Nr. 31: Wie gehen Sie mit (Hoch-) Sensibilität – bei sich und bei anderen – um?

Sensibilität zählt nicht gerade zu den in unserer Gesellschaft geschätzten Eigenschaften. Ich habe zeit meines Lebens unter meiner sehr ausgeprägten Sensibilität gelitten, weil ich Ungerechtigkeit und Verletzung spüren konnte, wo niemand anderes sie wahrnehmen konnte. Dann hieß es oft: Was will sie eigentlich? Es ist doch gar nichts passiert! Und nicht selten habe ich auch emotional überreagiert, weil meine aufgestauten Gefühle an der falschen Stelle herausplatzt sind. Kurz: Niemand mochte meine Sensibilität. Ich bin ständig und immer wieder in der Schublade „überempfindlich“ gelandet, weshalb ich selbst sie am allerwenigsten mochte. Ich habe unendlich unter diesem „Makel“ gelitten, weshalb ich versucht habe, ihn hinter einer harten, coolen Maske zu verheimlichen. Heute sehe ich das alles ganz anders.

Mit diesem Artikel möchte ich allen Mut machen, denen es so geht, wie es mir damals ergangen ist, nämlich dass sie ihre Sensibilität als Defizit empfinden. Und ich schreibe ihn auch für die Eltern hochsensibler Kinder in der Hoffnung, dass sie dadurch ihren Kindern besser gerecht werden können.

Übrigens gibt es speziell zugeschnitten auf das Thema „Hochsensibilität“ mittlerweile eine Reihe von Büchern, die durchaus lesenswert sind. Was diese Bücher allerdings allesamt ausblenden ist die Tatsache, dass Sensibilität lediglich eine einzige Facette der Persönlichkeit darstellt, die man meines Erachtens nicht getrennt vom anderen Persönlichkeitsfacetten betrachten kann. Denn in der Seele eines Menschen ist alles miteinander verbunden und beeinflusst sich gegenseitig. Sensibilität sieht zum Beispiel bei einem Menschen mit einem hohen Energiepotential ganz anders aus als bei einem Menschen mit geringem Aggressionspotential, weshalb damit unterschiedliche Probleme verbunden sein können. Außerdem sind die Trigger für Sensibilität individuell, weil diese in der Kindheit festgesetzt werden. Deshalb müssen die Lösungsstrategien variieren. Es gibt für die menschliche Seele keine „Methode von der Stange“, sondern ausschließlich Individuallösungen.

Die Bedeutung der Sensibilität aus spiritueller Sicht und das Problem im Alltag

Sensibilität ist Ausdruck eines spirituell hochentwickelten Bewusstseins. Mit anderen Worten: Wer hochsensibel ist, gehört zu den „alten“ oder sehr alten Seelen, die schon viele, viele Inkarnationen hinter sich gebracht haben. Denn die Sensibilität bleibt über die Inkarnationen hinweg in der Seele erhalten und „wächst“ mit dem sich entwickelndem Bewusstsein mit. Was die Gesellschaft eher ablehnt, ist also tatsächlich aus spiritueller Sicht das Kennzeichen eines hohen Entwicklungsstandes und damit aus spiritueller Sicht „erstrebenswert“. Das Problem im Alltag jedoch ist: Da die Menschen auf unterschiedlichen spirituellen Entwicklungsstufen stehen, ist dementsprechend auch die Sensibilität bei jedem Menschen unterschiedlich ausgeprägt. Das führt zwangsläufig zu Konflikten: Was für die einen „normal“ ist, ist für die anderen „überempfindlich“. Oder andersherum: Was für die einen „normal“ ist, ist für die anderen „unsensibel“. Weil Sensibilität gesellschaftlich nicht so besonders angesehen ist, zieht der/die Sensiblere allerdings meistens den Kürzeren. Wie geht man damit im alltäglichen Leben um?

Sensibilität ist weder „gut“ noch „schlecht“, sondern eine menschliche Eigenschaft

Weil ich gerade von „überempfindlich“ und „unsensibel“ gesprochen habe, ist als erstes wichtig festzuhalten: Sensibilität per se ist weder „gut“ noch „schlecht“. Das wäre eine Beurteilung aus der dualistischen Perspektive heraus, die nie zu befriedigenden Ergebnissen führen kann. Und auch wenn ich eben geschrieben habe, dass Sensibilität Ausdruck eines hochentwickelten Bewusstseins ist, wollte ich damit keineswegs sagen, dass Sensibilität per se ein besonderer Vorzug ist. Denn die äußere Erscheinungsform kann das glatte Gegenteil davon sein, wenn die Sensibilität nicht in der derzeitigen Inkarnation kultiviert und in die Gesamtpersönlichkeit integriert worden, also mit anderen Worten „erwachsen“ geworden ist.

Die Sensibilität eines Menschen ist zunächst einfach einmal nur eine Tatsache, ebenso wie es eine Tatsache ist, dass Menschen unterschiedlich sensibel sind. Um dieser Tatsache auf den Grund zu gehen, will ich den Versuch unternehmen zu beschreiben, was Sensibilität in der Sache bedeutet.

Sensibilität drückt sich auf körperlicher Ebene aus durch eine hohe Empfindsamkeit der Nervenzellen. Mit anderen Worten: Wer hochsensibel ist, hat Nervenzellen, die schneller und stärker auf bestimmte Außenreize reagieren als die Nervenzellen anderer Menschen. Dabei kann Sensibilität auf ganz unterschiedliche Außenreize reagieren: Geräusche, Gerüche, Gefühle, physischer/psychischer Schmerz, Temperaturen, Farben, Figuren und Gestalten, aber auch zum Beispiel auf kognitive Muster wie etwa Zahlenreihen oder technische Konstruktionen.

Nun braucht es nicht viel Vorstellungskraft, dass Sensibilität ausgesprochen hilfreich sein kann: Ein guter Parfümeur kann nur werden, wer ein angeborenes „feines Näschen“ hat, und diese Fähigkeit durch die ständige Beschäftigung mit Düften noch kultiviert und weiter ausgebaut. Gleichzeitig ist auch klar, dass Sensibilität auch genauso störend sein kann: Wer ein feines Näschen hat, wird sich schwer damit tun, Freude an der Arbeit in einer Kläranlage zu finden. Wer das seinem zarten Geruchssinn trotzdem antut, wird diesen unweigerlich mittel- oder langfristig abstumpfen.

Sensibilität im zwischenmenschlichen Umgang

Ich habe eben mit dem Geruchssinn bewusst ein einfaches Beispiel für eine Ausprägung von Sensibilität gewählt. Denn in diesem Zusammenhang ist sehr einfach festzumachen, wann Sensibilität hilfreich und wann sie hingegen störend ist. Viel schwieriger gestaltet sich die Einschätzung emotionaler Sensibilität im zwischenmenschlichen Umgang.

Emotionale Sensibilität beschreibt die hohe Empfindsamkeit für emotionale Sachverhalte, wie zum Beispiel für Gefühle, Stimmungslagen und psychischen Schmerz. Die Ausprägung emotionaler Sensibilität hängt – wie gesagt – davon ab, wie weit das Bewusstsein eines Menschen generell spirituell entwickelt ist. Wer ein weiter entwickeltes Bewusstsein hat, bringt mehr Sensibilität mit als jemand mit einem weniger entwickelten Bewusstsein. Aber: Im Rahmen der konkreten Inkarnation kann Sensibilität unabhängig von ihrer Ausprägung sowohl unreif und „kindisch“ sein als auch reif und erwachsen, nämlich je nachdem, ob sie in der derzeitigen Inkarnation kultiviert und entwickelt worden ist oder eben auch nicht.

In der kindischen Fassung ist emotionale Sensibilität im besten Falle rein egozentrisch, also allein auf den eigenen Gefühlshaushalt ausgerichtet, was ein potentieller Störfaktor in der Kommunikation ist. Denn das sind die Menschen, die sehr schnell auf Störungen im zwischenmenschlichen Bereich reagieren und automatischen davon ausgehen, dass ihre eigenen Gefühle Vorrang haben vor denen anderer Menschen. Unter Umständen fordern diese Sensibilitäts-Egozentriker vielleicht sogar explizit oder implizit von anderen Rücksichtnahme und Verständnis für die eigenen Gefühle ein, gehen gleichzeitig aber – natürlich unbewusst – über die Gefühle anderer Menschen hinweg. Aber diese Menschen sind zumindest mit den eigenen Gefühlen im Kontakt und haben damit den ersten Entwicklungsschritt schon getan.

Auf der Entwicklungsstufe darunter sind die Menschen, die ihre Sensibilität schlichtweg verleugnen, was sich unterschiedlich äußern kann, zum Beispiel in irrationalem Verhalten wie plötzlichen Wutausbrüchen, emotionaler Versteinerung, Depression oder gar physischer Krankheit. Die Kommunikation mit diesen Menschen kann sich als schwierig erweisen, weil sie selbst noch nicht einmal wissen, was bei ihnen emotional los ist.

Emotionale Sensibilität kann aber in ihrer entwickelten Form auch sehr kommunikationsförderlich sein, nämlich dann, wenn sie auch auf die Befindlichkeit anderer Menschen gerichtet ist und andere Menschen emotional zu erfassen imstande ist. Diese Fähigkeit zur emotionalen Wahrnehmung anderer Menschen ermöglicht intime Kommunikation und intensiven Austausch auf emotionaler Ebene. Die Kompetenz eines Coaches oder Therapeuten erkennen Sie weniger an dessen Zertifikaten oder Abschlüssen (die natürlich nichtsdestotrotz dennoch erforderlich sind), sondern eher daran, wie ausgeprägt eben diese Fähigkeit ist.

Wenn man sich vor Augen führt, dass es Sensibilität sowohl in der egozentrischen/verleugneten Form als auch in der empathischen, auf andere ausgerichteten Form gibt, wird sofort klar, warum sie leicht zum Streitpunkt werden kann: Jeder, der nicht so sensibel ist, verbindet Sensibilität leicht mit Egozentrik und stempelt sie deshalb zum Störfaktor ab. Gleichzeitig ist die Gefahr groß, dass er oder sie die Gefühle des Gegenübers – natürlich unbewusst – verletzt, eben weil es an Sensibilität mangelt. Und der/die Sensiblere fühlt sich gleich doppelt bestraft: In den eigenen Gefühlen verletzt und dann auch noch zum Störfaktor erklärt. Unglücklich sind letztlich beide, weil sich beide unverstanden fühlen. Wie löst man diese Patt-Situation auf?

Sensibilität: Makel oder Schatz?

Ich selbst bin – wie gesagt – hochgradig sensibel und habe also intensive Erfahrungen mit dieser Patt-Situation gemacht. Meine persönliche Erfahrung ist, dass es sehr viele Menschen gibt, die meine Sensibilität sehr schätzen, solange es um ihre eigenen Gefühle geht, ich aber genau in dem Moment als „überempfindlich“ abgestempelt werde, wenn es um meine eigenen Gefühle geht. Das ist natürlich eine unbefriedigende Situation. Und um ehrlich zu sein: Eine richtige Lösung habe ich dafür immer noch nicht gefunden. Meistens nehme ich mich mit meinen eigenen Gefühlen zurück. Aber ich habe auch schon Rabatz geschlagen, wenn andere zu weit gegangen sind und mir insbesondere „Überempfindlichkeit“ angelastet haben. Mit anderen Worten: Ich stehe heute dazu, dass ich sensibel bin. Was mir das Leben sehr erleichtert hat: Über die Jahre intensiver Arbeit an mir selbst habe ich gelernt, mit meiner Sensibilität umzugehen. Deshalb passiert es mir heute nur noch sehr selten, dass ich überreagiere und mich deshalb Anfeindungen aussetze.

Was ich aber mittlerweile insbesondere auch verstanden habe, ist, dass meine Sensibilität keineswegs ein „Makel“ ist, wie ich es früher empfunden habe, weil ich deshalb oft beschämt worden bin. Heute weiß ich, dass meine Sensibilität mein größter Schatz ist! Denn dank meiner Sensibilität kann ich Menschen sehr schnell auf einer tieferen Ebene erfassen und – soweit Bereitschaft und Offenheit dafür besteht – im Gespräch in die eigenen Seelentiefen führen. Und die Menschen, die sich dafür öffnen, lieben diese Erfahrung! Dafür ist mir schon oft und einmal sogar mit Tränen der Dankbarkeit und Rührung gedankt worden. Genau das berührt und erfreut mein Herz, weil ich so – wenn auch manchmal nur für kurze Zeit – eine Herzensverbindung zu anderen Menschen fühlen kann. Dadurch wird das Leben für mich lebenswert!

Und dadurch, dass ich kaum noch überreagiere, handelt mir meine Sensibilität heute keinen Ärger mehr ein. Ich weiß heute ziemlich genau, wann ich doch mal überreagiert habe; dann bitte ich um Entschuldigung. Ich weiß aber auch, wann meine Reaktion berechtigt ist, und stehe dann dazu, auch wenn der andere mich vielleicht nicht versteht. Denn es ist ein Irrtum zu glauben, man müsse immer verstanden werden oder andere verstehen. Das Wichtigste ist, dass man mit sich selbst im Reinen ist.

Mein Tipp an Sie: Kultivieren Sie Sensibilität!

Gleich, ob Sie eher zu den Sensiblen oder eher zu den Unsensiblen gehören, möchte ich Sie deshalb dazu anregen, sowohl in der eigenen Sensibilität als auch in der Sensibilität anderer Menschen eine Ressource zu sehen und dieser Ressource Interesse und Aufmerksamkeit entgegenzubringen, anstatt sie zu unterdrücken, abzubügeln oder gar abzuwerten. Fangen Sie doch einfach mal an, sich selbst und andere Menschen aus diesem Blickwinkel zu beobachten. Wie reagieren Sie auf Sensibilität bei sich und bei anderen? Berührt Sie das angenehm oder fühlen Sie sich eher abgeschreckt? Oder machen Sie vielleicht sogar sofort automatisch dicht? Setzen Sie innerlich Sensibilität etwa mit Schwäche gleich? Wie reagieren Sie darauf, wenn Menschen Ihnen gegenüber sensible Gefühle wie Angst oder Scham und Verletzlichkeit offenbaren? Wird Ihnen das leicht „zuviel“? Oder fühlen Sie sich irgendwie „angegriffen“? Können Sie selbst Ihre eigene Sensibilität offenbaren? Oder fühlt sich das für Sie peinlich und irgendwie nackt an? Oder stellen Sie fest, dass Sie nur Antennen für die eigene Sensibilität haben und andere Menschen gar nicht damit erspüren können? Wie gehen Sie innerlich damit um, wenn jemand weniger sensibel oder aber sensibler ist als Sie? So können Sie Ihre Sensibilität Schritt für Schritt entwickeln und ausbauen.

 

KatrinNr. 31: Wie gehen Sie mit (Hoch-) Sensibilität – bei sich und bei anderen – um?