Nr. 21: Kennen Sie Ihre Maske?

Sicher haben Sie bei dem Wort „Maske“ schon so eine Vorstellung davon, was das ist, oder? Es ist der schöne Schein dessen, wie Sie sich gegenüber sich selbst und anderen darstellen wollen. Es ist gewissermaßen die Marketing-Strategie, die Sie im Laufe Ihres Lebens für sich selbst entwickelt haben und wie Sie sich der Welt verkaufen wollen. Da die Grundsteine dafür schon in der Kindheit gelegt werden, sind die wesentlichen Bestandteile lange unbewusst. Wer dementsprechend wenig entwickelt und reflektiert ist, glaubt tatsächlich, so wie seine Maske zu sein, und reagiert auf anders lautendes Feedback von anderen nach dem Motto: „Wie? Ich? Ich doch nicht!“ oder weicht einem Gespräch darüber ganz aus. Wer sich hingegen schon ein bisschen besser kennt, beobachtet sich selbst und fragt sich gelegentlich: „Warum verhalte ich mich so? Ich bin doch vom Wesen her eigentlich ganz anders.“ Der nächste Entwicklungsschritt ist, dass man die Maske nur noch in besonders angestrengten Situationen „auffährt“. Wer richtig entwickelt ist, hat seine Maske abgelegt und ist nach außen genau das, was auch tatsächlich in ihm ist. Übrigens sind von diesem Phänomen ca. 95% aller Menschen betroffen, weshalb man sich für seine Maske keinesfalls schämen muss. Es geht einzig und allein darum, sie zu erkennen, damit man sie auflösen kann.

Warum überhaupt eine Maske? Und wie kann sie aussehen?

Wie alles im psychologischen Make-up eines Menschen haben auch Masken ihren Sinn und Zweck und weisen deshalb eine gewisse Logik im Sinne einer „Psycho-Logik“ auf. Sie sind ein Bestandteil des Ego, und das Ego will in aller erster Linie eines erreichen: Schutz, und zwar in allen denkbaren Varianten. Das ist Schutz im Sinne von Abwehr, Abgrenzen und Einschüchtern, im Sinne des Herausstellen der eigenen Unvergleichlichkeit und Unangreifbarkeit oder als offene Aufforderung, dass andere den Schutz für einen übernehmen sollen und nicht angreifen dürfen. Dass dieser Schutz gleichzeitig Mauern zu anderen Menschen errichtet oder die eigene Autonomie leugnet, ist dem Ego schnuppe. Denn Masken verbergen den wahren Menschen dahinter, sodass für andere nur derjenige Bruchteil wahrnehmbar wird, den dieser Mensch unbewusst für sein Idealbild hält.

Masken sind individuell und können verschiedene und unterschiedlich viele unterschiedlich ausgeprägte Bestandteile haben. Wenn Sie bis hierhin gelesen haben, ist Ihnen vielleicht bereits ein besonders prägnanter Aspekt Ihrer Maske durch den Kopf gegangen. Hier noch ein paar sehr typische Beispiele:

  • „Ich bin stark. Mich haut nichts um.“
  • „Ich brauche Schutz und komme allein nicht zurecht.“
  • „Ich bin schwach.“
  • „Ich bin friedfertig und kann keinem etwas zuleide tun.“
  • „Ich bin sanft und einfühlsam.“
  • „Ich bin demütig.“
  • „Ich will Spaß. Traurigkeit kenne ich nicht.“
  • „Ich bin anders als andere.“
  • „Ich bin rational.“
  • „Ich bin vorbildlich und halte mich an die Regeln.“
  • „Ich bin (Lebens-)Künstler.“
  • „Ich bin ein Rebell.“
  • „Ich habe für alles Verständnis.“
  • „Ich liebe alle Menschen.“
  • „Ich weiß immer über alles bestens Bescheid.“

Die Wirkung von Masken

Da es bei einer Maske immer um eine einseitige Idealisierung geht, die nie der vollen Wahrheit entspricht, führen Masken leicht dazu, dass ein Mensch auf seine Maske reduziert oder – wenn die Maske leicht durchschaubar ist – nicht ernst genommen wird. Wer eine Maske mit einem starken „Ich bin stark“-Aspekt hat, wird entweder als ausschließlich stark und nie schwach wahrgenommen, was nie der Wahrheit entsprechen kann, weil jeder Mensch stark und schwach ist und eine Balance dieser Qualitäten gesund ist. Oder er wird nicht richtig für voll genommen, weil jeder auf den ersten Blick sofort erkennen kann, dass diese Maskerade nicht der Wahrheit entspricht, was aber auch nie vollständig stimmen kann, weil jeder Mensch – auch der schwächste – seine Stärken hat. Mit anderen Worten: Eine Maske führt unweigerlich dazu, dass ein Mensch verzerrt wahrgenommen wird.

Das ist für den Betreffenden ebenso schwierig wie für andere. Denn in seinem Herzen hat jeder Mensch einen ganz großen (vielleicht auch nur unbewussten) Wunsch: So gesehen und angenommen zu werden, wie er tatsächlich ist. Wer eine Maske trägt und daran festhält, macht es anderen Menschen denkbar schwer, ihm diesen Wunsch zu erfüllen. Außerdem führen Masken oft dann zu Konflikten, wenn einem Menschen mal ein Verhalten herausrutscht, dass nicht zu der eigenen Maske passt. Das führt bei mangelnder Bewusstheit der eigenen Maske zu Scham und Verleugnung, weil man ja nicht anders sein will, als man zu sein vorgibt. Das wiederum verwirrt den anderen, der ja genau mitbekommen hat, wie der andere sich verhalten hat. Jedes Gespräch darüber wird heikel.

Und noch eine Wirkung hat die Maske, die man nicht unterschätzen darf: Wer sich hinter einer Maske versteckt, nimmt sich selbst die Möglichkeit, sich selbst auch einmal ganz anders zu erfahren und dadurch neues Terrain in sich zu entdecken. Die menschliche Seele hat so unendliche Tiefen, viele Schichten und zahlreiche Facetten, die sie am liebsten alle erfahren möchte. Denn dadurch wird sie zum einen nach und nach in der Erfahrung ihrer selbst vollkommen, was ihr Lebenszweck ist. Zum anderen erweitert das ihren Horizont dafür, andere Seelen besser verstehen zu können. Denn wer weiß, wie sich etwas anfühlt, kann besser nachvollziehen, wie es einem anderen in einer vergleichbaren Situation geht.

Wie Sie Masken auflösen können

Im ersten Schritt geht es – wie immer – darum, sich selbst zu beobachten und die eigene Maske vollständig auszumachen und zu verstehen. Im zweiten Schritten können Sie Ihre Maskenaspekte abgleichen damit, wie Sie sich innerlich fühlen: Welche Eigenschaft verstärken Sie und warum? Wie kann das auf Ihre Mitmenschen wirken? Wo übertreiben Sie eine Eigenschaft und warum? Welche Eigenschaft wollen Sie verbergen und warum? Denken Sie daran: Jede Eigenschaft eine besondere positive Qualität. Welchen Vorteil versprechen Sie sich davon, dass Sie sie trotzdem verstecken? Kann es sein, dass Sie sich damit manchmal selbst im Wege stehen? Können Sie jetzt vielleicht sogar Situationen in Ihrem Leben erinnern, in denen Sie sich mit Ihrer Maske Chancen genommen haben?

Eine weitere, ganz entscheidende Frage, die über die Maske hinausgeht, ist: Wollen Sie weiter Versteckspiel spielen oder sich endlich zeigen als der- oder diejenige, der oder die Sie in Wirklichkeit sind? Trauen Sie sich das? Oder haben Sie Hemmungen? Spüren Sie gar Scham dafür, sich wirklich so zu geben und zu zeigen, wie Sie sind? Dann werden Sie Ihre Maske endgültig nur dann ablegen können, wenn Sie mit diesen Fragen zu Rande gekommen sind. Davon wird mein nächster Artikel handeln.

 

 

 

Bildrechte: David Shankbone „Day 36 Occupy Wall Street“; Quelle: www.piqs.de

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