Nr. 16: Kennen Sie Ihre eigene Negativität?

In der Bibel heißt es, dass Angst das Gegenteil von Liebe ist: Angst schließt die Liebe aus und Liebe die Angst (vgl. Joh. 4, 18). Um diesen Gegensatz heute zu verstehen, muss man sich vor Augen halten, dass die Bibel ca. 2.000 Jahre alt ist. Die emotionale Begriffswelt war damals weit weniger differenziert, als sie es heute ist. Deshalb muss man den damals verwendeten Begriff der Angst weiterfassen als das, was man heute darunter verstehen würde. Mir persönlich erscheint insofern der Begriff der Negativität am griffigsten, auch wenn er eine Kunstschöpfung ist. Aber was er anschaulich beschreiben kann: Negativität ist alles, was nicht Liebe ist und die Liebe ausschließt.

Warum es so wichtig ist, sich der eigenen Negativität bewusst zu werden

Die eigene Negativität ist es, die uns von der Liebe fernhält, und zwar sowohl von der Selbstliebe als auch von Liebe zu und von anderen. Insbesondere in der Kommunikation errichtet Negativität Mauern und schafft damit Konflikte. Negativität ist immer ein Garant dafür, dass wir nicht unseren inneren Frieden finden. Und nach dem Gesetz von Ursache und Wirkung wird jede Negativität, die Sie in die Welt setzen und ausagieren, letztlich wieder auf Sie und Ihr eigenes Leben zurückfallen.

Negativität auf der Verhaltensebene

Negativität auf der Verhaltensebene ist nichts anderes als liebloses Verhalten. Dazu gehören insbesondere:

  • Schuldzuweisungen, auch implizite
  • Vorwürfe, auch indirekte
  • Rache
  • Boshaftigkeit
  • Abwertende und verurteilende Bemerkungen
  • Feindseligkeit
  • Arroganz
  • Rechtfertigung
  • Egoistisches Verhalten
  • Egozentrik
  • Besserwisserei
  • Jammern
  • Nörgeln
  • Recht-haben-wollen
  • Verleumdung
  • Unterwürfigkeit
  • Passiv-aggressiver Rückzug
  • Anmaßung einer Autorität-Rolle
  • Verweigerung von Kooperation und Kommunikation
  • Verdrehung von Tatsachen
  • Ausübung von Kontrolle
  • Missbrauch von Macht
  • Emotionaler Missbrauch
  • Jede Ausübung körperlicher und verbaler Gewalt

Sie merken anhand dieser Liste: Liebloses Verhalten kann auch in einem Unterlassen bestehen.

Negativität im Denken

Auch wenn wir liebloses Verhalten nicht ausagieren, ist das exakt gleiche „Verhalten“ auf der mentalen Ebene ebenso Negativität. Mit anderen Worten: „Nur“ gedachtes liebloses Verhalten ist liebloses Denken, das tatsächlich die exakt gleichen Ergebnisse wie liebloses Verhalten hervorbringen kann. Außerdem typische Negativität auf mentaler Ebene ist:

  • Projektion (die eigenen Unzulänglichkeiten nur bei anderen sehen oder gar anderen anhängen)
  • Rationalisieren
  • Trüben Erinnerungen nachhängen
  • Realitätsfremde oder gewaltsame Fantasien
  • Gedankenschleifen, die zu keinem Ergebnis führen
  • Sich im Kontakt mit anderen gedanklich „weg-beamen“
  • Grübeln
  • Sich Sorgen machen
  • Katastrophen-Denken
  • „Rosa-Brille“-Denken
  • Exzessives Planen
  • Duales Denken in Kategorien von „Gut oder Böse“, „schwarz oder weiß“ und „entweder oder“

Negativität auf der Gefühlsebene

Die eigene Negativität auf der Gefühlsebene wahrzunehmen, ist gar nicht so einfach. Denn nicht selten spürt man zunächst nur ein diffuses Gefühl von Unbehaglichkeit. Ein Bekannter von mir hat es mal sehr gut auf den Punkt gebracht: „Eigentlich müsste es mir doch gut gehen, aber irgendwie fühlt es sich nicht wirklich gut an.“ Wer tiefer in sich hineinspürt, findet vielleicht folgendes:

  • Angst
  • Druck
  • Gehetztsein
  • Wut
  • Neid
  • Gier
  • Hass
  • Leere
  • Taubheit
  • Ohnmacht
  • Hilflosigkeit
  • Schmerz
  • Traurigkeit
  • Frustration
  • Schuld
  • Scham
  • Emotionale Abhängigkeit

Negativität ist nicht per se „schlecht“!

Wenn man mit der eigenen Negativität zurechtkommen will, ist wichtig zu wissen, dass Negativität nicht „schlecht“ ist. Es ist also nichts, wofür man sich schämen oder schuldig fühlen müsste. Negativität ist lediglich eine Tatsache, die zur Kenntnis genommen und verarbeitet werden will. Wer seine Negativität verdrängt, verleugnet oder abstreitet, gibt ihr nur umso mehr Macht. Negativität will ans Tageslicht geholt und mit Mitgefühl angesehen werden. Nur so kann sie sich irgendwann mal auflösen. Außerdem enthält Negativität immer auch eine wertvolle Information: In jeder Negativität steckt eine Ressource, die als solche hervortreten kann, wenn man den „Sinn und Zweck“ einer Negativität vollends versteht. Es ist ja nicht so, dass Sie sich die eigene Negativität ohne Grund zugezogen hätten. Vielmehr ist sie das Ergebnis der Tatsache, dass sie Ihnen irgendwann einmal in Ihrem Leben – wahrscheinlich in Ihrer Kindheit – dazu gedient hat, Sie zu schützen. Mit anderen Worten: Damals war die Negativität „gut“, weil sie eine – wenn auch vielleicht ungeeignete – Problembewältigungsstrategie war. Nur heute wirkt sie sich „schlecht“ aus. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass sie im Kern etwas „Gutes“ hat, das vielleicht sogar heute noch eine positive Ressource sein kann.

Der wertvolle Kern von Negativität

Mit der Negativität ist es tatsächlich wie mit dem Messer, das ich bewusst als Bild für diesen Artikel gewählt habe: Mit einem Messer kann man Menschen töten oder Tomaten schneiden. Wenn Sie sich Ihre Negativität ansehen und diese wirklich verstehen, können Sie daraus ein wertvolles Instrument machen. Um Ihnen ein paar Beispiele dafür zu geben, welche Ressource in Negativität stecken kann:

  • Durchsetzungsvermögen für die Selbstbehauptung
  • Die eigenen Grenzen erkennen und durchsetzen
  • Das Vermögen, gegen Unrecht zu protestieren
  • Information über „unerledigte“ Angelegenheiten
  • Kraft dafür, wirklich erwachsen und unabhängig zu werden
  • Die eigene Lebensaufgabe erkennen
  • Material dafür, um „falsche“ Verpflichtungsgefühle aufzulösen
  • Einsicht in die Notwendigkeit von Veränderung und die Kraft dafür
  • Hinweise auf eigene unerfüllte Bedürfnisse
  • Vorsorgebedarf zu erkennen

Im Kern geht es bei Negativität immer um die Frage an Sie: „Wollen Sie weiter Waffenträger bleiben oder Ihre „Mordwaffe“ in ein Tomatenmesser = nützliches Instrument umwandeln?“

 

KatrinNr. 16: Kennen Sie Ihre eigene Negativität?