Nr. 24: Warten Sie auf den Erlöser?

Wenn Sie auf einen Erlöser warten, dann warten Sie vergebens. In spirituellen Kreisen ist bekannt, dass Christus demnächst wieder auf die Erde kommen wird. So ist es auch in der Offenbarung des Johannes angekündigt. Allerdings irrt, wer glaubt, Christus werde in personifizierter Form noch einmal auf den Plan treten. Es ist vielmehr das Christusbewusstsein, das alle erfüllen wird, die dafür vorbereitet sind. Und wer ist dafür vorbereitet? Derjenige, der sich bewusst dafür entscheiden hat, den Weg zurück zu Gott einzuschlagen, und diesen Weg konsequent verfolgt. Wer diese Entscheidung ernsthaft, aufrichtig und vollen Herzens getroffen hat, wird feststellen: Wer nur einen Schritt auf Gott zugeht, dem kommt Gott zehn Schritte entgegen. Aber Gott wird Sie niemals aus der Eigenverantwortung entlassen. Gott hilft Ihnen, den Weg zu finden, wenn Sie ihn darum bitten. Gehen müssen Sie den Weg immer selbst.

Dass sich die Häufigkeit persönlicher, nationaler und auch globaler Krisen im Moment häuft, ist übrigens kein Zufall. Die Botschaft dieser Krisen ist: Überdenkt, wie Ihr Euch heute ausrichten wollt! Wollt Ihr dem alten Denken verhaftet bleiben oder Euer Leben neu ausrichten?

Wie der Weg zurück zu Gott aussieht

Dass es uns heute möglich ist, zu Gott zurückzukehren, haben wir Jesus Christus zu verdanken. Er ist diesen Weg gegangen und hat diesen damit gleichzeitig für uns bereitet. Deshalb ist Jesus Christus unser aller Erlöser. Aber auch Jesus Christus konnte und kann uns nicht abnehmen, den Weg, den er bereitet hat, auch wirklich zu gehen. Allein der Glaube an Jesus Christus kann niemanden erlösen. Vielmehr hat Jesus Christus die Menschen immer wieder aufgefordert: „Nehmt Euer Kreuz auf Euch und folgt mir nach!“ (vgl. Matth 10, 38; 16, 24; Mark 8, 34; Luk 9, 23; 14, 27). Dabei ist das Kreuz, das uns Jesus Christus aufgefordert hat, auf uns zu nehmen, natürlich kein echtes Holzkreuz, an dem wir körperlich schwer zu schleppen hätten. Das Kreuz, das wir auf uns nehmen sollen, ist, dass wir den Weg in die Bewusstheit gehen und alle unsere niederen Eigenschaften wie etwa Hass, Feindseligkeit, Lieblosigkeit, emotionale Abhängigkeit und so weiter in uns erkennen und transformieren. Denn das ist der Weg, wie wir Gott wieder näher kommen können.

Übrigens ist Jesus Christus mit Blick auf genau diese Botschaft von einem seiner prominentesten Jünger missverstanden worden. Judas hat Jesus nicht verraten, weil er ein Mensch von niederer Gesinnung war. Als solcher hätte Judas niemals Zutritt zum illustren Kreis der Jünger Jesu gehabt. Judas’ Beweggrund war ganz einfach der, dass er von Jesus enttäuscht war. Denn Judas hatte immer gehofft, dass Jesus „der König über die Menschen“ werden würde, der endlich – anders als die damals führende Schicht – für Gerechtigkeit auf Erden sorgen würde. Als Judas merkte, dass Jesus dieser Erwartung nicht entsprechen würde, war er enttäuscht und hat ihn verraten. Judas hat schlicht nicht verstanden, dass Jesus Eigenverantwortung als Lösung aller gesellschaftlichen Probleme gepredigt hat, sondern auf einen Erlöser im Außen gesetzt. Judas’ Verrat ist zwar kein feiner Zug gewesen, aber ein menschlicher Fehler, der jedem unterlaufen kann. Oder ist es Ihnen noch nie passiert, dass Sie jemanden – auf welche Art und Weise auch immer – „verraten“ haben, der Sie enttäuscht hat? Die Botschaft, die hinter der Geschichte von Judas’ Verrat steht, ist eindeutig: Wer einen Erlöser im Außen sucht, statt die volle Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen, der verrät Jesus Christus.

Warum der Weg für jeden anders aussieht

Menschen unterscheiden sich von einander grundlegend. Durch jeden Menschen drückt sich höchst individuelles Bewusstsein aus. Zwar ist der „Stoff“, aus dem wir Menschen gemacht sind, der gleiche: Einerseits geistiges Bewusstsein, andererseits Fleisch und Blut. Deshalb sind alle Menschen gleich „wertvoll“. Gleichwohl bringt jedes Bewusstsein andere Neigungen, Talente und über viele Inkarnationen gesammelte Erfahrungen mit, weshalb es keine zwei gleichen Menschen geben kann.

Außerdem unterscheiden sich Menschen mit Blick auf den Stand ihrer spirituellen Entwicklung: Es gibt sogenannte „junge“ Seelen, die erst vergleichbar wenige Inkarnationen durchlaufen haben und deshalb noch relativ am Anfang ihrer Entwicklung stehen, bis hin zu „alten“ und sehr erfahrenen Seelen, die durch eine größere Anzahl von Inkarnationen schon weiter entwickelt sind. Diese spirituelle Tatsache hat übrigens auch die weltliche Psychologie bereits verifiziert: Es gibt eine Reihe von Entwicklungsmodellen, die Aufschluss geben über die Entwicklung von Menschen. Namentlich das aus meiner Sicht bekannteste, nämlich das von Don Beck und Chris Cowan herausgearbeitete Modell der „Spiral Dynamics“, das auf den Forschungen von Clare W. Graves beruht, ist allgemein akzeptiert und wird seit Jahrzehnten in der Wirtschaft wie in der Politik angewandt. Dieses Modell zeigt sehr anschaulich auf, dass Menschen auf unterschiedlichen Entwicklungsstufen stehen und deshalb in ihrem Denken und Handeln gemäß ihrer Entwicklungsstufe unterschiedlich ausgerichtet sind. Auch Beck und Cowan machen dabei deutlich: Es geht nicht um eine „qualitative“ Bewertung der Menschen, sondern allein um eine Tatsache, die für das gesellschaftliche Miteinander berücksichtigt werden muss, wenn Menschen gemeinsam etwas erreichen wollen. Für die spirituelle Entwicklung spielt das Seelenalter ebenfalls eine wichtige Rolle: Alten und erfahrenen Seelen wird in Sachen Läuterung mehr abverlangt als jungen und unerfahrenen Seelen, einfach weil erstere aufgrund ihrer Erfahrung mehr Potential haben. Das höhere Potential bedeutet schlicht und ergreifend größere Verantwortung. Mit anderen Worten müssen alte Seelen mehr Arbeit in ihre spirituelle Entwicklung stecken, um ein befriedigendes Leben zu führen, als junge Seelen. Das erklärt auch, warum manche Menschen es im Leben scheinbar (!) leichter haben als andere: Eben weil jüngeren Seelen weniger abverlangt wird. Aber hier liegt die Betonung auf „scheinbar“. Denn da die individuellen Anforderungen am individuellen Potential ausgerichtet sind, stellt das scheinbar „leichtere“ Leben subjektiv eine ebenso große Herausforderung dar wie ein scheinbar „schwereres“.

„Ersatzeltern“ sind auch keine Lösung

Sehr viele Menschen projizieren ihren unbewussten Wunsch nach einem Erlöser auf andere Menschen. Dieses Verhaltensmuster rührt aus der Kindheit her, denn als Kind hatte jeder Eltern, die für das eigene Wohl und Wehe „erlösergleich“ verantwortlich waren. Weil es leichter ist, keine Verantwortung für das eigene Leben und Wohlbefinden zu übernehmen, halten viele – wenn auch meist unbewusst – an dieser kindlichen Rolle fest. Eine Rolle spielt auch oft, dass die Fürsorge der leiblichen Eltern Defizite aufwies, weshalb der Betroffene – meist unbewusst – ein Leben lang danach trachtet, diese Defizite doch endlich wenigstens nachträglich erfüllt zu bekommen. Offensichtlich ist das nur bei wenigen, nämlich bei denjenigen vom biologischen Alter her „Erwachsenen“, die sich tatsächlich noch nicht von den eigenen Eltern gelöst haben und deshalb in der persönlichen Entwicklung ein Kind ihrer Eltern geblieben sind, das von den Eltern – finanziell, emotional oder sogar in den praktischen Belangen des Lebens – versorgt, behütet und beschützt werden will. Aber selbst Menschen, die von außen erwachsen und selbstständig wirken, suchen nicht selten in anderen Menschen „Ersatzeltern“, die liefern sollen, was früher die Eltern geleistet haben oder hätten leisten sollen: Kindgleiche Versorgung in finanzieller und/oder emotionaler Hinsicht. Prädestinierte Zielobjekte dieser „Versorgungsansprüche“ sind Ehepartner, Vorgesetzte, politische Führer und manchmal sogar Mitarbeiter oder die eigenen Kinder. Der Tenor dieser Versorgungsansprüche ist immer mehr oder weniger der gleiche; er wird selten explizit in Worten ausgesprochen, sondern eher als stillschweigende Geschäftsgrundlage vorausgesetzt. In Worte gefasst lautet er: „Du bist dafür verantwortlich, dass es mir gut geht!“ Wer so durch sein Leben geht, darf sich nicht wundern, wenn er/sie sich leer und unerfüllt fühlt. Denn Erfüllung kann nie von außen kommen. Denn:

Sie haben alles, was Sie brauchen, – zumindest als Potential – in sich!

Erfüllt und in Fülle leben, kann nur, wer in sich Erfüllung und Fülle fühlen kann. Am anschaulichsten kann man das nachvollziehen an Menschen, die aus wirtschaftlicher Sicht steinreich sind und trotzdem nach jedem einzelnen Cent gieren. Diese Menschen leiden in ihrem Inneren an Verarmungsängsten und können daher ihren Reichtum innerlich nicht fühlen und dementsprechend auch nicht genießen. Tatsächlich sind diese Menschen nicht reich, sondern arm und getrieben. Ebenso kennt jeder Menschen, die in wirtschaftlich sehr bescheidenen Verhältnissen leben und die erfüllt und glücklich sind. Äußerer Reichtum hat also keinen Einfluss darauf, ob ein Mensch in Fülle lebt. Gleiches gilt auch für die Liebe: Wer in sich keine Liebe fühlen kann, ist außerstande, Liebe zu geben und zu empfangen, und wird sich entsprechend arm fühlen, und zwar unabhängig davon, wie viel Aufmerksamkeit, Zuwendung und vielleicht sogar Liebe ihm/ihr von außen tatsächlich entgegen gebracht wird. Und genau dieses innere Gefühl von Reichtum, Fülle und Liebe kann nur ein einziger Mensch in Ihnen aktivieren: Nämlich Sie selbst! Auch wenn es Ihnen im Moment noch nicht fühlen und Sie mir deshalb vielleicht noch nicht glauben können: Sie tragen alles – zumindest als Potential – in sich. Wer dieses Potential in sich aktiviert, wird mit immer mehr Fülle beglückt werden. Wer sich allerdings nicht die Mühe machen will, dieses Potential zu heben, sondern darauf besteht, dass andere das Glück frei Haus „liefern sollen“, wird langfristig immer ärmer werden. Das ist gemeint mit dem Bibelspruch:

„Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden.“ (Matt. 25, 29)

Anstatt nach einem Erlöser zu suchen, stellt sich also die Frage: Wollen Sie sich selbst erlösen?

 

 

 

 

 

Bildrechte: Tony Fischer „Get Together in the Village“; Quelle: www.piqs.de

 

 

 

 

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