Nr. 49: Kannst Du Deinen Schmerz fühlen?

Wenn Du Deinen Schmerz fühlen kannst, dann klopf Dir selbst jetzt bitte mal auf die Schulter! Weißt Du, wie außergewöhnlich Du damit bist? Weißt Du, dass Du damit dem Zustand umfassender Freude und Liebe weit näher bist als die aller-, allermeisten Menschen? Denn die aller-, allermeisten Menschen sind für Schmerz, Freude und Liebe weitestgehend gefühlstaub und können beides gar nicht oder nur in sehr geringem Umfang fühlen. Du findest diese Menschen beneidenswert, weil die nicht so viel leiden müssen wie Du? Weit gefehlt!!! In diesem Artikel möchte ich mit ein paar Irrtümern über den Schmerz aufräumen in der Hoffnung, dass Du danach bewusster, selbstbewusster und insbesondere auch liebevoller mit Deinem eigenen Schmerz umgehen kannst. Warum mir das so sehr am Herzen liegt? Ich hoffe und bete, dass ich Dir genau das in diesem Artikel auch deutlich machen kann. Denn das ganze Thema ist ein bisschen verzwickt. Offen gestanden: Bislang hat mich keiner meiner Artikel so sehr gefordert wie dieser. Aber ich werde einfach Schrittchen für Schrittchen gehen und darauf hoffen, dass ich Dich unterwegs nicht verliere. Denn das Thema ist von zentraler Bedeutung für Deine spirituelle Entwicklung!

Wie die Heilung der Gefühle von der toten Gefühlstaubheit über den Schmerz hin zu lebendiger Freude und Liebe funktioniert

Deine Gefühle sind Ausdruck der Seelensubstanz, aus der Deine Seele geformt ist. Mit anderen Worten: Durch Deine Gefühle drückt sich Deine Seele aus, so wie sie jetzt in diesem Moment ist. An Deinen Gefühlen kannst Du ablesen, wo Du mit Deiner Seele in Deiner spirituellen Entwicklung stehst, und zwar vor folgendem Hintergrund:

Die Entwicklungslinie einer Seele sieht wie folgt aus: Eine gänzlich unentwickelte Seele ist emotional tot und leblos; sie fühlt nichts. Daran kann man sehen, dass kein Mensch eine gänzlich unentwickelte Seele hat. Denn alle Menschen fühlen wenigstens eine basale Zufriedenheit, wenn ihre leiblichen Bedürfnisse erfüllt werden. Am anderen Ende der Entwicklungslinie steht die durch und durch gesunde Seele. Ihre Seelensubstanz ist hochflexibel und vibriert vor Lebendigkeit; die Polarität von Freude und Schmerz ist darin soweit transzendiert, dass sie wie ein und das gleiche Gefühl, nämlich wie pure Freude erlebt werden. Das ist der Zustand einer reinen Seele, die gar nicht mehr hier auf der Erde inkarnieren muss. Will heißen: Kein Mensch hat eine durch und durch gesunde Seele! Eine Ausnahme bilden insofern nur ein ganz paar wenige reine Seelen, die freiwillig auf der Erde inkarniert sind, um bestimmte Aufgaben zu erfüllen. Aber die sind so selten, dass wir die an dieser Stelle getrost außen vor lassen können.

Die Seelen der aller-, allermeisten Menschen – also auch Deine und meine Seele – stehen irgendwo zwischen diesen beiden Polen von Gefühlstaubheit einerseits und absoluter Freude andererseits. Und nun darfst Du dreimal raten, wie der erste Schritt aus der Gefühlstaubheit heraus aussieht? Richtig, es ist der Schmerz! Wo Schmerz auftaucht, beginnt die Gefühlstaubheit sich erstmals zu lösen. Mit dem Schmerz kommen dann nicht selten auch die destruktiven Gefühle wie Hass, Wut und Feindseligkeit an die Oberfläche der Bewusstheit, die vorher  allesamt genauso unterdrückt und verleugnet waren, wie der Schmerz eingefroren war. Nur haben diese destruktiven Gefühle eine komplett andere Energie als der Schmerz: Reiner Schmerz ist ein weiches, fließendes und sogar warmes Gefühl, das tatsächlich angenehm ist, weil man regelrecht merkt, wie etwas in einem lebendig und zum Leben erweckt wird. Hingegen haben die destruktiven Gefühle eine zerstörerische Energie, die sich gegen das Leben wendet, entweder gegen das eigene Leben und gegen das Leben anderer Menschen. Und genau diese Gegensätzlichkeit der erwachenden Energien ist einer der Gründe, warum es so schwierig ist, mit Schmerz umzugehen. Dazu weiter unten gleich mehr.

Was passiert, wenn Du Deinen Schmerz zu fühlen anfängst, ist, dass er sich automatisch und von ganz allein irgendwann in Freude transformiert. Deine Seelenlandschaft ist insofern vergleichbar mit einer Wiese, die im Winter mit Schnee bedeckt und zugefroren war. Wenn Du anfängst, Deinen Schmerz zu fühlen, setzt Du die Frühlingsschmelze in Gang. Schnee und Eis weichen, und die Wiese verwandelt sich erst einmal in ein unansehnliches Schlammfeld. Und so kann es sich eben am Anfang auch anfühlen, wenn man seinen Schmerz zu fühlen beginnt: Als wenn man über ein sumpfiges Schlammfeld stapft. Aber immerhin ist da schon mal Bewegung auf der einst komplett vereisten und damit statischen Wiese. Und dann passiert ganz unwillkürlich und von ganz allein, dass die Sonne darauf scheint, und nach und nach beginnen lauter bunte Blumen und grüne Gräser auf der Wiese zu sprießen. Dafür musst Du gar nichts tun. Das passiert von ganz allein, wenn Du dabei bleibst, Deinen Schmerz zu fühlen. Und sieh an: Bald lockt die prächtig im Saft stehende Wiese zwitschernde Vögel und luftig flatternde Schmetterlinge an. Dann ist die Freude da und an die Stelle des zuvor „vereisten“ Schmerzes getreten!

Vielleicht hast Du schon mal einen Menschen erlebt, der eine geradezu ansteckende Freude verbreiten kann. Erinnerst Du Dich an jemanden? Dann sei Dir sicher: Das ist ein Mensch, der schon viel von seinem Schmerz gefühlt und transformiert hat.

Das Verwirrende bei dem Ganzen ist, dass eine Seele in einem Bereich schon ziemlich viel Schmerz gefühlt und entsprechend viel Freude in sich freigelegt haben kann, während in anderen Bereichen noch Gefühlstaubheit herrscht. Die Entwicklung findet also nicht kontinuierlich auf einem Level statt, sondern kann in unterschiedlichen Seelenbereichen unterschiedlich weit fortgeschritten sein. Selbst wenn Du also schon einiges an Schmerz gefühlt hast, kann es trotzdem noch vereiste Wiesen in Deiner Seele geben. Um das Territorium Deiner Seele insofern auszuloten, gibt es zwei Möglichkeiten: Du lebst entweder Dein Leben so weiter wie zuvor; dann wird das Leben Dich mit den entsprechenden Erfahrungen versorgen, die Dich unweigerlich auf weitere vereiste Wiesen in Dir hinweisen werden. Oder Du machst Dich proaktiv in Deiner Seele auf die Suche danach und verwandelst sie in blühende Sommerwiesen, bevor Dich das Leben dazu zwingt. Der Vorteil, den der zweite Ansatz hat, liegt auf der Hand, oder? Je früher Du es angehst, betäubte Seelensubstanz aufzulockern, den Schmerz zu fühlen und diesen in Freude zu transformieren, desto mehr Zeit bleibt Dir in Deinem jetzigen Leben dafür, ein erfülltes Leben führen. Denn in diesen vereisten Wiesen schlummern die Freude und die Liebe, die das Leben lebenswert machen. Insbesondere wer eine erfüllende Partnerschaft erleben will, kommt nicht darum herum, sich allen Schmerz in sich anzusehen, den er oder sie in sich hat. Warum das so ist, wird weiter unten deutlich.

Wieso es die Gefühlstaubheit überhaupt gibt und wie sie entstanden ist

Nun magst Du Dich fragen: Woher aber kommt diese Gefühlstaubheit überhaupt? Warum habe ich überhaupt etwas in mir, das mir so viele Schwierigkeiten macht? Welchen Sinn hat das? Darauf gibt es zwei Antworten, die jeweils unterschiedliche Ebenen betreffen und ineinandergreifen.

In meinem Blog Nr. 6 „Kennen Sie den Sinn des Lebens?“ habe ich beschrieben, dass die Erde eine Läuterungssphäre ist für alle geistigen Wesen, die sich irgendwann einmal kraft ihres freien Willens entschieden haben, sich von Gott zu entfernen. Vielleicht liest Du den Artikel noch einmal, damit Du die Verbindung herstellen kannst. Jedenfalls ist die Gefühlstaubheit nichts anderes als eine Folge der Entfernung von Gott. Wer bei Gott ist, lebt lebendig in Licht, Liebe und Freude. Je weiter man sich von Gott entfernt hat, desto mehr macht sich erst Schmerz und dann Gefühlstaubheit in einem breit. Den Weg zurück zu Gott findet man, indem man die Gefühlstaubheit auflöst, den daraus resultierenden Schmerz durchfühlt und damit in Freude transformiert. Das ist, was passiert, wenn man die Entwicklung einer Seele über die Inkarnationen hinweg betrachtet. Dem kann sich keiner entziehen. Will heißen: Alle vereisten Seelenbereiche, die Du nicht in diesem Leben auftaust und transformierst, wirst Du in kommenden Leben beackern müssen.

Damit dieser Prozess stattfinden kann – und damit kommen wir jetzt zu der anderen Ebene –, hat es die Schöpfung so eingerichtet, dass Du in diesem konkreten Leben von Eltern in die Welt gesetzt worden bist, die genau das in Dir an Schmerz und Gefühlstaubheit aktivieren können, was Du – beziehungsweise genauer gesagt: Dein Bewusstsein in diesem Leben transformieren will. Alle Menschen haben und machen Fehler, so auch Eltern in der Kindererziehung. Wie Du als Kind auf diese Fehler Deiner reagierst, hängt von Deiner Seelensubstanz ab. Wenn und soweit Deine Seelensubstanz schon transformiert ist, können Dir selbst gravierende Fehler Deiner Eltern nichts anhaben. Insoweit streifst Du unerfreuliche Erfahrungen in der Kindheit spätestens im jungen Erwachsenenalter einfach ab wie eine Larve, die aus ihrem Kokon schlüpft. Soweit Deine Seelensubstanz aber noch nicht transformiert ist, reagiert Deine Seele auf diese Kindheitsverletzungen mit intensivem Schmerz, den die kindliche Seele dann durch die Betäubung der Gefühle zunächst „weggemacht“, weil das Kind mit der Situation ansonsten überfordert wäre. Die Heftigkeit dieser Gefühle würde sonst im Kind einen emotionalen Supergau auslösen, weil sie sich „gegen“ die Eltern richten und damit gegen diejenigen Menschen, von denen das Überleben des Kindes abhängt; ein für ein Kind nicht zu bewältigender Interessenkonflikt. Mit anderen Worten: In diesem Leben ist die Betäubung der Gefühle in der Kindheit ein Schutzmechanismus des Kindes, um mit einer Situation umzugehen, mit der das Kind anderenfalls völlig überfordert wäre. Deshalb ist die Betäubung der Gefühle aus der Sicht des Kindes heraus betrachtet konstruktiv und sinnvoll. Im Erwachsenenalter geht es dann nur darum, die Verantwortung für diesen Eisblock aus eingefroren Gefühlen zu übernehmen und diesen aufzuarbeiten = „aufzutauen“. Deshalb kreist bei den Themen „Gefühlstaubheit“ und „Schmerz“ immer alles um die Erfahrungen, die man in diesem Leben in seiner Kindheit gemacht hat.

Warum Schmerz fälschlicherweise als so „schwierig“ erscheint

Ich habe eben geschrieben, dass reiner Schmerz an sich tatsächlich ein angenehmes Gefühl ist. Warum wird Schmerz dann allgemein als so „schwierig“ empfunden? Ein ganz wichtiger Faktor ist insofern, was wir von unseren Eltern über Schmerz gelernt haben. Denn die aller-, allermeisten von uns haben von unseren Eltern gelernt: „Schmerz ist böse! Wenn Du Schmerz fühlst, will ich Dich nicht! Dann bist Du nicht liebenswert und schlecht.“ Die Psychodynamik, die bei den Eltern dahinter steht, ist recht simpel: Wenn ein Kind seinen Schmerz fühlt und zum Ausdruck bringt, „titscht“ das den betäubten Schmerz der Eltern an. Mit anderen Worten: Die Eltern werden an ihren eigenen Kindheitsschmerz erinnert. Und das wollen Eltern nicht. Denn auch sie haben von ihren Eltern wiederum gelernt, dass Schmerz „schlecht“ ist. Also unterdrücken sie den Schmerz im eigenen Kind, damit ihr eigener Schmerz nicht in Aufruhr gerät. Und das Kind fühlt sich falsch und beschämt, wenn es Schmerz fühlt, und verdrängt alles in das Unterbewusstsein. Diese Gefühle von Schuld, Wertlosigkeit und Scham werden im Erwachsenen reaktiviert, wenn man Schmerz fühlt. Das macht den Schmerz so unangenehm. Deshalb ist mir so wichtig, Dir klar zu machen: Wenn Du Deinen Schmerz fühlst, ist mit Dir nicht nur alles in Ordnung, sondern Du bist im Gegensatz dazu ein wahrer Held oder eine wahre Heldin, weil Du in Dir das Leben wachküsst! Schmerz zu fühlen, ist tapfer und mutig!

Außerdem wird der Schmerz des Kindes oft ausgelöst durch die Fehler der Eltern. Die meisten Eltern wollen sich aber ihre Fehler nicht ansehen und unterdrücken auch deshalb den Schmerz im Kind. Das Kind, das von den Eltern in jeder Hinsicht abhängig ist, gerät erheblich unter Druck: „Wenn ich meine Gefühle so zum Ausdruck bringe, wie ich sie gerade wirklich fühle, dann lieben meine Eltern mich nicht. Und wenn meine Eltern mich nicht lieben, dann muss ich sterben, weil sie sich nicht mehr um mich kümmern werden.“ Also was ist der „psycho-logische“ Ausweg für das Kind? Den Schmerz zu verdrängen und zu verleugnen und so zu tun, als ob alles in Ordnung wäre. Denn der Schmerz wird quasi mit einer Bedrohung des eigenen Lebens gleichgesetzt, was ebenfalls im Erwachsenen hochkommt, der anfängt, sich dem eigenen Schmerz zuzuwenden. Bei einem Kind ist eine solche Reaktion angemessen, bei einem Erwachsenen hingegen nicht. Als Erwachsener ist Dein Leben nicht mehr von anderen Menschen abhängig, erst recht nicht von Deinen Eltern. Es ist also absolut sicher, Deinen Schmerz zu fühlen. Das musst Du Dir bewusst machen, falls Überlebensängste in Dir aufsteigen, sobald Du Schmerz fühlst.

Diese Psychodynamik zwischen Eltern und Kind, dass Schmerz abgelehnt und beschämt und sogar mit aggressiven Attacken platt gemacht wird, wird nach meinen Beobachtungen in fast allen sozialen Beziehungen perpetuiert. Schmerz darf in unserer Gesellschaft nicht sein. Und wenn er überhaupt zugelassen wird, dann bitte nur über tragische Ereignisse, die weit entfernt sind vom eigenen Leben, oder bei Filmen mit Herz-Schmerz-Drama. Vielleicht erinnerst Du Dich an den Hype, der um den Tod von Prinzessin Diana gemacht worden ist. Da haben ganz abertausende Menschen zur Entlastung der eigenen inneren Schmernz-Anspannung ein bisschen herumgejammert, wie furchtbar das doch alles ist. Ich glaube kaum jemandem, der behauptet, es sei  ihm bei seiner Trauer wirklich um den Verlust Dianas gegangen. Die „Psycho-Logik“ dahinter: Der Schmerz ist da, aber Hauptsache er hat nichts mit einem selbst zu tun. Und was ist die Folge? Dass fast alle Menschen ihren eigenen Schmerz verleugnen und verdrängen – so, wie sie es schon als Kinder getan haben. Emotional betrachtet, stecken die meisten Menschen tatsächlich noch in ihren Kinderschuhen.

Warum den eigenen Schmerz zu fühlen so wichtig ist

Oben hatte ich schon geschrieben, dass in der Gefühlstaubheit Freude und Liebe eingefroren sind und nur durch den Schmerz aufgetaut werden können. Freude und Liebe kann nur fühlen, wer seinen Schmerz transformiert hat. Ich will noch etwas konkreter werden. Dafür werde ich hier schildern, wie sich Menschen verhalten, deren Schmerz eingefroren ist.

Oben hatte ich schon geschrieben, dass Eltern auf ihr Kind mit Abwehr reagieren, wenn es Schmerz ausdrückt. Genau diese Reaktion tritt auch in jeder anderen Kommunikation auf mit Menschen, die ihren Schmerz verleugnen. Vor einigen Jahren hatte ich mal eine Zeit lang Kontakt zu einer Frau, die sich selbst für hochspirituell hielt. Das war ein anregender und lehrreicher Kontakt, bis ich den „Fehler“ gemacht habe, ein bisschen zuviel von meinem Schmerz herauszulassen. Wie reagierte diese angeblich so hochspirituelle Frau darauf? Mit einer aggressiven Attacke, die mir durch Mark und Knochen ging. Sie schleuderte mir mit einer ungeheuren aggressiven Wucht Sätze an den Kopf wie: „Mit Dir stimmt etwas nicht! Du brauchst Hilfe!“ Genau das war natürlich diejenige Reaktion, die für mich am allerwenigsten hilfreich war. Denn wer Schmerz fühlt, wünscht sich Mitgefühl und Verständnis. Wer für den Ausdruck von Schmerz angegriffen und beschimpft wird, fühlt sich obendrein auch noch beschämt. Was aber passiert bei einem Menschen, der so destruktiv und aggressiv auf den Schmerz anderer Menschen reagiert? Der verdrängte Schmerz in diesem Menschen ist angetriggert, was dieser sofort aggressiv unterdrückt, und zwar nicht nur innerlich, sondern eben auch gegenüber demjenigen, der den Trigger gesetzt hat. Zum Glück wusste ich damals schon um diese Psychodynamik, sodass ich die Reaktion der Frau bei ihr lassen konnte. Meine Scham hielt sich deshalb in Grenzen. Mir verkrampfte sich nur das Herz ob dieser lieblosen Reaktion. Seitdem bin ich sehr, sehr vorsichtig damit, meinen Schmerz zu zeigen.

In der Folgezeit habe ich ganz, ganz vorsichtig damit experimentiert, meinen Schmerz zu zeigen, um quasi unter Laborbedingungen zu beobachten, wie Menschen damit umgehen, und habe dabei mehrfach eine ganz erstaunliche Erfahrung gemacht: Menschen blendeten den von mir nur ganz sachte geäußerten Schmerz einfach aus. Sie hörten ihn nicht und übergingen ihn. So wie sie ihren eigenen Schmerz verleugnen, verleugneten sie auch in ihrer Wahrnehmung alles, was mit Schmerz zu tun hat. Jedes Mal gab mir das ein Stich ins Herz. Denn es tut weh, wenn man mit dem, was man sagt, nicht gehört, sondern ignoriert wird.

Was hieraus deutlich wird: Wenn und soweit ein Mensch seinen eigenen Schmerz verleugnet, fehlt ihm in exakt gleichem Maße die Fähigkeit zu Mitgefühl und Verständnis. Mitgefühl und Verständnis sind jedoch die Brücken, aus denen authentischer Kontakt zwischen Menschen gemacht ist. Will heißen: Wer seinen eigenen Schmerz nicht fühlen kann oder will, ist unfähig, authentischen Kontakt zu anderen Menschen herzustellen und fühlt sich deshalb – wenn auch vielleicht nur unterbewusst – zwangsläufig einsam.

Aber das ist noch eine relativ harmlose Folgeerscheinung unterdrückten Schmerzes. Krasser ist eine andere Beobachtung, die ich ebenfalls mehrfach gemacht habe: Einige Menschen halten ihren eigenen unbewussten Schmerz dadurch in Schach, dass sie sich gegenüber anderen Menschen ohne jeden äußeren Anlass feindselig oder gar grausam verhalten. Die Psychodynamik dahinter ist simpel: Wer destruktiv gestimmt ist, kann oder muss den eigenen Schmerz nicht fühlen. Denn destruktive Gefühle sind nichts anderes als ein Abwehrmechanismus gegen den eigenen Schmerz. Natürlich läuft das alles unbewusst ab. Aber dass das ein Kommunikations- und Beziehungskiller ist, wenn ein Gespräch darüber nicht möglich ist, weil diese Menschen lieber den eigenen Schmerz und die eigenen destruktiven Gefühle verleugnen wollen, versteht sich von selbst.

Echte zwischenmenschliche Verbindung kann über zwei Kanäle hergestellt werden: Entweder indem man sich gemeinsam an etwas freut oder indem man seinen Schmerz teilt. Beide Kanäle sind mehr oder weniger dicht, wenn und soweit ein Mensch seinen Schmerz verleugnet. Denn damit ist gleichzeitig auch die Freude gelähmt. Schmerz und Freude sind die zwei Seiten der gleichen Medaille. Das eine gibt es nicht ohne das andere. Nur wer seinen Schmerz voll gefühlt hat, kann die ganze Bandbreite der Freude empfinden. Wer aber die ganze Bandbreite der Freude kennt, hat mit dem Schmerz keine Schwierigkeiten mehr, weil er weiß, dass es dazu im Ausgleich die Freude gibt, die ganz von selbst und automatisch auf den Plan tritt, sobald der Schmerz zugelassen und durchfühlt worden ist. Diese Erfahrung kann natürlich nur machen, wer seinem Schmerz überhaupt erst einmal die Chance gibt, sich zu zeigen und gefühlt zu werden.

Wie man mit der Ambivalenz von Schmerz und destruktiven Gefühlen klarkommen kann

Oben hatte ich geschrieben, dass mit dem Schmerz immer auch die destruktiven Gefühle auf den Plan treten. Tatsächlich ist es so, dass vielen Menschen ihre destruktiven Gefühle eher bewusst werden als der Schmerz, der unweigerlich damit verbunden ist. Schmerz und destruktive Gefühle zu händeln, ist gar nicht so einfach, eben weil sie – wie ich oben schon geschrieben habe – eine unterschiedliche Energie haben: Schmerz ist ein weiches, warmes fließendes Gefühl, das tatsächlich angenehm ist, wenn man es in Reinform zulassen kann. Denn Schmerz ist Ausdruck von Lebendigkeit. Hingegen sind destruktive Gefühle immer lebensverneinend, weil sie den Schmerz töten und zwischenmenschlichen Kontakt unmöglich machen. Dabei ist in diesen destruktiven Gefühlen Lebensenergie enthalten, die konstruktiv genutzt werden kann, sobald die negativen Gefühle transformiert sind. Auch destruktive Gefühle sind also keineswegs „schlecht“, sondern lediglich fehlgeleitete Energie, die in konstruktive Energie transformiert werden kann.

Wer wie die aller-, allermeisten Menschen mit seinen Gefühlen nicht konstruktiv umgehen kann, löst diesen inneren Konflikt zwischen Schmerz einerseits und destruktiven Gefühlen andererseits, indem er einen dieser beiden Gefühlsströme „ausblendet“: Es gibt einerseits die Menschen, die sich ausschließlich ihrem Schmerz hingeben, dabei aber nicht merken, dass sie gleichzeitig gewissermaßen „zwischen den Zeilen“ destruktive Gefühle ausagieren. Es gibt andererseits Menschen, die ihren Schmerz verleugnen und sich „stark und unangreifbar“ dadurch fühlen, dass sie offen Feindseligkeit ausagieren. Manche pendeln auch zwischen diesen beiden Pseudo-Lösungen hin und her. Denn natürlich sind beide Ansätze keine Lösungen! Heilung kann nur geschehen, wenn man sich sowohl seines Schmerzes als auch seiner destruktiven Gefühle bewusst wird, beides annimmt und beides getrennt voneinander transformiert. Mal wird der Schmerz im Vordergrund stehen, mal die destruktiven Gefühle. Du kannst Dir sicher sein: Überall wo Schmerz ist, sind auch destruktive Gefühle. Wo destruktive Gefühle sind, ist immer auch Schmerz. Mit diesem Wissen fällt es Dir hoffentlich leichter, Dir Deines Schmerzes und Deiner destruktiven Gefühle bewusst zu werden, was ja immer der erste Schritt für Transformation ist.

Und noch ein Problem: Schuldzuweisungen!

Als wenn das alles nicht schon kompliziert genug wäre, gibt es noch eine weitere Klippe: Überall wo Schmerz in Erscheinung tritt, kann ein gesellschaftlich konditioniertes Gedankenmuster auftreten, das zusätzliche Schwierigkeiten bereiten kann. Es geht um den Irrtum, dass es für den eigenen Schmerz immer einen Schuldigen im Außen geben müsse. Deshalb neigen fast alle Menschen dazu, andere Menschen – vorzugsweise die Eltern oder den Partner – wegen des eigenen Schmerzes mit Schuldzuweisungen und Vorwürfen zu überschütten. Diese Schuldzuweisungen werden dann gern mit dem Ausagieren destruktiver Gefühle gekoppelt, was aber nicht nur destruktiv ist, sondern das eigentliche Problem nicht löst: Der eigene Schmerz bleibt ungefühlt!!! Deshalb können Dich Schuldzuweisungen nie weiterbringen. Habe bitte immer ganz klar vor Augen: Niemand anderes als Du selbst ist für Deinen Schmerz verantwortlich (und erst recht nicht schuldig). Es ist Dein Schmerz, den nur Du transformieren kannst. Das kann Dir niemand abnehmen. Diese Entkoppelung zwischen dem eigenen Schmerz und den Schuldzuweisungen an andere ist notwendige Voraussetzung für die Transformation des Schmerzes und erfordert unter Umständen einen eigenen Prozess, der der Transformation des Schmerzes vorausgehen muss.

Executive Summary

Das war ganz schön viel, oder? Du wirst diesen Artikel vermutlich mehrfach lesen müssen, bevor Du das alles richtig verstanden hast. Du weißt ja: Verstehen ist immer der erste Schritt dafür, sich Unbewusstes bewusst zu machen. Und die Bewusstmachung ist immer der erste Schritt zur Transformation. Deshalb will ich Dir hier noch eine kurze Zusammenfassung der wichtigsten Eckpunkte an die Hand geben:

  • Schmerz ist – anders als die meisten Menschen glauben – kein Zeichen von Krankheit, sondern im Gegenteil der erste Schritt in Richtung Heilung. Schmerz bewusst zu fühlen, ist konstruktiv!
  • Wer seinen Schmerz bewusst und fühlend annimmt, legt in sich Freude und Liebe frei. Freude und Liebe stellen sich automatisch ein, wenn man seinen Schmerz gefühlt hat.
  • Nur wer den eigenen Schmerz kennt und fühlen kann, kann auch mit dem Schmerz anderer Menschen angemessen und konstruktiv umgehen. Den eigenen Schmerz zu fühlen, ist deshalb unabdingbare Voraussetzung für erfüllende zwischenmenschliche Beziehungen.
  • Wer genau deshalb seinen Schmerz transformieren will, muss sich unweigerlich auch mit den eigenen destruktiven Gefühlen auseinandersetzen. Diese destruktiven Gefühle sind aber keineswegs „schlecht“, sondern im Gegenteil eine Quelle für positive Energie, sobald man sie transformiert hat.
  • Wer darin steckenbleibt, anderen die Schuld für den eigenen Schmerz zuzuschieben, kann seinen Schmerz nicht in Liebe und Freude transformieren.

Ich will nicht verhehlen: Mir schwirren noch ganz viele andere Aspekte im Kopf herum, die ich in diesem Zusammenhang gern ansprechen würde. Aber ich werde das in anderem Zusammenhang nachholen, weil ich denke, dass diese Packung für sich gesehen schon schwere Kost ist. Wenn Du aus diesem Artikel auch nur eines mitnimmst, habe ich viel erreicht, und das ist folgende Quintessenz aus allem:

Der Weg zu Liebe und Freude führt durch den Schmerz. Umwege oder Abkürzungen gibt es nicht. Das ist eine der unerbittlichen Regeln des Lebens. Deshalb ist es wichtig und sinnvoll, mit Schmerz achtsam, konstruktiv und liebevoll umzugehen, und zwar sowohl bei sich selbst wie auch bei anderen.

Aber noch besser wäre es natürlich, wenn Du jetzt den Mut dafür aufbringen könntest, Deinen Schmerz tatsächlich zu transformieren und damit Licht, Liebe und Freude in die Welt zu tragen. Dann gehörst Du zu den Menschen, die die Welt wahrlich zu einem besseren Ort mit mehr Liebe und Freude machen. Und? Bereit dafür?

 

 

 

Bildrechte: D. Sharon „Pruitt Beautiful Sadness (unedited)“; Bildquelle: www.piqs.de

KatrinNr. 49: Kannst Du Deinen Schmerz fühlen?