Nr. 15: Schämen Sie sich dafür, dass Sie sich nach (mehr) Liebe sehnen?

Als erstes: Herzlichen Glückwünsch! Sie sind sich Ihrer Sehnsucht nach Liebe bewusst und damit deutlich näher an Ihrem Lebensglück als die allermeisten anderen Menschen, die genau diese Sehnsucht in sich nicht wahrnehmen und/oder sich eingestehen können oder wollen. Meines Erachtens ist dies eines der größten menschlichen Dilemmata in unserer ach so aufgeklärten, rationalen Welt: Sich einerseits nach Liebe zu sehnen, sich selbst das aber nicht eingestehen zu können. Dabei hat Jesus uns sogar aufgefordert:

„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Es ist kein anderes Gebot größer denn dieses.“ (Markus 12, 31)

Wie das Bedürfnis nach Liebe auf andere „Aktivitäten“ verschoben wird

Ich bin der festen Überzeugung, dass sich in unserer überrationalisierten Welt fast alle Menschen nach (mehr) Liebe sehnen. Erkennen kann man das allerdings nur, wenn man eine psychologische Gesetzmäßigkeit kennt: Wenn Menschen Sehnsüchte oder Bedürfnisse haben, diese aber aus Gründen, die ich gleich beleuchten werde, nicht anerkennen und genau deshalb auch erst recht nicht erfüllt bekommen können, suchen sie nach „Ersatzbefriedigungen“. Das Wort sagt Ihnen bestimmt etwas, oder? Die typischen Ersatzbefriedigungen für die Sehnsucht nach Liebe sind:

  • Die Suche nach Anerkennung und Bestätigung. Gucken Sie sich aus diesem Blickwinkel mal unsere „ganz normale“ Berufswelt an und was Menschen alles anstellen, um Anerkennung und Bestätigung zu bekommen!
  • Betäubung durch Drogenkonsum, exzessives Essen, Extrem-Sport und ähnliches.
  • Ablenkung durch Intellektualisieren (gleich, ob im Bereich von Politik, Wirtschaft, Pädagogik, Ernährung oder aber den sogenannten „Verschwörungstheorien“), Sex, Konsum von Luxusartikeln jedweder Art, Reisen, die Suche nach dem Kick (wie etwa Bungee-Jumping und Abenteuerreisen) und ähnlichem.
  • Ausübung von Kontrolle und Missbrauch von Macht einerseits (um „Ersatzliebe“ zu erzwingen)
  • Unterordnung und Anpassung andererseits (um „Ersatzliebe“ im Wege der Erpressung zu erlangen).
  • Nicht selten eine Kombination aller drei vorgenannten Erscheinungen.

Mit dieser Liste erhebe ich keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Menschen sind so erfinderisch darin, ihren Mangel an Liebe zu kompensieren, dass ich nach eingehender Recherche wahrscheinlich Seiten damit füllen könnte. Aber ich glaube, diese Aufzählung reicht aus, damit Sie ein Blick dafür entwickeln können, dass Sie mit Ihrem Wunsch nach mehr Liebe ganz gewiss nicht allein dastehen, oder?

Übrigens gibt es noch einen ganz erstaunlichen Hinweis, an dem man erkennen kann, dass sich ein Mensch nach Liebe sehnt: Wenn jemand (meist Frauen) Sätze sagt wie

  • „Ich bin Liebe!“
  • „Ich habe ganz viel Liebe zu geben!“
  • „Ich nehme Menschen mit meinem Herzen auf!“

ist mit einiger Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass sich diese Menschen zwar nach Liebe sehnen, aber ihre eigene Fähigkeit zu lieben noch lange nicht entfaltet haben, ja zum Teil noch nicht einmal die Basics der Liebe verstanden haben. Das hatte ich irgendwo mal gelesen und war zunächst erstaunt darüber, habe dann aber genau diese Erfahrung gleich mehrfach machen dürfen. Mittlerweile erscheint mir das auch plausibel: Wer auch nur den Hauch einer Ahnung hat davon, was Liebe einem abverlangt, wird allenfalls etwas sagen wie: „Ich bemühe mich nach Kräften darum, so gut zu lieben wie es mir jetzt, hier und heute möglich ist.“

Warum der Wunsch nach Liebe schambehaftet ist

Auf den ersten Blick erscheint es widersinnig, dass sich fast alle Menschen nach mehr Liebe sehnen, aber die meisten mit Ersatzbefriedigungen vorlieb nehmen. Woran liegt das? Daran, dass der Wunsch nach mehr Liebe in aller Regel mit viel Scham behaftet ist. Und Scham ist ein tödliches Gefühl, wenn man damit nicht angemessen umgehen kann. Scham sagt uns: „Du verhältst Dich nicht so, wie Du das tun solltest.“ Das ist der Dolch-Stoß für jeden Stolz. Genau deshalb gibt es auch genügend Menschen, die ihre Sehnsucht nach Liebe verleugnen, um die damit verbundene Scham nicht spüren zu müssen.

Wenn man sich jetzt die Ursache für diese Scham ansieht, wird es vollends paradox: Wer bringt uns bei, wie wir „zu sein haben“? Unsere Eltern. Und wessen Liebe wollen wir in unseren wichtigsten Entwicklungsjahren am meisten sichern, weil diese Menschen die Garanten für unser Überleben sind? Unsere Eltern. Also versuchen wir uns so zu verhalten, wie unsere Eltern uns haben wollen, damit wir ihre Liebe bekommen. Und womit können Eltern bei ihren Kindern am wenigsten umgehen? Wenn Kinder einen Anspruch auf bedingungslose Liebe erheben, was für ein Kind ganz natürlich ist, aber ebenso natürlich alle Eltern überfordern muss. Denn auf dieser Erde gibt es keine bedingungslose Liebe. Und selbst reife Liebe, die das Kind durchaus zufrieden stellen würde, ist eher eine Ausnahmeerscheinung, einfach weil die wenigsten Eltern von ihren eigenen Eltern nicht genügend Liebe mitbekommen haben. Kurz und gut: Eltern sind oft damit überfordert, wenn ihr Kind Liebe einfordert, und sie reagieren darauf nicht selten unwirsch. Und ergo lernt das Kind: Wenn ich mir Liebe wünsche, bin ich nicht so, wie meine Eltern mich haben wollen, und dann bekomme ich keine Liebe, sondern Ablehnung. Und genauso entsteht ein Schamgefühl, das uns als Kinder davor schützen soll, mehr Liebe zu beanspruchen, als unsere Eltern zu geben in der Lage sind – denn das würde ja unser Überleben gefährden, wenn wir unsere Versorger zu sehr verärgern –, das uns aber als Erwachsene davon abhält, das zu leben, was uns wichtig ist. Denn als Erwachsene sind wir ja – zumindest bei einer nüchternen Betrachtung, emotional mag das aus Gewohnheit nicht bewusst sein – nicht mehr davon abhängig, dass unsere Eltern uns versorgen = lieben.

Die Scham für den Wunsch nach Liebe ist also ein Relikt aus der Kindheit, die wir getrost hinter uns lassen können. Und wie macht man das? Im ersten Schritt, indem man die Scham annimmt und ihr Platz gibt. Im zweiten Schritt geht es darum sich zu sich selbst und den eigenen Bedürfnissen zu bekennen: Ja, ich wünsche mir mehr Liebe in meinem Leben. Im dritten Schritt geht es dann darum, das Lieben neu zu lernen und all das hinter uns zu lassen, was wir an Hinderlichem über die Liebe von unseren Eltern gelernt haben. Dabei aber bitte immer im Kopf behalten: Unsere Eltern haben uns das Beste mitgegeben, was sie selbst zur Verfügung gehabt haben. Es geht nie darum, mit unseren Eltern „abzurechnen“, sondern allein darum, sich selbst das Leben zu erschaffen, das man sich selbst jetzt und heute wünscht! Wer in Anklagen gegenüber den Eltern stecken bleibt, vermeidet es, die Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen, und schneidet sich deshalb selbst ab von dem Guten, das das Leben für uns alle bereit hält.

Warum auch Schuld oft eine große Rolle spielt

Schuld ist noch einen Tacken härter als Scham. Schuld sagt: „So, wie ich bin, darf ich überhaupt gar nicht sein und überhaupt nicht existieren.“ Schuld vermittelt ein Lebensgefühl, das sich am ehesten in Glaubensätze beschreiben lässt wie: „Du bist wertlos und des Lebens und der Liebe nicht wert.“, „Du bist nichts!“, „Du bist falsch hier!“, „Du bist unerwünscht.“ oder auch „Du bist nur willkommen, wenn Du eine bestimmte Rolle oder Funktion übernimmst. Du selbst zählst nichts.“ Ich muss nicht weiter erklären, dass jemand, der in dem Gefühl lebt, eigentlich gar nicht existieren zu dürfen, sich erst recht unwürdig fühlt, geliebt zu werden, oder? Schuld ist auch etwas, das – wie Scham – in der Kommunikation in den frühen Entwicklungsjahren mit den Eltern entsteht. Das Tragische daran ist: Eltern, die sich ihrer selbst nicht bewusst sind, reichen ihre eigenen Schuldgefühle, die sie von ihren Eltern eingeimpft bekommen haben, nicht selten ungefiltert weiter an die eigenen Kinder nach dem Motto: „Weil ich nichts wert bin, bist Du auch nichts wert.“ Psychologisch betrachtet handelt es sich hierbei um nichts anderes als eine Projektion: Weil Eltern ihre eigene Schuld nicht sehen wollen, konzentrieren sie sich darauf, ihr Kind schuldig zu sprechen. Aber auch für Schuld gilt das, was ich schon über die Scham gesagt habe: Kinder werden erwachsen und können sich als Erwachsene von den Schuldsprüchen der Eltern lösen, wenn sie das wollen.

Scham wie Schuld: Alles Relikte aus früheren Inkarnationen!

Sie haben bestimmt bemerkt, dass ich versucht habe, Ihnen einerseits bewusst zu machen, dass Ihre Eltern Sie in Sachen Liebe maßgeblich geprägt haben, andererseits aber auch versucht habe, Ihre Eltern aus der „Schusslinie“ zu nehmen, oder? Das hat seinen Grund darin, dass ich einerseits Ihr Bewusstsein dafür schärfen möchte, dass das, was Sie mit Ihren Eltern erlebt haben, auch heute noch maßgeblichen Einfluss auf Ihr (Liebes-)Leben hat, ob Sie das wollen oder nicht. Andererseits möchte ich gleichzeitig Ihre Aufmerksamkeit darauf lenken, dass es in Ihrer Hand liegt, ob Sie diesem Einfluss Ihrer Eltern noch heute Macht auf Ihr Leben einräumen wollen oder nicht. Das ist schon ein ganz schöner Brocken, von Ihnen einerseits zu verlangen, sich alles, was zwischen Ihren Eltern und Ihnen passiert ist, genau anzugucken, andererseits aber zu akzeptieren, dass Ihre Eltern nicht die „Übeltäter“ Ihres Lebens sind, nicht wahr? Tatsache ist: Sie waren Ihren Eltern als Kind „ausgeliefert“. Es geht mir darum, dass Sie erkennen, dass Sie heute nicht länger ausgeliefert sind. Diese abstrakte Betrachtung erfordert einen gewissen Abstand zu sich selbst und dem eigenen Leben.

Diese Abstraktion fällt leichter, wenn man sich mit dem Gesetz der Reinkarnation anfreunden kann. Danach haben Ihre Eltern exakt die Voraussetzungen für Sie geschaffen, die Sie erleben mussten, um das in Ihnen hervorzubringen, was Ihre Seele in dieser Inkarnation für sich selbst erleben und lösen wollte. Das Umfeld, in das Sie hineingeboren werden, stellt mit anderen Worten sicher, dass die Lebensaufgabe für die aktuelle Inkarnation in Ihre Persönlichkeit eingeprägt wird. Das gilt für alles: Intellekt, Gefühl, Aussehen, Vorlieben, Prägungen, eigene Erfahrungen und so weiter, und eben auch für Scham- und Schuldgefühle. Mit anderen Worten: Ihre Eltern waren nicht „gut“ oder „böse“, sondern sie haben lediglich ihren „Job“ erfüllt. Wie wir alle wissen, kann man seinen Job gut oder weniger gut machen. So auch Eltern, die ihren Eltern-Job erledigt haben. Ihre Eltern haben sicherlich einiges „gut“ gemacht, anderes vielleicht auch nicht so gut. Hier gilt es genau hinzuschauen, denn Sie können aus beidem lernen: Das, was Ihre Eltern „gut“ gemacht haben, kann Ihnen Kraft und Mut geben. Das, was sie vielleicht nicht so optimal gelöst haben, gibt Ihnen wichtige Hinweise darauf, was Sie in diesem Leben lernen wollen. Was ich damit sagen will: Wenn Ihre Eltern „besser“ gewesen wären, wären Ihre eigenen Ziele nur umso höher! Verheddern Sie sich deshalb nicht in Vorstellungen darüber, wie alles noch viel besser hätte sein können, wenn Ihre Eltern anders gewesen wären, sondern verwenden Sie diese Kraft lieber darauf, für sich jetzt, hier und heute das Leben zu erschaffen, das Sie sich wünschen.

Wie Sie die eigene Sehnsucht nach Liebe stillen können

Es gibt nur einen Weg, die eigene Sehnsucht nach mehr Liebe zu stillen, und der führt darüber, sich selbst und andere mehr lieben zu lernen. Dabei gibt es ein paar Knackpunkte, die man kennen muss, und die ich an dieser Stelle nur kurz anreißen und später weiter ausführen werde:

  • Selbstliebe und die Liebe zu anderen sind im Kern exakt das Gleiche.
  • Der erste Schritt zu mehr Liebe ist, die eigene Negativität – kurz: alles, was einen von der Liebe fern hält – in sich zu erkennen und aufzulösen.
  • Es gibt viele Zerrbilder von Selbstliebe und Liebe, die wie Liebe aussehen, im Grunde genommen aber das genaue Gegenteil davon sind. Wer lieben lernen will, muss unterscheiden lernen.
  • Wer sich selbst nicht liebt, kann unmöglich andere lieben.
  • Wer andere nicht lieben kann, kann von anderen keine Liebe empfangen.
  • Ergo: Wer sich selbst nicht liebt, kann keine Liebe empfangen.

Tatsächlich ist Liebe nicht die irrationale Angelegenheit, für die viele Menschen sie halten. Es gelten Gesetzmäßigkeiten, die nur deshalb schwerer zu erfassen und anzuwenden sind, weil sie neben dem Verstand auch die Gefühle mit einbeziehen. Und gewöhnen muss man sich vor allem an eines: Es gibt zwar Gesetzmäßigkeiten, aber nie starre Regeln. Auf die Frage: „Was würde die Liebe tun?“, muss man in jeder einzelnen Situation seine eigene Antwort finden.

 

 

Bildquelle: Sebastian Raskop „Autobahnherz“; Quelle: www.piqs.de

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