Nr. 57: Hast Du schon Deine Projektionen aufgelöst?

Projektionen sind eine der größten Hürden dafür, dass Kommunikation und Beziehung gelingen kann. Warum das so ist, will ich in diesem Artikel beleuchten in der Hoffung, Dich gleichzeitig dabei zu unterstützen, Deine eigenen Projektionen aufzulösen. Denn das ist ein wichtiger Schritt in die Richtung, wie Du Dich und Deine Seele selbst heilen kannst.

Was eine Projektion ist

Eine Projektion liegt vor, wenn Du einen Deiner Fehler oder Irrtümer nicht bei Dir selbst, sondern ausschließlich bei anderen wahrnimmst. Das Vertrackte an Projektionen ist: Manchmal stimmt es tatsächlich, dass der andere diesen Fehler auch hat oder diesem Irrtum auch erliegt. Aber das schließt eben nicht aus, dass auch Du an dem gleichen Fehler oder Irrtum leidest, wenn auch vielleicht in anderer Hinsicht oder auf einer anderen Ebene. Trotzdem laufen da draußen scharenweise Menschen herum, die die Fehler und Irrtümer ausschließlich bei anderen Menschen sehen.

Das Phänomen der Projektionen wird übrigens auch oft als „das Spiegelgesetz“ bezeichnet. Das Spiegelgesetzt besagt: Alles, was man an oder bei anderen wahrnimmt, ist für einen selbst immer ein Spiegel dafür, wie man selbst ist. Ich persönlich finde die Bezeichnung „Spiegelgesetz“ ein wenig irreführend. Denn der Begriff „Spiegel“ impliziert, dass andere einem spiegelbildlich immer nur exakt die gleichen Eigenschaften vor Augen führen. Das stimmt so nicht, wie wir gleich sehen werden. Es kann sich dabei auch um „Variationen“ des eigenen Spiegelbildes handeln.

Was das Problem bei Projektionen ist

Projektionen produzieren ein komplexes Gewirr von zum Teil auch nur non-verbaler Kommunikation, die Menschen voneinander trennt. Ich behaupte: Niemand ist frei davon, der nicht schon intensivst innere Arbeit geleistet hat. Denn das Schwierige ist: Es gibt sowohl „aktive Projektion“ als auch „passive Projektion“, wie ich aus meiner eigenen Entwicklung verstanden habe.

Ich selbst neige weniger zu „aktiver Projektionen“, die ich im letzten Absatz beschrieben habe. Denn da ich selbst ganz lange mit dem Irrglauben unterwegs war, dass mit mir irgendetwas ganz grundsätzlich nicht stimmt, habe ich viele, viele Jahre dazu geneigt, den Fehler immer nur bei mir selbst zu sehen. Will heißen: Ich selbst habe weniger auf andere projiziert, sondern eher damit gekämpft, dass ich mir die Projektionen anderer Menschen allesamt „angezogen“ habe. Will heißen: Ich habe kritische Urteile anderer Menschen über mich immer angenommen, auch wenn diese Urteile bei objektiver Betrachtung – wie ich heute weiß – Projektionen waren. Dass ich dagegen natürlich instinktiv oft rebelliert habe, zeigt nur, dass ich die Urteile angenommen habe. Denn wer ein Urteil gelassen zurückweisen kann, muss nicht rebellieren. Das ist natürlich keinen Deut besser, als selbst zu projizieren, sondern reinste Selbstzerstörung. Und bei genauerer Betrachtung ist auch das eine Projektion, die nur allgemeiner gefasst ist: Da ich gedacht habe, dass mit mir etwas grundsätzlich nicht stimmt, bin ich immer davon ausgegangen, dass im Verhältnis zu anderen immer ich „die Schlechte“ oder „die Schuldige“ bin, egal um welchen Fehler es gerade im konkreten Einzelfall ging. Heute habe ich natürlich verinnerlicht, dass das nicht stimmt: Ich bin ein Mensch mit Fehlern und Schwächen wie jeder andere Mensch auch. Mich aus diesem schrecklichen Lebensgefühl der „ewig Schlechten oder Schuldigen“ herauszuentwickeln, war tatsächlich der Motor für meine innere Arbeit, schon immer.

Damit wird deutlich, was das Problem bei Projektionen ist: Projektionen verstellen immer den Blick auf die Wahrheit! Projektionen verzerren die Wahrheit, wie einerseits Du selbst tatsächlich bist und wie andererseits andere Menschen tatsächlich sind. Deshalb sind Projektionen lieblos. Denn Wahrheit ist Liebe, und Liebe ist Wahrheit.

In dieser Gemengelage von Verzerrungen ist es außerdem schlechterdings unmöglich, irgendeinen Konflikt konstruktiv zu lösen, weil die „objektiven“ Umstände im Dunklen bleiben. Das heißt: Man streitet sich schon darüber, worüber man eigentlich streitet, auch wenn es den Beteiligten unter Umständen gar nicht bewusst ist, dass sie von unterschiedlichen Sachverhalten ausgehen. Dabei sind Konflikte unumgänglich, wenn sich das Gespräch nicht auf den Austausch von Informationen über das Wetter, Reiseberichte oder ähnlich unpersönliche Themen reduziert.

Einige Menschen sind übrigens so sehr in ihren Projektionen verheddert, dass sie andere Menschen überhaupt gar nicht wahrnehmen können, sondern eigentlich immer nur Selbstgespräche führen. Das zu erleben, tut mir total weh! Denn das löst in mir das Gefühl aus, als ob ich selbst gar nicht existiere. Gleichzeitig ist diese Wahrnehmung natürlich auch extrem hilfreich, weil ich weiß, dass echter Kontakt mit diesen Menschen nicht möglich ist, weshalb ich dann von diesen Menschen bewusst ausreichenden Abstand halten kann. Mittlerweile kann ich auch sehen, wenn Menschen in einer bestimmten Hinsicht projizieren, weshalb ich mich und mein Selbstwertgefühl dann ganz schnell ausklinken und einfach das Thema wechseln kann. Bis ich das allerdings wahrnehmen konnte, hatte ich schon einiges an innerer Arbeit hinter mir.

Wie Du Deine Projektionen auflösen kannst

Wie Du Deine Projektionen auflösen kannst, funktioniert im Grunde genommen ganz einfach: Lern Dich selbst mit allen Deinen Fehlern und Schwächen in- und auswendig kennen. Denn wenn Du weißt, wie Du selbst tickst, dann ist Deine Wahrnehmung anderer Menschen losgelöst von Deinen eigenen Fehlern und Schwächen und damit objektiv. Oder zumindest so objektiv wie es einem Menschen möglich ist. Denn auch in Sachen objektiver Wahrnehmung ist Perfektion auf menschlicher Ebene ein Ding der Unmöglichkeit.

Damit wird vielleicht auch schon deutlich: In der Praxis ist es alles andere als einfach, sich selbst mit allen seinen Fehlern und Schwächen zu erkennen. Das liegt nicht nur daran, dass man sich im Einzelfall darüber streiten kann, was überhaupt Fehler und Schwächen sind. Sondern die Schwierigkeit besteht insbesondere auch darin, dass es kaum Menschen gibt, die auch nur einigermaßen objektiv wahrnehmen und urteilen können. Was aber natürlich sehr, sehr viele Menschen trotzdem nicht davon abhält, von sich zu glauben, sie könnten das, und die dann – mit einem Selbstbewusstsein, das mich heute peinlich berührt – durch die Welt marschieren und anderen ihre Fehlurteile aufnötigen. Das kannst Du aber nur dann erkennen, wenn Du Dich selbst genau kennst und weißt, wann Menschen Dich zutreffend wahrnehmen und wann nicht. Denn dann kannst Du diese Projektionen gelassen zurückweisen.

Wie Dir andere Menschen dabei helfen können, Deine Projektionen aufzulösen

Weil es – wie gesagt – kaum Menschen gibt, die andere Menschen objektiv wahrnehmen können, ist das offen ausgesprochene Feedback anderer Menschen so eine Sache: Es kann zutreffend sein, es kann aber auch nicht zutreffend sein. Es kann auch teilweise zutreffend sein und teilweise nicht. Manche Menschen nörgeln immer nur an anderen herum. Im Einzelfall kann es aber trotzdem sein, dass Dir diese Menschen wertvolle Hinweise auf Dich selbst geben können. Andere Menschen wiederum sind durchaus wohlmeinend, was aber nicht heißen muss, dass nicht auch diese Menschen ihre blinden Flecken haben und deshalb einer falschen Wahrnehmung und/oder Bewertung aufsitzen können. Insofern empfehle ich Dir: Höre Dir alles an und werte es dann hinterher für Dich selbst aus, ob an dem Feedback was dran ist oder nicht. Wenn in der konkreten Situation das Gespräch unangenehm wird, weil der andere partout nicht von Deinem vermeintlichen Fehler ablassen will, kannst Du Dich der Gesprächssituation entziehen mit Worten in die Richtung von: „Das ist interessant, was Du da sagst. Ich werde mal darüber nachdenken. Aber jetzt möchte ich gern das Thema wechseln.“

„Sicherer“ ist aus meiner eigenen Erfahrung heraus eine andere Methode: Wann immer Du an jemand anderem eine Eigenschaft oder ein Verhalten wahrnimmst, die in Dir irgendwie Unwohlsein oder Unsicherheit auslösen, dann frage Dich: Inwieweit habe ich die exakt gleiche Eigenschaft oder Verhaltensweise, wenn auch vielleicht nur auf einer anderen Ebene? Für diese Suche gibt es drei Ansatzpunkte:

Der erste Ansatzpunkt ist Dein eigenes Verhalten gegenüber anderen Menschen. Frage Dich: „Wann habe ich exakt das Gleiche – wenn auch vielleicht gegenüber einer anderen Person – gemacht oder innerlich gedacht, was ich jetzt beim anderen beobachte? Kann es sein, dass der andere ein direkter Spiegel dafür ist, wie ich selbst bin?“ Um ein konkretes Beispiel zu nennen: Angenommen, Du ringst damit, dass Dich jemand anderes abgewertet hat. Kann es sein, dass auch Du andere Menschen abwertest?

Der zweite Ansatzpunkt ist, wie Du Dich selbst behandelst. Frage Dich: „Wann habe ich mir selbst exakt das Gleiche angetan, das ich jetzt beim anderen beobachte?“ Um beim Beispiel von eben mit der Abwertung zu bleiben: Kann es sein, dass Du Dich selbst abwertest und Dich die Abwertung des anderen deshalb so trifft? Denn wenn Du „immun“ wärest, könntest Du die Abwertung des anderen mit einem gleichmütigen Schulterzucken abhaken und hinter Dir lassen.

Der dritte Ansatzpunkt ist, dass Du Dir selbst das in Frage stehende Verhalten vielleicht verbietest und deshalb nicht damit umgehen kannst, dass andere sich so verhalten. Wenn Du zum Beispiel schon für Dich erkannt hast, dass es destruktiv ist, andere oder sich selbst abzuwerten, und Du Dir selbst deshalb bewusst vorgenommen hast, das nicht mehr zu tun, kann es sein, dass es einigen Tumult in Dir auslöst, wenn andere noch in diesem destruktiven Muster fest hängen. So nach dem Motto: „Das darf man doch nicht tun! Was ich nicht darf, das darf der andere auch nicht!“ Dann weißt Du: Du bist mit dem Thema „Abwertung“ noch nicht durch. Dann kannst Du Dir anhand des konkreten Geschehens noch einmal vor Augen führen, welche konkrete Facette der Abwertung Du Dir in Dir selbst noch einmal ganz genau ansehen solltest. Oder um ein anderes Beispiel zu nennen, bei dem es – anders als bei der Abwertung, die zweifelsfrei destruktives Verhalten darstellt – um mehrdeutiges Verhalten geht: Ich ärgere mich oft über die „Egozentrik“ anderer Menschen. Dabei weiß ich, dass Egozentrik im positiven Sinne eine Form von zweifelsfrei zulässigem Selbstschutz ist, die ich selbst nicht besonders gut beherrsche, weil ich mir selbst „Egozentrik“ verbiete. Wenn ich deshalb auf Egozentrik bei anderen stoße und deshalb Anflüge von Ärger in mir spüre, denke ich immer bei mir: „Katrin, der andere schützt gerade nur sich selbst, und das darf er auch. Und Du selbst darfst das auch, und zwar insbesondere auch gegenüber diesem egozentrischen Menschen!“

Es kann aber auch sein, dass Dich das Geschehen aus einem „benachbarten Grund“ aus der Fassung bringt. Wenn Du es zum Beispiel mit einem Menschen zu tun hast, von dem Du weißt, dass er oder sie ständig andere abwertet, und Du das als Defizit des anderen mehr oder weniger akzeptiert hast, kann das trotzdem noch Zorn in Dir auslösen. Dann kann das daran liegen, dass Du über Dich selbst wütend bist, weil Du unfähig bist, Dich gegenüber diesen Abwertungen angemessen zur Wehr zu setzen. Oder vielleicht drückst Du Dich auch vor der Erkenntnis, dass der Umgang mit diesem Menschen Dir in Deiner Entwicklung schadet, weil Du aus irgendwelchen Gründen Angst davor hast, aus der Beziehung auszusteigen.

Was auch gern projiziert wird, sind Gefühle: Ich habe mich zum Beispiel mal vor einem Konfliktgespräch gedrückt, unter anderem weil ich Angst vor meinem Gegenüber hatte. Als ich dann in mich gegangen bin, wovor genau ich eigentlich Angst hatte, war die erste Antwort, die mir kam: Ich habe Angst davor, dass der andere mich im Gespräch wütend platt oder mundtot macht. Und dann habe ich gespürt, dass ich bei dieser Vorstellung selbst heftige Wut im Bauch hatte. Und diese Wut habe ich auf den anderen projiziert oder beziehungsweise dem anderen unterstellt mit der Folge, dass ich Angst vor dem anderen hatte. Ich hatte also Angst vor meiner eigenen Wut! Ich vermute zwar, dass der andere mir tatsächlich – vielleicht auch mit Wut – versucht hätte, das Wort zu verbieten, wenn ich in das Gespräch hineingegangen wäre. Aber wenn ich mein eigenes Wut-Thema schon vollständig in den Griff gehabt hätte, hätte ich diese Situation souverän meistern können.

Du merkst: Die Kunst besteht immer darin, in sich selbst zu erkennen, warum genau einen das Verhalten des anderen so „antitscht“ und aus der Fassung bringt. Insofern tust Du Dir selbst übrigens keinen Gefallen, wenn Du Dir vormachst, dass Dich rein gar nichts aus der Fassung bringen kann so nach dem Motto: „Mir kann keiner was!“ Denn das bringt Dich um den Erkenntnisgewinn. Solltest Du allerdings in Anbetracht des Verhaltens anderer Menschen tatsächlich nie oder nur selten Unbehagen, Unsicherheit, Schmerz, Scham, Wut, Minderwertigkeit, Verwirrung oder andere „unschöne“ Gefühle spüren, empfehle ich Dir dringend, Dich mit Deiner Gefühlstaubheit auseinanderzusetzen. Gefühlstaubheit ist kein Vorzug, sondern ein gravierendes Defizit, das spirituelle Entwicklung unmöglich macht!

Wie Du mit den Projektionen anderer Menschen umgehen solltest

Dazu, wie Du mit den Projektionen anderer Menschen umgehen kannst, kann ich Dir nur einen nachdrücklichen Rat geben: Insbesondere wenn Du noch am Anfang Deiner Selbsterkundung stehst, solltest Du Dich mit den Fehlern und Schwächen Deiner lieben Mitmenschen gar nicht befassen. Denn dann hast Du noch mehr als genug mit Dir selbst zu tun. Frage Dich konsequent bei jedem Verhalten anderer Menschen, dass bei Dir ein wie auch immer geartetes unangenehmes Gefühl auslöst: Was genau ist meine emotionale Reaktion? Warum fühle ich das? Warum reagiere ich darauf so, wie ich das tue? Denn solange Du emotional auf etwas reagierst, was von außen kommt, hat das immer etwas mit Dir, Deinen Gefühlen und Deiner Geschichte zu tun und weist Dich darauf hin, was Du in Dir transformieren kannst. Ich verspreche Dir: Die Selbstsicherheit, die Du dadurch gewinnst, ist Gold wert!!! Je besser Du Dich außerdem selbst kennst und mit Deinen eigenen Fehlern und Schwächen annehmen kannst, desto besser kannst Du dann automatisch auch andere Menschen verstehen und mit ihren Fehlern und Schwächen annehmen. Und genau das ist der Weg zur Liebe.

Hingegen ist es ausgesprochen lieblos, anderen Menschen Deine eigenen Fehler und Schwächen anzukreiden und Dich damit über sie zu erheben. Ich werde nie die Situation vergessen, als eine Freundin von mir mal vor mir saß und mir vorhielt, dass ich mich wütend verhalten hätte. Weil ich wusste, dass Wut generell ein sensibles Thema bei mir ist, hörte ich ihr einfach nur zu. Nur als sie dann sagte: „Ich merke jetzt erst, wie sehr mich Dein wütendes Verhalten belastet.“, habe ich spontan protestiert und erwidert: „Du, Dein Verhalten ist für mich auch oft schwierig. Das ist so in engen Beziehungen, dass da auch mal schwierige Gefühle aufkommen, mit denen man dann umgehen können oder lernen muss.“ Da sprang sie verschreckt auf und verließ fluchtartig den Raum, offenbar weil sie von sich selbst glaubte, dass sie selbst ohne Fehl und Tadel sei. Das war das Ende unserer Freundschaft, weil sie nicht damit umgehen konnte, dass ich ihr Selbstbild zerstört hatte. Was ich damit sagen will: Wenn Du für Dich selbst nicht alle Deine Fehler und Schwächen auf der Platte hast und über die Fehler und Schwächen anderer Menschen sprechen willst, kann das für Dich ganz schön nach hinten losgehen. Ich denke auch, dass es niemandes Aufgabe ist, andere erwachsene Menschen auf ihre Fehler hinzuweisen oder gar elterngleich zu „erziehen“. Das ist einfach nur übergriffig. Das gilt übrigens auch für Eltern im Verhältnis zu ihren erwachsenen Kindern.

Auf einem anderen Blatt steht, dass man sich natürlich gegen das destruktive Verhalten anderer Menschen zur Wehr setzen darf, wenn es einem weh tut. Dann stellt sich aber die schwierige Frage: Was ist destruktives Verhalten? Um bei dem Beispiel mit dieser Freundin von eben zu bleiben: Sie wird auf dem Standpunkt gestanden haben, dass mein wütendes Verhalten destruktiv gewesen ist. Natürlich habe ich mir meinen Kopf zermartert, ob mein Verhalten tatsächlich destruktiv gewesen ist. Ich konnte mich lediglich an Situationen erinnern, in denen ich mich mit Nachdruck gegen ihr übergriffiges Verhalten zur Wehr gesetzt hatte, was ich von mir völlig in Ordnung fand. Aber ich will nicht ausschließen, dass ich unter Umständen überreagiert und zu viel Wut gezeigt habe, weil Wut eben ein sensibles Thema für mich ist. Nachträglich habe ich erkennen und verstehen können, was ihr eigentliches Problem war: Weil sie selbst ihre eigene Wut unterdrückt und sich selbst verboten hat, wollte sie mir verbieten, auf sie wütend zu reagieren. Das ändert aber natürlich nichts daran, dass auch ich meine Wut vielleicht nicht angemessen gehändelt hatte. Will heißen: Wir beide hatten ein Problem mit Wut, wenngleich unsere Probleme unterschiedlich gelagert waren.

Die Lösung liegt darin, das eigene Problem zu erkennen und dafür die Verantwortung zu übernehmen, anstatt auf dem anderen herumzuhacken. Die Übung für Fortgeschrittene ist dann, andere Menschen mitsamt ihrer Probleme und Fehler anzunehmen und eben nicht dafür zu kritisieren, auch wenn deren Probleme und Fehler für einen selbst ungenüsslich sind.

Gespräche mit anderen über die eigenen Fehler und Schwächen können grundsätzlich sehr aufschlussreich sein. Allerdings werden diese Gespräche nur dann konstruktiv verlaufen, wenn sich alle Beteiligten darüber klar und einig sind, dass – erstens – ausnahmslos alle Menschen Fehler und Schwächen haben, man selbst eingeschlossen, und dass – zweitens – jeder die Verantwortung für die eigenen Fehler und Gefühle trägt. Und keiner ist wegen seiner Fehler und Gefühle „besser“ oder „schlechter“ als der andere, weil wir alle nur fehlbare Menschen sind.

Wenn Du Dich selbst in- und auswendig kennst, kann Dich jedenfalls irgendwann gar nichts mehr, was von außen kommt, aus der Fassung bringen. Dahin geht die Reise. Die Lösung ist nie, dass andere sich so verhalten müssen, dass sie keine unangenehmen Gefühle in Dir auslösen. Denn nur dann bist Du frei und von anderen unabhängig. Und dahin gelangst am schnellsten, wenn Du Dich bei allem, was an Deiner Fassung rührt, fragst:

Was hat das, was da gerade in meinem Leben passiert oder passiert ist, mit mir selbst und meinem Bewusstsein zu tun?

Wenn Du ehrlich mit Dir selbst bist und wirklich nach der Verbindung suchst, wirst Du sie früher oder später finden.

Was die „Belohnung“ ist, wenn Du Deine Projektionen auflöst

Oben hatte ich schon geschrieben, dass es Dir unglaublich viel Selbstsicherheit geben kann, wenn Du Deine eigenen Projektionen auflöst, indem Du Deine eigenen Fehler und Schwächen kennenlernst. Denn dann können Dir die Projektionen anderer Menschen irgendwann nichts mehr anhaben, einfach weil Du sie durchschaust. Hinzukommt, auch wenn es paradox klingt: Je besser Du Deine eigenen Fehler und Schwächen kennst, desto besser und klarer erkennst Du auch Deine eigenen Stärken und Vorzüge! Denn wenn Du die Spreu vom Weizen trennst, dann wird der Weizen überhaupt erst in aller Deutlichkeit sichtbar! Und weil Du dann auch noch alle Deine Fehler und Schwächen in Stärken und Vorzüge transformieren kannst, ist die Auflösung Deiner Projektionen ein wichtiger Schritt in die Richtung, dass Du das Allerbeste in Dir zum Vorschein bringen kannst! Ich verspreche Dir, weil ich es aus eigener Erfahrung weiß: Je mehr Du das tust, desto wohler wirst Du Dich in Deiner Haut fühlen!!! Die eigenen Projektionen aufzulösen, lohnt sich!!!

Na, bist Du motiviert, die eigenen Projektionen aufzulösen?

 

 

 

 

Bildrechte: Rusha „Spiegelung“; Bildquelle: www.piqs.de

 

KatrinNr. 57: Hast Du schon Deine Projektionen aufgelöst?