Nr. 23: Wollen Sie im Himmel oder in der Hölle leben?

Daskalos, der einer der größten Heiler des 20. Jahrhunderts war und auf Zypern gelebt hat, hat in seinen Vorträgen einen Satz gesagt, der mir nachhaltig in Erinnerung geblieben ist. Er lautet sinngemäß: „Jeder Mensch entscheidet selbst, ob er im Himmel lebt oder aber in der Hölle.“ Es ist so wahr: Ob Sie im Himmel oder in der Hölle leben, hängt einzig und allein von Ihnen selbst ab. Sie können den Himmel auf Erden erleben oder aber sich selbst das Leben zur Hölle machen.

Mit Himmel oder damit, wenn von Gott im Himmel die Rede ist, wird meistens ein Ort außerhalb und zwar über uns assoziiert. Diese Assoziation ist falsch. Jesus hat gesagt:

„Das Reich Gottes ist inwendig in euch.“ (Luk 17,21)

Mit anderen Worten: Der Himmel ist in uns selbst! Wir müssen nicht irgendwohin gehen, um in den Himmel zu kommen, sondern in uns hineingehen. Wenn ein Mensch stirbt, entweicht seine Seele auch nicht nach oben aus dem Körper, sondern zieht sich innerlich in eine andere Dimension zurück, auch wenn das mit unseren Maßstäben einer dreidimensionalen Welt schwerlich vorstellbar ist. Aber die moderne Physik hat längst herausgefunden, dass es unendliche Dimensionen jenseits unserer dreidimensionalen Welt gibt. Nur weil man sich das als Laie nicht vorstellen kann, heißt das nicht, dass es das nicht geben kann.

Und das gleiche gilt natürlich für die entsprechende Dualität, für die Hölle. Wenn wir uns gegen den Himmel entscheiden, ist die Hölle in uns. Und wenn wir dann sterben, zieht sich unser Bewusstsein in die entsprechenden höllischen Sphären zurück.

Nach meinem Verständnis wollte Daskalos uns darauf aufmerksam machen, dass WIR SELBST entscheiden – und niemand sonst! –, ob wir unsere Aufmerksamkeit darauf konzentrieren wollen, unser himmlisches Bewusstsein auf der Erde zu verwirklichen oder aber unser höllisches Bewusstsein. Dementsprechend leben wir dann im Himmel oder in der Hölle. Es ist nicht Gott, der uns dem Himmel oder der Hölle zuweist. Wir selbst sind es. Und die Entscheidung, ob wir im Himmel oder in der Hölle leben wollen, ist weniger eine Grundsatzfrage, die man sich einmal im Leben beantwortet, und dann ist gut damit. Wir treffen diese Entscheidung tatsächlich in jedem einzelnen Moment unseres Lebens. Jemand lacht uns an und grüßt uns. Grüßen wir freundlich zurück oder drehen wir uns weg? Der Bus ist voll, und eine alte, gehbehinderte Frau steigt ein. Bieten wir ihr unserem Platz an oder vertiefen uns in unsere Zeitung und hoffen, dass jemand anderes aufsteht? Treten wir für uns selbst ein, wenn wir angegriffen oder abgewertet werden? Oder nehmen wir es – so wie immer – resigniert hin? Die Summe unserer vielen kleinen Einzelentscheidungen ist maßgeblich dafür, ob wir uns insgesamt himmlisch oder höllisch fühlen. Und gleichzeitig erschaffen wir mit unseren vielen kleinen Einzelentscheidungen auch das Leben, das wir in Zukunft führen werden, also ob wir künftig im Himmel oder in der Hölle leben werden.

Das leuchtet, wenn man das so liest, ohne weiteres ein, oder? Es hat aber zwei Haken:

Die meisten Menschen leben ihr Leben im „Schlafmodus“. Das heißt, sie bekommen gar nicht mit, dass eine Situation vorliegt, in der man sich entscheiden kann. Ich erlebe es oft, dass Menschen, die ich angelächelt habe, mich einfach nur mit unveränderter Mine zurück ansehen. Ich frage mich dann: Hat mein Lächeln sie emotional nicht erreicht, weil sie sich von einer freundlichen Geste nicht berühren lassen können? Können sie es nicht wahrnehmen, weil sie es nicht gewohnt sind, ohne jeden Anlass angelächelt zu werden? Oder sind sie mit ihren Gedanken woanders? Sind sie vielleicht gerade unglücklich? Oder sind sie misstrauisch, weil sie denken, dass ich etwas von Ihnen will? Oder lächeln sie grundsätzlich keine Fremden an? Oder ist ihnen so viel durch den Kopf gegangen, dass sie so schnell nicht entscheiden konnten, wie sie darauf reagieren sollen, und haben deshalb einfach gar nicht reagiert? Das ist jetzt ein sehr einfaches Beispiel, aber man kann es 1:1 auf alle alltäglichen Entscheidungen anwenden, die ein Mensch tagtäglich zwischen dem Aufstehen und dem Zubettgehen zu treffen hat. Und die meisten Menschen machen halt alles so, wie sie es schon immer gemacht haben. Sie kommen gar nicht auf die Idee, dass sie auch eine andere oder neue Entscheidung treffen könnten, weil sie die Situation nicht als Entscheidungsmöglichkeit erkennen können oder wollen.

Zu diesen Menschen gehören Sie ganz sicherlich nicht. Denn sonst würden Sie diesen Artikel gar nicht lesen. Aber beobachten Sie sich selbst doch einmal, wie Sie sich selbst im Alltag verhalten: Nehmen Sie Möglichkeiten wahr, dass Sie sich in jedem Moment entscheiden können, sich anders zu verhalten als bisher? Können Sie spüren, dass manche Ihrer Verhaltensweisen sich „himmlisch“, andere hingegen „höllisch“ anfühlen? Können Sie bei sich selbst sogar feststellen, dass Sie manches automatisch so machen, wie Sie das schon immer gemacht haben? Wie reagieren Sie darauf, wenn jemand freundlich auf Sie zukommt? Nehmen Sie andere Menschen bewusst wahr? Oder leben Sie grundsätzlich mit einer Art virtuellem Sturzhelm auf dem Kopf, der Sie von anderen Menschen abschottet?

Der zweite schwierige Aspekt an Entscheidungen ist, dass sie Mühe machen: Man muss abwägen, welche Folgen sie haben könnten, wie sie von anderen aufgenommen und verstanden werden, ob man dadurch Nachteile erleiden könnte und so weiter. Deshalb ist eine beliebte Strategie: Einfach gar keine Entscheidung fällen! So nach dem Motto: „Wenn ich nichts mache, kann ich nichts falsch machen.“ Das ist ein grober Irrtum. Denn keine Entscheidung ist auch eine Entscheidung. Keine Entscheidung zu treffen kann genauso schwere Folgen haben und sogar noch schwerere, als eine Entscheidung zu treffen, die sich hinterher als falsch herausstellt. Dabei ist grundsätzlich gar nichts dagegen einzuwenden, keine Entscheidung zu treffen. Denn manchmal sind Dinge noch nicht entscheidungsreif. Manchmal ist man sich noch nicht darüber schlüssig, wie man sich entscheiden will. Manchmal haben andere Entscheidungen eine höhere Priorität. Es gibt viele Gründe, weshalb man von einer Entscheidung absehen wollen kann. Aber auch das ist eine Entscheidung. Achten Sie doch einmal bewusst darauf, wann und wie oft Sie in dem Glauben handeln, keine Entscheidung zu treffen! Und machen Sie sich dann klar: Genau das war gerade eine Entscheidung von mir!

Um auf das Zitat von Daskalos zurückzukommen: Wie sieht es mit Ihren alltäglichen Entscheidungen aus? Führen sie dazu, dass Sie im Himmel leben? Oder aber eher in der Hölle? Können Sie erkennen, wo Sie sich vielleicht selbst das Leben schwer machen? Können Sie sehen, dass Sie einen Entscheidungsspielraum haben? Denn den gibt es immer! Zumindest die innere Einstellung dazu, was man erlebt, kann man ändern. Oder noch abstrakter gefragt: Führen Ihre alltäglichen Entscheidungen dazu, dass Sie das Leben leben, das Sie leben wollen? Können Sie genau benennen, in welchen Bereichen Ihres Lebens Sie sich himmlisch fühlen und in welchen höllisch? Liegt das an den vielen kleinen alltäglichen Einzelentscheidungen oder etwa daran, dass Sie sich darum drücken, eine Grundsatzentscheidung zu fällen?

Und die wichtigste Entscheidung überhaupt: Haben Sie sich entschieden, in Ihrem Leben überhaupt wirklich hinzugucken, ob und wo Sie im Himmel oder in der Hölle leben?

Von Jorge Bucay stammt die Geschichte, dass ein Vater mit seinem Sohn den Zirkus besucht. Als sie an einem großen Elefanten vorbeigehen, der mit einer Kette an einen einfachen Holzpflock gekettet ist, fragt der Sohn den Vater: „Du, Vati, wie kommt es eigentlich, dass der große Elefant da drüben nicht wegläuft? Die dünne Kette müsste er doch locker durchreißen können, wenn er weggeht? Elefanten sind doch so stark!“ Der Vater stutzt erst, weil ihm das gar nicht aufgefallen wäre; es erscheint ihm so normal, dass große Elefanten durch dünne Ketten am Weglaufen gehindert werden. Glücklicherweise kommt ihm ein Gedankenblitz: „Weißt Du, Sohn, das ist so: Wenn der Elefant noch klein ist, wird er mit der Kette an den Pflock gekettet. Und als kleiner Elefant hat er noch nicht die Kraft, die Kette durchzureißen. Er versucht es vielleicht ein paar Mal und gibt dann irgendwann auf. Und versucht es nie wieder. Deshalb kommt er gar nicht auf die Idee wegzulaufen.“

Wie ist es mit Ihnen? Wollen Sie sich die Ketten angucken, die Sie in der Hölle festhalten?

 

 

Bildrechte: Vinoth Chadar „Chained“; Bildquelle: www.piqs.de

 

 

 

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