Nr. 50: Kannst Du den Unterschied zwischen dem echten Ausdruck von Schmerz und unechtem „Schmerz-Drama“ spüren?

In meinem letzten Artikel hatte ich darüber geschrieben, wie wichtig es ist, dass Du Deinen Schmerz fühlen kannst. Nur wer seinen eigenen Schmerz fühlen kann, ist in der Lage, auch mit dem Schmerz anderer Menschen angemessen, nämlich mit Mitgefühl und Verständnis umzugehen. Und nur wer Mitgefühl und Verständnis für seine Mitmenschen aufbringen kann, ist in der Lage, tragfähige Beziehungen zu anderen aufzubauen. Wer den eigenen Schmerz verleugnet, sitzt isoliert in einer Gefängniszelle, ohne es zu merken.

Dass ich ein großes Talent für Mitgefühl und Verständnis habe, weiß ich schon sehr lange. Denn zeit meines Lebens haben mir sehr viele Menschen ihren Schmerz anvertraut. Sogar Menschen, die mich kaum oder sogar gar nicht kannten, breiteten binnen kürzester Zeit ihren Kummer und ihr Leid vor mir aus. Manche wunderten sich hinterher über sich selbst, dass sie so viel von sich selbst preisgegeben haben. Mich hat das einerseits gefreut, weil es mir schmeichelte, vertrauenswürdig zu sein, und weil mir dies Nähe zu anderen Menschen ermöglichte. Denn wo Schmerz geteilt wird, entsteht Nähe. Andererseits habe ich mich manchmal dabei oder auch kurz danach irgendwie diffus missbraucht gefühlt. Heute weiß ich, warum das so ist: Wenn manche Menschen vorgeben, ihren Schmerz auszudrücken, inszenieren sie in Wirklichkeit ein „Schmerz-Drama“, das darauf abzielt, Aufmerksamkeit und Beachtung zu erheischen. Das hat rein gar nichts mit dem Ausdruck von Schmerz zu tun, obwohl dahinter sicherlich auch sehr oft echter Schmerz verborgen ist. Nur bleibt dieser echte Schmerz dahinter ungefühlt. Deshalb ist die ganze „Schmerz-Show“ irgendwie hohl und „Talmi“ (= Falschgold), und ich bin lediglich als Zuschauer und Claqueur benutzt worden.

Wenn Du bei Dir selbst und deshalb auch bei anderen zwischen dem echten Ausdruck von Schmerz einerseits und dem unechten „Schmerz-Drama“ andererseits unterscheiden kannst, schlägst Du zwei Fliegen mit einer Klappe: Erstens weißt Du ganz genau, wann Du selbst wirklich Deinen Schmerz fühlst und auflöst und nicht nur Drama veranstaltest, das den Schmerz nicht befreien kann. Zweitens kannst Du Dich davor schützen, dass Dein Mitgefühl für die unnützen Schmerz-Dramen anderer Menschen missbraucht wird. Deshalb habe ich diesen Artikel geschrieben.

Die zwei Extreme der Schmerzvermeidung: Der „coole, harte Typ“ und die „Drama-Queen“

Um Schmerz zu vermeiden, gibt es zwei Extreme. Die meisten Menschen haben eine Vorliebe für das eine dieser beiden Extreme, nicht wenige pendeln aber auch zwischen diesen beiden Extremen immer hin und her. Das eine Extrem ist der „coole, harte Typ“, der Schmerz abwehrt, wo er nur kann, und zwar sowohl bei sich als auch bei anderen. Das andere Extrem ist die „Drama-Queen“, die Schmerz zum großen Drama aufbläst und öffentliches Wehgeheul inszeniert. Das tut sie mit Vorliebe für ihren eigenen Schmerz, aber wenn sie „großherzig“ ist, manchmal auch für den Schmerz anderer Menschen. Tatsächlich sind die Drama-Queens der Erleuchtung ein kleines Schrittchen näher als die coolen, harten Typen. Denn sie erkennen die Tatsache, dass es in dieser Welt Schmerz gibt, an. Nur sind die Schlussfolgerungen, die sie daraus ziehen, denkbar unerleuchtet. Dazu gleich mehr.

Es ist kein Zufall, dass ich hier dem „coolen, harten Typen“ das männliche Geschlecht zugewiesen habe. Denn tatsächlich ist das eine männliche und von Männern bevorzugte Strategie der Schmerzvermeidung. Hingegen ist die „Drama-Queen“ ein Verhaltensmuster, das eher von Frauen gepflegt wird und damit eine weiblich Schmerzvermeidungsstrategie ist. Aber natürlich gibt es auch weibliche „coole, harte Typinnen“ und männliche „Drama-Kings“, weil beide Geschlechter sowohl männliche als auch weibliche Anteile in sich tragen und nicht jeder immer das geschlechtsspezifische Verhalten bevorzugt. Insgesamt geschlechtsübergreifend betrachtet, wird der coole, harte Stil bevorzugt, und zwar auch von Frauen. Das liegt daran, dass wir in einer von männlichen Werten geprägten Gesellschaft leben: Die „männliche“ rationale Vernunft steht hoch im Kurs, während die „weiblichen“ Gefühle tendenziell abgewertet werden. Diese Imbalance kann man, wenn man genau hinsieht, in allen Facetten des alltäglichen Miteinanders erkennen. Sie ins Lot zu bringen, ist in meinen Augen derzeit die größte Herausforderung, vor der die Menschheit heute steht.

Wenn man bei den „coolen, harten Typen“ und den „Drama-Queens“ ein bisschen tiefer gräbt, stellt man außerdem erstaunlicherweise nicht selten fest: Unter der Oberfläche des einen Extrems schlummert gleichzeitig auch noch das andere Extrem. Wenn man einen coolen, harten Typen darauf festnageln will, dass sein Verhalten nicht in Ordnung ist, weil es bei anderen Menschen Schmerz auslöst, flippt dieser coole, harte Typ nicht selten um in die Drama-Queen, die dann inszeniert: „Immer werden nur Erwartungen an mich gestellt! Keiner denkt an mich und meine Gefühle!“ Hingegen kann eine Drama-Queen eine geradezu erschütternde Gefühlskälte für den Schmerz anderer Menschen an den Tag legen, weil sie unablässig nur um sich selbst kreist und die Gefühle aller anderen Menschen komplett ausblendet.

Der Machtkampf zwischen dem coolen, harten Typen und der Drama-Queen

Vielleicht hast Du es eben schon zwischen den Zeilen spüren können: In der Kommunikation zwischen zwei Menschen besetzt einer eher die Rolle des coolen, harten Typen und der andere eher die der Drama-Queen. Das muss gar nicht offensichtlich zutage treten, sondern kann ganz unterschwellig ablaufen und sich so nach und nach einschleichen. Manchmal tritt dieser Konflikt aber auch – zumindest für Außenstehende – glasklar ersichtlich auf den Plan. Was dann nicht selten passiert, ist, dass beide versuchen, ihre eigene Schmerzvermeidungsstrategie dem anderen aufzudrücken. Der coole, harte Typ gibt mehr oder weniger zu erkennen: „Lass mich mit Deinem Drama in Ruhe!“ Und die Drama-Queen hält dagegen: „Doch, ich inszeniere meinen Schmerz so viel ich will, ohne Rücksicht darauf, dass Dich das stört!“ Für diesen Konflikt gibt es nur eine Lösung, nämlich dass beide sich – jeder für sich – dem eigenen Schmerz zuwenden. Denn Kommunikation kann nur gelingen, wenn beide jeweils mit dem eigenen Schmerz verbunden sind und deshalb auch den Schmerz des jeweils anderen wahrnehmen und anerkennen können.

Ich beobachte diese Dynamik schon seit vielen, vielen Jahren und habe bei mir selbst festgestellt, dass ich dazu neige, mich meinem Gegenüber anzupassen. Bei coolen, harten Typen respektiere ich den emotionalen Abstand, den diese Menschen unterschwellig fordern. Das heißt, ich frage weder zu intesiv nach, noch zeige ich zu viel von mir selbst, selbst wenn mir deren subtil destruktives Verhalten weh tut. Den Drama-Queens höre ich geduldig und aufmerksam zu. In beiden Fällen nehme ich selbst mich zurück. Irgendwann bin ich mal auf den Trichter gekommen, dass das zwar für das Setting eines Coaching angemessen ist, dass das aber im privaten Kontakt keine gute Lösung ist. Denn ich als Mensch verschwinde gewissermaßen aus der Kommunikation. Und genau so habe ich mich dann auch oft gefühlt: Verschwunden und zu kurz gekommen. Aber insofern musste ich mir ja an die eigene Nase packen: Denn ich selbst habe ja dafür gesorgt, dass ich zu kurz komme, indem ich mich selbst zu sehr zurückgenommen habe. Als ich dann bei mir tiefer gebohrt habe, warum ich mich selbst im Kontakt mit anderen Menschen bis zur Selbstverleugnung zurücknehme, bin ich auf zwei zentrale Gründe gestoßen: Es ist zum einen meine Angst vor Konflikten oder – positiv ausgedrückt – mein Wunsch nach Harmonie. Zum anderen ist es meine tief sitzende Angst davor, mich und meine Gefühle zu offenbaren, weil ich Angst davor habe, deshalb beschämt oder für nicht-existent = null und nichtig = wertlos erklärt zu werden. Das ist natürlich mein Problem und hat nichts mit dem anderen zu tun.

Falls Du bei Dir ähnliche Reaktionen im Umgang mit anderen Menschen feststellst, dann weißt Du jetzt, dass Du damit nicht allein dastehst. Dann kannst Du Dir die Psychodynamik der Kommunikation ansehen und für Dich herausfinden, was für Dich im Umgang mit dem anderen so schwer war: War Dein Gegenüber ein „harter, cooler Typ“, der Dich mit Deinen Gefühlen abgebügelt hat? Dann hat er mit Dir nur das gemacht, was er ständig mit sich selbst macht, nämlich Gefühle verleugnen. Oder war Dein Gegenüber eine „Drama-Queen“, die Dich mit ihren Gefühlen überrollt hat?

In erster Linie ist es immer ganz wichtig, dass Du Dir präzise Klarheit über Deine eigenen Reaktionen und Gefühle verschaffst und dazu stehst. Das bist Du in diesem Moment, und so, wie Du bist, bist Du in Ordnung, egal, was irgendjemand anderes Dir einreden will. In zweiter Linie ist es wichtig zu wissen, dass die allermeisten Menschen noch nicht aus solchen Machtkämpfen aussteigen können oder wollen. Will heißen: Eine Klärung im Außen und mit dem anderen ist nur sehr, sehr selten möglich, weil die allermeisten Menschen noch nicht einmal mitkriegen, dass sie einen Machtkampf austragen; so sehr sind sie damit beschäftigt, ihre eigene Schmerzvermeidungsstrategie durchzusetzen. Deshalb kann ich Dir in Sachen Schmerz nur eines dringendst ans Herz legen: Kümmere Dich um Deinen eigenen Schmerz! Lerne ihn in- und auswendig kennen und fühlen! Nur dann kannst Du Dich diesen Machtkämpfen still und leise entziehen. Und desto eher bist Du in der Lage, Menschen zu identifizieren, die aus diesen Machtkämpfen ausgestiegen sind und erwachsenen Kontakt auf ebenbürtiger Augenhöhe suchen. Denn das sind die Menschen, mit denen echte, authentische Beziehungen möglich sind. Nach meinen Beobachtungen gibt es solche Menschen in unserer derzeitigen Gesellschaft nur sehr, sehr selten. Aber wenn Du stetig an Dir selbst arbeitest, wirst Du solche seltenen Menschen kennenlernen und mit ihnen erfüllenden zwischenmenschlichen Kontakt erleben! Nach diesem kurzen Ausflug in den kommunikationstechnischen Aspekt unseres Themas will ich deshalb zu Dir und Deinem Schmerz zurückkehren. Denn nur da kannst Du Heilung finden und niemals bei anderen Menschen.

Was Schmerz ist und was coole, harte Typen einerseits und Drama-Queens andererseits daraus machen

Echter, authentisch gefühlter Schmerz ist ein warmes, fließendes und lebendiges Gefühl, das keineswegs unangenehm ist. Wenn man ihn einfach durch sich hindurchfließen lässt und vielleicht ein paar Tränen verdrückt, löst er sich von ganz allein in Entspannung, sonnige Stimmung und manches mal sogar in erlöstes Lachen auf. Schmerz an sich ist nicht „schlimm“. Schlimm wird Schmerz nur dadurch, was die Menschen daraus machen.

Coole, harte Typen verbinden mit Schmerz das Gedankenmuster: „Schmerz darf nicht sein!“. Hinter dieser destruktiven Gedankenverbindung können vielfältige Gründe stecken, die meist mehr oder weniger auf den gleichen Nenner hinauslaufen: Das Gefühl, wertlos, nicht liebenswert oder schuldig zu sein. Diese Gefühle von Wertlosigkeit und Schuld können sich anfühlen, als ob man sich auflöst. Deshalb vermeiden coole, harte Typen Schmerz, wo es nur geht. Und wo eben das nicht mehr geht, weil der Schmerz einfach zu viel wird, da mischt sich in den Schmerz ganz viel destruktive Energie von alter Wut oder gar Hass, eben weil Schmerz nicht sein darf. Dann sind es diese alte Wut oder der Hass, die den Schmerz schlimm erscheinen lassen. Denn dadurch wird der Schmerz stechend, scharf und schneidig. Wer dieses Gefühl in sich wiedererkennt, macht sich am besten als erstes daran, die ganzen destruktiven Gedankenmuster, die am Schmerz hängen, aufzulösen. Denn erst dann ist der Schmerz frei dafür, gefühlt und dadurch transformiert zu werden.

Die Drama-Queens verbinden mit Schmerz den Gedanken: „Weil ich Schmerz fühle, bin ich ein ewiges Opfer und habe deshalb ein Vorrecht auf alle Aufmerksamkeit dieser Welt!“ Sie zelebrieren und inszenieren ihren Schmerz, um damit im Mittelpunkt zu stehen. Diese Tiraden sind dann – mehr oder weniger bewusst – verbunden mit Schuldzuweisungen gegenüber anderen, Jammern, Selbstmitleid und einer enormen Anspruchshaltung gegenüber anderen Menschen. Hinter all diesem aktionistischen Theater verschwindet regelrecht der Schmerz, der an sich leise, sanft und fließend ist. Drama-Queens tun also gut daran, sich vor Augen zu führen, dass ihr Schmerz ausschließlich und allein in ihnen ist und dass deshalb niemand anderes die Verantwortung dafür hat als sie selbst. Um ihren Schmerz fühlen und transformieren zu können, müssen Drama-Queens also erst einmal ihre Gedankenmuster von Schuldzuweisung und Anspruchshaltung gegenüber anderen auflösen und Jammern und Selbstmitleid in den Griff kriegen.

Na, weißt Du jetzt, wo Du selbst stehst?

Das liest sich hier alles vermutlich eher einfach, ist es aber nicht. Denn die Gedankenverbindungen, die ich hier beschrieben habe, sind extrem tief verbuddelt, weil sie bereits in der Kindheit hergestellt und danach nie in Frage gestellt worden sind. Die meisten Menschen wenden sich diesen Themen aber erst zu, wenn ihre Kindheit schon seit mindestens zwei oder meist noch mehr Jahrzehnten hinter ihnen liegt. Sei deshalb bitte nachsichtig mit Dir selbst, wenn Du nicht gleich von heute auf morgen an Deinen Schmerz herankommen kannst. Du erleichterst Dir selbst den Prozess jedenfalls erheblich, wenn Du Dir Hilfe bei jemandem suchst, der mit Schmerz umgehen kann. Meiner Einschätzung nach sind etwa 90% der Menschheit genau damit überfordert und wollen ihren Schmerz in der Verbannung lassen. Was diese Menschen nicht begreifen: Es ist ihr Schmerz, der sie gefangen und davon abhält, in Freude und Liebe zu leben. Unerlöster Schmerz ist tatsächlich ein Gefängnis!

Wie ist es mit Dir: Willst Du Dich aus Deiner Gefängniszelle des Schmerzes befreien?

 

 

 

Bildrechte: Tim (Timothy) Pearce „ Prison cell with bed inside Alcatraz main building San Francisco, California“; Bildquelle: www.piqs.de

KatrinNr. 50: Kannst Du den Unterschied zwischen dem echten Ausdruck von Schmerz und unechtem „Schmerz-Drama“ spüren?