Nr. 43: Können Sie Ihre innere Lichtwelt und Ihre innere Schattenwelt spüren?

Ich habe in meinen Artikeln schon mehrfach angesprochen, dass in jedem noch nicht vollständig geläuterten menschlichen Bewusstsein sowohl Licht als auch Schatten vorhanden ist. Zwar wollen fast alle Menschen die Welt glauben machen, dass in ihnen ausschließlich Licht sei. Aber das liegt nach meinen Beobachtungen insbesondere auch daran, dass die Menschen selbst gar nicht mitbekommen, dass sie gerade in ihrer Schattenwelt hocken und blind und unbewusst ihren Schatten ausagieren. Deshalb möchte ich mit diesem Artikel Ihr Bewusstsein dafür schärfen, bei sich selbst zu beobachten: Agiere ich gerade aus meiner Lichtwelt heraus oder aber aus meiner Schattenwelt? Wenn Sie das bei sich selbst beobachten können, werden Sie feststellen, dass die Welt, das Leben und andere Menschen komplett anders aussehen, je nachdem ob Sie aus Ihrem inneren Licht oder aber aus Ihrem inneren Schatten heraus darauf schauen!

Wie es von außen aussieht, wenn Menschen ihre Schattenwelt ausagieren

Wenn Menschen unbewusst ihre Schattenwelt ausagieren, sieht das von außen so aus, dass diese Menschen sich latent feindselig und aggressiv verhalten. Das ist weniger offenkundig destruktives oder verletzendes Verhalten, obwohl die Stimmung insgesamt darauf hinauslaufen kann. Sondern das äußert sich eher in einer Grundstimmung, die sich in feinen, kleinen Seitenhieben, einer zischenden Stimme, Nörgelei, partieller Kommunikationsverweigerung oder Übergriffigkeit zeigt, wobei der einzelne „Akt“ an sich für sich gesehen gar nicht so schlimm ist, die Vielzahl dieser kleinen Akte aber in ihrer Häufung wirklich störend für die Kommunikation ist. Ich gebe zu: Ich erkenne das bei anderen – oder das Ausmaß der dadurch verursachten Kommunikationsbeeinträchtigung – im Moment noch oft erst im Nachhinein, und zwar insbesondere dann, wenn ich selbst mich inmitten in meiner hellsten Lichtwelt befunden habe und mich im Nachhinein frage, was in einer Kommunikation schief gelaufen ist.

Was auch aus der Schattenwelt kommt: Selbstmitleid und Jammern. Ich habe das früher oft verwechselt mit dem Ausdruck echten Schmerzes, für den ich natürlich immer ein offenes Ohr habe, weil ich weiß, wie wichtig und heilend es ist, wenn Menschen ihren Schmerz fühlen und ausdrücken können. Aber ich habe mich früher sehr oft dazu missbrauchen lassen, Abladestation für Selbstmitleid und Jammern zu werden, weil ich den Unterschied weder kannte noch erkennen konnte. Selbstmitleid und Jammern sind destruktiv und haben nichts, aber auch wirklich rein gar nichts mit dem ehrlichen und authentischen Ausdruck von Schmerz zu tun. Gefühlter und ausgedrückter Schmerz löst den Schmerz auf. Selbstmitleid und Jammern hingegen missbrauchen und perpetuieren den Schmerz mit die Ziel, daraus Profit zu schlagen: Aufmerksamkeit. Guck Dir an, was für ein armes, armes Opfer ich bin!

Es ist übrigens nach meiner Erfahrung bei den allermeisten Menschen zwecklos, sie darauf aufmerksam machen zu wollen, dass sie gerade aus ihrer inneren Schattenwelt heraus agieren. Ich habe es ein paar Male mit unterschiedlichen Ansätzen versucht. Die Reaktion war immer: „Was? Ich?“, eben weil die Bewusstheit dafür fehlte. Wenn Ihnen etwas liegt an dem Menschen, mit dem Sie so etwas erleben, empfehle ich Ihnen, möglichst schnell das Gespräch zu beenden und abzuwarten, bis der oder die andere wieder in seiner Lichtwelt angekommen ist. Mit Menschen, die im Schatten hocken und sich dessen nicht bewusst sind, kann man nicht vernünftig kommunizieren, weil ihr Blickwinkel verengt ist. Es ist sinnlos. Auch hinterher darüber sprechen zu wollen, ist sinnlos. Es gelten die Jesus-Worte: „Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Nachdem ich bei jemandem dieses blinde „Zickenzeug“ (so nenne ich das innerlich für mich) erlebt habe, verliere ich allerdings meistens das Interesse an diesen Menschen. Was soll ich Kontakt mit Menschen pflegen, die nicht wissen, was sie tun, und es auch nicht wissen wollen? Die weder sich selbst noch mich wahrnehmen, sondern völlig planlos ihren Launen ausgeliefert sind und das dann an mir auslassen?

Wie das mit der inneren Lichtwelt und der inneren Schattenwelt funktioniert

Wie das mit der inneren Lichtwelt und der inneren Schattenwelt funktioniert, möchte ich Ihnen daran verdeutlichen, wie ich das bei mir selbst verstanden und erkannt habe:

Ich kann mich an Zeiten in meinem Leben erinnern, in denen ich jeden einzelnen Tag in meinem Leben als Belastung empfunden habe. Ich habe mehr überlebt als gelebt. Natürlich war mir das damals nicht bewusst, denn ich kannte ja nichts anderes. Heute aber weiß ich, warum das so war: Ich war komplett verstrickt in das, was ich heute meine Schattenwelt nenne: Ein Zustand aus Angst, Misstrauen und abgrundtiefer Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Natürlich habe ich nichts von all dem gefühlt, weil ich komplett betäubt war. Aber heute kann ich im Nachhinein emotional und kognitiv rekonstruieren, dass es so gewesen sein muss.

Je älter ich wurde, desto mehr Licht trat in mein Leben, ohne dass ich (scheinbar) irgendetwas dafür getan hätte. Ich erfuhr, wie es ist, aus tiefstem Herzen – insbesondere auch innerlich! – zu lachen, was eine ganz neue Erfahrung für mich war! In einer besonders schwierigen persönlichen Situation begann ich mit Mitte dreißig, mit Hilfe des Enneagramms an meiner Bewusstheit zu arbeiten, was mir nicht nur unglaublich viel Spaß gemacht hat, sondern auch hoffnungsvolle Lichtstreife auf meinen inneren Horizont gezaubert hat. Denn durch die dadurch gewonnenen ersten Einsichten in das menschliche Bewusstsein wurde mir klar, dass das Leben noch viel mehr zu bieten hat, als ich immer gedacht hatte. Mein Leben hat mich in den letzten rund zehn Jahren dazu „gezwungen“ (tatsächlich war es das Beste, was mir passieren konnte…), den radikalen Weg in die Bewusstheit zu gehen.

Heute scheint in meinem Leben überwiegend meine innere Sonne und nur ab und an verdunkeln dicke Wolken das Licht, und zwar gänzlich unabhängig davon, was ich im Außen gerade erlebe. Tatsächlich ist mein Leben im Außen im Moment deutlich schwieriger, als es das damals vor zehn Jahren war. Trotzdem überwiegt heute das Licht bei Weitem den Schatten, während es früher genau umgekehrt war. Und wenn heute mal der Schatten aufzieht, kann ich bei mir selbst sehr klar sehen,

  • wie für mich ganz plötzlich und von einem Moment auf den anderen aus einer „Herausforderung“ oder einer „interessanten Perspektive“ ein „Riesenproblem“ oder ein „hoffnungsloses Unterfangen“ wird,
  • wie ich auf einmal dazu neige, Menschen, die ich normalerweise sehr mag, auf ihre Fehler zu reduzieren, und
  • ich mich sogar frage, ob Gott nicht ein fragwürdiges Hirngespinst ist.

Und das alles passiert in mir, obwohl sich im Außen nichts, aber auch rein gar nichts getan oder geändert hat. Zum Glück „erwische“ ich mich heute recht schnell dabei, so dass ich dann nur denke: „Ah, sieh an, das ist er wieder, der Schatten!“ und die negativen Gedanken schnell loslassen kann, um dem eigentlichen Problem auf den Grund zu gehen: Was will mein Schatten mir gerade sagen? Denn das ist oft etwas ganz anderes als das, was Gegenstand meiner destruktiven Gedanken war.

Was ich deutlich machen möchte: Es sind nie die Umstände im Außen oder andere Menschen, die darüber entscheiden, ob innerlich Sonnenschein oder Schattenwetter herrschen. Es hängt immer davon ab, ob man sich selbst innerlich mit seiner inneren Lichtwelt oder aber mit seiner inneren Schattenwelt verbunden hat.

Übrigens habe ich selbst seit einigen Jahren in mir eine Art „inneren Lichtschalter“, den ich immer dann betätige, wenn ich – egal wann, wo und zu welcher Gelegenheit – in Kontakt trete zu anderen Menschen: Selbst wenn ich nicht gut drauf bin, knipse ich dann automatisch mein inneres Licht an oder wenigstens den Schatten aus. Das ist ein Stück weit ein altes Muster von mir, mit dem ich früher anderen Menschen gefallen wollte: Wer gut drauf ist, wird leichter gemocht als jemand, der schlecht drauf ist. Heute tue ich das aber auch deshalb bewusst, weil ich mich gerade dann, wenn ich in meiner Schattenwelt hocke, von der Lichtwelt anderer Menschen anstecken lassen will, und das funktioniert nur, wenn ich meine eigene Schattenwelt in dem Moment beiseite schiebe. Wenn ich zum Beispiel an einem „grauen“ Tag bei Bezahlen an der Supermarktkasse mit der Kassiererin über irgendetwas herzlich lachen oder scherzen kann, ist das für mich eine labende Lichtinsel, die mir entgehen würde, wenn ich nicht dafür offen wäre. Ich merke allerdings auch, dass mir das nicht immer möglich ist, weil mein inneres Grau einfach zu hartnäckig ist. Dann zwinge ich mich zu nichts. Denn nichts ist ungesünder, als sich zu etwas zu zwingen, was das eigene innere Wesen nicht mitzumachen bereit ist. Manchmal spielt mein inneres Wesen mit, manchmal eben auch nicht. Dann nehme ich das so an. Was ich allerdings nicht tue: Ich agiere innere destruktive Impulse, die mir mein Schatten einflüstert, nicht aus. Und das ist mir nur dadurch möglich, dass ich vorher versucht habe, meinen inneren Lichtschalter zu betätigen, und mir dadurch bewusst geworden ist, wie ausgeprägt grau es in mir aussieht. Wenn meine innere Reaktion „ne, geht gerade nicht“ ist, weiß ich, dass ich sorgfältig darauf achten muss, dass mir kein destruktives Verhalten herausrutschen darf. Vielleicht hilft Ihnen dieses Bild, Ihrer eigenen Stimmung auf die Schliche zu kommen.

Andere Menschen oder die äußeren Umstände haben nie etwas mit Ihrem Gemütszustand zu tun!

Ihr Schatten ist und bleibt Ihr Schatten. Wer erleuchtet ist, kann sogar eine Hassattacke über sich ergehen lassen, ohne auch nur den Hauch einer spontanen negativen emotionalen Reaktion zu verspüren oder unterdrücken zu müssen. Die Verantwortung für Ihren Schatten tragen allein Sie. Niemand sonst. Ihren Schatten kann Ihnen auch niemand abnehmen oder für Sie transformieren. Das können nur Sie allein. Niemand sonst. Und das gilt selbstverständlich auch für mich 😉

Warum das so wichtig zu verinnerlichen ist: Wenn Menschen mit ihrer Schattenwelt verbunden sind, fühlen sie sich immer irgendwie diffus unwohl, auch wenn sie sich dessen nicht bewusst sind. Denn der Schatten ist immer destruktiv und fühlt sich deshalb auch (wenn auch nur unbewusst) destruktiv an; es ist dieser Schatten, der einen zu destruktivem Handeln verleiten kann. Und was ist eines der beliebtesten Gesellschaftsspiele da draußen, wenn es einem schlecht geht? Einen „Schuldigen“ dafür zu finden, dass es einem schlecht geht. Dabei ist manchmal die zeitliche Reihenfolge nicht ganz eindeutig abzugrenzen: War der Betreffende erst in der Schattenwelt und hat dann beim „Schuldigen“ einen „Fehler“ erkannt? Oder hat der „Schuldige“ etwas getan, das bei dem Betreffenden innerlich etwas ausgelöst hat, das ihn dann erst danach in seine Schattenwelt katapultiert hat? Letztlich läuft es aufs Gleiche hinaus, weil jeder für seinen eigenen Schatten verantwortlich ist, und sonst niemand.

Ich habe mich nicht nur einmal in der irrwitzigen Situation wiedergefunden, dass sich jemand mir gegenüber „schattig“ benommen hat und dann auch noch auf die Idee gekommen ist, an mir und meinem Verhalten herumzunörgeln, um damit mich für das eigene Unwohlsein und Fehlverhalten verantwortlich zu machen. Damit umzugehen und das zu verstehen, fand ich ziemlich verwirrend. Aber ich habe nach ein bisschen Grübeln und Nachdenken immer irgendwann verstanden, welchen Anteil ich an diesem Geschehen hatte. Denn alles, was man erlebt, hat ja immer auch mit einem selbst zu tun. Einmal hatte ich mit meinem Vorverhalten geradezu dazu eingeladen. Ein anderes Mal war es mein Hang dazu, mich schuldig zu fühlen, wenn andere mich schlecht behandeln. Und einmal war auch sachlich was dran an dem Vorwurf, der mir gemacht worden war. Was ich aber daraus verstanden habe: Solche Situationen kann man gemeinsam nur klären, wenn jeder für den eigenen Schatten die volle Verantwortung übernimmt. Jedes Gespräch ist zwecklos, wenn sich eine Seite auf den Standpunkt stellt, nur er/sie habe Recht bzw. alles „richtig“ gemacht oder nur er/sie sei ausschließlich Licht, um damit alle Verantwortung auf das Gegenüber abzuschieben. Aber ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass ich dieses Spiel mal bei jemanden zu lange stillschweigend geduldet habe und das dazu geführt hat, dass ich innerlich so wütend und unzufrieden mit mir selbst wurde, dass ich mich mit meinem Verhalten tatsächlich ins Unrecht gesetzt habe. Im Einzelfall mal den Mund zu halten, mag völlig in Ordnung sein. Aber eine „Dauerduldung“ kommt für mich nicht mehr in Frage.

Wie Sie konstruktiv mit Ihrem Schatten umgehen können

Wenn ich in meinem Schatten hocke, konzentriere ich meine Aufmerksamkeit darauf, was mir mein Schatten gerade sagen will und was genau da in mir aufgelöst werden will. Das können die unterschiedlichsten Dinge sein: Traurigkeit, die gefühlt und dadurch aufgelöst werden will. Zorn, der in Handlung umgesetzt werden will. Schuld, die betrauert und vielleicht sogar wieder gut gemacht werden will. Mangel an Vertrauen ins Leben, der verstanden und als Irrtum enttarnt werden will. Und alles Mögliche sonst noch. Jede Schattenwolke hat tatsächlich eine ganz spezifische Bedeutung, die verstanden und integriert werden will. Nur dadurch wird nach und nach Schatten in Licht transformiert, sodass der Schatten immer seltener und immer weniger heftig die Lebenslust vergällt. Und wenn Sie in sich entschlossen nach dem „Sinn“ einer konkreten Wolke forschen, werden Sie immer fündig werden, auch wenn Sie vielleicht ein bisschen stochern und warten müssen, bevor Ihr Unterbewusstsein diese Information freigibt.

Wenn Sie Ihre Schattenzeiten nur „aussitzen“ und abwarten, bis „es“ wieder vorbei ist, droht die Gefahr, dass Sie Gefühle unterdrücken und damit verleugnen, was wiederum dazu führt, dass sich diese Gefühle noch tiefer in Ihr Bewusstsein hineinfressen und damit noch mehr Schaden in Ihrem Leben anrichten können. Ich habe bei zwei älteren Menschen – heute Mitte 60 und Mitte 70 – beobachten können, wie sie über einen längeren Zeitraum permanent über ihren Schatten hinweggegangen sind und gleichzeitig immer härter und aggressiver wurden. Bei beiden vermute ich, dass sie sich nicht mit ihrem Schmerz auseinandersetzen wollten und ihn deshalb verdrängt haben. Und das funktioniert auf die Dauer nur mit Härte und aggressiven Gefühlen, die den eigenen Schmerz betäuben. Nur genau das haben die beiden dann auch gegenüber anderen ausagiert: Härte und Aggressivität, die immer greifbarer und handfester wurden. Wie man so einen beschaulichen Lebensabend genießen kann, ist mir schleierhaft. Ich möchte jedenfalls nicht dabei sein, weil es mir das Herz zerreißt mitansehen zu müssen, wie die beiden insbesondere sich selbst unglücklich machen. Und einen Sinn sehe ich auch nicht darin, mich der selbsterwählten Härte und Aggressivität anderer Menschen auszusetzen.

Ich hoffe, ich habe verständlich machen können: Jeder Schatten, mit dem Sie bewusst und konstruktiv umgehen, birgt immer die Chance in sich, dass Sie mittel- oder langfristig mehr Licht in Ihr Leben holen können. Je früher Sie anfangen, diese Chance zu konsequent zu nutzen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie einen beschaulichen Lebensabend verbringen können.

Na, können Sie das latente Licht in Ihrem Schatten vielleicht sogar schon spüren?

 

 

 

Bildrechte: seier+seier „museo della civiltà romana, E.U.R. rom“; Bildquelle: www.piqs.de

KatrinNr. 43: Können Sie Ihre innere Lichtwelt und Ihre innere Schattenwelt spüren?