Nr. 38: Können Sie Gott spüren?

Die allermeisten Menschen verbinden mit dem Wort „Gott“ automatisch die institutionalisierte Kirchenreligion und das Gottesbild, das diese Religionen in die Welt tragen. Ich bin darüber sehr betrübt, weil das viele Menschen (aus meiner Sicht verständlicherweise) davon abschreckt, sich für Gott zu interessieren. Auch ich hatte deshalb Schwierigkeiten, mich Gott anzunähern. Erst als ich verstand, dass nur die Spiritualität Antworten auf wirklich alle Fragen dieser Welt bieten kann, verflogen meine Berührungsängste. Heute frage ich mich: Wie habe ich vorher ohne Gott leben können? Allerdings hat Gott, so wie ich ihn verstehe, rein gar nichts mit dem von den Kirchen propagierten Gott zu tun.

Ich möchte mit diesem Artikel ein bisschen Aufklärungsarbeit leisten in der Hoffnung, dass Sie einen neuen Zugang zu Gott bekommen können. Denn tatsächlich hat jeder Mensch die Fähigkeit in sich, Gott in sich, in jedem anderen Menschen und in allem, was ist, zu fühlen, körperlich zu spüren oder sogar zu hören. Alles, was es dafür braucht, ist ein hohes Maß an Bewusstheit!

Jesus Christus wollte keine Kirche gründen!

Jesus Christus wollte keine Kirche gründen. Hätte er das gewollt und wäre ihm das wichtig gewesen, hätte er das schon zu seinen Lebzeiten selbst getan. Die katholische Kirche stützt sich auf folgendes Bibelzitat, um das Gegenteil zu beweisen: „Du bist Petrus, der Fels, und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen“ (Matthäus 16, 18). Bemerkenswerterweise ist es die einzige Stelle im neuen Testament, in der das Wort „Kirche“ verwandt wird. Insbesondere in den anderen Evangelien von Matthäus, Lukas und Johannes ist es nicht zu finden. Und auch nicht in den apokryphen Evangelien, also in denjenigen Evangelien, die nicht in den Kanon der Bibel aufgenommen worden sind. Das ist ein bisschen dünn in Anbetracht der Tatsache, welche enorme weltliche Macht die katholische Kirche heute hat, nicht wahr? Und jeder weiß, dass die katholische Kirche im Verlauf der Jahrhunderte am Text der Bibel herumgeschraubt hat. Vielleicht wurde hier mal eben flink das neutrale Wort „Gemeinde“ durch das Wort „Kirche“ ersetzt?

Hingegen hat Jesus Christus sehr deutliche Worte zu der damals herrschenden Kirchenreligion gefunden. Nicht nur hat er ständig mit den Kirchenobersten, den Pharisäern, herumgestritten, sondern es ist insbesondere Folgendes überliefert:

Da stellten ihn die Juden zur Rede: Welches Zeichen lässt du uns sehen als Beweis, dass du dies tun darfst? Jesus antwortete ihnen: Reißt diesen Tempel nieder, in drei Tagen werde ich ihn wieder aufrichten. Da sagten die Juden: Sechsundvierzig Jahre wurde an diesem Tempel gebaut und du willst ihn in drei Tagen wieder aufrichten? Er aber meinte den Tempel seines Leibes. Als er von den Toten auferstanden war, erinnerten sich seine Jünger, dass er dies gesagt hatte, und sie glaubten der Schrift und dem Wort, das Jesus gesprochen hatte. (Johannes 2, 18 – 22)

Für Jesus Christus hatten die Tempel der Kirchen ausgedient. Der Tempel der Religion Jesu Christi ist der Leib eines jeden Menschen. Auch ein anderes Bibelzitat lässt keinen anderen Schluss zu:

Da Jesus Christus aber gefragt ward von den Pharisäern: Wann kommt das Reich Gottes? antwortete er ihnen und sprach: Das Reich Gottes kommt nicht mit äußerlichen Gebärden; man wird auch nicht sagen: Siehe hier! oder: da ist es! Denn sehet, das Reich Gottes ist inwendig in euch. (Lukas 17, 20 – 21)

Wenn das Reich Gottes in jedem einzelnen Menschen ist, braucht es keine Kirche und erst recht keinen Papst, um in das Reich Gottes zu gelangen, sondern nur eines: Bewusstheit und die Kenntnis der eigenen Innenwelt. Das entsprechende Wissen dazu, wie man sich seiner selbst bewusst werden kann, finden wir bei den klassischen Wissenschaften heute allerdings nicht in der Theologie, sondern in der Psychologie, und dort auch nur unvollständig. Intelligente moderne Spiritualität verbindet, ergänzt und aktualisiert, was traditionelle weltliche Theologie und weltliche Psychologie umfassen.

Warum es trotzdem zur Gründung der katholischen Kirche kam

Wie es im Einzelnen genau zur Gründung der katholischen Kirche kam, ist ein langer Prozess, der sich über Jahrhunderte hingezogen hat und den Historiker präziser beschreiben können als ich. Nach meinem Verständnis hat der Prozess mit dem Jünger Paulus begonnen. Paulus war ein gebildeter Jude aus einer angesehenen Familie und hatte als ausgebildeter Pharisäer Christen verfolgt, bevor er sich Jesus Christus anschloss. Er war später einer der einflussreichsten Apostel, die die Botschaft Jesu Christi in die Welt trugen. Und was hat er gleich mit verbreitet: Die Idee einer organisierten Religion, wie er sie aus seinem früheren Leben als Pharisäer kannte. Anstatt sich Gedanken dazu zu machen, wie Jesus Christus sich wohl die Organisation seiner Gemeinden gewünscht hätte, hat er einfach das übernommen, was er von früher schon kannte. Und damit war der Same für eine pharisäische Kirchenorganisation im Christentum gesät. Menschliche Machtinteressen haben diesen Samen zu einem der heute mächtigsten Wirtschaftskonzerne der Welt herangezogen: zur katholischen Kirche.

Worunter die Kirchen heute „leiden“ und warum sie trotzdem nützlich sind

Auch wenn sich das hier so liest: Ich bin gar kein Gegner der Kirchen. Wer sich in einer der Kirchen wohl und geborgen fühlt, für den freue ich mich von Herzen. Aus meiner Sicht sind sie auch wichtige soziale Institutionen, die wertvolle Sozialdienste leisten. Nur für mich ist sonnenklar: Mit zeitgerechter Spiritualität hat das alles nichts zu tun. Die Idee von Jesus Christus war es nicht, soziale Dienstleistungen zu organisieren. Im Gegenteil: Er wollte soziale Dienstleistungen überflüssig machen, indem er jeden Menschen in die Eigenverantwortung führt und ihm hilft, sich seiner eigenen Ressourcen bewusst zu werden. Wer Jesus Christus nachfolgt, ist auf soziale Dienstleistungen nicht angewiesen, weil er für sich selber sorgen kann. Dass überhaupt solche Einrichtungen heute benötigt werden, ist der Tatsache geschuldet, dass die Kirchen die Botschaft Jesu Christi falsch interpretiert und im Laufe der Jahrhunderte nicht an den Fortschritt der Menschheitsentwicklung angepasst haben. Mit anderen Worten: Was die Kirchen heute predigen, entspricht dem Gottesbild aus dem Mittelalter! Es ist mehr oder weniger der Gott, der irgendwo oben im Himmel sitzt, von oben aus alles lenkt und Verstöße gegen göttliches Recht „bestraft“. Es ist autoritäre Vaterfigur in „Übergröße“ und mit Allmacht. Auf so einen Gott hat natürlich kein aufgeklärter Mensch Lust, der unabhängig denken kann und will.

Dass die Kirchen diesen völlig überholten Gottesbegriff heute noch verbreiten, ist aber wiederum kein „böser Wille“, sondern ist mehr das Ergebnis einer schwerfälligen Mega-Organisation, die sich den gesellschaftlichen Veränderungen nicht anpassen konnte. Im Zeitalter der Aufklärung wurden sich die Menschen immer mehr ihrer eigenen intellektuellen Fähigkeiten bewusst und waren nicht länger bereit, sich dem Diktat der Kirche zu unterwerfen. Die Menschen wollten selbstständig denken, anstatt sich von der Kirche vorschreiben zu lassen, was zu denken zulässig ist. Die Kirche büsste deshalb letztlich ihre politische Macht ein. Um nicht auch noch ihre gesellschaftliche und wirtschaftliche Macht zu verlieren, hat sie einen folgenschweren Fehler gemacht: Sie hat ihre mittelalterliche Lehre der Aufklärung „angepasst“, indem sie die Mystik und insbesondere die ohnehin nur wenig überlieferte Kommunikation mit der geistigen Welt mit Hilfe der Medialität aus der Religion verbannte. Denn das war für einen aufgeklärten Menschen tendenziell „dubios“. Und um nicht im Abseits zu stehen, wollte die Kirche nicht dubios sein. Damit starb aber das Wissen um die Mystik und um die Medialität weitestgehend aus und wird heute von den allermeisten Menschen als esoterischer Quatsch abgetan. Dabei gehörten Mystik und Medialität vorher untrennbar zum Alltag der Menschheit und insbesondere auch in die Kirche. Erst seit etwa 100 Jahren wird beides wiederentdeckt. Aber eben nicht von den Kirchen, die ansonsten immer noch im Mittelalter festhängen.

Wie ich Gott verstehe

Für mich ist Gott in allem, was ist: In jedem Menschen, in jeder Pflanze, in jedem Tier, in der Erde, in Steinen, im Wasser. Alles ist miteinander verbunden. Manchmal – noch nicht immer – kann ich das sehr deutlich innerlich spüren. Das ist kein intellektuelles Wissen, sondern eine innere Gewissheit. Gott drückt sich durch das Leben aus: Alles, was passiert, ist göttlich gelenkt. Es gibt keinen Zufall. Und das gilt auch für menschliches Handeln und was Menschen miteinander erleben und erfahren. Zwar hat jeder Mensch einen freien Willen, und jeder kann das eigene Handeln selbst bestimmen. Doch wer wie wann warum zusammentrifft, ist kein Zufall. Alles funktioniert mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerkes nach göttlichen Gesetzen, die keine Ausnahme von der Regel zulassen. Lediglich im Zeitelement gibt es eine gewisse Flexibilität. Ich bin immer wieder fasziniert davon, wie logisch das alles funktioniert. Das ist Gott für mich vor allem: Logisch! Wer das im Alltag nachvollziehen kann, erfährt Gott und spürt die Gnade Gottes. Denn wer das kann, versteht die Welt und ist deshalb in der Lage, sein eigenes Leben in dieser göttlichen Welt selbst zu steuern, anstatt dem Leben oder anderen Menschen ausgeliefert zu sein. Dafür braucht es Bewusstheit.

Und wie ist es mit Ihnen? Können Sie Gott auch spüren?

KatrinNr. 38: Können Sie Gott spüren?