Nr. 32: Leben Sie Rosenkrieg oder Liebe?

Dass die ganz große Liebe im Rosenkrieg enden kann, hat Danny DeVito in seinem Film „Der Rosenkrieg“ großartig in Szene gesetzt. In deutschen Familiengerichten steht dieses Drama – wenn auch vielleicht nicht ganz so blutig – tagtäglich auf der Terminrolle für Scheidungssachen. Wenn Sie sich fragen, warum das so ist, kann ich Ihnen hier ein wichtiges Puzzleteilchen zur Verfügung stellen, das zwar nur winzig klein erscheint, in der Gesamtbetrachtung der zugrunde liegenden Psychodynamik aber eine wichtige Rolle spielt. Und natürlich werde ich auch darauf eingehen, wie Sie sich selbst anstelle eines Rosenkriegs ein kinoreifes „Happy End“ kreieren können, das sich die meisten Menschen insgeheim wünschen, wenn sie mit sich selber ehrlich sind. Oder Sie etwa nicht?

Warum Liebe in Hass umkippen kann

Vielleicht haben Sie das schon mal bei sich selbst beobachtet: Sie sind jemandem freundlich oder vielleicht sogar liebevoll zugetan. Dann macht der andere etwas, was Sie irgendwie stört oder was Ihnen vielleicht sogar explizit weh tut. Schlagartig scheint bei Ihnen alle Sympathie zu verfliegen und Sie verspüren plötzlich nur noch das Bedürfnis, dem anderen irgendwie weh zu tun. Was ist da passiert? Wieso will man plötzlich jemandem weh tun, den man eigentlich mag? Die Psychodynamik, die sich dahinter verbirgt, ist, wenn man sie in ihre Einzelbestandteile aufschlüsselt, folgende:

Wenn man jemandem Sympathie oder auch Liebe entgegenbringt, stellt das eine „positive emotionale Energieladung“ dar, deren „Spannung“ höher ist als der neutrale Zustand, den man für einen Fremden empfindet. Um es mal plastisch auszudrücken: Da ist „mehr Strom auf der Leitung“. Und je stärker die Zuneigung ist, desto höher ist die Spannung, die auf der Leitung ist. Und weil die Spannung positiv ist, fühlt sich das freudig an. Dann macht der andere etwas, das den eigenen „Schmerzkörper“ antitscht. Das Wort „Schmerzkörper“ ist ein Begriff, den Eckhart Tolle geprägt hat und der anschaulich beschreibt, dass jeder Mensch Verletzungen mit sich herumträgt, die jederzeit wieder in Schmerz aufflammen können, wenn man etwas erlebt, das dem entspricht oder ähnelt, was zur ursprünglichen Verletzung geführt hat. Eine ganz typische Verletzung, die die allermeisten Menschen mit sich herumtragen, ist Ablehnung oder auch nur das Gefühl abgelehnt zu werden. Denn jeder hat in seinem Leben schon einmal Ablehnung erfahren und darunter gelitten. Wird dieser „Schmerzkörper“ durch das Verhalten des anderen „re-aktiviert“, kippt die „positive Spannung“ um und verkehrt sich in „negative Spannung“, die sich in gleicher Intensität wie die positive Spannung in Form von Feindseligkeit oder sogar Hass im eigenen Gefühlshaushalt breit macht.

Ob man diese Feindseligkeit oder den Hass dann auch tatsächlich ausagiert, hängt von vielen Faktoren ab: Ist es einem überhaupt bewusst geworden, dass der eigene Schmerzkörper re-aktiviert worden ist? Oder reagiert man „automatisch“ mit Feindseligkeit und Hass? Hat man das eigene Verhalten so weit unter Kontrolle, dass man eine bewusste Entscheidung treffen kann, ob man die Feindseligkeit oder den Hass ausagiert oder dies unterlässt und nach einer anderen Problemlösung Ausschau halten kann? Und ein ganz entscheidender Faktor ist: Wie geht man grundsätzlich damit um, wenn einem Schmerz „zugefügt“ wird? Glaubt man, dass jeder „Täter bestraft werden muss“? Diese Denke ist weit verbreitet, einfach weil dies dem Grundgedanken des deutschen Strafrechts entspricht. Oder ist man schon so bewusst, dass einem klar ist, dass jeder für seinen eigenen Schmerz verantwortlich ist und der andere lediglich etwas „angetitscht“ hat, was sowieso schon lange in einem ist?

Die Psychodynamik, die ich hier beschrieben habe, findet übrigens bei jedem tagtäglich und ständig statt, auch wenn es den meisten Menschen gar nicht bewusst ist. Denn Schmerzkörper können überaus sensibel sein: Ein falscher Blick, ein falsches Wort, eine falsche Geste können zumindest latente Feindseligkeit auslösen. Die meisten Menschen können nämlich ihren Schmerzkörper und die eigene Feindseligkeit nur dann spüren, wenn der vermeintliche Angriff eine gewisse, manchmal sogar erhebliche Intensität überschreitet. Die meisten Menschen leben in einem für sie gewohnten „Gefühls-Klima“, in dem Regungen ihres Schmerzkörpers so „normal“ sind, dass sie es gar nicht mitbekommen, wenn diese Psychodynamik in ihnen abgeht. Das heißt natürlich nicht, dass der Schmerz dann nicht – wenn auch vielleicht nur unterbewusst – gefühlt wird, sondern er macht sich nur dadurch bemerkbar, dass Menschen abweisend und (vielleicht auch nur latent) feindlich reagieren oder sich nach Möglichkeit aus zwischenmenschlichem Kontakt zurückziehen, um Schmerz zu vermeiden.

Daraus wird aber auch deutlich: Wenn Sie Ablehnung erfahren, muss das mitnichten heißen, dass der andere Sie persönlich ablehnt. Es kann schlicht daran liegen, dass irgendwas den Schmerzkörper Ihres Gegenübers angetitscht hat – zum Beispiel Minderwertigkeitskomplexe, Angst vor Ablehnung oder ausgeprägte Ängstlichkeit – und dass das die abweisende Reaktion in ihm ausgelöst hat. Und schon sieht Ablehnung gar nicht mehr so bedrohlich aus, wenn man in Betracht zieht, sie vielleicht gar nichts mit Ihnen persönlich zu tun gehabt hat, oder? Im Verhältnis zwischen den Geschlechtern kann sogar das glatte Gegenteil der Fall sein: Weil viele Menschen Angst haben vor dem anderen Geschlecht, kann eine Ablehnung tatsächlich auch daran liegen, dass Ihr Gegenüber Sie ganz besonders gern mag, nur mit seinen eigenen Gefühlen für Sie nicht klarkommt. Oder er glaubt, dass er keine Schnitte hat und eh nur eine Abfuhr kassieren würde, der er mit der Ablehnung zuvorkommen will. Tjaja, die Liebe zwischen den Geschlechtern ist ein minenreiches Feld!

Was Liebe mit Schmerz zu tun hat

Dass Liebe weh tun kann, weiß jeder, der die Pubertät hinter sich gelassen hat, weil jeder das dann schon einmal erlebt hat. Daraus wird nur leider der irrige Schluss gezogen, dass es die Liebe ist, die ursächlich für den Schmerz ist. Und genau das stimmt nicht! Liebe ist Freude pur: Freude aneinander, miteinander und füreinander! So gesehen, hat Liebe überhaupt gar nichts mit Schmerz zu tun!

Dafür verantwortlich, dass die Liebe im Schmerz enden kann, ist der eigene Schmerzkörper. Denn je enger eine Beziehung ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Schmerzkörper immer wieder re-aktiviert wird. Denn je enger die Beziehung ist, desto intimer und persönlicher ist die Kommunikation, die stattfindet, was unweigerlich dazu führt, dass man sich gegenseitig auch die Schmerzkörper antitscht. Deshalb will ich Ihnen an dieser Stelle noch ein paar typische Auslöser für „Schmerzkörper-Reaktionen“ auflisten. Ein Schmerzkörper kann sich zum Beispiel rühren,

  • wenn man – wie schon oben geschrieben – Ablehnung erfährt, wie auch immer diese Ablehnung aussehen mag, sei es nur eine feine Unfreundlichkeit oder ein direkter Angriff;
  • wenn man abgewertet wird;
  • wenn man mit seinen Gefühlen nicht wahrgenommen wird;
  • wenn man mit seiner Meinung nicht gehört wird;
  • wenn man beschämt wird, zum Beispiel indem man ausgelacht oder zur Witzfigur erklärt wird;
  • wenn andere sich über einen erheben und einen damit „klein machen“;
  • wenn man öffentlich bloß gestellt wird;
  • wenn man kritisiert wird, gleichgültig ob die Kritik in der Sache berechtigt ist oder nicht;
  • wenn die eigene Liebe nicht erwidert wird;
  • wenn man sich Wärme und Mitgefühl wünscht, stattdessen aber eine kalte Abfuhr kassiert;
  • wenn einem Schuld zugewiesen wird oder einem Vorwürfe gemacht werden;
  • wenn die eigenen Bemühungen nicht wertgeschätzt werden.

Diese Liste lässt sich ellenlang fortsetzen. Und was das Ganze richtig kompliziert macht: Dem Schmerzkörper ist es egal, ob tatsächlich ein Auslöser objektiv vorliegt, oder ob es sich nur so „anfühlt“, als ob ein Auslöser vorliegt. Ob der eigene Schmerzkörper „aufschreit“, hängt also nicht von den objektiven Umständen ab, sondern entscheidend hierfür ist die subjektive Wahrnehmung des Einzelnen, weil diese durch den Schmerzkörper geprägt und sehr oft verengt ist. So kann zum Beispiel ein eigentlich hilfloser Blick sehr leicht als Ablehnung interpretiert werden.

Die große Herausforderung für die Liebe ist: Wie geht man damit um, wenn in der Kommunikation der eigene Schmerzkörper oder der Schmerzkörper des anderen – durch was auch immer – re-aktiviert wird?

Wie Schmerz zur Falle für die Liebe werden kann

Wie oben beschrieben, kippen Sympathie und Liebe automatisch um in Feindseligkeit und Hass, wenn der Schmerzkörper aktiviert wird. Warum genau ist das so?

Jeder Mensch, der auf dieser Erde inkarniert, bringt – neben der Liebe – eine gewisse Portion Feindseligkeit und Hass mit, die einer der Gründe dafür ist, warum er überhaupt hier inkarnieren muss: Es gilt, diesen Hass in sich zu läutern und zu Liebe zu transformieren, um dadurch Gott wieder näher zu kommen. Mit anderen Worten: Feindseligkeit und Hass werden nie durch irgendetwas im Außen verursacht, sondern sind immer schon in einem vorhanden, bevor sie durch etwas im Außen ausgelöst werden. Gleiches gilt für den Schmerz, der im eigenen Schmerzkörper abgespeichert ist. Schmerz zu fühlen, ist aber alles andere als angenehm. Und Feindseligkeit und Hass sind simple Abwehrmechanismen der Seele, die verhindern, dass man den eigenen Schmerz fühlen muss. Wer feindlich gestimmt oder mit Hass erfüllt ist, kann oder muss keinen Schmerz fühlen. Der hat allerdings auch keinen Zugang zu Liebe , Mitgefühl und inniger Verbindung.

Nun braucht es auch nur noch wenig Vorstellungskraft, wie in einer Beziehung aus leidenschaftlicher Liebe irgendwann leidenschaftlicher Hass werden kann: Der Schmerzkörper des einen ist durch irgendetwas re-aktiviert und löst Feindseligkeit und Hass aus, was wiederum früher oder später den Schmerzkörper des anderen aktivieren wird, der seinerseits auch wiederum mit Feindseligkeit und Hass reagiert. So entsteht mit der Zeit ein Teufelskreis, der sich immer mehr hochschaukeln und in seiner äußeren Erscheinungsform immer aggressiver werden kann, wenn nicht wenigstens einer der Beteiligten aus dieser Psychodynamik bewusst aussteigt und andere Bewältigungsstrategien entwickelt. Gelingt aber das keinem der Beteiligten, kann das Ganze schlimmstenfalls dann letztlich auch – wie im „Rosenkrieg“-Film gezeigt – in Handgreiflichkeiten ausarten.

Beziehung kann nur gelingen, wenn beide Partner Bewältigungsstrategien für den eigenen Schmerz finden, anstatt die „Lösung“ dafür jeweils im anderen zu suchen nach dem Motto: „Tu was gegen meinen Schmerz! Und wenn Du mir das verweigerst, werfe ich Dir vor, dass Du mich nicht liebst!“ Dass das nicht funktionieren kann, liegt auf der Hand: Den eigenen Schmerzkörper kann jeder nur für sich selbst in den Griff kriegen. Der Weg zur Liebe führt quasi durch den eigenen Schmerz, ob es einem nun schmeckt oder nicht.

Die meisten Menschen finden allerdings einen anderen Weg aus diesem Dilemma: Sie halten innerlich so viel Abstand zu anderen Menschen, dass ihr Schmerzkörper nur im gerade noch erträglichen Ausmaß aufgerüttelt werden kann. Und wenn es dann doch mal über die eigene Schmerzgrenze hinausgeht, ziehen sie sich zurück. Das mag wie eine vernünftige Lösung aussehen, hat aber einen Haken: So kann die Liebe nicht wachsen. Die Gipfel der Liebe kann nur erstürmen, wer durch die Tiefen des Schmerzes gewatet ist. Denn die Liebe kann nur im gleichen Maße wachsen, wie der eigene Schmerzkörper aufgelöst wird. Wer mehr Sehnsucht nach Liebe verspürt, als dieses Modell verschaffen kann, dem bleibt nichts anderes übrig, als entweder mit der unerfüllten Sehnsucht nach Liebe leben zu lernen oder aber sich auf den Weg zu machen, das Lieben zu lernen.

Kurz ansprechen möchte ich außerdem noch das Phänomen, dass einige Menschen derart von ihrem Schmerzkörper beherrscht werden, dass sie in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen gewissermaßen zwanghaft ihren Schmerz an anderen Menschen abreagieren müssen. Diese Menschen suchen regelrecht Streit, um dann einen Grund zu haben, die eigene Aggressivität herauslassen zu können. Solche Menschen meide ich nach Möglichkeit. Denn selbst wenn ich weiß, dass diese Menschen nicht „böse“ sind, sondern selbst innerlich entsetzlich leiden, ist es in meinen Augen eher schädlich, als Blitzableiter herzuhalten. Denn dann kommen diese Menschen nie auf den Trichter, dass ihr eigenes Verhalten für alle Beteiligten – sie selbst eingeschlossen – schwierig ist.

Wie Sie Hass und Schmerz in Liebe verwandeln können

Im Grunde ist es recht simpel, wie Hass und Schmerz in Liebe verwandelt werden können: Man muss bei sich selbst beobachten, was genau den eigenen Schmerzkörper in Aufruhr bringt und welche Reaktionen das in einem selbst hervorbringt. Aufkommender Schmerz muss vollständig gespürt werden. Denn dadurch wird er nach und nach aufgelöst. Gleichzeitig muss man bei sich selbst feindselige und hasserfüllte Reaktionen aufspüren und sich jedes Mal, wenn sie aufflammen, vor Augen halten, dass das lediglich Abwehrmechanismen gegen den eigenen Schmerz sind. Dadurch wird diese Schutzmauer nach und nach durchlässiger mit der Folge, dass immer mehr Schmerz fühlbar wird und dadurch aufgelöst werden kann. Klingt doch ganz einfach, oder? Aber ich will Ihnen da nichts vormachen: Der Einstieg ist nicht ganz einfach. Sie werden sich nämlich mit folgenden Fragen auseinander setzen müssen:

  • Sind Sie bereit, sich Ihren Gefühlen zu stellen oder ziehen Sie es vor, sich weiter hinter Ihrem Verstand zu verschanzen, mit dem Sie alles rationalisieren und „wegerklären“ können?
  • Können Sie mit Ihrem Schmerz umgehen? Oder lehnen Sie ihn intuitiv ab, weil Sie ihn als Schwäche empfinden oder als Zeichen Ihrer Wertlosigkeit sehen? Dann ist es nämlich ganz schön schwierig, sich in den Schmerz hineinzuspüren. Dann muss man erst einmal die eigenen Glaubenssätze umprogrammieren. Denn natürlich hat Schmerz nichts mit Schwäche oder Wertlosigkeit zu tun. Im Gegenteil: Wer sich seinem Schmerz stellt, ist extrem stark, und durch den Zugewinn an Liebesfähigkeit steigert der Prozess das Selbstwertgefühl erheblich.
  • Sind Sie bereit, die volle Verantwortung für Ihren eigenen Schmerz zu übernehmen? Oder wollen Sie immer noch andere – vielleicht etwa Ihre Eltern? – dafür verantwortlich machen, schuldig sprechen und bestrafen?
  • Sind Sie bereit zuzugeben, dass in Ihnen so unschmeichelhafte Gefühle wie Feindseligkeit und Hass schlummern, auch wenn Sie diese (noch) nicht spüren können? Oder möchten Sie sich selbst und der Welt lieber weiterhin vormachen, dass Sie „die reine Güte“ sind?

Und manchmal steckt in diesem Prozess der Teufel auch im Detail, weil man ganz vielen Irrtümern, Verwechslungen, inneren Widerständen und manchmal auch dem Selbstbetrug erlegen sein kann. Deshalb ist es zumindest am Anfang unmöglich, ihn ohne fremde Hilfe zu durchlaufen. Aber dann wird es irgendwann wie Fahrradfahren: Man macht es automatisch. Und ich kann Ihnen eines aus eigener Erfahrung versprechen: Die Mühe lohnt sich! Denn dadurch wird das Leben nach und nach freud- und liebevoller! Gleichzeitig werden Sie feststellen, dass je besser Sie sich selbst und Ihre eigenen Reaktionen verstehen, desto mehr können Sie erkennen, was in anderen Menschen vor sich geht. Das wird nicht nur Ihr Selbstbewusstsein steigern, sondern Ihnen insbesondere Sicherheit im Umgang mit allen Ihren Mitmenschen verschaffen.

 

 

 

 

 

Foto: Pretty Madness „Lieb Stick“; Quelle: www.piqs.de

 

 

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