Nr. 26: Kennen Sie den Wert der Wut?

Gefühle generell haben in unserer angeblich so rationalen Welt keinen guten Ruf. Insbesondere Männer brüsten sich gern damit, dass sie sich angeblich ganz rational verhalten. Aus dem Stand fallen mir zehn Männer ein, die für sich in Anspruch nehmen, ganz und gar rational zu denken und zu handeln. Erstaunlicherweise legen alle diese zehn Männer in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen ohne erkennbaren Anlass veritable Wutausbrüche hin, die das Geschirr zum Klirren bringen können. Spricht man sie hinterher darauf an, streiten sie prompt ab. Nein, sie seien doch ganz rational. Was passiert in diesen durchaus verstandsbegabten Männern? Sie verleugnen ihre Gefühle. Und verleugnete Gefühle nutzen jede bestmögliche Gelegenheit, um sich Gehör zu verschaffen, und zwar gleichgültig, ob es dem „Gefühlsträger“ in dem Moment gerade in den Kram passt oder nicht. Und weil die Gefühle verleugnet werden, wird auch der Wutausbruch geleugnet. Ich muss nicht ausführen, dass das alles andere als erfreuliche Erfahrungen waren, oder? Aber immerhin habe ich viel daraus lernen können.

Frauen sind meist erfolgreicher darin, ihre Wut zu verleugnen, einfach weil sie dazu gezwungen sind. Denn die gesellschaftliche Norm sagt, dass wütende Frauen unweiblich sind. Was aber natürlich nicht heißt, dass die Wut der Frauen ins Nirwana verschwindet: Zicken, Jammern, Nörgeln sind nicht selten die gewählten Ersatzhandlungen. Offen gestanden, finde ich persönlich das genau so schwer erträglich wie unerklärliche Wutausbrüche. Will sagen: Männer und Frauen tun sich in Sachen Wut nichts; alle Menschen haben Probleme damit – am allermeisten diejenigen, die mit einem Brustton der Überzeugung sagen: „Ich? Wütend? Nie!“

Doch lassen Sie uns einen Blick hinter die Kulissen werfen, was eigentlich hinter dieser Wut stecken kann, die zweifelsfrei jeder Mensch in sich hat. Dabei wird deutlich werden: Wut ist nicht immer nur destruktiv. Wut kann durchaus konstruktiv und wertvoll sein!

Wut ist nicht gleich Wut!

Bei Wut muss man eine wichtige Unterscheidung treffen, die meines Wissens nach wenig bekannt ist:

Es gibt die sogenannte „alte“ Wut, die sich infolge unverarbeiteter Verletzungen in der Kindheit in den Zellen festgesetzt hat und jedes Mal wieder aufflammt, wenn man vergleichbare Verletzungen, die einem als Kind widerfahren sind, als Erwachsener erlebt. Und unter dieser „alten“ Wut verbirgt sich „alter“ Schmerz. Diese Alt-Gefühle können sich, wenn man sie das erste Mal spürt, extrem unangenehm anfühlen: Sie sind stechend und scharf und können einen schier zerreißen, weil die Energie dahinter so mächtig ist. Diese Mächtigkeit rührt daher, dass diese Wut und dieser Schmerz über mehrere Jahrzehnte und oft sogar über mehrere Inkarnationen hinweg verleugnet und unterdrückt worden sind. Deshalb ist ist mehr als verständlich, wenn sich Menschen scheuen, sich mit diesen alten Gefühlen auseinander zu setzen. Das Ego denkt sich: „Lieber den Deckel drauf halten! Viel zu gefährlich!“ Wer aber seine Seele befreien will, muss genau diesen Schritt tun: Den Deckel öffnen und diese alten Gefühle aufsteigen lassen, um sie dann vollumfänglich zu fühlen und dadurch zu transformieren.

Davon zu unterscheiden ist echte, aktuelle Wut, die durch eine konkrete Situation in der Gegenwart ausgelöst wird und der Situation angemessen ist: Wer zum Beispiel Opfer oder Zeuge einer Ungerechtigkeit, übler Nachrede, Hetze, einer Gemeinheit oder gar physischer Gewalt wird, reagiert zurecht mit Wut! Wut ist das Gefühl, das zum Handeln und Reagieren auffordert. Wer wütend ist, hat die Power aufzustehen und zu sagen: So nicht! Diese Wut ist lebendig und wirkt wie ein kalter Regenguss, der die Atmosphäre reinigt. Hat sie sich aber entladen, ist sie vorbei – anders als die „alte“ Wut, die einem noch tagelang hinterher hängen kann.

Die „alte“ Wut, die die Liebe vertreibt und das Leben vergällt

Ausnahmslos alle Menschen tragen „alte“ Wut und „alten“ Schmerz in sich, solange diese Alt-Gefühle nicht komplett durchgefühlt und dadurch transzendiert worden sind in das, was eigentlich in ihnen steckt: Positive Energien wie Tatkraft, Freude, Liebe und Frieden. Wer sich diesen Depots „alter“ Wut und „alten“ Schmerzes in sich nicht stellt, wird unter Umständen nicht nur geplagt von Wutausbrüchen, die unkontrolliert aus einem hervorbrechen, sondern nicht selten auch von emotionaler Missgestimmtheit, Depression und Wankelmut oder gar von physischen Beschwerden wie Erschöpfung, Übergewicht, Bluthochdruck oder gravierenden Krankheiten. Der Körper trägt wahrlich schwer an unterdrückter Wut. Und unterdrückte alte Wut ist eine echte Belastung für jede Liebe, weil sie einen Dinge sagen lässt, die richtig weh tun können!

Diese Alt-Gefühle sind weniger das Ergebnis dessen, was einem die Eltern in der Kindheit „zugefügt“ haben. Da es keine perfekten Menschen gibt, sind auch Eltern nicht perfekt und können deshalb gar nicht umhin, in der Kindererziehung Fehler zu machen. Und denken Sie immer daran: Ihre Seele hat sich Ihre Eltern für diese Funktion ausgesucht, um bestimmte Erfahrungen zu machen. So gesehen hat Ihre Seele bestimmte Erziehungsfehler Ihrer Eltern also vor Ihrer Inkarnation „gebucht“, weil sie für den Läuterungsprozess, der in der anstehenden Inkarnation durchlaufen werden soll, notwendig sind. Entscheidend ist also weniger, welche Fehler genau die Eltern gemacht haben, sondern vielmehr wie die Seele des Kindes diese Fehler verarbeitet. Und bei genau diesem Prozess kommt zum Tragen, dass Kinder eben nicht als unbeschriebene Blätter auf diese Erde kommen, sondern für diese Inkarnation ein bestimmtes „Läuterungs-Programm“ in der Seelensubstanz tragen. Die Seelensubstanz im Kind sorgt sozusagen dafür, dass die Erziehung der Eltern im späteren Leben zu bestimmten Problemen im Umgang mit Wut führt, die dem dann Erwachsenen die Möglichkeit der Läuterung bieten.

Das ist im Übrigen auch der Grund dafür, warum manche Kinder eine schwere Kindheit relativ unbeschadet überstehen, während andere Kinder aus einer vergleichbar weniger schwierigen Kindheitssituation gravierende Schäden davon tragen: Die Seelensubstanz von Kindern ist eben – je nachdem, was ein Kind aus früheren Inkarnationen mit sich bringt – mehr oder weniger empfänglich für bestimmte psychische Probleme. In der Psychologie wird der Umstand, dass einige Kinder eine schwierige Kindheit ohne gravierende Folgen überstehen, übrigens als „Resilienz“ bezeichnet. Über die Frage, was die Ursachen und Faktoren für Resilienz sind, stellt die Psychologie aber bislang nur Mutmaßungen an. Tatsächlich lässt sie sich nur damit erklären, dass Menschen auf der Erde diverse Inkarnationen durchlaufen.

Angesichts der Tatsache, dass „alte“ Wut ihre Wurzeln in der Kindheit und in vorangegangenen Inkarnationen hat, dürfte schon klar sein, dass ein Auflammen dieser alten Wut nie der gegenwärtigen Situation gerecht wird. Denn sie rührt her aus lange vergangenen Zeiten und hat nichts mit dem aktuellen Geschehen zu tun. Das Ausagieren dieser „alten“ Wut ist deshalb immer unangemessen und destruktiv. Wer sich von seiner alten Wut befreien will, sollte dies immer in einem Setting tun, in dem sichergestellt ist, dass niemand dadurch zu Schaden kommen kann. Das kann ein Coaching sein, können aber auch physische Aktivitäten wie Holzhacken, Boxen oder auf Kissen Einschlagen sein. Die Erleichterung, die einem das Durchfühlen dieser „alten“ Wut unter kontrollierten Bedingungen beschert, ist enorm!

„Echte“ Wut ist wie ein Tomatenmesser!

Wut ist ein machtvolles Gefühl, weil es eine aggressive Energie hat. Insofern kann man es mit einem Tomatenmesser vergleichen: Mit einem Tomatenmesser kann man Tomaten schneiden oder Menschen töten. Das Gleiche gilt für die Wut: Die Art und Weise, wie man sie entsetzt, entscheidet darüber, ob sie konstruktiv oder destruktiv ist. Wut ist also nicht per se schlecht! Gerade in spirituellen Kreisen genießt die Wut jedoch kein gutes Ansehen. Es herrscht der Irrglaube vor, dass Liebe und Wut nicht miteinander vereinbar seien und dass Wut unspirituell und unchristlich sei. Das stimmt nicht! Jesus Christus hat Wut ausdrücklich als legitimes Mittel anerkannt.

Es gibt in allen vier kanonischen Evangelien das Gleichnis der Tempelreinigung, in dem Jesus Christus wütend wird (siehe Matthäus 21,12ff; Markus 11,15ff; Lukas 19,45ff; Johannes 2,13–16): Als er in den Tempel kommt und sieht, dass sich dort die Händler und Geldwechsler mit ihren Ständen breit gemacht haben, wird er sauer, wirft die Tische um und ruft: „Macht meines Vaters Haus nicht zum Kaufhaus!“ (Johannes 2, 16).

Andere Situationen, in denen Wut sinnvoll und angemessen sein kann, sind zum Beispiel, um sich gegen einen Angriff zur Wehr zu setzen, um eine unerträglich gewordene Situation zu verlassen oder eine Ungerechtigkeit anzuprangern. Wann jedoch Wut in welchem Maße und wie ausgedrückt situationsgerecht ist, ist eine Frage des Einzelfalles, und insofern muss jeder für sich selbst eine Lösung finden. Regeln gibt es – wie immer! – hierfür nicht. Allerdings gibt es einige Konstellationen, in denen sie mit Sicherheit destruktiv ist:

Nicht selten werden Anlässe, die „echte“ Wut in der Sache durchaus rechtfertigen würden, dafür missbraucht, „alte“ Wut auszuagieren. Dass das nichts mit echter Wut zu tun hat und dementsprechend nicht konstruktiv sein, versteht sich von selbst. Denn die Heftigkeit der „alten“ Wut macht aus dem Tomatenmesser immer eine Mordwaffe! Wer im „Rauschzustand“ alter Wut ist, wird kaum in der Lage sein, die in der Sache an sich berechtigte aktuelle Wut angemessen zu artikulieren. Diese alten Gefühle haben, wenn man sie erst einmal zugelassen hat, eine unglaubliche Wucht. Außerdem ist den meisten Menschen in dieser Situation natürlich noch nicht einmal klar, dass ihre Wut nur sehr wenig mit dem aktuellen Geschehen zu tun hat, sondern ein Überbleibsel urlang verleugneter Gefühle ist und sie ihr Gegenüber nur als Sündenbock missbrauchen.

Ein weiterer Fall, in dem Wut außerdem in jedem Fall eine destruktive Wirkung hat, liegt vor, wenn es jemandem ausschließlich darum geht, seinen Willen gegen den Willen seiner Mitmenschen durchzusetzen, wenn also Wut mit dem Ziel der Durchsetzung von Macht zum Zweck der Einschüchterung missbraucht wird. Eine Situation, in der Menschen unterschiedliche, aber gleichermaßen legitime Ziele verfolgen und daher gegensätzliche Willensrichtungen haben, kann nur durch einen Kompromiss gelöst werden, in dem die Beteiligten eine Lösung erarbeiten, die möglichst allen beteiligten Interessen gerecht wird. Das ist – wie ich in meiner Tätigkeit als Mediatorin lernen durfte – schlechterdings unmöglich, wenn auch nur ein Beteiligter versucht, sich mit aller Macht und mit Hilfe von Wut durchzusetzen. Auch hier spielt meist die „alte“ Wut eine große Rolle.

Warum Wut von der Gesellschaft als „gefährlich“ angesehen wird

Echte konstruktive Wut zielt – wie wir gerade eben gesehen haben – auf die Veränderung bestehender Ungerechtigkeiten oder widriger Umstände ab. Und da durch jede Veränderung „Besitzstände“ bestimmter Personen oder Gruppen in Frage gestellt werden, tritt bei jedem Versuch einer Veränderung unvermeidlich Widerstand auf. Deshalb wird die Wut als Vorbote einer möglichen Veränderung in weiten Teilen der Gesellschaft unterdrückt und verleugnet. Das gilt sowohl auf der gesellschaftlichen Ebene, wenn es zum Beispiel um politische Veränderungen geht, als auch auf der familiären Ebene. Wenn Kinder wütend werden, weil sie sich von ihren Eltern ungerecht behandelt fühlen, werden die Kinder nicht selten mundtot gemacht und bestraft nach dem Motto: „Ein wütendes Kind ist ein böses Kind!“ Kein Wunder also, dass die Wut allseits gefürchtet ist, und zwar sowohl wenn man damit bei anderen konfrontiert wird, als auch wenn man sie in sich selbst wahrnimmt. Aber deshalb so zu tun, als gäbe es sie gar nicht, ist einfach nur irrational. Nichts verschwindet nur deshalb, weil man es „weghaben“ will. Gerade bei der Wut ist das glatte Gegenteil der Fall: Je mehr Wut unterdrückt und verleugnet wird, desto mehr sucht sie sich falsche Wege und Gelegenheiten um hervorzubrechen. Und dann ist Wut in der Tat gefährlich und führt nicht selten zu einem Scherbenhaufen!

Meine abschließende Frage an Sie: Wollen Sie sich der Wut in sich stellen und die darin gebundene Energie freisetzen? Nur wer sich diesem Prozess stellt, kann die Erleichterung erfahren, die damit einhergeht.

 

 

 

 

Bildrechte: Lisa Spreckelmeyer „Das letzte Streichholz“; Quelle: www.piqs.de

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