Nr. 17: Kennen Sie den Unterschied zwischen Dualität und dem Gesetz der Polarität?

Dualität und Polarität werden oft verwechselt, dabei betreffen diese beiden Begriffe zwei grundlegend unterschiedliche Sachverhalte. Von echtem Nutzen sind sie nur, wenn man diesen Unterschied begreift.

Das Gesetz der Polarität

Das Gesetz der Polarität beschreibt einen wichtigen Aspekt davon, wie kreative Schöpfung funktioniert. Es besagt, dass zum Zweck der Schöpfung zwischen zwei gleichwertigen Polen eine Balance hergestellt werden muss, um auf einer höheren Ebene „ein neues Drittes“ zu erzeugen, das „mehr“ ist. Um es mal mathematisch zu veranschaulichen: Es gilt nicht 1 + 1 =2, sondern 1 + 1 = 3. Um ein paar Beispiele zu nennen:

  • Mann und Frau können in einer gesunden Beziehung mehr als die Summe ihrer „Einzelergebnisse“ (zum Beispiel mit Blick auf ihre Läuterung, aber auch in Bezug auf Lebensleistungen) erzielen.
  • Aktivität und Passivität müssen für ein Leben aus der eigenen Mitte heraus ausgeglichen sein.
  • Nur die richtige Mischung und Verknüpfung zwischen Verstand und Gefühl ermöglicht intuitives = göttlich geführtes Handeln.
  • Nur wer sowohl über kreative Inspiration als auch über die Fähigkeit zur konsequenten Umsetzung verfügt, kann Neues erschaffen.

Wird einer der Pole ausgeblendet oder ignoriert, scheitert oder stagniert die Schöpfung. Ein Ungleichgewicht zwischen den Polen führt zu Störungen. Es geht also um die Ergänzung zweier unterschiedlicher Qualitäten zu dem Zweck, etwas Neues in die Welt zu bringen.

Auch mit Blick auf menschliche Eigenschaften gilt das Gesetz der Polarität:

  • Wenn Geduld nicht mit Tatkraft verbunden wird, degeneriert Geduld zur Untätigkeit. Tatkraft ohne Geduld hingegen artet in blinden Aktionismus aus.
  • Selbstlosigkeit ohne Selbstliebe wird zu aufzehrender Aufopferung, während Selbstliebe ohne Selbstlosigkeit zu ungesunder Egozentrik führt.
  • Die Fähigkeit zur Hingabe verkommt ohne Durchsetzungsvermögen zu duckmäuserischer Unterwerfung und Anpassung, während Durchsetzungsvermögen ohne die Fähigkeit zur Hingabe anmaßende Dominanz hervorbringt.

Mit anderen Worten: Keine Eigenschaft ist per se konstruktiv, sondern immer nur in Kombination mit einer entsprechenden Komplementäreigenschaft, wobei es immer auf die Situation des Einzelfalles ankommt, was in welchem Ausmaß angemessen ist.

Im Unterschied dazu: Dualität ist eine Illusion

Hingegen bezieht sich die Erscheinung der Dualität auf eine wertende Beurteilung im Sinne von „gut“ im Gegensatz zu „böse“. Dualität ist von der höchsten Warte aus betrachtet eine Illusion. Denn im Kern ist alles göttlich, und zwar auch das, was zunächst „böse“ erscheint.

Das Sinnbild dafür ist der Teufel, der unter dem Namen Luzifer einst einmal einer der höchsten Engel Gottes war, bis er sich beim sogenannten „Fall der Engel“ von Gott entfernt hat. Dadurch ist Luzifer zum Teufel und damit zunächst zum „Gegenspieler“ Gottes geworden, bis Gott Jesus Christus auf die Erde schickte mit der Mission, die Auseinandersetzung mit dem Teufel an seiner Stelle zu übernehmen. Dass sich Luzifer von Gott entfernt hat und zum Teufel wurde, ändert aber nichts an der Tatsache, dass auch er nach wie vor im Kern noch göttlich ist. Denn alles ist Gott. Und alles „Böse“ und „Teuflische“ kann zurück in lichte Göttlichkeit transformiert werden. Genau das ist ja der Sinn und Zweck irdischen Lebens: Das „Böse“ in sich zu läutern. Deshalb ist das „Böse“ aus irdischer Sicht zunächst eine sehr reale Erscheinung, die man nur dann als Illusion enttarnen kann, wenn man aus einer höheren Warte verstanden und verinnerlicht hat, dass alles Gott ist und alles nach irdischen Maßstäben „Böse“ in lichte Göttlichkeit und damit Einheit zurücktransformiert werden kann.

Diese abstrakte Betrachtungsweise, dass die Dualität eine Illusion ist, lässt sich auf allen Ebenen konkret anwenden:

  • Jede „schlechte“ Charaktereigenschaft eines Menschen hat im Kern eine positive Qualität. Bei der Läuterung geht nicht darum, die gesamte Charaktereigenschaft „zu löschen“. Denn Bewusstseinaspekte sind ewig und können deshalb gar nicht „weggemacht“ werden. Es geht darum, ihren positiven Kern zum Vorschein zu bringen.
  • Jedes negative Gefühl kann in ein positives verwandelt werden, wenn man sich mutig und lange genug durch diese Gefühl „hindurch“ fühlt. Versucht man hingegen das negative Gefühl zu verleugnen, bleibt es (unterbewusst) bestehen.
  • Jede „schwierige“ Situation hat irgendwo auch etwas Gutes an sich. Erst wenn man die Chance darin entdeckt, kann sich ein Ausweg auftun.
  • Jeder vermeintliche „Schicksalsschlag“ führt letztlich zu Heilung; sonst wäre er gar nicht aufgetreten.

Mit anderen Worten: Das „Böse“ kann auf irdischer Ebene nur überwunden werden, wenn man es im ersten Schritt anerkennt, um es dann in einem zweiten Schritt zu transformieren. Das meinte Jesus, als er sagte:

„Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Übel; sondern, so dir jemand einen Streich gibt auf deinen rechten Backen, dem biete den andern auch dar.“ (Matth 5, 39)

Denn wer zurückschlägt, bestätigt ja nur, dass Gewalt in Ordnung ist, und die Gewalt setzt sich fort und eskaliert. Das „Böse“ bleibt mit anderen Worten bestehen. Wer hingegen auf den Gegenschlag verzichtet und als paradoxe Reaktion sogar die andere Wange hinhält, gibt dem anderen die Möglichkeit zu erkennen, dass sein Verhalten böse ist, und diese Erkenntnis kann der erste Schritt zur Transformation sein. Dieser „Kniff“ macht Sinn vor dem Hintergrund, dass man niemanden dazu zwingen kann, das Böse im eigenen Verhalten als böse zu erkennen. Denn das obliegt ausschließlich dem freien Willen des Einzelnen.

Außerdem muss man zum Verständnis biblischer Texte wissen, dass jeder dort beschriebene Vorgang eine Psychodynamik beschreibt, die auf allen Ebenen stattfinden kann: Zwischen zwei Menschen, lediglich innerhalb einer Person, auf gesellschaftlicher oder sogar auf zwischenstaatlicher Ebene. Das entspricht dem Gesetz des „Oben wie Unten“, nach dem sich jeder Aspekt auf allen denkbaren Ebenen zeigen kann. Insbesondere bezogen auf den Einzelnen sagt Jesus in dem Zitat: Guckt Euch das Böse in Euch ganz genau an und widersteht dem nicht, sondern betrachtet es im Gegenteil mit doppelter Aufmerksamkeit. Denn nur so könnt Ihr es transformieren.

Nur um Missverständnisse zu vermeiden: Jesus wollte keineswegs zu Masochismus auffordern. Niemand muss sich ohne Widerwehr schlagen, sonst wie verletzen oder gar töten lassen. Es wird lediglich die Möglichkeit einer alternativen Reaktionsmöglichkeit aufgezeigt und die Frage in den Raum gestellt: Womit erreiche ich mehr? Mit Gegenwehr oder mit einer paradoxen Reaktion, die das eigene Selbst nicht so wichtig nimmt? An einer anderen Stelle in der Bibel macht Jesus sehr deutlich, dass es durchaus auch richtig sein kann, offensiv gegen das Böse vorzugehen: Als Jesus im Tempel auf Händler trifft, die dort ihre Geschäfte betreiben, wird er wütend, schmeißt die Tische der Händler um und prangert den Missbrauch des Tempels offen an.

Was sollen wir aus diesen vordergründig widersprüchlichen Lektionen lernen? Es gibt keine allgemein gültigen Regeln. Jede Situation fordert eine Entscheidung im Einzelfall, wie dem Bösen effektiv zu begegnen ist. Das entspricht einer der wichtigen Kernlehren von Jesus: Es gibt keine spirituellen Verhaltensregeln, die Allgemeingültigkeit besitzen, sondern jeder muss für sich selbst in jeder einzelnen Situation entscheiden, was dem obersten Gebot der Liebe am ehesten gerecht wird.

Wer die Illusion der Dualität nicht durchschaut, dient automatisch – ob er will oder nicht – dem Teufel. Denn Dualität führt immer zu Trennung, und Trennung ist vom Teufel oder ist der Teufel. Hingegen steht Gott für Einheit. Wer stecken bleibt in der Denke „gut oder böse“ verhindert, dass Brücken gebaut werden. Menschen, die so denken, neigen außerdem dazu, das Böse ausschließlich in anderen zu sehen und obendrein das eigene Böse auf die anderen zu projizieren. Das schließt jede Verständigung und Verbindung und damit Einheit = Gott aus.

Ein Schlüssel für die Transformation

Wer aufmerksam gelesen hat, dem ist vielleicht aufgefallen, dass es eine Verknüpfungsmöglichkeit zwischen dem Gesetz der Polarität und der Erscheinung der Dualität gibt. Ich möchte noch mal zurückkommen auf die Beispiele zur Polarität von Charaktereigenschaften. Oben hatte ich als Beispiel gegeben:

  • Wenn Geduld nicht mit Tatkraft verbunden wird, degeneriert Geduld zur Untätigkeit. Tatkraft ohne Geduld hingegen artet in blinden Aktionismus aus.

Hier stehen zwei „gute“, einander ergänzende Eigenschaften – nämlich Geduld und Tatkraft – zwei „schlechten“ Eigenschaften – nämlich Untätigkeit und blinder Aktionismus – gegenüber. Es liegt also eine Matrix vor, die einerseits auf der einen Ebene eine Polarität beschreibt und andererseits auf einer anderen Ebene die dualistischen Verzerrungen der Polaritäten aufzeigt. Denn Untätigkeit ist die „böse“ Seite der Geduld und blinder Aktionismus die der Tatkraft. Ich füge hier auch noch einmal die beiden anderen Beispiele ein, damit Sie eine entsprechende Matrix auch hierfür nachvollziehen können:

  • Selbstlosigkeit ohne Selbstliebe wird zu aufzehrender Aufopferung, während Selbstliebe ohne Selbstlosigkeit zu ungesunder Egozentrik führt.
  • Die Fähigkeit zur Hingabe verkommt ohne Durchsetzungsvermögen zu duckmäuserischer Unterwerfung und Anpassung, während Durchsetzungsvermögen ohne die Fähigkeit zur Hingabe anmaßende Dominanz hervorbringt.

Dass Wissen um eine solche Matrix ermöglicht es, die eigenen Charakterfehler exakt zu analysieren: Was ist die positive Eigenschaft, die im Kern hinter dem Charakterfehler steckt? Was ist die komplementäre Tugend zu dieser positiven Eigenschaft, die ich auch brauche, damit diese positive Eigenschaft tatsächlich zum Tragen kommen kann? Und zu welcher dualistischen Verzerrung kann diese Komplemtär-Tugend führen? So können Sie exakt den Handlungsspielraum bestimmen, der sich Ihnen auftut, wenn Sie eine ungeliebte Eigenschaft an sich ändern wollen.

Ein Wort zum Schluss

Das war jetzt eine ganze Menge Gedanken-Gymnastik, die Sie jetzt vielleicht erst einmal erschlagen hat. Deshalb möchte ich zum Abschluss zwei Gedanken festhalten, die mir ganz besonders wichtig erscheinen:

  • Das Gesetz der Polarität und die Erscheinung der Dualität haben nichts miteinander zu tun, sondern betreffen grundlegend andere Sachverhalte. Gleichwohl kann man sie gedanklich miteinander verknüpfen.
  • Wenn Sie in sich oder in Ihrem Leben auf etwas „Böses“, „Schlechtes“ oder Unangenehmes stoßen, seien Sie sicher, dass darin etwas „Gutes“ und Konstruktives steckt. Sie müssen nur ganz genau hinsehen und vielleicht Ihren Wahrnehmungs- und Denkhorizont ein wenig ausdehnen. Und wenn Sie mal so überhaupt gar nichts Gutes erkennen können, dann denken Sie vielleicht an diesen Artikel und lesen ihn noch mal durch. Dann erscheint er Ihnen vielleicht nicht mehr so abstrakt, sondern kann Ihnen helfen, Ihr verstandesmäßiges Denken zu erweitern und zu flexibilisieren. Und das ist ein ganz wichtiger Aspekt für den spirituellen Weg. Denn wer weiter und flexibler denken kann, dem tut sich ein größerer Handlungsspielraum auf. Sie wissen doch: Es geht ums Umdenken 😉

 

 

Bildquelle: Marino Gnass „Kontraste“; Quelle: www.piqs.de

 

 

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