Nr. 58: Weißt Du, wie Gefühle funktionieren?

Bei fast jedem Coaching, das ich im Moment mache, stellt sich heraus, das eines der zentralen Themen meines Coachees die eingeschränkte Fähigkeit zu fühlen ist. Manche – meist Männer – haben fast gar kein Zugang zu ihrem Gefühl, andere können und/oder wollen nur bestimmte Gefühle zulassen. Verwunderlich ist das nicht. Denn Gefühle haben in unserer ach so rationalen Welt einen schweren Stand: Sie gelten als „uncool“, schwach, irrational und „gefährlich“. Aber um eines führt nichts herum:

Ohne Gefühl gibt es keine Liebe!

Liebe ist in ihrem Kern Gefühl pur: Liebe ist Freude am Leben, Freude an und mit anderen Menschen, Freude an der Natur, Freude an allem, was ist, einerseits und Mitgefühl mit dem eigenen Schmerz und dem Schmerz anderer Menschen andererseits. Liebe akzeptiert, dass es Schmerz in dieser Welt gibt und geht damit so liebevoll wie möglich um. Liebe ist das Gefühl der Verbindung mit einem oder mehreren anderen Menschen. Hingegen bewirken alle „schwierigen“ Gefühle wie Wut, Hass, Schuld, Ohnmacht und Verzweiflung die Trennung von anderen Menschen. Dabei sind diese Gefühle potentiell „der Stoff“, aus dem Liebe und Verbindung entstehen kann, nämlich dann, wenn man diese Gefühle in sich transformiert. Aber transformieren kann man eben nur das, was man im ersten Schritt auch fühlen kann. Wer Liebe leben und erleben will, kommt nicht darum herum, alle destruktiven Gefühle in sich aufzuspüren und zu transformieren, weil nur so die Liebe freigesetzt werden kann. Vor diesem Hintergrund will ich Dir ein paar Informationen zur Verfügung stellen, die es Dir vielleicht und hoffentlich leichter machen, mit Deinen eigenen Gefühlen umzugehen. Mir selbst hat es nämlich sehr geholfen zu wissen, was in mir passiert, wenn sich meine Gefühle in mir regen. Ich habe mich dann meinen Gefühlen weniger „ausgeliefert“ gefühlt und konnte auch die Reaktionen anderer auf meine Gefühle besser einordnen.

Der Ausdruck von Gefühlen ruft bei anderen Menschen oft Aggressionen hervor!

Wenn Du Deine Gefühle zum Ausdruck bringst, musst Du damit rechnen, dass Du damit bei anderen Menschen Aggressionen hervorrufst. Das gilt nicht nur für „schwierige“ Gefühle wie Wut und Schmerz, sondern – so erstaunlich das klingen mag – auch für Freude. Das liegt daran, dass der Durchschnittsmensch heute weitestgehend gefühlstaub ist. Um es mal in einem Bild zu beschreiben: Beim Durchschnittsmenschen sind die Gefühle wie in einem Tresor eingeschlossen. Wenn Du nun Deine Gefühle ausdrückst, fühlt sich das für den Durchschnittsmenschen so an, als wenn sich ein Einbrecher genau diesem Tresor nähert, und das löst dann die „Alarmanlage“ aus. Das System Deines Gegenübers meldet „Gefahr im Verzug!“ und fährt seine Geschütze auf. Denn die Energie Deiner Gefühle „titscht“ die eingefrorenen Gefühle des anderen an. Der andere reagiert darauf unter Umständen mit mehr oder weniger offen ausgedrückter Aggressivität, Ablehnung und Abwertung. Das ist natürlich eine alles andere als schöne Erfahrung, die einen nicht gerade dazu ermuntert, sich näher mit den eigenen Gefühlen zu beschäftigen. Und genau deshalb ist es mir so wichtig, dass Du weißt, dass genau das passieren kann: Damit Du weißt, dass in dieser Situation mit Dir selbst alles in Ordnung ist und der andere ein Problem hat. Deshalb ist es ratsam, Gefühle möglichst nur gegenüber Menschen auszudrücken, die damit umgehen können. Damit sind wir beim nächsten wichtigen Punkt:

Du hast die freie Wahl, ob Du Deine Gefühle ausdrücken willst oder auch nicht!

Wenn Du Deine Gefühle fühlen kannst, heißt das nicht, dass Du sie auch ausdrücken müsstest. Vielmehr ist es so, dass je besser Du Dich in Deiner eigenen Gefühlswelt auskennst, desto besser kannst Du bewusst bestimmen und steuern, wie viel Du anderen Menschen davon zeigst. Und tatsächlich ist es so, dass je weniger Du Deine eigenen Gefühle selbst wahrnimmst, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie Dir unkontrolliert entweichen, Dich zu unangemessenem Verhalten verleiten und Dich dann bloßstellen. Genau deshalb glauben manche Menschen, Gefühle seien unkontrollierbar und deshalb „gefährlich“. Dabei ist es genau andersherum: Gefühle sind nur dann gefährlich, wenn man sie ignoriert oder unterdrückt, weil sie sich dann Kanäle suchen, in denen sie tatsächlich unkontrollierbar wüten können. Insoweit ist das unkontrollierte Herausplatzen noch die am wenigsten „gefährliche“ Möglichkeit. Denn unterdrückte Gefühle können in Dir (in Kombination mit anderen Verwirrungen in Deinem Bewusstsein) sogar schwere physische Krankheiten auslösen.

Deine Gefühle erschaffen die Realität, die Du erlebst!

Der allergrößte Irrtum in Sachen „Gefühle“ ist der, dass die allermeisten Menschen glauben, dass ihre Gefühle durch das entstehen, was die Realität um sie herum an sie an Erfahrungen heranträgt: Andere Menschen „machen“ ihren Schmerz, wenn sie ihnen „weh tun“. Frustrierende Erlebnisse „machen“ das Gefühl der Frustration. Gefährliche Situationen „machen“ die Angst in einem. Mit anderen Worten: Die Außenwelt ist Verursacher der Gefühle oder verantwortlich für die Gefühle, die man hat. Und genau das stimmt nicht!!! Alles, was Du gefühlsmäßig erlebst, hast Du Dir exakt mit den Gefühlen, die schon immer – wenn auch vielleicht nur unbewusst – in Dir waren, selbst erschaffen. Mit anderen Worten: Deine bewussten oder unbewussten Gefühle „machen“ Deine Erfahrung. Deine Gefühle sind ursächlich und verantwortlich dafür, was Du im Außen erlebst. Diese Tatsache habe ich mir mal vor vielen Jahren als Bücherwissen zu Gemüte geführt und mochte sie nicht so recht glauben. Ich habe mich gefragt: Wie soll das funktionieren? Ich habe das damals trotzdem als Arbeitshypothese mitgenommen und daraufhin mal die Erfahrungen, die ich danach gemacht habe, untersucht. Und siehe da: Ich habe festgestellt, dass das stimmt! Die krasseste Erfahrung, die ich insofern je gemacht habe, ist die, dass ich mir scheinbar völlig „unverdient“ (nämlich weil ich gar nichts „Böses“ gemacht hatte) von einem anderen Menschen eine Hassattacke eingefangen habe. Ich war verwundert: Ich? Hass? Wieso ich? Kurze Zeit später erschien mir mein Hass erst im Traum, und dann kurz später konnte ich meinen Hass auch tatsächlich spüren.

Eine Sonderschleife zum schwierigen Thema „Hass“

Heute weiß ich: Hass ist in ausnahmslos jedem Menschen, es kann gar nicht anders sein. Dabei schließe ich hier unter dem Begriff des Hasses auch alle seine „abgemilderten“ Gefühlserscheinungen wie etwa Feindseligkeit, Arroganz, Grausamkeit, destruktive Aggressivität und auch passive Aggression ein, weil diese Erscheinungen immer ein Hinweis darauf sind, dass tiefer unten im Bewusstsein noch richtiger Hass schlummert. Will heißen: Wer gelegentlich eine der eben genannten Emotionen in sich spürt, hat todsicher irgendwo in seinem Bewusstsein auch noch Hass verbuddelt. Die Frage ist nur, wie bewusst dieser Hass dem Einzelnen ist. Und da wird natürlich geleugnet und unterdrückt, was das Zeug hält. Dabei ist Hass an sich überhaupt nicht „schlimm“, sondern im Gegenteil: Im Hass steckt das Potential für die Liebe, weil man Hass in Liebe transformieren kann. Aber das funktioniert natürlich nur, wenn man zunächst bereit ist, den Hass überhaupt in sich zu spüren! Und gerade bei Hass ist wichtig: Wenn Du Deinen Hass spüren kannst, heißt das NICHT, dass Du ihn auch ausagieren müsstest! Je präziser Du Deinen Hass spüren kannst, desto eher kannst Du kontrollieren, ob und wie Du ihn herauslässt. Denn sinnvoll ist natürlich, den Hass nur dann hervorzuholen, wenn man ihn tatsächlich auch transformieren kann. Je weniger Du Deinen Hass jedoch kennst, desto eher bricht er unkontrolliert an unpassender Stelle aus Dir heraus oder sucht sich fiese „Hintenherum-Wege“ via Feindseligkeit & Co., um sich auszudrücken.

Weil ich genau diese fiesen „Hintenherum-Wege“ bei anderen Menschen mittlerweile sehr präzise wahrnehmen kann, weiß ich auch, dass es eine Tatsache ist, dass wirklich in jedem Menschen Hass ist. Ich habe allerdings auch verstanden: Manche Menschen kriegen es noch nicht einmal mit oder „vergessen“ ganz schnell (= verleugnen), wenn sie offenen Hass ausagieren. Und meiner Einschätzung nach kriegen es die allermeisten Menschen nicht mit, wenn sie ihren Hass auf die fiese Tour „hintenherum“ ausagieren. Aber Tatsache ist: Wer Hass sät, wird Hass ernten! Wer also sich nicht daran macht, den eigenen Hass zu transformieren, darf sich nicht wundern, wenn ihm von anderen Hass, Ablehnung und Unfreundlichkeit entgegenschlägt. Und da sind wir dann wieder beim Ausgangspunkt dieses Absatzes angelangt, dass nämlich Deine bewussten und unbewussten Gefühle die Verursacher dessen sind, was Du in Deinem Leben erlebst. Die allermeisten Menschen können diese Ursache-Wirkungs-Kette nur deshalb nicht wahrnehmen, weil sie ihre eigenen Gefühle nicht wahrnehmen können. Und dann sind es „die bösen, bösen anderen Menschen“, die sie hasserfüllt oder auch nur unfreundlich behandeln. Wer so leben will, kann das gern tun; der darf sich dann nur nicht darüber beschweren, wenn es im eigenen Leben ungemütlich zugeht.

Hass bezieht sich übrigens nie einen anderen bestimmten Menschen, eine Gruppe von Menschen oder auf ein bestimmtes Thema. Hass existiert in jedem Menschen per se und sucht sich dann unterschiedliche Wege. Er kann sich entweder gegen einen selbst, gegen andere Menschen oder gegen ein bestimmtes Thema richten. Beziehungsweise von Dir gerichtet werden, denn es ja Dein Hass und deshalb Deine Sache, worauf Du ihn ausrichtest. Insofern sieht der Rassist nur scheinbar „unmoralischer“ aus als der militante Umweltschützer. Denn der Hass ist bei beiden der gleiche, er wird nur in verschiedene Pipelines geschoben, kann sich aber, wenn man ihn – weil unbewusst – nicht unter Kontrolle hat, problemlos auch ganz schnell auf andere Zielobjekte wie etwa Partner oder Kinder richten. Insofern kannst Du auch ganz schnell herausfinden, ob Du noch Hass in Dir hast: Gibt es irgendeinen Menschen oder irgendein Thema, dass in Dir Hass auslöst? Dann hast Du vor Dir auf dem Silbertablett den Hass, den Du transformieren musst. Denn Hass ist NIE berechtigt oder gerechtfertigt; es gibt keine einzige Situation, in der Hass eine adäquate emotionale Reaktion ist.

Wie die Struktur von Gefühlen aussieht

Weil Gefühle so irrational und schwer fassbar erscheinen, hilft es Dir vielleicht zu wissen, dass es für Gefühle durchaus eine „psycho-logische“ Struktur gibt. Grob unterteilt gibt es positive Gefühle, destruktive Gefühle und Schmerz. Diese Unterscheidung ist deshalb hilfreich, weil man anhand dessen verstehen kann, wie Transformation funktioniert.

Die Funktion positiver Gefühle ist, dass sie der Garant für ein in jeder Hinsicht erfülltes Leben sind. Wer voller Liebe und Freude ist, kann das Leben in vollen Zügen genießen und muss nicht mehr auf der Erde inkarnieren, weil er innerlich in sich Einheit hergestellt hat. Die inneren „Gegenspieler“ positiver Gefühle sind destruktive Gefühle und Schmerz.

Destruktive Gefühle können nicht betäubt, sondern lediglich unterdrückt werden. Will heißen: Destruktive Gefühle suchen sich immer einen Weg um sich auszudrücken, weil sie nie „weg“ oder ausreichend „fixiert“ sind, und sie richten sich immer gegen einen selbst oder gegen andere Menschen. Es sind immer die destruktiven Gefühle, die Mauern in einem selbst oder aber zu anderen Menschen errichten. Und diese Mauern sind latent immer da, auch wenn sie noch so sorgfältig unterdrückt werden, weil man sie eben nie ganz „stumm schalten“ kann.

Hingegen kann man Schmerz betäuben, sodass er sich tatsächlich wie „weg“ anfühlt. Betäubter Schmerz äußert sich lediglich in einem Mangel an Lebendigkeit, in Rigidität und durch das Fehlen positiver Gefühle. Wer also mehr positive Gefühle erleben will, muss seinen Schmerz auflösen. Schmerz errichtet aber auch in betäubtem Zustand nie Mauern zu anderen Menschen. Tatsächlich birgt Schmerz die Möglichkeit der Verbindung in sich, nämlich wenn man Mitgefühl empfinden kann. Vielleicht kennst Du das Sprichwort: Geteilter Schmerz ist halber Schmerz, und geteilte Freude ist doppelte Freude! Mitgefühl ist aber dann nicht möglich, wenn man seinen eigenen Schmerz nicht fühlen kann oder will. Und wer den eigenen Schmerz nicht fühlen kann oder will, wehrt mit destruktiven Gefühlen auch den Schmerz anderer Menschen ab, weil er mit seinem eigenen Schmerz ganz genauso umgeht. Darum reagieren viele Menschen aggressiv auf den Ausdruck von Schmerz, siehe oben.

Damit ist die „Psycho-Logik“ destruktiver Gefühle offengelegt: Sie dienen dem „psycho-logischen Zweck“, Schmerz abzuwehren. Tatsächlich hat mir mal ein Mann gesagt: „Ich muss jetzt zum Glück meinen Schmerz nicht mehr fühlen.“ Gleichzeitig habe ich bei diesem Mann wahrgenommen, dass er gegenüber anderen Menschen zunehmend Feindseligkeit und Grausamkeit ausagiert hat. Und ich verstand: Mit dem Ausagieren von Feindseligkeit und Grausamkeit hat er seinen Schmerz in Schach gehalten. Aber ich habe auch verstanden: Von diesem Menschen halte ich mich lieber fern, weil er andere Menschen darunter leiden lässt, dass er seinen Schmerz nicht fühlen will. Was dieser Mann offenbar nicht wusste: Im Schmerz sind die positiven Gefühle eingefroren. Wer mehr positive Gefühle in seinem Leben haben möchte, muss seinen Schmerz durchfühlen. Die destruktiven Gefühle „hochzufahren“, ist einfach nur kontraproduktiv. Im Gegenteil: Man muss die destruktiven Gefühle auflösen, damit man an den eigenen Schmerz herankommt, um den Schmerz zu transformieren. Oder anders: Wer mehr positive Gefühle in sein Leben holen will, muss sowohl die destruktiven Gefühle als auch den Schmerz in sich transformieren.

Bei manchen Menschen sind eher die destruktiven Gefühle greifbar, bei manchen eher der Schmerz. Aber letztlich gehen beide Hand in Hand, und das bei ausnahmslos jedem Menschen, der nicht schon viel Bewusstheitsarbeit geleistet hat.

Wenn Du Deinen eigenen Schmerz fühlen kannst, bist Du irgendwann – wie gesagt – zu Mitgefühl mit anderen Menschen und damit zu Verbindung und Liebe fähig. Irgendwann spürst Du den Schmerz anderer Menschen genauso sehr wie Deinen eigenen, was dann eine zusätzliche Motivation dafür ist, mit den eigenen destruktiven Gefühlen zurande zu kommen, weil Du deutlich spüren kannst, dass destruktive Gefühle trennend wirken und beim anderen Schmerz auslösen.

Gefühle sind doch eigentlich ganz logisch, oder? Möglichkeit zur Transformation hast Du immer dann, wenn destruktive Gefühle oder Schmerz in Dir hochkommen. Das passiert entweder dadurch, dass von Außen etwas passiert, dass diese Gefühle in Dir zum Vorschein bringt. Oder – das habe ich erlebt in einer Phase, in der ich relativ viel alleine war – Dein Bewusstsein „schiebt“ destruktive Gefühle und Schmerz auf den Radar Deiner Aufmerksamkeit, damit Du sie transformieren kannst. Ich bin durch heftige destruktive Gefühle und tiefsten Schmerz gegangen, ohne dass irgendetwas im Außen passiert wäre. Wenn ich dann mit diesen Attacken durch war, war ich plötzlich wieder blendender Laune und glücksdurchströmt, auch wieder obwohl sich im Außen rein gar nichts geändert hatte oder irgendwas passiert wäre. Daher weiß ich auch so sicher, dass es stimmt, dass alle Gefühle schon in einem sind und einem nie von Außen „zugefügt“ werden können.

Warum es so giftig ist, destruktive Gefühle auszuagieren

Vor kurzem habe ich in einem spirituellen Buch darüber gelesen, dass es jemand als „Befreiung“ erlebt hat, gegenüber anderen Menschen destruktive Gefühle auszuagieren. Das wurde als Zustand der „Erleuchtung“ oder „inneren Einheit“ verkauft. Ich war angewidert. Denn das hat in meinen Augen nichts mit Spiritualität oder gar Erleuchtung zu tun, das ist einfach nur destruktiv.

Wenn Du Deine destruktiven Gefühle ausagierst, lädst Du – vielleicht auch nur unbewusst – Schuld auf Dich. Ich kann diese Schuld sehr bewusst spüren und weiß deshalb, dass das stimmt. Wenn Du sie nicht spüren kannst, kannst Du aber Gift darauf nehmen, dass sie sich in Deinem Leben früher oder später zeigt, weil irgendwas nicht richtig funktioniert, Dir frustrierende Erfahrungen präsentiert werden oder Du Dir die destruktiven Gefühle anderer Menschen einfängst. Gleichzeitig kann ich mich aber durchaus mit dem Gefühl der Befreiung verbinden, das da beschrieben worden ist: Es ist dieses Gefühl von „ja, das bin ich auch; ich bin auch meine destruktiven Gefühle, und auch dieser Teil von mir darf auch da sein.“ Und er darf auch da sein! Tatsächlich glaube ich, dass er nicht nur da sein darf, sondern sogar da sein dürfen muss!!! Denn wenn Du nicht wüsstest, dass es diesen Teil in Dir gibt, könntest Du ihn ja nicht transformieren! Nur steht für mich auf einem ganz anderen Blatt, ob man diesen Teil von sich dann auch auslebt! Ich persönlich halte das für alle Beteiligten für destruktiv. Es gibt mehr als genug Schmerz in dieser Welt, weshalb es in meinen Augen liebevoll ist, die Auslöser nach Möglichkeit zu minimieren. Denn wenn der Schmerz zu viel wird, macht fast jeder Mensch irgendwann ganz dicht und wendet sich vom Leben und von der Liebe ab.

Was im Umgang mit destruktiven Gefühlen hilft, ist folgendes: Die destruktiven Gefühle lediglich innerlich fühlen und innerlich ausagieren in dem Wissen, dass sie destruktiv sind und einem selbst nichts anderes als Schuld einhandeln. Ich habe bei mir selbst festgestellt, dass die destruktiven Gefühle damit immer geringer werden. Und gleichzeitig habe ich die Erfahrung gemacht, dass ich mich von den ausagierten destruktiven Gefühlen anderer Menschen immer mehr „abkoppeln“ kann nach dem Motto: „Die haben gerade ein Problem, das sie für sich lösen müssen. Das hat nichts mit mir und meinem Wert zu tun.“

Was typische „Ausweich-Manöver“ bei der Transformation von Gefühlen sind

Insbesondere intellektuelle Menschen laufen bei der Gefühlsarbeit Gefahr, ihre destruktiven Gefühle zu rechtfertigen so nach dem Motto: „In gewissen Situationen ist es nicht nur verständlich, sondern sogar vollkommen in Ordnung, Hass zu spüren!“ Bei dem IS-Attentat auf dem Berliner Weihnachtsmarkt im letzten Jahr mag dem einen oder anderen dieser Gedanke gekommen sein. Das ist ein Irrtum: Hass ist immer destruktiv und nie gerechtfertigt. Eine gesunde Reaktion auf das Attentat kann spontane Empörung sein, die sich aber von Hass dadurch unterscheidet, dass sie schnell kommt und auch schnell wieder vergeht, während der Hass latent immer weiter auf einem lastet. Eine gesunde Reaktion kann außerdem Traurigkeit und Mitgefühl sein: Traurigkeit über die Zerstörung von Menschenleben und Mitgefühl mit dem Schmerz, der da bei den Angehörigen ausgelöst worden ist. Und Traurigkeit natürlich auch darüber, dass da ein Mensch so hasserfüllt war, dass er dieses Attentat überhaupt begangen hat. Denn wenn Du Deinen eigenen Hass spüren kannst, dann weißt Du, dass es dem Attentäter damit nicht gut ergangen ist. Er hat lediglich keine intelligentere Lösung dafür gefunden, wie er mit seinem Hass klarzukommen kann und ihn deshalb blind ausagiert. Beziehungsweise ja nicht blind, sondern „im Namen Allahs“, was den Hass gerechtfertigt erscheinen lassen sollte. Aber Allah ist definitiv unglücklich darüber, wenn Hass ausagiert wird und vielleicht sogar zornig, wenn zu allem Übel auch noch sein Name dafür missbraucht wird. Warum ich weiß, wie Allah tickt, obwohl ich Christin bin? Weil ich weiß, dass Allah und Gott Eins und das Gleiche sind. Es sind lediglich unterschiedliche Bezeichnungen.

Aber nur weil Hass nie berechtigt oder gerechtfertigt ist, liegt die Lösung natürlich nicht darin, den eigenen Hass zu verleugnen. Wenn Hass da ist, sei froh, wenn Du ihn spüren kannst. Denn nur dann kannst Du ihn transformieren.

Außerdem gibt es eine Reihe von Gefühlsvermeidungsstrategien, die Transformation unmöglich machen. Eine beliebte davon ist „Denken statt Fühlen“: Anstatt sich den eigenen Gefühlen zuzuwenden, bleibt man im Kopf und hängt Gedankenkreiseln nach, die kein Ende finden. Womit sich der Kopf dann sehr gern beschäftigt: Warum andere „die Schuld“ am eigenen Elend oder gar für das eigene Verhalten tragen. Aber insofern dürfte hier klargeworden sein: Solche Schuldzuweisungen sind Quatsch, weil jeder die Verantwortung für die eigenen Gefühle selbst trägt. Wer noch sehr in Schuldzuweisungen verstrickt ist, muss dringend diese Denke in sich auflösen, weil sonst die Transformation von Gefühlen nicht möglich ist. Denn Schuldzuweisungen befeuern nur die eigenen Gefühle von Hass und Schuld, weshalb man in diesem Zustand gar nichts transformieren kann.

Such Dir Hilfe!!!

Jedem, der sich nicht schon einigermaßen gut in seinem Gefühlshaushalt auskennt, empfehle ich dringend, sich bei der Transformation von Gefühlen Hilfe zu holen. Es ist sehr viel leichter, den eigenen Schmerz anzunehmen, wenn er gleichzeitig auch von jemand anderem angenommen wird. Und es ist sehr viel leichter, sich selbst mit dem eigenen Hass anzunehmen, wenn man gleichzeitig von jemand anderem damit angenommen wird. Denn es gibt sehr ausgeprägte kollektive Muster sowohl mit Blick auf den Schmerz als auch mit Blick auf den Hass, dass nämlich beides mit Wertlosigkeit oder Minderwertigkeit gleichgesetzt wird. Diese Fehlbewertungen können echte Transformationsbremsen sein. Die Wahrheit ist: Wer sich seinem Schmerz und seinen destruktiven Gefühlen in sich stellt, bringt Liebe in die Welt und tut damit wertvolle Arbeit, von der das gesellschaftliche Kollektiv profitiert!!! Die Gewalt auf dieser Erde kann nur beenden, wer sich den eigenen Gefühlen stellt. Alle anderen Maßnahmen dienen nur der Unterdrückung mit der Folge, dass sich die Gewalt dann doch irgendwie ihre Bahnen bricht. Wir können uns im Moment in der internationalen Politik ansehen, was passiert, wenn destruktive Gefühle und Schmerz in unserer ach so aufklärten, rationalen Welt hervorbrechen: Sie äußern sich in Gewaltbereitschaft, Rassismus, Nationalismus und Trump’scher Zerstörungspolitik, die von viel zu vielen Menschen bewusst „gewählt“ worden ist und unterstützt wird.

Meine Frage an Dich: Willst Du in Deinen Gefühlen schwimmen, anstatt darin unterzugehen?

 

Bildrechte: Visualpanic „Wham, a different corner“; Bildquelle: www.piqs.de

KatrinNr. 58: Weißt Du, wie Gefühle funktionieren?