Nr. 61: Weißt Du, warum es so wichtig ist, sich selber zu lieben, und wie das funktioniert?

Die meisten Menschen wissen – vielleicht auch nur irgendwie diffus –, dass es wichtig ist, sich selber zu lieben. Allerdings haben die allermeisten Menschen meiner Meinung nach völlig verdrehte Vorstellungen davon, was das bedeutet und wie man das anstellt. Obwohl ich viele, viele Bücher zu dem Thema gelesen habe, weil ich selbst lange an einem gravierenden Mangel an Selbstliebe gelitten habe, habe ich das Kernproblem lange nicht richtig zu fassen bekommen. Lag es daran, dass ich die falschen Bücher erwischt habe? Oder an mir, weil ich zu „vernagelt“ war? Oder bin ich einfach ein „besonders schwerer Fall“ gewesen? Ich weiß es nicht. Jedenfalls habe ich hier mal meine Erkenntnisse aufgeschrieben. Wenn Du Deinen Mangel an Selbstliebe an der Wurzel zu packen kriegen willst, findest Du hier vielleicht ein paar Anregungen.

Selbstliebe ist die Basis für ein befreites Bewusstsein!!!

Je mehr ich mich in mein eigenes Bewusstsein vertiefe, desto klarer sehe ich: Im menschlichen Bewusstsein ist immer alles miteinander verbunden! Als Bild dafür fällt mir immer das „Atomium“ in Brüssel ein. Leider kann ich hier aus urheberrechtlichen Gründen kein Bild davon einstellen. Wenn Du das Bild nicht vor Deinem inneren Auge hast, guck es Dir mal im Internet zum Beispiel bei Wikipedia an. Stell Dir dieses Gerüst tausendfach multipliziert und durch und durch beweglich vor. So könnte man ein menschliches Bewusstsein in etwa bildlich beschreiben. Für die Bewusstheitsarbeit bedeutet dies: Man kann einstiegen, wo man will, weil man früher oder später eh auf die Verbindungen zu anderen Aspekten stößt. Je mehr das Bewusstsein von Störungen, Irrtümern, alten Gefühlen – sprich: altem Ballast befreit ist, desto mehr schwebt das Bewusstsein frei fließend und sich ständig bewegend im Raum herum, inspiriert und gelenkt durch die Kräfte des Lebens. Desto mehr Ballast in den „Kugeln“ noch enthalten ist, desto mehr unterliegt es der Gravitationskraft: Es schwebt mal in der Luft – mehr oder weniger beweglich – und sinkt dann wieder auf den Boden, um dann mal wieder ein bisschen abzuheben. Schlimmstenfalls „klebt“ das Bewusstsein schwerfällig am Boden „fest“ und bewegt sich kaum, was sich in einem tristen Leben mit vielen Beschwerlichkeiten äußert. Die „Kugel“, die ein Bewusstsein am ehesten und am stärksten nach unten zieht, ist die mit der Selbstliebe: Wenn da noch viel alter Ballast drin steckt, ist das ganze Konstrukt extrem anfällig für die Gravitationskraft. Oder anders ausgedrückt: Ein Mangel an Selbstliebe hält Dich am Boden oder wird Dich immer wieder an den Boden ziehen. Selbstliebe ist die Basis für ein befreites Bewusstsein.

Selbstliebe heißt, den eigenen Wert zu kennen und fühlen zu können!

Wer sich selbst liebt, weiß um seinen eigenen Wert und braucht dafür keine Bestätigung von außen. Das liest sich so abstrakt ausgedrückt leicht, aber in der Realität ist es alles andere als leicht, diese Selbstgewissheit zu erlangen. Teste Dich doch einfach mal selbst und sage zu Dir: „Ich bin ein wertvoller Mensch!“ Kommt Dir das leicht und flüssig über die Lippen? Oder zuckst oder sinkst Du innerlich zusammen? Mach das doch mal mehrfach über den Tag verteilt. Du wirst mit großer Wahrscheinlichkeit feststellen, dass Deine Reaktion immer unterschiedlich ausfallen wird. Genau das ist die Bewegung Deines inneren „Atomiums“!

Je liebevoller Deine Eltern mit Dir als Kind umgegangen sind, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Du diesem Zustand nahe sein könntest. Allerdings bist Du dann auch so an Liebe von außen gewöhnt, dass es Dich ganz schön aus der Bahn werfen kann, wenn Du auf einmal in eine Situation gerätst, in der Dir von allen Seiten „Nicht-Liebe“ und Ablehnung entgegenschlägt. Und wenn Du Dich selbst in so eine Situation gebracht hast, dann weiß Du, dass Selbstliebe Dein Thema ist und vielleicht die Liebe Deiner Eltern doch nicht so „sauber“ gewesen ist, wie Du das immer gedacht hast. Denn wer sich wirklich selbst liebt, bringt sich selbst gar nicht erst in so eine Situation oder kann damit so gelassen umgehen, dass diese Situation nicht als stressbeladen erlebt wird.

Weißt Du, worin Dein Wert als Mensch liegt? Allein in der Tatsache, dass es Dich gibt. Punkt. Es braucht keinen Menschen, der Dich liebt, wertschätzt oder braucht. Du bist einfach deshalb wertvoll, weil Du eine Schöpfung Gottes bist und in Dir Gott ist. Du musst nichts tun, machen oder leisten, weil Du – so wie Du jetzt in diesem Moment bist – ohne alles Weitere liebenswert bist. Kannst Du Dir das vorstellen? Und kannst Du das vor allem innerlich fühlen?

Ich bin durch wirklich harte Zeiten gegangen, in denen sich alles aufgelöst hat, was man normalerweise als „den Selbstwert stützend“ erlebt: Job, Titel, gesellschaftliche Anerkennung, Freunde. In dieser Situation habe ich von denjenigen Menschen, die mir mal nahestanden, nicht nur keine Unterstützung bekommen, sondern bin im Gegenteil auch noch zusätzlich angegriffen und kritisiert worden, weil niemand Verständnis für meine Situation aufbringen konnte. Klar, denn was ich erlebt habe, muss ja sonst kaum jemand durchmachen. Wie soll man da Verständnis aufbringen können? Da ist eine Reaktion mit Abwehr und Angriff verständlich, weshalb ich niemandem einen Vorwurf mache. Trotzdem war das natürlich für mich schwierig. Wenn ich dann verzweifelt gedacht habe, „Niemand liebt mich!“, habe ich mantramäßig zu mir selbst gesagt: „Doch, Gott liebt mich! Er will das ich lebe! Er legt Wert auf mich! Sonst würde ich nicht leben.“ Das hat mir geholfen! Wenn Du Dir auf Deinem Weg außerdem menschliche Unterstützung wünschst, werde ich an Deiner Seite sein, wenn Du das möchtest. Denn ich habe Gott geschworen, dass niemand das, was ich erlebt habe, wie ich allein durchmachen sollen muss.

Wenn Selbstliebe durch Bestätigung und Anerkennung von außen ersetzt wird

Den eigenen Selbstwert zu kennen, ist deshalb so wichtig, weil Du nur so davor gefeit bist, irgendetwas allein deshalb zu tun, damit Du Bestätigung oder Anerkennung von Außen bekommst. Das ist die zentrale Gefahr für Dein Wohlbefinden auf allen Ebenen: Selbstliebe durch die Bestätigung oder Anerkennung von Außen ersetzen zu wollen.

Überleg doch mal für Dich: Gibt es irgendetwas, das Du ausschließlich deshalb tust oder lässt, damit andere Dich mögen, wertschätzen, brauchen oder toll finden? Oder damit Du nicht aus der Familie, Gruppe oder Gesellschaft „verstoßen“ wirst? Beantworte Dir doch mal ganz ehrlich folgende Fragen:

Findest Du die Tätigkeit, die Dein Job Dir abverlangt, im Großen und Ganzen inspirierend und erfüllend? Wenn nein: Warum suchst Du Dir keinen anderen Job?

Warum bist Du mit dem „Menschen an Deiner Seite“ verheiratet oder liiert? Weil Du ihn liebst? Weil es bequem ist? Oder weil Du denkst, dass Du ohne diesen Menschen in den Augen der Welt wertlos wärest?

Spürst Du eine Herzensverbindung zu den Menschen, mit denen Du Zeit verbringst? Wenn nein: Warum verbringst Du dann Deine Zeit mit diesen Menschen? Willst Du damit irgendjemandem irgendetwas beweisen?

Gibt es Menschen, denen Du nie widersprechen oder die Du nie kritisieren würdest? Wenn ja: Warum verhältst Du Dich so? Willst Du sicherstellen, dass diese Menschen Dich mögen oder wenigstens nicht ablehnen?

Traust Du Dich, öffentlich Deine Meinung zu sagen, auch wenn alle Anderen anderer Meinung sind? Wenn nein: Warum nicht?

Wehrst Du Dich dagegen, wenn andere Menschen Dich angreifen, abwerten, zu Unrecht kritisieren oder ihre Launen an Dir auslassen? Wenn nein: Warum nicht?

Traust Du Dich im Verhältnis zu den für Dein Leben wichtigen Menschen, einen Streit zu riskieren? Oder versuchst Du immer zu beschwichtigen? Warum tust Du das?

Gibt es in Deiner Wertewelt Dinge, die „man tut“ und die „man nicht tut“? Was steckt da genau dahinter? Wirklich Deine Werte? Und sind das wirklich Deine Werte? Oder hältst Du Dich an die Regeln, „weil das alle so machen“ und Du nicht auffallen oder anecken möchtest?

Was motiviert Dich, anderen zu helfen? Geht es Dir wirklich primär um das Wohl des Anderen? Oder darum, dass Du Dich im Verhältnis zu anderen wertvoll, wissend, überlegen oder souverän fühlen kannst?

Warum liest Du zwar solche Artikel, suchst Dir aber für die Lösung Deiner Probleme keine Unterstützung im Außen? Weil Du glaubst, dass dann die Anderen von Dir denken, mit Dir stimme etwas nicht? Weil es Dir gegenüber bestimmten Menschen, mit denen Du Probleme hast, wie ein Schuldeingeständnis vorkommt?

Wenn Du wirklich ehrlich mit Dir bist, wirst Du zumindest an der einen oder anderen Stelle feststellen, dass Du Dein Verhalten danach ausrichtest, wie es von anderen aufgenommen wird. Wenn man sich dabei auf die Schliche kommt, ist das alles andere als schmeichelhaft, insbesondere wenn man sich selbst für einen unabhängigen Menschen hält. Um es Dir einfacher zu machen, gebe ich Dir ein ganz besonders krasses Beispiel aus meinem eigenen Leben. Vielleicht motiviert Dich das, mit Dir selbst ehrlich zu sein.

Als ich festgestellt habe, dass ich Jura studiert und damit Karriere gemacht habe, nicht weil ich selbst das für mich und mein Leben wollte, sondern weil ich damit meiner Mutter gefallen wollte, die das für sich selbst in ihrer Rolle als Mutter schick und imageförderlich fand, bin ich vor Scham in den Boden versunken. Dass ich nach der Schule so sehr neben mir gestanden habe, dass ich nicht einmal eine konkrete Vorstellung davon hatte, was der für mich richtige Weg sein könnte, war zwar eine Erklärung, die mir Mitgefühl mit mir selbst und Verständnis für mich selbst vermittelt hat. Gleichzeitig kam aber eine neue Scham hoch: Warum hatte ich so neben mir gestanden? Einige Menschen in meiner Situation kommen vielleicht auf die Idee, Schuldzuweisungen gegenüber der Mutter zu erheben. Aber das bedeutete nur, die Verantwortung für die eigenen Entscheidungen auf andere abzuwälzen, was nicht nur eine zwar bequeme, aber auch unfaire Strategie ist, sondern insbesondere in der Sache überhaupt nicht weiterhilft. Schuldzuweisungen betonieren nur den Ist-Zustand; das Einzige, was einem aus dem Schlamassel heraushilft, ist, die volle Verantwortung zu übernehmen. Außerdem war ich ja bei den vielen Entscheidungen alt genug gewesen, um eigenständig und selbstbestimmt meinen eigenen Weg einzuschlagen, was ich vor einigen Jahren dann zum Glück auch endlich getan habe. Es ist mir aber auch peinlich, dass mir das erst nach dem Tod meiner Mutter und unter dem Druck einer Krise möglich war. Gleichzeitig denke ich: Wenigstens habe ich es überhaupt geschafft! Dann denke ich immer: Wie viele (auch zum Teil sehr erfolgreiche) Anwälte und Manager kenne ich, die zwischen 50 und 60 schwer an Krebs erkrankt sind, einen Schlaganfall/Herzinfarkt erleiden oder sich andere schwere Krankheiten zugezogen haben? Vielleicht haben die auch alle im falschen Job gesteckt??? Oder in der falschen Ehe??? Oder sogar im ganz falschen Leben???

Ich bin mir sehr sicher, dass es viele solcher krassen Fälle wie mich gibt, die nur deshalb unerkannt bleiben, weil die Betroffenen nicht ehrlich mit sich selbst sind, eben weil das in den Augen der Welt so wenig schmeichelhaft ist. Wenn sie dann eine schwere Krankheit erwischt, verschanzen sie sich hinter der Schulmedizin und stellen sich auf den Standpunkt, die Krankheit habe sie eben „zufällig“ erwischt. Dass ich mich selbst hier öffentlich zu meiner „Schmach“ bekenne, hat einen einzigen Grund: Damit Du den Mut hast, in Deinem eigenen Leben hinzugucken! Frage Dich: In welchen Bereichen meines Lebens oder gegenüber welchen Menschen wurden oder werden meine Entscheidungen maßgeblich davon bestimmt, was andere darüber denken oder davon halten? Wenn Du Dir diese Frage ehrlich beantwortest, hast Du Deinen Mangel an Selbstliebe direkt im Fokus.

Die Überwindung der Angst ist der Schlüssel zur Selbstliebe!

Vielleicht hast Du eben auch gedacht: „Ja, das mag ja alles etwas mit einem Mangel an Selbstliebe zu tun haben, aber in allererster Linie habe ich Angst davor, mich anders zu verhalten oder mein Leben zu verändern.“ Diese Angst und der Mangel an Selbstliebe sind Ein und das Gleiche. Angst – und nicht etwa Hass – ist das Gegenteil von Liebe; Hass ist lediglich eine Folge der Angst. Ein Mangel an Selbstliebe ist immer mit Angst und Selbsthass verbunden, auch wenn Du diese Gefühle – insbesondere den Selbsthass – vielleicht nicht bewusst spüren kannst. Du wirst ihn aber, wenn Du ehrlich mit Dir bist, in Deinem Leben sehen können: Jedes große wie kleine Problem in Deinem Leben – egal, worin es besteht, ob es um Krankheit, berufliche Schwierigkeiten, Partnerschaftsproblem oder sonst was geht – ist letztlich auf den Selbsthass zurückzuführen. Denn alle unerfreulichen Erscheinungen in Deinem Leben sind Akte der Selbstbestrafung. Die Selbstbestrafung ist besonders gravierend bei bewusster Selbstzerstörung durch Drogen, Alkohol, Zigaretten oder gar Schneiden.

Deine Angst ist der Schlüssel dazu, wie Du Dich für mehr Selbstliebe öffnen kannst. Frage Dich: Wovor genau habe ich Angst? Was könnte schlimmstenfalls passieren, wenn ich mir selber treu bin? Diese Frage zu beantworten, ist wirklich wichtig. Denn die meisten Ängste, die die Menschen so umtreiben, wirken viel bedrohlicher als sie es tatsächlich sind, solange man sich nicht konkret vor Augen geführt hat, wovor man eigentlich Angst hat.

Wenn Deine Angst allein davon allerdings nicht verschwindet, kannst Du Dich fragen: Wovor habe ich mehr Angst? Habe ich mehr Angst davor, mich jetzt näher mit dieser Angst auseinanderzusetzen, oder habe ich mehr Angst davor, dass ich am Ende meines Lebens feststelle, nicht das gelebt zu haben, was mir wirklich wichtig ist und was mich ausmacht? Dazu musst Du wissen: Je weniger Selbstliebe Du in Deinem Leben gelebt hast, desto größer ist Deine Angst vor dem Tod, auch wenn Du diese Angst im Moment vielleicht noch nicht spüren kannst, weil Du altersbedingt noch nicht mit dem Tod rechnest. Mit zunehmendem Alter – also wenn die Zeit „knapp“ wird – wird Dir diese Angst immer mehr bewusst werden. Woher ich das weiß? Weil ich keinen einzigen älteren Menschen kenne, der sich nicht mit der Angst vor dem Tod herumquält. Ich merke das an den Reaktionen der Menschen, wenn ich das Thema „Tod“ anschneide. Mit anderen Worten: Du kommst sowieso nicht um Deine Angst herum. Je früher Du Dich damit auseinandersetzt, desto länger wirst Du ein erfülltes Leben können. Denn erfüllt leben kann nur, wer die Angst verloren hat. Und wer erfüllt gelebt hat, hat keine Angst mehr vor dem Tod. Deshalb ist es ein Akt der Selbstliebe dafür zu sorgen, dass man selbst ein erfülltes Leben führt!

Ein allgemeiner Schlüssel zur Selbstliebe: Selbsterkenntnis!

Es kann sein, dass Dich der Artikel bis zu diesem Punkt nicht richtig erreicht hat. Nimm das als Zeichen dafür, dass Du Dir noch nicht ausreichend darüber bewusst bist, wann Du warum handelst. Das ist gar nicht schlimm. Tatsächlich passiert es mir selbst immer noch oft genug, dass ich irgendetwas sage, tue oder mache, ohne in dem Moment präzise zu wissen, warum ich das tue. Gerade neulich habe mich mal wieder dabei erwischt, wie ich auf eine belehrende Email einer Frau automatisch beschwichtigend reagiert und mich selbst dafür klein gemacht habe, obwohl ich mich über die in der Sache zusätzlich auch noch überflüssige Belehrung wirklich geärgert hatte. Das ist mein allgemeiner Hang zu Harmonie und Besänftigung, mit dem ich mich lange Zeit klein gemacht und zurückgenommen habe, um „gemocht“ zu werden. Sofort habe ich den Email-Entwurf gelöscht und neu formuliert: Freundlich und verbindlich, aber zwischen den Zeilen mit dem Hinweis, dass die Belehrung überflüssig war. Mit der neuen Variante habe ich mich deutlich wohler gefühlt als mit der ursprünglichen Fassung, mit der ich beschwichtigt hatte. Wie wohl Du Dich mit dem eigenen Verhalten fühlst, ist immer ein verlässlicher Indikator dafür, ob Du Dich so verhalten hast, wie es Dir und Deiner Selbstliebe entspricht. An solchen kleinen Sachen zu üben, ist leichter, als bei den „großen wichtigen Dingen“ anzufangen, einfach weil nicht so viel auf dem Spiel steht und nicht so viel schief gehen kann. Aber üben kann man das natürlich nur, wenn einem die eigenen „blind spots“ bewusst sind.

Wenn Du bei Dir selbst noch nicht so präzise sehen kannst, in welchen Bereichen oder gegenüber welchen Menschen Du Anerkennung und Bestätigung von Außen suchst, findest Du den Weg zu mehr Selbstliebe dadurch, dass Du Dich allgemein um Selbsterkenntnis bemühst und Dich Deinem inneren „Atomium“ zuwendest. Wo Du insofern genau ansetzt, ist – wie ich oben geschrieben habe – egal, weil Du früher oder später eh alle „Kugeln“ in Deinem Bewusstsein findest.

Ein möglicher konkreter Ansatzpunkt ist insofern, sich mit den eigene Stärken, Talenten und positiven Charaktereigenschaften einerseits und den eigenen Fehlern und Schwächen andererseits intensiv zu beschäftigen. Entscheidend ist, dass Du Dir hierfür BEIDE Seiten anguckst und nicht lediglich die „Sonnenseite“! Denn ein wichtiger, wenn nicht gar der wichtigste Aspekt überhaupt von Selbstliebe ist, sich selbst mit den eigenen Fehlern und Schwächen bewusst anzunehmen. Denn wer sich selbst mit seinen eigenen Fehlern und Schwächen annehmen kann, kann auch andere Menschen mit ihren Fehlern und Schwächen annehmen. So führt Selbstliebe zur Liebe gegenüber anderen Menschen.

Ein anderer möglicher Ansatzpunkt für Selbsterkenntnis ist Deine Gefühlswelt – ein Bereich, der leider von den meisten Menschen sträflich vernachlässigt wird. Deine Gefühle zu fühlen und ernst zu nehmen, ist Selbstliebe pur. Von Menschen, die Deine Gefühle nicht ernst nehmen oder ignorieren, solltest Du keinen Rat annehmen, weil Deine Gefühle Dein innerer Kompass dafür sind, wohin Dein Weg Dich führt. Diesen Weg zu verfolgen, auch wenn Du dafür Anerkennung und Bestätigung von Außen aufgeben musst, bedeutet, Selbstliebe zu leben. Aber Vorsicht: Bevor Du diesen Kompass anwendest und Änderungen in Deinem Leben vornimmst, musst Du verstanden haben, wie dieser Kompass in Dir funktioniert; sonst führt er Dich in die Irre. Ein paar stichwortartige Gedanken hierzu will ich Dir hier an die Hand geben.

Gefühlstaubheit

Nach meinen Beobachtungen und Erfahrungen können die wenigsten Menschen wirklich fühlen, weil sie weitestgehend gefühlstaub sind. Solche Menschen geben sich meist „gut gelaunt“ und lachen vielleicht auch, weil sie damit gut ankommen wollen. Aber viel mehr als diese oberflächliche Freude und vielleicht Anflüge von Angst oder Schmerz kennen diese Menschen nicht. Spätestens wenn es um Mitgefühl geht, steigen diese Menschen aus der Kommunikation aus. Daran kann ich die Gefühlstaubheit bei Anderen erkennen. Einige Menschen unterdrücken ihre Gefühle sogar bewusst, weil sie glauben, nur so funktionieren oder überleben zu können. Das ist ein absoluter Holzweg! Denn Gefühle verschwinden nie dadurch, dass man sie wegdrückt oder verleugnet. Sie äußern sich dann mittelbar auf unerfreuliche Art und Weise wie etwa durch Weltschmerz, Krankheit oder cholerische Wutanfälle oder verleiten einen dazu, destruktive Entscheidungen zu treffen. Ich selbst war lange gefühlstaub. Die Entscheidung, Jura zu studieren, habe ich getroffen, weil ich schlicht nicht wusste, was mir beruflich Freude bereiten könnte. Das hat mich anfällig dafür gemacht, den Vorstellungen meiner Mutter zu entsprechen. Ich bin mir sehr sicher, dass meine Mutter mir „erlaubt“ hätte, ein anderes Fach zu studieren, wenn ich es gewollt hätte. Außerdem war ich früher jähzornig und weiß daher aus eigener Erfahrung, dass unterdrückte Gefühle sich in Zornattacken äußern können. Diese Zornattacken waren bei mir übrigens die ersten Gefühlsäußerungen, die aus mir herausbrachen. Bei anderen Menschen sind es Tränen und Traurigkeit oder auch Schmerz. Freu Dich also, wenn sich bei Dir was auch immer für „neue“ Gefühle zeigen. Denn das ist der erste Schritt aus der Gefühlstaubheit heraus. Damit gibt Dir Dein Bewusstsein den Hinweis, dass Du Deinen Gefühlen mehr Aufmerksamkeit schenken solltest.

Gefühle inszenieren, statt fühlen

Es gibt viele Menschen, die ihre Gefühle inszenieren, statt sie zu wirklich fühlen. Diese Menschen spüren intuitiv, dass Gefühle Lebendigkeit vermitteln: Nur wer fühlen kann, ist wirklich lebendig. Wer nichts fühlt, fühlt sich innerlich tot. Um diesem toten Gefühl zu entgehen, führen diese Menschen Gefühlsdramen auf. Ich selbst habe früher zum Beispiel immer viel zu laut und viel zu lange gelacht. Andere Menschen lieben Schmerzdramen, in denen sie ihr Leid mit Jammern inszenieren. Manche nörgeln auch ständig herum, um irgendwie mit ihrer (unbewussten) Feindseligkeit klarzukommen. Das alles sind aber nur „Ersatzhandlungen“ für das Fühlen authentischer Gefühle. Ob Du selbst dazu neigst, Deine Gefühle zu inszenieren, statt sie zu fühlen, kannst letztlich nur Du selbst verlässlich beantworten. Künstliche Gefühlsinszenierungen fühlen agitiert, „aufgeputscht“ und irgendwie angespannt an, echtes Fühlen ist trotz aller Lebendigkeit mit innerer Ruhe und Sicherheit verbunden.

Widersprüchliche Gefühle

Widersprüchliche Gefühle sind die größte Klippe dafür, den eigenen Gefühlskompass zu verstehen. Es ist sehr gut möglich, dass Du zu ein und dem gleichen Thema zwei diametral entgegen gesetzte Gefühlsströmungen in Dir hast und deshalb innerlich zerrissen bist. Das klingt „unlogisch“, ist aber eine „psycho-logische“ Tatsache. Das liegt daran, dass es im menschlichen Bewusstsein viele verschiedene Ebenen gibt, die übereinander „gestapelt“ sind. Ein typisches Beispiel dafür, von dem fast alle Menschen betroffen sind, ist die Sehnsucht nach Kontakt, Nähe und Liebe einerseits und die Angst davor andererseits. Wenn Du in Dir die oberste Gefühlsebene zu einem Thema wahrnehmen kannst, bist Du in Sachen Selbsterkenntnis schon ganz gut dabei. Aber immer dann, wenn dieses Gefühl eine gewisse Dringlichkeit oder so ein „Push-Gefühl“ in Richtung „Zwangshandlung“ enthält, kannst Du davon ausgehen, dass darunter auch noch andere Gefühle schwelen. Dann solltest Du nach dem darunter liegenden Gefühl in Dir forschen, bevor Du auf der Basis des oberflächlichen Gefühls irgendwelche Entscheidungen triffst. Denn widersprüchliche Gefühle müssen aufgelöst und in Balance gebracht werden, damit die „echte“ innere Richtung erkennbar wird.

Die Balance zwischen Selbstliebe und Liebe zu Anderen

Im Zusammenhang mit Selbstliebe höre ich oft Sätze wie: „Ich muss gut für mich selbst sorgen!“ oder „Ich muss darauf achten, dass es mir gut geht.“ Oder ich beobachte insbesondere ältere Menschen, die ganz offenkundig nach solchen Sätzen leben. Solche Sätze sind nicht per se falsch. Natürlich sollst Du gut für Dich sorgen und darauf achten, dass es Dir gut geht. Das gilt insbesondere dafür, wie Du mit Deinem Körper umgehst, ihn nährst und pflegst. Nur tust Du Dir selbst keinen Gefallen, wenn Du den Interessen, Gefühlen, Problemen und Bedürfnissen anderer Menschen nicht ebenso viel Gewicht beimisst wie Deinen eigenen! Oder hättest Du etwa Lust, Deine Zeit mit einem egomanischen Egozentriker zu verbringen? Gleichzeitig ist es natürlich ein Ausdruck mangelnder Selbstliebe, wenn man sich dem egomanischen Verhalten anderer Menschen unterwirft, weil man glaubt, dafür im Gegenzug irgendetwas – wie Liebe, Sicherheit, Schutz und Unterstützung – zu bekommen.

Selbstliebe und Liebe zu anderen sind intrinsisch miteinander verknüpft: Nur wer sich selbst liebt, ist in der Lage, andere Menschen zu lieben. Und nur wer sich selbst liebt, kann die Liebe anderer Menschen empfangen. Denn wer sich selbst nicht liebt, fühlt sich der Liebe, die er bekommt, nicht wert, und wird sie genau deshalb entweder gar nicht erst bekommen oder aber – natürlich unbewusst – irgendetwas anstellen, um die Liebe, die er trotz mangelnder Selbstliebe erhält, zu zerstören. Wer also versucht, den Mangel an Selbstliebe mit Liebe „von Außen“ zu heilen, wird scheitern.

Aus der Helikopter-Perspektive bin ich persönlich zu dem Ergebnis gekommen: Der Dreh- und Angelpunkt für Selbstliebe wie Liebe zu Anderen ist Selbsterkenntnis = Bewusstheit. Je bewusster ein Mensch ist, desto mehr Liebe kann er geben und empfangen und desto leichter fällt es ihm, die stimmige Balance zwischen Selbstliebe und der Liebe zu anderen zu finden. Deshalb ist mein persönlicher Rat für jeden, der seinen Mangel an Selbstliebe beheben möchte: Arbeite an Deiner Bewusstheit! Aber ich bin mir an dieser Stelle – offen gestanden – nicht sicher, ob meine Empfehlung nicht allein darauf beruht, dass das meine eigene Lösung für mein höchstpersönliches Selbstliebe-Problem war, und zwar die einzige, die wirklich etwas in mir in Richtung Wohlbefinden verändert hat. Vielleicht würdest Du aus den vielen Büchern, die ich vorher gelesen und als nicht hilfreich empfunden habe, mehr profitieren können als ich…

 

 

 

Bildrechte: Sean McGrath „My Heart Is Hers“; Bildquelle: www.piqs.de

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