Nr. 28: Wissen Sie, wie Kommunikation gelingen kann?

Es gibt unendlich viele Modelle dazu, wie Kommunikation funktioniert. Mir persönlich gefällt am besten das Modell von Paul Watzlawick, das er in seinem Buch „Menschliche Kommunikation: Formen, Störungen und Paradoxien“ vorstellt, weil es so schön schlicht und einleuchtend ist. Watzlawick sagt, dass es in jeder Kommunikation zwei Ebenen gibt: Zum einen die Sachebene, auf der es um die Inhalte geht, die besprochen werden, und zum anderen die Beziehungsebene, auf der die Beziehung der Beteiligten zueinander definiert wird. Was auf der Beziehungsebene passiert, geschieht zwischen den Zeilen und im Wege der non-verbalen Kommunikation. Wird die Beziehung selbst zum Gegenstand der verbalen Kommunikation gemacht, nennt Watzlawick dies „Metakommunikation“, die natürlich auch wieder mit einer Beziehungsebene unterlegt ist.

Genau auf der Beziehungsebene liegt „der Hase im Pfeffer“ begraben: Wenn nämlich auf der Beziehungsebene eine Störung vorliegt, erschwert das die Kommunikation auf der Sachebene bzw. die Metakommunikation über die Beziehung. Und je größer die Störung auf der Beziehungsebene ist, desto schwieriger wird es, zu gegenseitigem Verständnis auf der Sachebene bzw. in der Metakommunikation zu gelangen. Auch wenn es wie ein Iterativ klingt: Auf der Beziehungsebene wird entschieden, ob und gegebenenfalls wie die Beziehung gestaltet, verändert oder auch beendet wird. Gelingende Kommunikation ist also ein wesentlicher Aspekt dafür, ob Beziehung gelingen kann.

Der „Machtkampf“ auf der Beziehungsebene

Auf der Beziehungsebene wird fast immer – meist unbewusst – darum gerungen, wer der Stärkere und wer der Schwächere ist. Dass sich zwei erwachsene Menschen entspannt auf Augenhöhe und mit dem Verständnis von Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung unterhalten, ist nach meinen Beobachtungen eine sehr seltene Ausnahmeerscheinung. Was aber Stärke und Schwäche in diesem Zusammenhang bedeutet, kann ganz viele unterschiedliche Ebenen haben, was oft zu totaler Verwirrung in der Kommunikation führt. Um ein paar typische Beispiele für unterschwellige Machtkämpfe um Stärke und Schwäche zu geben:

  • Wer setzt sich, seine Bedürfnisse und seine Interessen durch? Wer gibt nach?
  • Wer übernimmt im Gespräch die Führung und bestimmt Gesprächsinhalte und Timing? Wer ordnet sich unter?
  • Wer hat mehr Wissen? Wer ist „schlauer“? Wer hat „Recht“? Und wer ist insofern „unterlegen“?
  • Wessen Wahrnehmung ist maßgeblich?
  • Wer „tut mehr“ für die Beziehung?
  • Inwieweit werden die eigenen Gefühle und die des/der anderen berücksichtigt oder ignoriert?
  • Wer ist „der/die Gute“? Wer ist „der/die Schlechte“? Oder auch: Wer hat Schuld?
  • Wen trifft welche Verantwortung?
  • Auf der Ebene der non-verbalen Kommunikation: Wer dominiert energetisch? Wer nimmt sich energetisch zurück?

In gesunder Kommunikation wird insofern ein Verhältnis von gegenseitigem Geben und Nehmen hergestellt, mit dem alle Beteiligten insgesamt zufrieden sind und sich bereichert fühlen. Eine Störung entsteht dann, wenn mindestens einer der Beteiligten „zu kurz kommt“ oder sich auch nur so fühlt, als ob er oder sie zu kurz käme, obwohl das vielleicht gar nicht den objektiven Tatsachen entspricht. Dann kann sich der Machtkampf unter Umständen auch darauf verlagern, wer von den Beteiligten „am kürzesten kommt“ und deshalb Verständnis und Nachgeben vom anderen verlangen können „muss“.

Der Schlüssel, um Machtkämpfe aufzulösen

Machtkämpfe in Beziehungen und Kommunikation werden Sie nie dort – also direkt in den Beziehungen und in der Kommunikation – auflösen können. Für einen konkreten Konflikt mag sich irgendwie eine Lösung – zur Not mit Hilfe von Mediation oder schlimmstenfalls durch ein Gerichtsverfahren – finden lassen. Das ändert aber nichts daran, dass Ihnen Ihr persönliches „Machtkampf-Muster“ erhalten bleiben kann. Selbst wenn Sie nämlich für einen konkreten Konflikt eine Lösung finden, werden Sie trotzdem immer wieder auf ähnliche Konfliktkonstellationen treffen, wenn Sie diejenigen Ihrer Verhaltens- und Gefühlsmuster, die Sie in den Konflikt geführt und die die Lösung erschwert haben, nicht auflösen.

Es gibt nur einen Ort, an dem Sie sich von Machtkämpfen befreien können, und der ist in Ihnen selbst. Denn es ist Ihre höchstpersönliche psychologische Konstitution, die Sie in Machtkämpfe verwickelt. Oder anders ausdrückt: Sie haben sich jeden Streit im Außen damit „erschaffen“, dass Sie Ihre eigenen blinden Flecken mit Blick auf Stärken und Schwächen noch nicht ausreichend beleuchtet und deshalb an der falschen Stelle Zugeständnisse gemacht oder überzogene Forderungen gestellt haben. Sehen Sie sich doch einmal die Konflikte in Ihrem Leben an: Gibt es ein typisches Muster? Sind Sie zum Beispiel immer der/die Verständnisvolle, der/die nachgibt, und fühlt sich das irgendwie ungut an oder führt das immer wieder zu unguten Ergebnissen? Oder ecken Sie immer wieder damit an, dass Sie Ihren Willen durchsetzen, und haben hinterher irgendwie ein schlechtes Gewissen oder sind mit dem Endergebnis unzufrieden? Oder schwanken Sie immer verunsichert zwischen diesen beiden Varianten hin und her und haben deshalb Schwierigkeiten Ihren eigenen Standpunkt einzunehmen und zu vertreten?

Was sich von selbst versteht: Sie können natürlich andere Menschen nicht davon abhalten, Machtkämpfe mit Ihnen inszenieren zu wollen. Das heißt, Sie werden nicht vermeiden können, dass andere Menschen Sie immer wieder in Machtkämpfe zu verwickeln versuchen, einfach weil das ein allgemein gegenwärtiger und sogar gesellschaftlich akzeptierter Kommunikationsstil ist. Aber Sie können sich in dem Moment jedem Machtkampf entziehen, der an Sie herangetragen wird, wenn Sie Ihren eigenen Beitrag zur Kommunikation bewusst sehen, mit Abstand darauf gucken und deshalb das Geschehen durchschauen können.

Können Sie sich vorstellen, dass Sie in sich so viel Sicherheit verspüren, dass die Machtkämpfe anderer Menschen Sie unberührt lassen und Sie Ihre Aufmerksamkeit deshalb nach Belieben darauf konzentrieren können, was Ihnen persönlich in der konkreten Angelegenheit oder in der konkreten Sachlage wichtig erscheint? Denn das ist möglich! Damit gewinnen Sie eine innere Unabhängigkeit, die Ihnen die Furcht vor jeder Form der Kommunikation nehmen kann!

Wie typisches Rollenverhalten insofern aussieht, werde ich übrigens in meinem nächsten Artikel beleuchten. Vielleicht interessiert er Sie?

 

 

 

 

 

 

 

 

Bildrechte: floeschie „Megaphon“; Bildquelle: www.piqs.de

KatrinNr. 28: Wissen Sie, wie Kommunikation gelingen kann?