Vergangenheit und insbesondere Ihrer Kindheit gemacht haben, und sie werden fortlaufend durch neue Erfahrungen, die Sie in Ihrem Leben machen, fortgeschrieben. Dass Menschen weitestgehend unterbewusst gesteuert sind, ist einerseits praktisch, weil Sie so über vieles, was Sie in Ihrem Leben beschicken, nicht lange nachdenken müssen, sondern es quasi wie von allein durch Sie passiert. Andererseits können sich auch Programmierungen eingeschlichen haben, die Sie daran hindern, das zu leben, was Ihnen wichtig ist. Ziel des Wegs in die Bewusstheit ist, diese destruktiven Programmierungen in sich zu entdecken und mithilfe der Kraft der Aufmerksamkeit aufzulösen und durch konstruktive Programmierungen zu ersetzen.

Muster sind der „Output“ Ihres Unterbewusstseins!

Der einfachste Zugang zum eigenen Unterbewusstsein ist, die eigenen Muster zu erkennen. Dabei gibt es Muster auf der Verhaltensebene, auf der Ebene des Denkens und auf der Gefühlsebene. Ein Muster auf der Verhaltensebene ist zum Beispiel die Angewohnheit, automatisch „Danke“ zu sagen, wann immer jemand einem etwas – einen Gegenstand, eine Information, die Hand usw. – gibt oder einen Wunsch ausspricht, wie etwa „Gesundheit!“, „einen schönen Tag nach!“ und ähnliches. Wenn Sie dieses Muster in sich haben, wissen Sie bestimmt auch sofort, woher es kommt. Die Stimme Ihrer Mutter wird mit einem vermutlich anweisenden Ton in Ihrem Kopf erschallen mit den Worten: „Sag danke, Kind!“ Und wenn Sie die Stimme Ihrer Mutter nicht mehr hören, war die Konditionierung Ihrer Mutter ganz besonders erfolgreich: Sie haben Ihre Mutter dann „internalisiert“ und zu Ihrer eigenen Stimme gemacht. Dieses „Danke“-Muster kann konstruktiv sein, wenn sich zu bedanken wirklich angezeigt ist, kann aber auch destruktiv und unter Umständen schädlich sein, wenn es zum Beispiel in einer Situation aktiv wird, in der Sie tatsächlich alles andere als dankbar sind.

Ein Muster auf der gedanklichen Ebene greift zum Beispiel, wenn Sie freundlich Ihren Nachbarn grüßen, dieser grimmig wegguckt und Sie sofort denken: „Um Himmelswillen? Was habe ich ihm getan?“ Diese automatische Verbindung zwischen dem abweisenden Verhalten des Nachbarn und einem möglichen eigenen Fehlverhalten kann hilfreich sein, um das eigene Verhalten gegenüber anderen zu reflektieren, kann aber ebenso auch schädlich sein, weil es unter Umständen Gehirnkapazitäten verschwendet. Denn vielleicht hat der Nachbar einfach nur schlechte Laune, weil ihm eine Laus über die Leber gelaufen ist, was gar nichts mit Ihnen zu tun hat.

Anhand der gleichen Situation lässt sich auch gut erklären, wie Gefühlsmuster funktionieren: Was fühlen Sie, wenn Sie den Nachbarn freundlich gegrüßt haben, er aber grimmig wegguckt? Schuld, weil Sie automatisch denken, dass Sie „wieder mal“ etwas falsch gemacht haben? Bedrückung, weil Sie sich abgelehnt fühlen? Wut oder Empörung, weil der Nachbar so unfreundlich ist? Oder nur diffus unbehaglich, weil sich automatisch Ihre Stimmung trübt?

Wie Muster „gestrickt“ sind

Die Unterscheidung zwischen Verhaltens-, Gedanken- und Gefühlsmuster ist einerseits sinnvoll, um den Funktionsmechanismus eines Musters zu erkennen, weil man so genau orten kann, auf welcher Ebene und insbesondere mit welcher Methode eine etwaige Fehlprogrammierung zu korrigieren ist. Andererseits ist sie auch künstlich, weil die meisten Muster aus zwei oder allen drei Komponenten gleichzeitig zusammengesetzt sind. Angenommen, Sie wollen gerade hochkonzentriert rückwärts in einen Parkplatz einparken, und just in diesem Moment schießt ein silberner Porsche aus der Gegenrichtung auf den Plan und fährt – schwupps! – vorwärts in „Ihre“ Parklücke hinein. Ein sonnengebräunter Typ mit Goldkette und Sonnenbrille steigt aus, lacht Sie mehr aus als an und schlendert weg. Wie reagieren Sie? Lehnen Sie sich entspannt zurück und denken: „Oh, dann muss es für mich hier in der Gegend noch einen viel besseren Parkplatz geben!“ Oder lassen Sie das Fenster herunter und brüllen Sie ihm „Sie Ar…“ (ein Wort, das Sie sonst natürlich nie verwenden) hinterher, kochen vor Wut und denken innerlich „wie kann man nur“?

Bei genauerer Betrachtung sind außerdem insbesondere am Anfang die meisten Gefühle für sich gesehen ein Muster. Denn oft sind Gefühle nichts anderes als komprimierte Gedankengänge, die sich durch chemische Botenstoffe im Körper ausdrücken und durch bestimmte Außenreize ausgelöst werden. Diese Koppelung von Außenreiz, gedanklicher Information und körpereigenem Chemiecocktail ist eine durch Erfahrung „angelernte“ Körperfunktion. Angst ist zum Beispiel der verkürzte Gedanke: „Achtung! Hier muss ich aufpassen!“ Wut sagt einem „Hier stimmt etwas ganz und gar nicht! Ich muss etwas ändern!“ Was dabei jeweils Auslöser der Angst beziehungsweise Wut sind, hängt ab davon, welche Erfahrungen man in der Vergangenheit – unter Umständen auch in vorangegangenen Leben – gemacht hat. Dabei können Gefühle konstruktiv sein, wenn nämlich zum Beispiel tatsächlich eine Gefahr besteht, auf die man reagieren muss, oder aber wenn tatsächlich ein Umstand verändert werden muss. Sie können aber genauso  gut auch destruktiv sein: Die Angst abgelehnt zu werden, ist zum Beispiel immer destruktiv. Denn was kann tatsächlich passieren, wenn man abgelehnt wird? Nichts! Das bringt niemanden um oder führt zu keiner Beeinträchtigung, es sein denn, dass die Ablehnung ein weiteres Gefühl auslöst, nämlich vielleicht von das von Minderwertigkeitsgefühlen. Dann bilden die Angst vor Ablehnung in Kombination mit den Minderwertigkeitsgefühlen (übrigens recht typisches) Muster im Verhalten gegenüber anderen Menschen, das auf der Verhaltensebene oft in Verschlossenheit, Rückzug oder gar feindseligem Verhalten ergänzt wird. Um dieses Muster aufzulösen, setzt man natürlich am besten bei den Minderwertigkeitsgefühlen an. Denn wenn diese wegfallen, kann – muss allerdings nicht – auch gleichzeitig die Angst vor Ablehnung wegfallen, es sei denn, hinter der Angst vor Ablehnung stecken noch andere Gründe als die Minderwertigkeitsgefühle.

Wie man den eigenen Mustern auf die Schliche kommt

Wenn man die eigenen Muster erforschen will, braucht es dafür zweierlei: Zum einen muss man sich selbst und das eigene Verhalten, Denken und Fühlen beobachten können, zum anderen braucht man Wissen, was typische Muster sind, damit man das, was man in sich beobachtet, erkennen und zuordnen kann. Mit zunehmender Übung erkennt man dann auch die eigenen individuellen Muster und wie sie miteinander verkettet sind.

Sich selbst zu beobachten muss man ein bisschen üben, weil es im Umgang mit anderen erfordert, dass man sowohl das, was in einem selbst passiert, als auch das, was um einen herum passiert, im Auge haben muss. Bei dieser Verteilung der Aufmerksamkeit gibt es übrigens zwei typische Muster: Manche Menschen tendieren dazu, ihre Aufmerksamkeit eher auf das Außen und insbesondere auf andere Menschen zu richten mit der Folge, dass sie sich selbst leicht aus dem Blick verlieren. Andere Menschen neigen dazu, sich eher auf sich selbst zu konzentrieren, was allerdings noch lange nicht bedeutet, dass diese Menschen sich selbst bewusst beobachten. Es geht mehr darum, wo der Schwerpunkt liegt, auf den sich die Wahrnehmung richtet: Bei anderen oder bei sich selbst. Diese Wahrnehmung gilt es in bewusste Beobachtung zu verwandeln und nach und nach flexibel und situationsangemessen auf eigenes Inneres und/oder auf das Außen auszurichten.

Das hat auch nur mittelbar etwas damit zu tun, ob jemand extrovertiert oder introvertiert ist. Denn das besagt lediglich etwas über die Bereitschaft zu Kontakt mit anderen Menschen aus. Extraversion und Introversion sind deshalb andere, weitere Muster. Jemand der mit seiner Aufmerksamkeit eher bei anderen ist, kann sehr wohl introvertiert sein. Typischerweise fungiert die Fokussierung der Aufmerksamkeit auf andere dann dem eigenen Schutz. Und jemand der mit der Aufmerksamkeit sehr stark bei sich ist, kann sehr extrovertiert sind. Das sind typischerweise die Alleinunterhalter.

Generell kann man Selbstbeobachtung zunächst am besten üben, wenn man allein ist: Wie reagiere ich auf das, was ich denke, sehe, höre oder sonst wie wahrnehmen kann? Wenn Ihre Gedanken abschweifen zu Tagträumen oder Problemen, die in Ihrem Kopf kreiseln, üben Sie einfach damit: Wie fühlt sich das an? Wo im Körper spüre ich etwas? Versuchen Sie dann aber nach einer Zeit, Ihre Aufmerksamkeit bewusst wieder auf etwas anderes zu richten. So trainieren Sie, Ihre Aufmerksamkeit gezielt zu fokussieren, was die wichtigste Voraussetzung für jede Form der inneren Arbeit ist. Es lohnt sich also, ein bisschen Disziplin dafür aufzuwenden. Diese bewusste Form der Wahrnehmung ist eine Meditation, die man überall und zu jeder Zeit durchführen kann: Wenn man auf den Bus wartet, in den kurzen Arbeitspausen, wenn man eine Aufgabe beendet hat und bevor man die nächste anfängt, wenn man an der Supermarkt-Kasse in der Schlange steht und – besonders effektiv – abends im Bett vorm Einschlafen. Sie können sich also nicht damit herausreden, dass Sie dafür keine Zeit hätten. Noch besser ist es natürlich, sich dafür extra Auszeiten zu nehmen und sich gezielt für diesen Zweck sich zum Beispiel in den Park zu setzen oder darin spazieren zu gehen. Je besser man sich selbst beobachten kann, wenn man allein ist, desto leichter fällt einem das dann auch im Kontakt mit anderen. Und insgesamt gilt: Je mehr Übung man darin hat, desto schneller macht man die gleiche Erfahrung wie beim Fahrradfahren: Man tut es ganz automatisch. Und allein dadurch gewinnen Sie schon mehr Kontrolle über Ihr Leben!

KatrinNr. 12: Kennen Sie Ihre Muster?