Nr. 48: Willst Du „gut“ oder frei = authentisch, lebendig und liebevoll sein?

Viele Menschen, die im Sinne Gottes leben wollen, bemühen sich darum, „gute Menschen“ zu sein. Das heißt, sie setzen alles daran, sich stets „korrekt“ zu verhalten: Immer schön freundlich und geduldig, nie wütend und immer schön demütig und zurückhaltend. Dabei entspricht genau das gar nicht der Lehre Jesu Christi! Tatsächlich widerspricht es ihr sogar. Denn Christus will die Menschen in die Freiheit führen, und wer damit beschäftigt ist, „gut sein“ zu wollen, kann unmöglich frei sein. Ich will hier versuchen, verständlich zu machen, warum das so ist. Insbesondere will ich hier versuchen, ein Bild davon zu beschreiben, was der „Zielzustand“ spiritueller Entwicklung ist, damit Du eine Vorstellung davon hast, wo Deine spirituelle Reise Dich hinführen kann.

Was Jesus Christus damit meinte, als er uns Freiheit gelehrt hat

Es gibt in allen vier Evangelien Berichte darüber, wie sich Jesus Christus mit den Pharisäern über die „Gesetze“ auseinandersetzt. Um ein bekanntes Zitat Jesu Christi zu nennen:

Und er sprach zu ihnen: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht, und nicht der Mensch um des Sabbat willen. (Markus 2, 27)

Was Jesus Christus damit sagen wollte: Gesetze, die nur dazu da sind, dass man sie einhalten muss, taugen nichts. Denn sie dienen dem Menschen nicht. Gesetze machen nur dann Sinn, wenn sie den Menschen und seine Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellen. Speziell für den Sabbath heißt das: Es ist gut, wenn an einem Tag in der Woche nicht gearbeitet wird, sondern dieser Tag der Kontemplation und Besinnung auf Gott vorbehalten ist. Dann aber Vorschriften machen zu wollen, was an dem Tag genau zu passieren hat, wie es die Pharisäer forderten und anmahnten, macht keinen Sinn, weil jeder in Sachen Kontemplation und Besinnung andere Bedürfnisse hat. Jesus Christus predigte damit die Abkehr von der sogenannten „Gesetzesreligion“ des Alten Testaments hin zur Ausrichtung auf die Liebe als höchste Priorität, was die Kernbotschaft des Neuen Testaments ist: Die Liebe – nicht die Gesetze – ist oberster Maßstab für geläutertes Handeln, Denken und Fühlen!

Die Bedeutung dieser Neuausrichtung zu verstehen, fällt leichter, wenn man sich vor Augen führt, wie Läuterung funktioniert: Läuterung – also die Transformation niederer Gefühle, Gesinnungen und Ansichten in Liebe – erfolgt auf drei Ebenen, nämlich auf der Ebene der Handlungen, auf der Ebene des Denkens und auf der Ebene der Gefühle.

Zur Zeit des alten Testaments stand der Durchschnitt der Menschheit noch auf einer Entwicklungsstufe, auf der die Menschen mehr als genug damit gefordert waren, sich auf der Ebene der Handlungen zu läutern. Denn die Menschen waren damals rein instinktgetrieben und deshalb von Natur aus rücksichtslos. Leib, Leben und Habe anderer Menschen wurden als Quelle der eigenen Bedürfnisbefriedigung betrachtet. Deshalb war wesentlicher Bestandteil der Religion nach dem Alten Testament, Gesetze zu schaffen dafür, was „gottesfürchtiges“ Verhalten ist. Mit anderen Worten: Im Sinne Gottes handelte danach, wer die Gesetze der Religion einhält, und diese Gesetze schützten damals primär Leib, Leben und Habe eines Menschen. Denn an eine Läuterung auf den Ebenen von Denken und Fühlen war für den Durchschnitt der Menschheit damals noch nicht zu denken. Nur sind die Pharisäer dann mit den Gesetzen zu weit gegangen und haben alles Mögliche per Gesetz geregelt wie zum Beispiel der genaue Ablauf eines Sabbats.

Als Jesus Christus auf der Erde erschien, war der Zeitpunkt gekommen, in dem die Menschheit dafür bereit war, auch Denken und Gefühle zu läutern. Ein Mensch, der sein Denken und Fühlen geläutert hat, braucht keine Gesetze mehr, weil er sich aus sich selbst heraus liebevoll verhält. Tatsächlich können Gesetze dann zur lästigen Einschränkung und Belastung werden.

Was wir in der Menschheitsgeschichte danach – ganz grob und im Zeitraffer – beobachten können, ist, dass beginnend mit dem aufkommenden Zeitalter der Aufklärung zunehmend die Fähigkeit des Denkens kultiviert wurde. Die Fähigkeit des Denkens hat insbesondere auch zur Bildung von Staaten und Verabschiedung staatlicher Gesetzen geführt, die die niederen Instinkte der Menschen im Schach halten sollen. Gucken wir uns heute in Deutschland um, stellen wir fest: Im Großen und Ganzen halten sich die Menschen an die staatlichen Gesetze. Die zerstörerischen gewalttätigen Instinkte machen sich heute zum Glück nur noch in Einzelfällen bemerkbar. Damit ist der Rechtsfrieden weitestgehend von Staatswegen gesichert. Die Religion braucht es dafür schon lange nicht mehr.

Mit dieser Entwicklung war die Läuterung des Denkens in den Fokus gelangt. Wo wir damit heute stehen, können wir an unserer Gesellschaft ablesen: Es gibt zwar weniger Gewaltverbrechen, dafür ist aber die Wirtschaftskriminalität im weitesten Sinne entstanden, die von Egozentrik und Rücksichtslosigkeit geprägt ist. Egozentrik und Rücksichtslosigkeit prägen auch im legalen Raum das gesellschaftliche Miteinander, und zwar im Großen wie im Kleinen: Es sind nicht nur „die großen Firmenbosse“, die sich ausbeuterisch, egozentrisch und rücksichtslos verhalten, sondern sehr viele Menschen in allen Gesellschaftsschichten, wenn auch oft unbewusst. Seit ca. 100 Jahren steht außerdem nun auch das Fühlen zur Läuterung an. Insofern stecken die meisten Menschen allerdings noch in den Kinderschuhen.

Was Jesus Christus damals mit Blick auf die Gesetze der Religion gesagt hat, gilt heute für die „gesellschaftlichen Gesetze“, die im Raum jenseits des staatlichen Strafrechts das gesellschaftliche Miteinander ungeschrieben gelten: Was „man“ macht, und was „man“ nicht macht, ist das gesellschaftliche Gesetz. Jesu Christi Botschaft dazu war: Vergesst das alles! Findet für Euch selbst heraus, was in jedem Einzelfall die Liebe gebietet. Und das kann nur, wer innerlich frei ist. Deshalb sagt er zu uns heute sinngemäß: Werdet frei, damit Ihr Liebe leben könnt. Und Liebe leben kann nur, wer innerlich frei ist.

Warum das „Gutsein“ heute nicht mehr funktioniert

Wer darum bemüht ist, „gut zu sein“, richtet sein Verhalten aus an den ungeschriebenen Gesetzen dafür, was „man“ macht und was „man“ nicht macht. Das Problem heute ist: Während es vor ein paar Jahrzehnten wenigstens für bestimmte Gesellschaftsschichten und –kreise noch einen unausgesprochenen Konsens darüber gab, was „man“ macht und was nicht, fühlt sich heute mehr oder minder jeder frei, zu tun und zu lassen, was er will. Das ist einerseits eine positive Entwicklung, weil das mehr Freiheit für den Einzelnen bedeutet. Andererseits ist das Problem entstanden, dass viele Menschen heute komplett orientierungslos sind und dass es insbesondere sehr unterschiedliche Vorstellungen darüber gibt, wie gedeihliches menschliches Miteinander aussieht. Das erschwert zwischenmenschliche Beziehungen erheblich, weil sich noch keine Kommunikationskultur entwickelt hat, die dieses Vakuum füllen kann. Was für den einen Menschen heute „gutes Verhalten“ ist, empfindet ein anderer noch lange nicht als „gutes Verhalten“. Aber darüber zu sprechen und sich auszutauschen, ist den meisten Menschen nicht möglich, weil sie nicht wissen, wie sie das anstellen sollen.

Die Folge: Viele Menschen fühlen sich heute einsam, weil an die Stelle der alten gesellschaftlichen und insbesondere familiären Strukturen, die von ungeschriebenen „Sippen-Gesetzen“ zusammengehalten worden sind, noch keine neuen kollektiven Strukturen getreten sind, die tragfähig sind. Und auch soweit Familien und gesellschaftliche Gruppierungen noch einigermaßen funktionieren, fühlen sich viele Menschen einsam. Das liegt daran, dass sich die Bedürfnisse der Menschen gewandelt haben. Während nämlich früher Familien und andere gesellschaftliche Gruppierungen dem Zweck dienten, das wirtschaftliche oder gar physische Überleben zu sichern, ist der durchschnittliche Lebensstandard mittlerweile so hoch, dass emotionale Bedürfnisse wie Liebe und Intimität in den Fokus gerückt sind. Und dafür liefern die herkömmlichen gesellschaftlich anerkannten Normen keine Lösung; tatsächlich sind sie dafür schlechterdings ungeeignet und kontraproduktiv. Denn diese Normen zielen allesamt auf das äußere Verhalten ab. Liebe und Intimität leben jedoch von emotionaler Kommunikation, die jenseits des Verhaltens stattfindet. Tatsächlich ist dafür „gutes“ Verhalten, das nicht kongruent mit dem destruktiven Denken und Fühlen dahinter ist, sogar ein Kommunikationskiller, weil inkongruente Kommunikation Verwirrung stiftet. Aus eigener Erfahrung weiß ich: Es ist definitiv einfacher, jemanden emotional zu verstehen, der offen seinen seine Abneigung oder Aggressivität kommuniziert (aber nicht ausagiert, sondern nur sachlich als Information zum Ausdruck bringt), als jemanden, der nach außen freundlich tut, aber innerlich von Feindseligkeit zerfressen ist und das schlimmstenfalls noch nicht einmal selbst merkt.

Was die Lehre Jesu Christi für den spirituellen Weg heute konkret bedeutet

Jesus Christus hat uns mit seiner Lehre von vor rund 2.000 Jahren einen Ausweg aus dieser Misere aufgezeigt, indem er uns den Weg der Bewusstheit gelehrt hat. Wie oben schon mal geschrieben, hat er uns insofern als erstes mitgegeben: Vergesst alles, was „man“ macht oder was „man“ nicht macht. Ersetzt das alles mit Konzepten, die für das mitmenschliche Miteinander konstruktiv sind und die damit der Liebe dienen. Nun stellt sich die schwierige Frage: Was ist konstruktiv und der Liebe dienlich, was aber nicht? Wie kann man das für sich herausfinden?

Insoweit beobachte ich heute zwei verschiedene Gruppen von Menschen: Die einen – nach meinen Beobachtungen die Mehrzahl der Menschen – versuchen sich weiter durchzuhangeln damit, was ihnen das familiäre und gesellschaftliche Umfeld an Regeln vermittelt hat. Diese Menschen erlebe ich oft als orientierungslos und in ihrem Verhalten sogar widersprüchlich. Es gibt aber auch eine Minderheit von Menschen, die mich total fasziniert: Ohne je auch nur das Wort „Spiritualität“ gehört oder sich mit Psychologie groß befasst zu haben, wissen diese Menschen intuitiv und aus sich heraus, was konstruktiv ist und was nicht. Dieses Wissen ist zwar nicht umfassend, aber doch so weitreichend, dass ich diese Menschen als weit spiritueller empfinde als viele, die von sich behaupten, auf dem spirituellen Weg zu sein. Es kann also sehr gut sein, dass dieses Wissen auch in Dir schon schlummert und nur wachgeküsst und aktiviert werden will.

Aber zurück zu der Frage, was Du ansonsten tun kannst, um herauszufinden, was konstruktiv und der Liebe dienlich ist und was nicht. Diese Frage kann nur beantworten, wer nicht nur die ganzen alten Glaubenssätze über gesellschaftlich für „gut“ oder „schlecht“ erklärtes Verhalten über Bord geworfen hat, sondern der insbesondere auch die eigenen Gefühle befreit und zumindest zu transformieren begonnen hat. Denn nur ein Mensch, der fühlen kann, spürt, was konstruktiv ist und auf Verbindung abzielt und was hingegen destruktiv ist, weil es trennend wirkt. Nur wer weiß, wie sich Hass und Angst und damit Trennung anfühlen, kann auch im Gegensatz dazu die verbindende Kraft der Liebe spüren. Nur wer beides emotional wahrnehmen kann, begreift, warum die Transformation von Hass in Liebe notwendig ist, wenn man glücklich und in Frieden leben will. Wer heute Jesus Christus nachfolgen will, muss Experte für das Management der eigenen Gefühle werden. Wer sich davor drücken will, ist orientierungslos und bleibt deshalb abhängig und unfrei.

Gefühlsmanagement ist tatsächlich das Sprungbrett für die nächste Stufe in der Bewusstseinsentwicklung der Menschheit: Das Primat des Denkens, das in der Ära der Aufklärung eingeleitet worden ist, hat seinen Zenith lange überschritten. Es wird jetzt abgelöst durch die Verbindung von Verstand und Gefühl, die zur Einheit vereint die höchste Form der menschlichen Wahrnehmung ermöglicht: Göttlich inspirierte Intuition!

Was macht einen befreiten Menschen aus?

Es ist schwierig, mit Worten zu beschreiben, was einen befreiten Menschen ausmacht. Um von Dir verstanden zu werden, benötige ich also Deine Mithilfe, indem Du diese Worte nicht nur mit dem Kopf aufnimmst, sondern Dich in diese Worte hineinfühlst. Mit der nachfolgenden Liste erhebe ich keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Wenn Dir also weitere Aspekte einfallen, freue ich mich, wenn Du sie mir mitteilst!

  • Ein befreiter Mensch hat die volle Verantwortung für das eigene Handeln, Denken und Fühlen übernommen und ist deshalb von anderen Menschen auf allen Ebenen unabhängig; diese Unabhängigkeit gibt ihm die Freiheit, das Handeln, Denken und Fühlen anderer Menschen wahr- und aufzunehmen und zu verstehen. Dadurch wird echte Verbindung möglich.
  • Ein befreiter Mensch kennt seinen Wert und weiß, dass er oder sie etwas ganz besonderes ist; gleichzeitig weiß er oder sie aber auch, dass jeder andere Mensch genauso wertvoll und genauso besonders ist, nur auf eine andere Art und Weise.
  • Ein befreiter Mensch ist so frei, er oder sie selbst zu sein, und räumt anderen Menschen die Freiheit ein, er oder sie selbst zu sein.
  • Ein befreiter Mensch nimmt sich selbst und seine Bedürfnisse genauso wichtig wie andere Menschen und deren Bedürfnisse, und – umgekehrt – sind andere Menschen für ihn oder sie genauso wichtig wie er oder sie selbst. Es geht für ihn nie um die Frage „Wer ist wichtiger oder richtiger?“, sondern stets darum „Wie können wir die Situation so lösen, dass unser beider Bedürfnisse befriedigt werden?“
  • Ein befreiter Mensch besitzt die Fähigkeit der objektiven Beobachtung und hat ein gutes Gespür dafür, was konstruktiv und was destruktiv ist.
  • Ein befreiter Mensch hat verstanden, dass es immer eine Lösung gibt, die im Interesse aller Beteiligten ist; er nimmt die Schwierigkeit auf sich, diese Lösung zu finden, was nicht immer einfach ist.
  • Einem befreiten Menschen geht es immer allein um die Sache und nicht darum, ob er im rechten Licht dasteht, ob er von anderen für sein Verhalten Anerkennung oder Ablehnung erfährt, ob er die eigenen Interessen durchsetzet oder als hinterher als „Gewinner“ dasteht.
  • Für einen befreiten Menschen ist nicht entscheidend, wer etwas sagt, sondern was in der Sache gesagt wird. Diplome, Titel, Status, Alter, Macht oder ähnliche äußere Merkmale beeindrucken ihn nicht, sondern es sind die Inhalte, die ihn sachlich überzeugen.
  • Ein befreiter Mensch kann sachlich und gelassen mit Kritik umgehen und frei entscheiden, ob er sie annehmen oder aber zurückweisen möchte.
  • Ein befreiter Mensch plappert nicht nach, was andere vorgebetet haben, sondern hat seine eigene Meinung gefunden und kann sie in präzisen Worten ausdrücken. Abweichende Meinungen anderer Menschen kann er respektieren.

Kannst Du spüren, was ich hier zu vermitteln versuche? Ich kenne einige Menschen, die Aspekte davon schon in sich verwirklicht haben. Gehörst Du auch dazu? Oder möchtest Du selbst so werden? Dann rate ich Dir: Halte Ausschau danach, ob Du diese Eigenschaften bei jemand anderem erkennen kannst. Denn was man Life und in Farbe erlebt, kann man sich besser zum Vorbild nehmen. Und für jeden erfolgreichen Wachstums- und Lernprozess braucht man Vorbilder. Bitte Gott um Hilfe, und er wird Dich zu Vorbildern führen.

 

 

Bildrechte: M. Oelhaf „Bahn frei“; Bildquelle: www.piqs.de

KatrinNr. 48: Willst Du „gut“ oder frei = authentisch, lebendig und liebevoll sein?