Nr. 41: Sind Sie zerrissen zwischen dem Wunsch nach Nähe und der Angst davor?

Es gibt ein auf den ersten Blick seltsam erscheinendes Phänomen: Alle Menschen, die nicht ein beträchtliches Maß an Bewusstheitsarbeit erledigt haben, haben einerseits eine tiefe Sehnsucht nach Nähe und Intimität mit anderen Menschen, sind aber gleichzeitig in gleichem Maße von Angst vor Nähe und Intimität geschüttelt. In diesem Artikel werde ich beleuchten, wie sich das äußert, warum das so ist, welche Folgen das hat und was Sie dagegen tun können.

Woher der Wunsch nach Nähe und Intimität rührt

Die meisten Menschen – und vermutlich auch Sie – können ihren Wunsch nach Nähe und Intimität und nach Verbindung mit anderen Menschen in sich spüren. Deshalb muss ich dazu eigentlich nicht viel schreiben. Was aber doch erwähnenswert ist: Egal, wie verschlossen, hart oder cool ein Mensch wirkt, trägt ausnahmslos jeder den Wunsch nach Nähe und Intimität in sich. Denn jeder Mensch trägt im Kern Gott in sich. Es ist dieser göttliche Kern, der auf die göttlichen Kerne in anderen Menschen magnetisch reagiert. Gott sucht Verbindung. Oder richtiger: Gott ist Verbindung. Was die Menschen voneinander trennt, ist vom Teufel beziehungsweise ist der Teufel. Und genau daher rührt auch die Angst vor Nähe und Intimität, wie gleich klar werden wird.

Wie die Angst vor Nähe und Intimität aussieht und woher sie rührt

Die Angst vor Nähe und Intimität ist bei jedem Menschen unterschiedlich ausgeprägt. Manchen Menschen kann man von außen die Angst vor Nähe regelrecht ansehen: Sie sind verschlossen und senden die non-verbale Botschaft aus: „Komm mir nicht zu nahe!“ Wenn man diese Menschen anspricht, reagieren sie verschlossen und defensiv. Das kann allerdings auch nur ein „Schutz“ vor fremden Menschen sein. Es ist durchaus möglich, dass diese Menschen gegenüber vertrauten Menschen offener sind. Aber auch dieser Schutzmechanismus gegenüber fremden Menschen ist im Kern nichts anderes als die Angst vor Nähe und Kontakt.

Schwerer zu erkennen ist die Angst vor Nähe und Intimität bei Menschen, die äußerlich offen, zugewandt und kommunikativ sind. Denn viele Menschen tragen innerlich eine Art Schutzschild in sich, mit dem sie ganz genau regulieren, was und wie viel von ihnen nach außen dringen darf. Und dreimal dürfen Sie raten, was nach außen dringen darf und was sorgsam unter Verschluss gehalten wird? Alles, was diese Menschen an sich für „gut“ halten, wird freigiebig zur Schau gestellt, und alles, was sie an sich selbst als „schlecht“ verurteilen, wird sorgsam vor der Außenwelt und meistens auch vor sich selbst geheim gehalten. Diese Menschen – und das ist tatsächlich der Großteil der Menschheit – leben ihr Leben wie eine Art Theaterstück, in dem nur der Gutmensch in ihnen auf die Bühne darf und der Bösewicht in ihnen hinter die Kulissen verbannt wird. Dass es diesen Bösewicht in ausnahmslos jedem Menschen gibt, ist eine Tatsache, die nicht weggeredet werden kann. Warum das so ist, wird gleich deutlich. Denn trotz aller Bemühungen, den Bösewicht im Verborgenen zu halten, erscheint er manchmal gegen den Willen einer Person auf der Bühne der Selbstinszenierung. Das kann drei Gründe haben:

  • Der Bösewicht nutzt gern einen Mangel an Bewusstheit aus, um sich der Öffentlichkeit zu zeigen. Denn natürlich will auch er mal im Rampenlicht stehen. Wer will das nicht? Der Mangel an Bewusstheit führt dazu, dass die Menschen selbst es gar nicht mitkriegen, dass der Bösewicht in ihnen sich auf ihre Bühne geschlichen hat. Feindselige oder aggressive Stimmung und Wortwahl verraten, dass der Bösewicht am Werk ist. Das führt dann oft dazu, dass der Betreffende sein eigenes destruktives Verhalten verleugnet und steif und fest behauptet, immer nur „gut“ zu sein. Sie sagen mit unschuldiger Mine dann: „Was? Ich? Aggressiv? Feindselig? Ich doch nicht. Das hast Du falsch verstanden.“
  • Manche Menschen lassen ihren Bösewicht manchmal absichtlich heraus, weil es ihnen – so schräg das klingen mag – Spaß macht, anderen weh zu tun oder Verwirrung zu stiften. Auch das passiert natürlich oft unbewusst oder eher halbbewusst. Aber wenn diese Menschen ehrlich mit sich wären, könnten sie ihre Freude an der eigenen Negativität spüren. Das hat unter anderem etwas damit zu tun, dass sich „mächtig“, „groß“, „stark“ oder „lebendig“ fühlt, wer anderen weh tun, andere verwirren oder mit imposanten Demonstrationen von Macht und Kraft einschüchtern kann. Natürlich wird solche Art von destruktivem Verhalten immer verleugnet, weil sonst ja negative Konsequenzen drohen könnten und damit der Spaß flöten ginge. Zu den Bösewichten, deren Auftritte dem regieführenden Menschen Spaß machen, gehören natürlich auch sadistische und masochistische Sexualpraktiken, die mit Liebe rein gar nichts zu tun haben. Hier ist die Lust bewusst an Destruktivität gekoppelt. Leid zuzufügen oder zu ertragen, sind dabei nur zwei Seiten einer Medaille und laufen damit auf das Gleiche hinaus. Wer sadistische Züge in sich hat, hat auch immer masochistische Züge in sich, und umgekehrt. Die Tatsache, dass es diese bewusste Koppelung zwischen Lust und Destruktivität gibt, belegt nur, dass es die gleiche Koppelung auch unbewusst oder halbbewusst geben muss. Denn der Unterschied zwischen bewussten und unbewussten Verhaltensmustern ist ja nur der, dass man im ersteren Falle weiß, was man tut, während es einem im letzteren Fall verborgen bleibt.
  • Manchmal erscheint der Bösewicht auch deshalb auf der Lebensbühne eines Menschen, weil diese Menschen gar nicht wissen, dass genau das der Bösewicht ist. Ich habe zum Beispiel eine zeitlang die Workshops eines spirituellen Heilers besucht, der keine Hemmungen hatte zu behaupten, dass seine Heilmethode die „einzige und beste“ weit und breit sei; öffentlich setzte er andere Menschen, die im Bereich der geistigen Heilung tätig sind, herab und machte sie lächerlich. Das ist nichts anderes als die Todsünde des Hochmuts! Es ist gut, wichtig und richtig, dass es viele verschiedene Heilmethoden auf vielen verschiedenen Ebenen gibt, weil jeder Mensch für seine Heilung andere Hilfe braucht und sich der Bedarf im Verlaufe des Heilungsweges auch verändern kann. Deshalb kann es logischerweise gar nicht die absolut einzige oder beste Methode geben. Jeder Mensch kann sich nur das für ihn im Moment gerade am besten passende Angebot heraussuchen. Da dieser Heiler ansonsten wirklich ein sehr demütiger und dem Dienst Gottes ergebener Mann war, ist das selbst mir lange Zeit gar nicht aufgefallen, dass er in diesem Aspekt hochmütig ist. Ich habe das eher als verschrobene Selbstdarstellung bewertet, als harmlose Marotte. Als mir aber klar wurde, dass dieser Heiler dadurch Keile sogar zwischen die Anhänger Jesu Christi treibt und damit schlimmer ist als der radikalste Islamismus, der „nur“ andere Religionen oder andere Strömungen im Islam angreift, habe ich ihn darauf angesprochen. Er hat mich ausgelacht. Danach bin ich natürlich nicht mehr zu seinen Workshops gegangen. Erschüttert war ich, als ich in Gespräche mit anderen Teilnehmern feststellte, dass diese an dem Hochmut des Heilers gar nichts auszusetzen hatten. Aber die Psychodynamik dahinter liegt natürlich auf der Hand: Wenn ihr Heiler der „Einzige und Beste“ ist, sind auch sie als seine Schüler einzigartig und am besten… Und insgeheim wünscht sich fast jeder Mensch, einzigartig und besonders zu sein. Aber genau das ist der Bösewicht, wenn andere Menschen dafür abgewertet und „kleiner gemacht“ werden müssen. Denn die Wahrheit ist: Jeder Mensch ist einzigartig und besonders, aber eben nicht besser oder schlechter als ein anderer.

Das Beispiel dieses Heilers zeigt sehr anschaulich: Ein Bösewicht lauert in ausnahmslos allen Menschen, die nicht vollständig geläutert sind. Egal, wie sehr die Menschen das eigene Verhalten kontrollieren: Dieser Bösewicht kann unmöglich verheimlicht werden.  Ich sehe ihn mittlerweile früher oder später bei jedem Menschen. Und je mehr Nähe und Intimität im Kontakt besteht, desto größer ist natürlich die Wahrscheinlichkeit, dass der Bösewicht entlarvt wird. Damit wird dann auch plastisch, warum die allermeisten Menschen Angst vor Nähe und Intimität haben: Ihr Bösewicht könnte ja auffliegen! Weil die allermeisten Menschen ihren eigenen Bösewicht fürchten, flüchten sie – natürlich unbewusst – vor Nähe und Intimität mit anderen.

Diese Angst kann man daran erkennen, wenn Menschen erst Kontakt mit anderen suchen und dann irgendetwas anstellen, um diesen Kontakt wieder kaputt zu machen. Dieses „Irgendetwas“, das die Menschen anstellen, um Kontakt wieder kaputt zu machen kann ganz unterschiedlich aussehen. Manchmal ist es tatsächlich der Bösewicht, der dann zuschlägt: Aggressive Ausfälle, Abwertung, Beschämung, Lieblosigkeit, Rücksichtslosigkeit sind nur einige der Möglichkeiten. Meistens läuft das allerdings viel subtiler ab: Menschen „vergessen“ eine Verabredung, ziehen sich (vielleicht auch nur innerlich) zurück oder verlieren plötzlich das Interesse am anderen.

Das Drama, das diese Zerrissenheit im zwischenmenschlichen Kontakt auslöst

Weil die allermeisten Menschen zwischen dem Wunsch nach Nähe einerseits und der Angst davor andererseits innerlich zerrissen sind, wird jeder zwischenmenschliche Kontakt wortwörtlich zur Zerreißprobe. Denn diese Zerrissenheit führt dazu, das die Menschen innerlich hin- und herpendeln zwischen der Bewegung auf den anderen zu und der Bewegung vom anderen weg. Da braucht es nicht viel Vorstellungskraft, wie das gemeinsam inszenierte Drama aussieht. Dafür müssen Sie sich nur zwei aktive Pendel vorstellen, die gleichzeitig pendeln. Folgende Konstellationen sind denkbar:

  • Die Pendel pendeln immer mit mehr oder weniger Abstand zwischen sich parallel hintereinander her. Einer geht auf den Anderen zu, der Andere bekommt Angst und läuft weg. Der Eine verliert irgendwann die Lust daran, dem Anderen „hinterherzulaufen“, weil das schmerzhaft ist, und dreht sich weg. In dem Moment wird der Wunsch des Anderen nach Kontakt aktiviert, weil er ja jetzt keine Angst mehr haben muss, und der Andere geht auf den Einen zu. Der Eine ist aufgrund der zuvor gemachten schlechten Erfahrung voller Angst und läuft weg. Dann gibt der Andere auf und dreht sich weg, was dazu führt, dass der Eine die Angst verliert und wieder auf den Anderen zugeht, und alles geht wieder von vorne los. Ein Kontakt der Pendel = echte Nähe und Intimität zwischen den beiden Menschen findet nie statt.
  • Die andere Konstellation sieht wie folgt aus: Die Pendel pendeln auf einander zu, klacken zusammen und stoßen sich dann wieder voneinander ab. Der Eine und der Andere gehen aufeinander zu, stellen Nähe und Intimität her, bekommen dann beide Angst und entfernen sich wieder voneinander.
  • In der Praxis oft anzutreffen, ist eine Kombination der beiden vorgenannten Bewegungen. Die Pendel pendeln mal parallel und mit Abstand hintereinander, mal klacken sie aufeinander und stoßen sich voneinander ab.

Bei diesen Pendelbewegungen spielt natürlich immer fleißig auch der Bösewicht mit, der mal mehr, mal weniger sichtbar auf den Plan tritt. Und der Bösewicht sorgt dafür, dass ordentlich Schwung in die Beziehung kommt. Denn früher oder später wird er selbst zum Gegenstand des Streites, und die übliche Strategie ist es, den Bösewicht ausschließlich beim jeweils Anderen auszumachen, anstatt sich mit dem eigenen Bösewicht zu beschäftigen. Das ist natürlich nicht zielführend, weil jeder nur seinen eigenen Bösewicht umerziehen kann.

Diese Bewegungen finden tatsächlich in allen Beziehungen statt, und zwar auch in solchen, in denen nur oberflächlicher Kontakt stattfindet und Nähe und Intimität gar nicht möglich ist, weil beide oder auch nur einer von beiden eine Art „Schutzzone“ um sich herum errichtet hat, die direkten Kontakt verhindert. Beim Bild des Pendels können Sie sich das so vorstellen, dass das Pendelgewicht in Schaumstoff eingewickelt ist mit der Folge, dass es nie mit anderen Pendeln zusammenklacken kann. Diese Schutzzone oder der Schaumstoff ist quasi der Mechanismus, um die Angst vor Nähe und Intimität zu vermeiden. Die unvermeidliche Nebenwirkung ist jedoch, dass Nähe und Intimität nie hergestellt werden können. Das scheint auf den ersten Blick eine „vernünftige“ Lösung zu sein, sie hat nur einen Haken: Solche Menschen bleiben sich selbst fremd und fühlen sich deshalb innerlich leer und unerfüllt. Ein wirklich glückliches Leben ist so nicht möglich, sondern eben nur ein „vernünftiges“. Wenn ich früher mit Menschen mit einer dicken Schutzschicht Kontakt gehabt habe, habe ich mich hinterher immer seltsam leer gefühlt und als ob ich eine langweilige Soap Opera im Fernsehen gesehen habe, weil ich kein Leben in ihnen spüren konnte. Da ich mir auch keine langweiligen Soap Operas mehr ansehe, suche ich zu solchen Menschen keinen Kontakt mehr.

Wie man die Angst vor Nähe und Intimität auflösen und damit zwischenmenschliche Dramen beenden kann

Wie man dieses Drama beendet, liegt nach dem oben Geschriebenen auf der Hand: Lernen Sie Ihren eigenen inneren Bösewicht kennen und fangen Sie an, ihn umzuerziehen. Sie werden dabei feststellen, dass dieser Bösewicht eigentlich ein sehr gewitztes, lustiges und liebevolles Kerlchen ist, das seine Rolle als Bösewicht nur deshalb spielt, weil Sie ihm vorher keine Aufmerksamkeit geschenkt haben. Nur deshalb hat er in Ihrem System für Unfug gesorgt: Damit er endlich Ihre Aufmerksamkeit bekommt. Und die hat er verdient, weil er Ihnen im Kern nur Gutes bescheren kann. Denn in ausnahmslos jeder destruktiven oder negativen Charaktereigenschaft oder Einstellung schlummert im Kern eine wertvolle Ressource. Das heißt: Es gibt nichts in Ihnen, wovor Sie sich in sich fürchten müssten, weil Sie ausnahmslos alles in persönliche Vorzüge transformieren können. Wenn Sie den Hass in sich transformieren, wird die Liebe in Ihnen frei. Wenn Sie bewusst Ihre Lust mit konstruktiven Erlebnissen verbinden, wird Ihr Leben bunter und erfüllter. Wenn Sie Egozentrik in Zugewandtheit in Kombination mit sinnvollem Selbstschutz verwandeln, werden Ihre Beziehungen lebendiger und spannender. Wenn Sie Ihre Minderwertigkeitsgefühle in gesunde Demut mit gesundem Selbstwertgefühl verwandeln, bekommen Sie ein unerschütterliches Selbstbewusstsein. Gleichzeitig verlieren Sie die Angst vor den Bösewichten in anderen Menschen. Denn weil Sie Ihren eigenen Bösewicht genau kennen, können Sie auch den Bösewicht in Ihrem Gegenüber präzise erkennen. Dadurch Sie wissen dann, wie Sie sich dagegen wehren können, vom Bösewicht anderer Menschen missbraucht, verletzt, zu Unrecht angeklagt und beschuldigt zu werden.

Nur wer seinen Bösewicht wenigstens vollständig kennt und dafür die Verantwortung übernimmt, kann die Liebe zwischen Mann und Frau erleben!

Nach meinen Beobachtungen gibt es kaum wirklich glückliche Paarbeziehungen. Es gibt einige „vernünftige“ Beziehungen, in denen sich die Partner ganz gut miteinander arrangiert haben. Aber nach lebendiger Liebe mit prickelndem Sex sieht das nicht aus. Die allermeisten Menschen sind entweder unglücklich in einer Beziehung oder unglücklich allein. Ab und zu trifft man mal jemanden, der frisch verliebt und deshalb glücklich ist. Aber die Zeit der Verliebtheit hat ein Verfallsdatum, wenn nicht beide Partner in dieser Phase zu lieben lernen. Denn die Verliebtheit allein ist nur für zwei bis drei Jahre für eine Beziehung tragfähig. Danach verflüchtigt sie sich langsam, wenn keine Liebe entsteht. Liebe aber kann nur entstehen, wenn beide Partner ihren eigenen Bösewicht vollständig kennen und die Verantwortung dafür übernehmen. Denn nur dann können die Bösewichte im Zaum und davon abgehalten werden, die Beziehung zu zerstören oder ihr die Lebendigkeit zu rauben.

Na, Lust in das Licht am Ende des Tunnels zu treten und den eigenen inneren Bösewicht zu Ihrem besten Freund zu machen?

 

 

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