Nr. 33: Haben Sie Ihr Ego im Griff oder hat Ihr Ego Sie im Griff?

Das Ego hat in spirituellen Kreisen keinen guten Ruf. Es werden Formulierungen verwandt wie: „Das Ego muss aufgelöst, überwunden oder losgelassen werden!“ Ich gebe Ihnen den nachdrücklichen Rat: Tun Sie das bloß nicht! Denn dann werden Sie so handlungsunfähig wie eine Amöbe. Sie brauchen Ihr Ego, um Ihr alltägliches Leben und Ihren Broterwerb zu bestreiten. In der Meditation Ihr Ego vorübergehend loszulassen, ist zwar sehr erstrebenswert und auch der spirituellen Entwicklung förderlich. Aber sobald Sie die Meditation beendet haben, kehrt das alte Ego unverändert zurück, und geändert hat sich gar nichts. Um den spirituellen Weg nicht nur ab und zu in der Meditation, sondern jeden Tag im Alltag zu gehen, ist es unerlässlich, das Ego einzubeziehen.

Die Bedeutung des Egos

Weil das Ego so einen schlechten Ruf hat, liegt mir am Herzen klarzustellen, dass auch das Ego göttliches Bewusstsein ist. Es ist keine „unspirituelle“ oder „andersartige“ Masse, sondern ebenso wie Ihr Höheres Selbst von göttlicher Qualität. Seine Funktion ist es, jedem Menschen die Möglichkeit einzuräumen, das eigene Handeln und Denken zu steuern. Mit anderen Worten: Mit Ihrem Ego können Sie Ihren freien Willen ausüben, der im spirituellen Gesamtgefüge einen sehr hohen Stellenwert hat. Gott hat jedem Menschen das Recht eingeräumt, frei zu entscheiden, ob er zu Gott zurückkehren will oder nicht. Gott zwingt niemanden. Und dank der Intervention Jesu Christi ist auch Luzifer daran gebunden, den freien Willen eines Menschen zu respektieren: Luzifer darf zwar verführen und locken, aber keinen Zwang ausüben. Sie merken: Ihr Ego ist nicht nur in Ihrem Alltag unverzichtbar, sondern auch für Ihre spirituelle Entwicklung. Denn es ist im ersten Schritt Ihr Ego, das die Entscheidung trifft, den spirituellen Weg zu gehen, und auch im weiteren Verlauf Ihrer spirituellen Entwicklung nimmt das Ego eine wichtige Funktion ein, auf die ich weiter unten näher eingehen werden.

Das leidige Problem mit dem Ego

Ich habe eben geschrieben, dass das Ego die Funktion hat, jedem Menschen die Möglichkeit einzuräumen, das eigene Handeln und Denken zu steuern. Und genau darin liegt auch das Problem, weshalb das Ego einem das Leben so schwer machen kann. Es ist eben zunächst einmal nur eine Möglichkeit. Deutlich wird das, wenn man sich die Entwicklung des Ego ansieht.

Bei der Geburt ist das Ego eines Menschen lediglich eine Art Computer, auf dem noch keine Software installiert ist. Und wer installiert die Software für diesen Computer? Sie ahnen es schon: Die Eltern und/oder anderen Autoritätspersonen in Kindergarten, Schule, Sport und ähnlichem, die das Kind beim Aufwachsen begleiten – oder besser gesagt: geleiten. Es sind diese Autoritätspersonen, die dem Kind alles vermitteln, was dessen Leben ausmacht: Die eigene Bedeutung, den eigenen Wert, was im Leben wichtig und richtig ist oder auch nicht, was „richtiges“ und was „falsches“ Verhalten ist und wie das Leben im Großen und Ganzen so funktioniert. Wenn das Kind dann zum Jugendlichen heranwächst und aus dem Haus geht, ist das Ego weitestgehend „fertig programmiert“. Als junger Erwachsener führt der Mensch also das Leben mit den Programmen seines frühen Umfelds. Mit Selbstbestimmung, Freiheit oder Entscheidungshoheit hat das nur wenig zu tun. Denn alle Entscheidungen werden auf der Basis dieser Programme und damit mehr oder weniger blind getroffen.

Irgendwann in der Lebensmitte zwischen 30 und 50 – bei manchem auch früher, bei manchem auch später – taucht dann die Frage auf: „Taugen diese in Kindheit und Jugend von anderen installierten Programme, um das Leben zu führen, das ich führen will?“ Diese Frage ist der erste Schritt, aus der Möglichkeit zur Selbstbestimmung tatsächlich das zu machen, wofür das Ego bestimmt ist: Entscheidungshoheit über das eigene Denken und Handeln. Denn mit dieser Frage tritt das Ego das erste Mal einen Schritt neben sich und fängt an, sich selbst in Frage zu stellen. Das ist der Zeitpunkt des „Erwachens“.

Meist wird diese Frage ausgelöst durch einschneidende Erlebnisse, Krisen oder Krankheit oder auch nur durch ein nagendes Gefühl der Unzufriedenheit in die Richtung von: „Das kann doch noch nicht alles gewesen sein!“ Will man dann in seinem Leben etwas verändern, kann einem das Ego auf einmal wie eine Zwangsjacke erscheinen. Es ist nicht nur, dass man vielleicht feststellt, dass das mit dem fremdprogrammierten Ego aufgebaute Leben einem selbst gar nicht entspricht oder einen vielleicht sogar in die physische Krankheit geführt hat. Das allein ist schon sehr schmerzhaft, weil man vielleicht einiges an Kraft und Zeit aufgewandt hat, um dahin zu kommen, wo man ist, aber eigentlich gar nicht sein will. Noch viel schmerzhafter ist es dann festzustellen, dass man keine Idee davon hat, wie man es anders machen soll, weil man ja nichts anderes als die bereits installierten Programme kennt.

Die Problemlösung: Neue Software installieren!

Wer in dieser Situation Hilfe sucht, trifft auf ein breites Angebot an Techniken, die – um es mal abstrakt auszudrücken – allesamt darauf abzielen, im Ego eine „neue Software zu installieren“. Je nach Technik findet diese Umprogrammierung entweder unbewusst oder halbbewusst oder aber auch bewusst und gezielt statt. Bei der bewussten und gezielten Neuausrichtung, auf die meine Arbeit abzielt, spielen folgende Aspekte eine Rolle:

  • Lernen, das eigene Verhalten und Denken zu beobachten, ohne es zu bewerten.
  • Lernen, die eigenen Gefühle und Stimmungen wahrzunehmen. Das kann unter Umständen damit anfangen, die eigene Gefühlstaubheit zur Kenntnis zu nehmen.
  • Wissen aufnehmen, das es einem ermöglicht, das eigene Handeln, Denken und Fühlen einzuordnen, zu bewerten und gegebenenfalls zu verändern.
  • Entscheidungen treffen: Wie will ich sein? Will ich so sein, wie ich bin, oder will ich anders sein? Will ich etwas tun, um mich besser zu fühlen?
  • Sich selbst die Sinnfragen stellen und beantworten: Was wünsche ich mir? Was fehlt mir in meinem Leben? Was ist mir wirklich wichtig im Leben? Was will ich noch erleben?
  • Wissen aufnehmen, wie man die eigenen Wünsche und Bedürfnisse erfüllen kann.

Dies sind keine aufeinander folgende Schritte, sondern Aspekte eines Gesamtprozesses, in dem man zunehmend sich selbst und den eigenen Werdegang versteht und nach und nach lernt, das eigene Leben neu zu modellieren. Und das Ego ist der Boss in diesem Prozess.

Der spirituelle Weg des Ego: Vom Boss zum Diener

Insoweit dürfte klar geworden sein: Wer diesen bewussten Weg der Entwicklung gehen will, braucht sein Ego. Das Ego hat nicht nur die Funktion des Beobachters, sondern auch die des Entscheiders und Prozessgestalters. Aber auch das Ego durchläuft in der spirituellen Entwicklung eine Wandlung: Es wird nicht „aufgelöst, überwunden oder losgelassen“, sondern transformiert. Was diese Transformation ausmacht, lässt sich schlagwortartig am besten damit umschreiben, dass es vom „Boss im eigenen Leben“ zum Diener des Bewusstseins eines Menschen wird. Wo früher das Ego seinen Willen durchsetzen wollte, tritt es zurück und überlässt dem Leben bzw. Gott die Entscheidungen. Das Ego setzt diese Entscheidungen lediglich um. Das Paradox ist: Dies ist dem Ego nur dann möglich, wenn es stark und erwachsen ist, weil nur ein solches Ego „den Biss“ hat, sich selbst zu konfrontieren und (unter Umständen unbequeme) Entscheidungen zu treffen. So gesehen, ist es für die bewusste spirituelle Entwicklung unerlässlich, ein starkes und erwachsenes Ego zu haben, das im Laufe des Prozesses unter Umständen in der einen oder anderen Hinsicht auch noch „nachreifen“ muss.

Gleichzeitig werden Sie bei dieser Entwicklung eine Phase durchlaufen, in dem es sich regelrecht so anfühlt, als ob sich Ihr Ego „auflöst“. Genau dagegen wehrt sich das Ego mit aller Vehemenz: Die Steuerung für das eigenen Leben aus der Hand und an das höhere Selbst abzugeben. Es rebelliert, boykottiert und blockiert. Und dann heißt es, das eigene Ego mit dem Beobachter- und Entscheidungs-Ich immer wieder sehr geduldig an die Leine zu nehmen und in die Schranken zu weisen.

Wenn mir jemand das alles vor fünf Jahren erzählt hätte, hätte ich kein Wort davon verstanden. Wenn Sie also auch nur so eine Ahnung davon spüren, was ich damit meine, sind Sie schon viel besser, als ich es damals war. Dass das schwer verständlich ist, ist auch kein Wunder: Es ist ein Paradigmen-Wechsel dazu, wie die allermeisten Menschen leben und was in unserer Gesellschaft als „normal“ angesehen wird. Ich persönlich bin mit diesem „normal“ sehr unglücklich gewesen. Deshalb bin ich diesen Weg konsequent gegangen. Ich weiß tief in mir, dass ich in meiner zweiten Lebenshälfte glücklich sein werde. Und eines kann ich Ihnen versichern: Wenn Sie die Entscheidung getroffen haben, den spirituellen Weg zu gehen, wird das Leben Sie führen und Ihnen Zeichen schicken. Jesus Christ hat gesagt: „Suchet, so werdet Ihr finden. Klopfet an, so wird Euch auf getan.“ Wer einen Schritt auf Gott zugeht, dem kommt Gott zehn Schritte entgegen.

Die Entscheidung liegt bei Ihnen: Wollen Sie „normal“ oder glücklich sein?

KatrinNr. 33: Haben Sie Ihr Ego im Griff oder hat Ihr Ego Sie im Griff?