Nr. 20: Wie freundlich begegnen Sie der Welt?

In meinem letzten Artikel habe ich darüber geschrieben, wie Sie zum Schöpfer Ihres Lebens werden können. Eine wichtige Grundvoraussetzung habe ich dabei nicht genannt, weil sie eigentlich so selbstverständlich ist, dass sie nicht ausdrücklich erwähnt werden muss. Und trotzdem tun sich viele Menschen schwer damit: Es geht darum, seine Mitmenschen freundlich zu behandeln. Erfolgreiche Lebensführung schließt immer in irgendeiner Form Kontakt zu anderen Menschen ein. Und es versteht sich von selbst, dass Menschen, die Sie freundlich behandeln, eher geneigt sind, positiv zu Ihrem Leben beizutragen, als solche, denen gegenüber Sie Ihre Negativität ausagieren. Wenn Sie das lesen, werden Sie mir – da bin ich mir sicher! – sofort zustimmen. Und vielleicht denken Sie auch, dass Sie sich den Rest des Artikels sparen können, weil Sie das alles schon lange wissen. Hier habe ich bad news für Sie: Aus eigener Erfahrung – sowohl aktiv als auch passiv – weiß ich, dass die meisten Menschen manchmal noch nicht einmal mitbekommen, dass ihr eigenes Verhalten unfreundlich ist.

Warum unfreundliches Verhalten oft unbewusst ist

Dass unfreundliches Verhalten oft unbewusst ist, hat einen Grund. Unfreundliches Verhalten dient an seiner Wurzel einem bestimmten Zweck: Es geht um Schutz und Selbstbehauptung des Ego! Deshalb verdient unfreundliches Verhalten genau betrachtet Mitgefühl. Denn wer sich schützen und behaupten will, zeigt damit ja nur, dass er sich angegriffen fühlt. Und wer fühlt sich schon gern angegriffen? Das Ego reagiert in dieser Situation nach dem Motto: „Angriff ist die beste Verteidigung!“ und ist prompt unfreundlich. Das Problem ist nur: Unser Ego ist übersensibel und interpretiert Situationen, die bei objektiver Betrachtung frei von jedem Angriff oder jeglicher Unsicherheit sind, als Gefahrenlage und fährt seine Geschütze auf. Und was unser Ego auch nicht weiß: Angriffen kann man weit besser mit neutraler Entschlossenheit und Klarheit entgegentreten als mit Unfreundlichkeit. Warum verhält sich unser Ego dann unfreundlich? Weil sich dahinter ein verängstigter kindlicher Persönlichkeitsanteil verbirgt, bei dem durch irgendetwas irgendeine uralte Erfahrung aus der Kindheit angetriggert worden ist, in der das Kind sich schutz- und hilflos gefühlt hat. Dieser Trigger kann die besondere Energie eines Menschen sein, eine Situation, die an eine Schlüsselsituation in der Kindheit erinnert, entweder generelle oder auf ein spezifisches Thema bezogene Unsicherheit, Lärm, ein bestimmter Geruch oder sonst was sein. Und weil Gefühle der Bedrohung und Hilflosigkeit zu erleben, in der Kindheit so schmerzhaft war und auch noch heute noch ist, ist der ganze Reaktionsmechanismus in das Unterbewusstsein verbannt worden und läuft deshalb automatisch und unbewusst ab.

Das Dilemma mit der Unfreundlichkeit

Unfreundlichkeit ist eine subtile Äußerung von Negativität, so subtil, dass man sie gelegentlich nur an der Stimmlage oder Körperhaltung wahrnehmen kann. Unfreundlichkeit kann sogar mit einem oberflächlichen Lächeln „ausgeteilt“ werden, weil sie sich nur implizit aus dem ergibt, was gesagt wird. Wer wenig Zugang zu den eigenen Gefühlen hat, kann deshalb manchmal die eigene wie die fremde Unfreundlichkeit gar nicht bewusst wahrnehmen, sondern wird nur irgendwie diffus spüren, dass da was nicht stimmt, und sich entsprechend unwohl fühlen. So reagiert man dann leicht automatisch unfreundlich, wenn man mit unerkannter Unfreundlichkeit konfrontiert ist, einfach weil man die Situation nicht richtig einschätzen kann und dadurch verunsichert ist.

Weil sie so schwer wahrzunehmen ist, wird Unfreundlichkeit deshalb auch sehr leicht verwechselt mit authentischer und angemessener Selbstbehauptung, die in Anbetracht der konkreten Situation völlig in Ordnung sein kann. Denn natürlich darf man für sich selbst und die eigene Integrität eintreten, wenn man tatsächlich angegriffen wird. Das hat nichts mit Unfreundlichkeit zu tun.

Ob ein bestimmtes Verhalten Unfreundlichkeit oder aber Selbstbehauptung ausdrückt, kann letztlich jeder nur für das eigene Verhalten beurteilen. Sie können es zum einen daran erkennen, wie Ihre Umwelt auf Sie reagiert, und zum anderen daran, ob Sie sich mit dem eigenen Verhalten wohlfühlen. Dabei können Sie sich sicher sein: Wenn Sie eine negative Reaktion Ihrer Umwelt mit Schweigen und Aussitzen abbügeln und unterdrücken wollen mit Sätzen wie „Ich weiß gar nicht, was Du meinst!“ oder „Du bist überempfindlich!“, sind Sie ganz sicherlich nicht im Reinen mit sich. Denn das sind schlicht unfreundliche Reaktionen, mit denen Sie dem anderen verbieten wollen, die eigene Wahrnehmung auszudrücken. Oder haben Sie es gern, wenn man Ihnen explizit oder implizit sagt: „Halt den Mund!“ oder „Du erzählst Unsinn!“? Nur wenn Sie Kritik freundlich und gelassen zurückweisen können, wissen Sie, dass es keine Unfreundlichkeit war, sondern ein Akt von authentischer Selbstbehauptung.

Das Vertrackte an der ganzen Sache ist: Nur wenn Sie die eigene Unfreundlichkeit bis ins kleinste Detail kennen, können Sie sich angemessen und wirksam selbst behaupten. Denn wirksame Selbstbehauptung setzt voraus, dass man den eigenen Unfreundlichkeits-Mechanismus erkannt und aufgelöst und sich so aus den Fängen einer automatischen unbewussten Reaktion befreit hat. Deshalb ist es in doppelter Hinsicht hilfreich, sich mit der eigenen Unfreundlichkeit zu befassen: Zum einen wird man freundlicher im Umgang mit seinen Mitmenschen und zum anderen auch sicherer in der Selbstbehauptung. Und dann kommen Sie auch nicht in die Situation, dass Ihre Freundlichkeit dafür ausgenutzt wird, dass andere Menschen ihre schlechte Laune an Ihnen auslassen. Dann wird es tatsächlich ungefährlich, freundlich zu sein. Insgesamt ist das eine Entwicklung, die in Pendelbewegungen stattfindet, die – je nach Entwicklungsstand des Einzelnen – auf einer bestimmten Stufe der verzerrten Polarität zwischen Freundlichkeit und Selbstbehauptung beginnt. Die Extreme dieser Verzerrungen sind (statt echter Freundlichkeit) unterwürfige Anpassung ohne jegliche Selbstbehauptung einerseits und (statt gesunder Selbstbehauptung) generell unfreundliches, abwehrendes, wenn nicht gar feindliches Verhalten andererseits.

Kennen Sie Ihre spezifische Form der Unfreundlichkeit?

Obwohl Unfreundlichkeit so schwer zu fassen ist, will ich Ihnen ein paar Beispiele geben, damit Sie Ihre Wahrnehmung dafür schärfen können, ob Sie selbst sich gelegentlich unfreundlich verhalten.

  • Unterschwellige und implizite Schuldzuweisungen und Vorwürfe (sehr beliebt!)
  • Coolness und demonstrative Härte
  • Jemandem hintenrum einen „reindrücken“
  • Nicht zuhören oder sogar den anderen unterbrechen und „totreden“
  • Schnippigkeit, Zickigkeit und Anspannung
  • Sich hinter einer virtuellen Eisenwand verstecken und unnahbar wirken
  • Demonstration von Macht und Überlegenheit, zum Beispiel durch Körperhaltung oder laute Stimme
  • Selbstmitleidiges Jammern und Nörgeln

Von der Energie her ist Unfreundlichkeit dahingehend auf einen Nenner zu bringen, dass man einen Zaun, eine Mauer oder sogar eine schwer bewehrte Grenzbefestigung zwischen sich und anderen errichtet, die gegenseitigen Austausch auf Augenhöhe (bewusst oder unterbewusst) ausschließen will. Sie dient – wie gesagt – dem Schutz oder der Kontrolle der Gesprächssituation zum Zweck des Schutzes. Wenn Unfreundlichkeit eskaliert, wird nicht selten Negativität ausagiert (siehe hierzu mein Artikel Nr. 16 „Kennen Sie die eigene Negativität?“), was meist im Konflikt endet.

Wie Sie selbst freundlicher werden können

Insofern stellt sich als erstes die Frage: Wollen Sie überhaupt freundlicher werden? Oder gefallen Sie sich selbst viel besser, wenn Sie cool, hart und überlegen wirken? Wann fühlen Sie selbst sich wohler: Wenn Ihr Gegenüber auf Sie kalt reagiert? Oder mögen Sie, wenn man Ihnen herzlich und begegnet?

Wenn Sie zu einer freundlicheren Person wollen: Fangen Sie als erstes damit an, sich im Kontakt mit anderen zu beobachten: Wie offen sind Sie für die andere Person? Fühlen Sie sich sicher im Umgang mit anderen Menschen? Wenn Sie unsicher sind: Warum? Und wie gehen Sie damit um? Wie würden Sie jemanden wahrnehmen, der so agiert wie Sie? Beobachten Sie, was Sie bei anderen als freundlich beziehungsweise unfreundlich erleben. Im ersten Schritt geht es nur um das Beobachten. Versuchen Sie nicht, Ihr Verhalten mit Willensanstrengung zu verändern. Dadurch wirken Sie nur unnatürlich, was immer als unfreundlich aufgenommen wird. Allein dadurch, dass Sie sich selbst beobachten, werden Sie enorm viel über sich herausfinden. Freundlichkeit ist nämlich immer nur die berühmte Spitze des Eisbergs. Je mehr Sie über sich wissen, desto entspannter werden Sie, und gleichzeitig auf freundlicher. Versuchen Sie es einfach mal! Und seien Sie auch so mutig, sich mal zu entschuldigen, wenn Sie selbst finden, dass Sie zu unfreundlich waren. Erklären Sie dazu, warum Sie sich so verhalten haben, wie Sie es getan haben. Bei 80% aller Menschen sammeln Sie damit viele Sympathie-Punkte, insbesondere wenn diese Menschen selbst auch unsicher sind und deshalb manchmal unfreundlich agieren. Auch hier gilt: Versuchen Sie es einfach einmal!

Den größten Wert für Veränderung hat es, wenn Sie Feedback anderer ernst nehmen, statt es abzuwehren und abzuwimmeln. Erkundigen Sie sich interessiert danach, was Ihr Gegenüber genau meint und wie Sie auf ihn oder sie wirken. Dabei ist eine leicht ungehaltene Rückfrage mit Worten wie „Was willst Du denn damit sagen?“ natürlich kein Gesprächsöffner. Denken Sie daran: Diese Menschen können Ihnen helfen. Denn andere Menschen sehen einen selbst immer viel klarer als man sich selbst. Das heißt aber nicht, dass Sie jede Kritik annehmen müssen. Sie können Kritik auch zurückweisen. Wenn Sie unsicher sind, können Sie so etwas sagen wie: „Danke, darüber werde ich mal nachdenken!“

Wie Sie mit der Unfreundlichkeit anderer Menschen umgehen können

Wenn Sie die Unfreundlichkeit anderer Menschen bewusst wahrnehmen können, sind Sie schon weiter als die meisten Menschen. Denn die meisten Menschen sind hierfür taub und unempfänglich. Wundern Sie sich also nicht, wenn die Menschen Sie schlechterdings nicht verstehen, wenn Sie mit ihnen über ihr unfreundliches Verhalten sprechen wollen. Auch wenn dieser Zugewinn an Sensibilität ein großer Fortschritt für Sie persönlich ist, weil das einen wichtigen Schritt in Richtung Lebendigkeit darstellt, werden Sie sich dann manchmal wünschen, diese Fähigkeit gar nicht erlangt zu haben, denn sie stellt Sie vor die Frage: Wie geht man mit der Unfreundlichkeit anderer Menschen um? Denn das fühlt sich zunächst gar nicht gut an. Damit umzugehen, ist deshalb erst einmal gar nicht so einfach. Denn Regeln dafür gibt es nicht. In einer dauerhaften Beziehung wie innerhalb der Familie, mit dem Ehepartner oder unter Freunden besteht einerseits ein größerer Bedarf, sich selbst zu behaupten und gegebenenfalls Unfreundlichkeit anzusprechen, andererseits auch ein größeres Risiko, den Kontakt grundsätzlich zu gefährden. Deshalb kann es ratsam sein, sich darauf zu beschränken, selbst freundlich zu bleiben. Bei einem einmaligen oder nur gelegentlichen Kontakt kann man einerseits die Unfreundlichkeit leichter als solche stehen lassen, andererseits sind das auch gute Übungsgelegenheiten, sich in der Selbstbehauptung zu trainieren, weil meist nicht so viel auf dem Spiel steht.

Aber eines können Sie immer machen: Sie können in sich hineinhorchen, warum genau sich diese Unfreundlichkeit des anderen für Sie ungut anfühlt. Dahinter sind nämlich Ihre ureigenstenen „Unfreundlichkeits-Themen“ versteckt, die meist ineinander verflochten sind. Diese können zum Beispiel sein:

  • Sie sind gegenüber anderen auf genau die gleiche oder ähnliche Art und Weise unfreundlich und haben das bislang selbst nur noch nicht gemerkt. Arbeiten Sie an Ihrer eigenen Unfreundlichkeit, in dem Sie sich selbst beobachten, warum Sie sich so verhalten wie Sie es tun!
  • Sie behandeln sich selbst auf genau die gleiche oder ähnliche Art und Weise unfreundlich, was Ihnen nur noch nicht bewusst war. Warum sind Sie selbst unfreundlich zu sich? Aus Pflichtgefühl gegenüber jemand anderen? Weil man Ihnen das so beigebracht hat und es sich deshalb für Sie selbst „normal“ anfühlt? Maßnahme siehe oben.
  • Sie verbieten sich selbst eine solche Unfreundlichkeit und erlauben Sie anderen deshalb auch nicht. Denken Sie bitte daran: Sie haben keinen Erziehungsauftrag für andere! Und außerdem: Warum verbieten Sie sich dasselbe Verhalten? Ist es wirklich unfreundlich? Oder nur Selbstbehauptung?
  • Sie verbieten sich selbst – aus welchem Grund auch immer – die Selbstbehauptung. Werden Sie sich bewusst: Sie entscheiden darüber, wie Sie sich behandeln lassen! Niemand sonst! Sie dürfen sich zur Wehr setzen und Ihren Standpunkt vertreten. Und wenn der andere das nicht zulassen will, ist das vielleicht jemand, den man besser meidet.
  • Sie sind in Ihrer Stimmung emotional abhängig davon, dass andere freundlich sind und gute Laune haben. Zeit, erwachsen und unabhängig zu werden! Wer dauer-unfreundlich ist, gehört vielleicht besser gar nicht in Ihren Freundes- und Bekanntenkreis. Ansonsten darf jeder auch mal schlechte Laune haben.
  • Sie wünschen sich Anerkennung von demjenigen, der Sie unfreundlich behandelt und halten deshalb den Mund. Seien Sie sicher: Ihre Unzufriedenheit wird irgendwann so groß, dass Sie explodieren, und dann stehen Sie das „der Dumme“ da, der selbst unfreundlich ist.

Es gibt eine wohlerzogene Art von Freundlichkeit, die nicht wirklich echt ist. Manche Menschen erkennen den guten Willen, der dahinter steckt und nehmen sie positiv. Manch andere empfinden das als künstlich und reagieren eher ablehnend darauf. Der einzige Garant für echte, ehrliche Freundlichkeit ist, wenn man bereit ist, grundsätzlich das eigene Wesen zu erforschen und Lebendigkeit und Liebe in sich zu entdecken. Allein die Freundlichkeit an der Oberfläche kann man kaum ändern. Aber es ist in jedem Fall ein guter und wertvoller Anfang!

 

KatrinNr. 20: Wie freundlich begegnen Sie der Welt?