Nr. 14: Haben Sie schon einmal gespürt, dass wir Menschen alle miteinander verbunden sind?

Dass wir Menschen alle über unsere gemeinsame Quelle – nämlich über Gott – miteinander verbunden sind, ist eine der spirituellen Wahrheiten, die für mich lange Zeit abstrakt geblieben ist, bis ich eine Reihe von Situationen erlebt habe, in denen ich diese Verbindung sehr deutlich spüren konnte. Das Glücksgefühl, das ich dabei empfunden habe, war unbeschreiblich. Gleichzeitig konnte ich in anderen Situationen mit präziser Deutlichkeit wahrnehmen, was uns Menschen voneinander trennt. Die Traurigkeit darüber war genauso unbeschreiblich, was mich aber erstaunlicherweise nach einer Weile nur zu einem Gefühl der Verbundenheit auf einer anderen Ebene und damit wieder zu Glücksgefühlen geführt hat. Mit diesem Artikel möchte ich Ihre Aufmerksamkeit für diese spirituelle Tatsache schärfen, damit auch Sie diese Verbindung bewusst erfahren können.

Bildhafte Veranschaulichung der spirituellen Verbindung

In dem Artikel Nr. 6 über den Sinn des Lebens habe ich schon einmal beschrieben, dass Gott eine goldene Masse von Bewusstsein erschaffen hat und stetig weiter erschafft, die in die Dunkelheit expandiert. In jedem Menschen steckt ein Tröpfchen von dieser goldenen Bewusstseins-Masse, das über ein dünnes Bändchen immer noch mit Gott und dadurch auch mit dem Bewusstseins-Tröpfchen in anderen Menschen verbunden ist, obwohl sich die meisten dieses Bändchens nicht bewusst sind. Dieses Wissen um unsere Verbindung zu Gott und dem Bewusstsein anderer Menschen ist uns verloren gegangen, weil wir kraft unseres freien Willens, den Gott dem Bewusstseinspartikel in uns verliehen hat, gegen göttliches Gesetz verstoßen haben und uns dadurch von Gott getrennt haben. Indem sich unser Bewusstseinspartikel, der auch als Seele bezeichnet wird, in menschlicher Hülle auf der Erde inkarniert hat, haben wir die Möglichkeit bekommen, unser Bewusstsein zu läutern und dadurch zu Gott zurückzukehren. Vielleicht lesen Sie den entsprechenden Abschnitt im Artikel Nr. 6 nochmals durch. Denn dieses Bild veranschaulicht recht gut, wie wir Menschen auf der Bewusstseinsebene der geistigen Welt alle miteinander verbunden sind. Natürlich erwarte ich von Ihnen keineswegs, dass Sie mir glauben, dass das tatsächlich so ist. Denn ich weiß, dass trockene Theorie allein nie überzeugen kann. Trockene Theorie kann aber hilfreich sein, eine spirituelle Wahrheit erfahrbar zu machen, weil sie die Vorstellungskraft und das Wahrnehmungsvermögen aktiviert.

Wie Sie die spirituelle Verbindung auf menschlicher Ebene erfahren können

Für unsere menschliche Hülle = unseren Körper ist eine physische Verbindung nur während der Schwangerschaft möglich, wenn der Fötus im Leib der Mutter heranwächst und über die Nabelschnur von der Mutter mit allen für das Wachstum notwendigen Substanzen versorgt wird. Deshalb haben Frauen, die ein Kind ausgetragen haben, oft weniger Probleme damit sich vorzustellen, dass wir Menschen alle miteinander verbunden sind, einfach deshalb, weil sie es selbst schon einmal erlebt haben. Darüber hinaus ist eine physische Verbindung zwischen zwei Körpern nicht möglich. Selbst beim Sex, dem denkbar nahesten Körperkontakt, findet keine Fusion der Körper statt, sondern lediglich – um es mal plastisch auszudrücken – ein „Steck-Kontakt“. Echte Fusion kann lediglich auf der Bewusstseinsebene stattfinden, nämlich indem sich das Bewusstsein zweier oder mehrerer Menschen so vereint, dass daraus ein neues gemeinsames Bewusstsein entsteht. Dabei fließen die Seelenströme der Beteiligten ineinander, verzwirbeln sich und bringen gemeinsam eine Gemeinschaftsseelenbewegung hervor, die die Beteiligten die Getrenntheit von dem/den anderen vergessen lässt. Na, hat es bei Ihnen „Klick!“ gemacht, weil Sie sich sofort an eine Situation erinnern können, wo Sie eben dieses Einheitsgefühl erlebt haben? Es kann typischerweise entstehen in folgenden Situationen:

  • Natürlich beim Sex, wenn er über die rein körperliche Ebene hinausgeht und auch Gefühl und Verstand einschließt.
  • In jedem intimen Gespräch, das von emotionaler Offenheit, intellektueller Empfänglichkeit und dem Bemühen um gegenseitiges Verständnis geprägt ist.
  • In jedem Gruppenerlebnis, das einen gemeinsamen Spirit entfacht, wie zum Beispiel bei einer spirituellen Veranstaltung, aber auch beim Fußball, bei Konzerten, bei Demonstrationen und so weiter.

Sie merken: Verbindung mit anderen Menschen kann im Grunde genommen überall da erfahren werden, wo zwei oder mehr Menschen aufeinander treffen, vorausgesetzt, der Einzelne ist in der Lage, sich für den gemeinschaftlichen Spirit zu öffnen und sich selbst darin zu vergessen. Je größer die Offenheit der Beteiligten auf allen drei Ebenen von Körper, Verstand und Gefühl ist und je mehr dieser drei Ebenen in den Kontakt einbezogen sind, desto mehr kann man sich dem Einheitsgefühl annähern, das letztlich in der Einheit mit Gott mündet. Deshalb hat das größte Potential die Sexualität, weil sie die intensivste Einbeziehung aller drei Ebenen ermöglicht. Die Sexualität ist eine der stärksten spirituellen Kräfte auf dieser Erde, die uns schon auf irdischer Ebene einen Vorgeschmack auf die Einheit mit Gott geben und uns so Gott näher bringen kann, die aber natürlich – wie alles – auch missbraucht werden kann und dann entsprechend schädliche Ergebnisse hervorbringt.

Es sind immer unsere Schatten, die uns von anderen trennen!

Was vielleicht deutlich geworden ist: Unsere spirituelle Verbindung mit anderen Menschen zu erfahren, ist nichts, was wir „tun“ können. Es gibt kein Rezept, wie man diese Verbindung „herstellen“ oder „aufbauen“ kann. Entscheidend ist die Offenheit der Beteiligten. Und die Stärke der Verbindung wird immer dadurch begrenzt, welches Maß an Offenheit der Einzelne mitbringt. Im Vier-Augen-Kontakt wird die Intensität der Verbindung limitiert durch denjenigen, der den geringeren Grad an Offenheit mitbringt. Dabei sind allerdings Menschen mit einem sehr hohen spirituellen Entwicklungsstand und erst recht, wenn sie bereits erleuchtet sind, – wie zum Beispiel spirituelle Lehrer – in der Lage, andere Menschen zu einer Öffnung zu animieren, die deutlich über deren gewöhnliche „Maximal-Öffnung“ hinaus geht. Das ist genau der Effekt, den ein guter spiritueller Lehrer erzielen will. Denn durch diese Erweiterung der Offenheit kann der Schüler sich selbst in einem höheren Entwicklungsstand erleben, um dann nach und nach in diesen hineinzuwachsen. Dadurch wird der Wachstumsprozess beschleunigt, weil der Schüler den neuen Zustand bereits einmal erfahren hat und sich nicht mehr gänzlich neu erarbeiten muss. Dies setzt allerdings wiederum voraus, dass der Schüler für diese Animation empfänglich, also offen ist. Wer nicht animiert werden will, wird in der Gegenwart eines spirituellen Lehrers keine Veränderung in sich spüren.

Und was definiert die Offenheit eines Menschen? Es ist der Schatten, der seine Seele und Persönlichkeit verdunkelt. Und der Schatten umfasst all das, was in einem Menschen ist, dessen er sich nicht bewusst ist. Offenheit kann man mit anderen Worten nicht positiv definieren, sondern sie wird negativ definiert durch das, was in Seele und Persönlichkeit an Schatten vorhanden ist. Dementsprechend kann man nur dadurch offener werden, dass man den eigenen Schatten mit Bewusstheit ausleuchtet.

Rationalisierte, verdrängte und verleugnete Gefühle als größte Barriere für Verbindung

Meiner Beobachtung zufolge sind heute bei den allermeisten Menschen die Gefühle oder zumindest große Teile davon in das Schattenreich verbannt. Fast alle zwischenmenschlichen Konflikte, die nicht gelöst werden können, rühren daher, dass die Beteiligten Schmerz, Schuld, Scham, Hass und Wut in sich ignorieren und nicht fühlen können und/oder wollen. Dadurch wird eine Verbindung auf emotionaler Ebene weitestgehend abgeblockt. Die Konsequenz daraus: Isolation und Vereinsamung lassen die Zahlen der Scheidungen, Burnouts und Depressionen in die Höhe schießen. Spirituelle Verbundenheit mit anderen Menschen und Gott bleibt dann weitestgehend ein abstraktes Konzept.

Dass Menschen Gefühle meiden, ist das Ergebnis einer gesellschaftlichen Entwicklung, die das rationale Denken überbewertet und überstrapaziert hat. Die Betonung des rationalen Denkens, die durch die Aufklärung angestoßen worden ist, war ein Segen für die Menschheit. Denn so konnten sich erstmals Gedanken wie der der Gerechtigkeit und der Gleichberechtigung durchsetzen. Deshalb war das Primat des rationalen Denkens ein wichtiger und richtiger Schritt in der Menschheitsentwicklung – aber wohlgemerkt: vor mehreren hundert Jahren! Mittlerweile hat das rationale Denken eine Eigendynamik entwickelt, die die Menschheit bedroht: Es hat Strukturen und Erscheinungen hervorgebracht, die dem Leben nicht mehr förderlich, sondern im Gegenteil abträglich sind. Dabei denke ich an alles, was sich zwar volks- und betriebswirtschaftlich „rechnet“, aber den Schaden und die Risiken für unser menschliches Wohlbefinden und unsere Erde nicht oder nicht angemessen berücksichtigt, wie etwa die derzeitige Handhabung von Atomenergie, Gentechnik, Massentierhaltung, die Idee der Gewinnmaximierung und des ewigen Wirtschaftswachstums, eine Pharmaindustrie, die auf Profit, statt auf das Wohl des Patienten ausgerichtet ist, und und und. Mit rationalem Denken und Akten kann man heute weit mehr Geld verdienen als mit Fühlen und Dienstleistungen am Menschen. Mein Lieblingsbeispiel dafür ist der Bankkaufmann, der doppelt so viel Gehalt bekommt (ist das verdient?) wie die Krankenschwester, wobei schon die geschlechtliche Zuordnung dieser originären Berufsbezeichnungen Bände spricht. Sie zeigt die Überbewertung der originär männlichen Qualität des rationalen Denkens und die Abwertung der originär weiblichen Qualität des Fühlens. Nur die politische Korrektheit hat dafür gesorgt, dass es heute auch Bankkauffrauen und Krankenpfleger gibt. So ist es kein Wunder, dass heute alle – leider auch die allermeisten Frauen – lieber denken als fühlen wollen.

Diese Entwicklung hat im Übrigen auch massive wirtschaftliche Auswirkungen: Die Belastung des Gesundheitswesens und der Wirtschaft durch den rapide steigenden Bedarf an Psychotherapie, durch die zunehmende Zahl psychosomatischer Krankheiten und durch den vermehrten krankhaft bedingten Ausfall von Mitarbeitern ist enorm. In einer Studie aus dem Jahr 2011 wurden sie die Kosten auf 22 Milliarden geschätzt. Auch die Prognose der Weltgesundheitsorganisation ist alarmierend: Im Jahr 2030 werden Depressionen die Volkskrankheit Nr. 1 in den Industrienationen sein, so dass die Kosten explodieren werden. Mich wundert immer, dass noch keinem der vielen schlauen rationalen Denker aufgegangen ist, dass da irgendetwas im System nicht stimmen kann. Ist doch irgendwie irrational, oder? Was der beste Beweis dafür ist, dass rationales Denken ad absurdum geführt zu allem anderen als zu rationalen Ergebnissen führt.

Festzuhalten ist hier: Wer ernsthaft Gott suchen und erfahren will, muss umdenken und seinen Gefühlen einen ebenso hohen Stellenwert einräumen wie dem rationalen Denken. Denn der Weg zu Gott führt immer über Verbundenheit mit anderen Menschen, und die kann nicht erfahren, wer auf Gefühlsebene blockiert ist.

Verbundenheit mit anderen ist gleichbedeutend mit Verbundenheit mit sich selbst

Dass ich diesen Artikel an der Verbundenheit mit anderen Menschen aufgehängt habe, liegt daran, dass diese spirituelle Tatsache überall gelehrt wird, allerdings – so ist mein Eindruck – selten als Erfahrung tatsächlich verinnerlicht wird. Im Grunde genommen ist es aber so, dass wer den spirituellen Weg ernsthaft gehen und diese Erfahrung auch tatsächlich machen will, und deshalb den Schatten in seiner Seele und Persönlichkeit mit der Licht der Bewusstheit erhellt, gleichzeitig in sich selbst mehr und mehr Einheit und damit Verbundenheit mit und in sich selber herstellt. Es klingt auf den ersten Blick wie ein Paradox: Je besser man in der Lage ist, sich mit anderen Menschen verbunden zu fühlen, desto weniger ist man darauf angewiesen, Verbundenheit mit anderen zu suchen, einfach weil die zunehmende innere Verbundenheit zu innerem Frieden und Selbstgenügsamkeit führt. Allerdings ist dieser Wachstumsprozess nur im Kontakt mit anderen Menschen möglich, weil andere einem unverzichtbare Hilfe dabei leisten, den eigenen Schatten auszuloten. Deshalb ist es tatsächlich sinnvoll, im ersten Schritt die Verbundenheit zu anderen Menschen zu suchen, wenn man sich selbst finden will. Im Ergebnis läuft das genau darauf hinaus, was eigentlich hinter der spirituellen Lehre, dass alle Menschen miteinander verbunden sind, steckt: Dass es weder im eigenen Bewusstsein noch zu dem Bewusstsein anderer eine Trennung gibt. Jegliche Trennung ist eine bloße Illusion, die durch unsere Schatten produziert und jederzeit enttarnt werden kann.

Der spirituelle Weg: Allein oder mit anderen?

Angesichts der hohen Bevölkerungsdichte halte ich es heute für nicht mehr zeitgemäß, den spirituellen Weg in Abgeschiedenheit und Isolation zu gehen. Hätte Gott gewollt, dass wir alle ihn als Eremiten finden sollen, würden heute weniger Menschen auf dieser Welt leben, damit für alle ausreichend Entwicklungsraum vorhanden ist. Trotzdem mag das für einige wenige der richtige Weg sein. Aber im Kern steckt auch in dieser Auffassung in jedem Fall ein Stück Wahrheit: Jede ernsthafte spirituelle Entwicklung verlangt einem auch Phasen der Einsamkeit und des Alleinseins ab. Diese Phasen ermöglichen es, Erkenntnisse zu generieren, zu integrieren und zu verarbeiten. Außerdem gewinnt innere Unabhängigkeit nur, wer Einsamkeit ertragen und in freudiges Alleinsein verwandeln kann, und diese Unabhängigkeit ist letztlich dafür notwendig, sich auf Verbundenheit mit anderen und die damit unweigerlich einhergehende Abhängigkeit von anderen einlassen zu können, ohne dem inneren Selbst untreu zu werden. Insofern ist die Antwort auf die eingangs dieses Absatzes gestellte Frage: Sowohl als auch. Wie so oft übrigens…

 

 

 

Bildrechte: Sean McGrath „ Nothing But Smiles“; Quelle: www.piqs.de

KatrinNr. 14: Haben Sie schon einmal gespürt, dass wir Menschen alle miteinander verbunden sind?