Nr. 63: Kannst Du Deine innere Not spüren, wenn sie in Dir aktiv ist?

Ich bin kein Fan des „Kurs in Wundern“. Das hat nichts mit der Qualität des Materials zu tun, die ich nicht beurteilen kann, weil ich dieses Mammutwerk nur angetestet, aber nie durchgelesen habe. Ich habe schlicht keinen persönlichen Draht dazu gefunden. Mir ist aber ein Satz daraus nachhaltig im Kopf hängen geblieben (was für die Qualität des „Kurs in Wundern“ spricht), den ich vor vielen Jahren mal irgendwo gehört oder gelesen habe, der mir immer wieder in den Kopf kommt, weil sich seine Richtigkeit immer wieder bestätigt. Dieser Satz lautet sinngemäß: Alles, was Menschen ausdrücken, ist entweder Liebe oder aber ein Schrei nach Liebe! Dieser Satz trifft den Nagel auf den Kopf!!! Egal, wie unpassend, anstrengend, ekelig oder gar hasserfüllt das Verhalten ist, das ein Menschen aus sich heraus seiner Umwelt um die Ohren schleudert: Es steckt immer eine innere Not dahinter, auch wenn die Not als solche nicht unbedingt erkennbar ist. Das ist natürlich immer eine unbefriedigende Lösung für die innere Not. Denn zum einen ist es schlicht unfair, andere Menschen darunter leiden zu lassen, dass man mit seinen eigenen Nöten nicht zurande kommt. Zum anderen wird die innere Not nicht dadurch gelindert, dass man sie an anderen abreagiert. Im Gegenteil: Jedes Ausagieren von Negativität vertieft die Gräben zu anderen Menschen mit der Folge, dass die innere Not ganz gewiss keinen Beistand bekommt. Vor diesem Hintergrund frage ich Dich: Kannst Du spüren, wenn Du innerlich in Not bist und Dein eigenes Verhalten davon bestimmt ist? Oder reagierst Du das blind an anderen Menschen ab?

Ich schildere Dir hier mal ein paar typische Konstellationen, damit Du in Dich selbst hineinhorchen kannst, ob das eine oder andere auf Dich gelegentlich zutrifft. Ich sage aber gleich dazu, dass ich mit diesen Beispielen keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebe. Ich habe lediglich die krassen Fälle herausgepickt, die mir in der letzten Zeit aufgefallen sind.

Die „Verschiebung“ von Gefühlen

Mich selbst erwische ich manchmal immer noch dabei, dass ich meine schlechte Laune an anderen Menschen auslasse. Das passiert zwar nur noch ganz subtil, und ich könnte mein Verhalten gegenüber anderen ohne weiteres als „sachgerecht“ oder „gerechtfertigt“ hinstellen. Aber wenn ich ehrlich mit mir selbst bin, weiß ich, dass ich Energie in einen „falschen Kanal geschoben“ habe. Und Ehrlichkeit zumindest sich selbst gegenüber ist das Einzige, was einen weiterbringt. Um ein konkretes Beispiel zu geben:

In der Nähe meiner Wohnung gibt es einen kleinen Park, den ich sehr mag und in dem ich regelmäßig spazieren gehe. Als in diesem Jahr die Zeit anbrach, dass die Narzissen durchzubrechen begannen, stellte ich freudig fest, dass die Parkverwaltung an mehreren Stellen in den Grasflächen breite Streifen mit Narzissen gesät hatte. Auf den Grasflächen wurden richtige Flure mit winzigen Sprösslingen sichtbar. Als die Pflanzen circa sieben Zentimeter aus dem Grasboden gesprossen waren, sah ich eine Gruppe von Müttern, die sich ausgerechnet unmittelbar vor so einem Streifen auf einer Decke niedergelassen hatte und die ihre Kinder auf dem Streifen mit den sprießenden Pflanzen herumlaufen und –spielen ließ. Mit anderen Worten: Die Kinder trampelten die Pflanzensprösslinge nieder. Über diese achtlose und völlig unnötige Zerstörung war ich erbost, was – wie ich auch aus der Retrospektive heraus immer noch finde – eine angemessene Reaktion war. Denn es gab daneben mehr als genug freie Rasenfläche. Deshalb fragte ich die Mütter, ob sie nicht sähen, dass ihre Kinder die Pflanzensprösslinge zerstören würden und ob das denn sein müsse. Dabei war mein Ton schärfer, als es notwendig gewesen wäre oder als ich ihn im „Normal-Modus“ gewählt hätte. Das lag daran, dass mich gerade zuvor auch noch über etwas anderes geärgert hatte, und dieser Ärger war „übergeschwappt“. Tja, ich bin eben auch nur ein Mensch. Außerdem bin ich mir sehr sicher, dass ich die Zerstörung in jedem Fall moniert hätte. Ich hatte also wenigstens nicht die Situation dazu „missbraucht“, um Dampf abzulassen, sondern mir war lediglich ein bisschen zu viel Dampf entwichen.

Im Fachjargon nennt man so etwas eine „Verschiebung“ von Gefühlen: Gefühle, die durch eine andere Situation ausgelöst worden sind, werden an jemandem ausgelassen, der mit diesen Gefühlen gar nichts zu tun hat oder – wie in meinem Beispiel eben – nur teilweise etwas damit zu tun hat. Die „psycho-logischen“ Gründe dahinter sind simpel: Derjenige, auf den man eigentlich wütend ist, ist – wie in meinem Falle – gerade nicht verfügbar. Oder aber man will denjenigen, auf den man wütend ist, nicht gegen sich aufbringen, weil dieser jemand für einen und das eigene Wohlbefinden so wichtig ist. Weil man den Druck aber irgendwie ablassen muss, um ein inneres Gleichgewicht wiederherzustellen, sucht man sich einen Sündenbock, der für einen nicht so wichtig ist oder der sich gegen einen solchen Missbrauch erfahrungsgemäß nicht wehrt. Mit anderen Worten: Die Wut wird dort abgelassen, wo man nicht oder nur mit weniger schwerwiegenden Konsequenzen rechnen muss. Mal abgesehen davon, dass es unfair ist, die eigene Wut an Menschen abzuackern, die dafür rein gar nichts können, ist eine Verschiebung von Wut noch viel problematischer deshalb, weil die Ursache der Wut nicht aufgelöst werden kann. Denn die eigentliche Ursache bleibt unerkannt. Jede Welle von Wut an sich hat nämlich immer eine „psycho-logische“ Berechtigung. Wut ist eine natürliche Reaktion darauf, wenn einem Schmerz zugefügt wird oder Ungerechtigkeit widerfährt. Tatsächlich hat Wut im seelischen Gleichgewicht eines Menschen die Funktion, Energiereserven zur Verfügung zu stellen, um sich zu wehren und für sich einzustehen. Problematisch wird Wut nur dadurch, dass sie dort ausgedrückt wird, wo sie nicht hingehört.

Eine Verschiebung kann übrigens nicht nur mit Wut stattfinden, sondern sie kann alle „schwierigen“ Gefühle wie auch Schmerz, Frustration und Traurigkeit betreffen. Und nun darfst Du dreimal raten, weshalb ausnahmslos jeder Mensch einen ganzen Sack von diesen schwierigen Gefühlen mit sich herumträgt? Genau, weil sie in jedem Menschen zwangsläufig in der Kindheit entstehen und vom Kind nicht bewältigt werden können. Deshalb steckt ausnahmslos jedes Kind alle diese Gefühle in einen seelischen Sack, in dem diese Gefühle betäubt werden. Wenn Du mal eines dieser Gefühle in Dir finden solltest und keine Ahnung hast, woher die gerade kommen, kannst Du sicher sein, dass sie aus diesem Sack stammen. Denn diese Gefühle sind, solange Du sie nicht transfomiert hast, eben nicht „weg“, sondern schwelen im Untergrund und machen sich dort bemerkbar, wo sie nicht hingehören.

Wer den Weg der Bewusstheit geht, öffnet diesen Sack, holt alle schwierigen Gefühle hervor und transformiert sie. Wenn der Sack geleert ist, tauchen Wut, Schmerz und Co. nur noch dann auf, wenn diese Gefühle eine adäquate Reaktion auf den aktuellen Lebenssachverhalt darstellen. Bei diesem Prozess nimmt die Heftigkeit dieser Gefühle übrigens auch ab. Heftig sind nur die nicht bewältigten „Alt-Gefühle“ aus dem Sack, weil sie so lange unter Verschluss gehalten worden sind.

Vor diesem Hintergrund frage ich Dich: Kriegst Du es immer mit, wenn Du Wut, Schmerz, Frustration oder Traurigkeit spürst? Und kannst Du immer zuordnen, durch was diese Gefühle in Dir ausgelöst worden sind? Machst Du Dir die Mühe, das im Einzelfall herauszufinden, oder bläst Du einfach so aus Dir heraus, was da gerade in Dir rumort?

Wenn Du mehr über die „Alt-Wut“ erfahren willst, könnte übrigens dieser Artikel von mir für Dich interessant sein: Nr.26: Kennen Sie den Wert der Wut?

Die innere Not bei Frauenhass, Männerhass und Fremdenhass

Weil Frauenhass, Männerhass und Fremdenhass so große Worte sind, will ich diesen drei Phänomenen einen gesonderten Absatz widmen, obwohl sie alle drei in der Sache nichts anderes sind als simple Verschiebungen von Gefühlen und damit inhaltlich auch dem vorangegangenen Absatz zugeschlagen werden könnten.

Wenn Du bis hierhin aufmerksam gelesen hast, hast Du vielleicht schon selbst intuitiv die Verbindung hergestellt: Frauenhass ist nichts anderes als der Hass auf die eigene Mutter, der auf andere Frauen verschoben wird, Männerhass nichts anderes als der Hass auf den eigenen Vater, der auf andere Männer verschoben wird. Da es keine perfekten Menschen gibt, kann es auch keine perfekten Eltern geben. Mit anderen Worten: Ausnahmslos alle Eltern handeln in der Kindererziehung auf eine Art und Weise, die im Kind Hass aktiviert. Wenn Du schon ein paar Artikel von mir gelesen hast, weißt Du ja auch schon, dass kein Kind als „unbeschriebenes Blatt“ auf die Welt kommt, sondern individuelle Gefühlsmuster bereits in sich trägt, wenn es in diese Welt geboren wird; und dazu gehört eben auch der Hass. Dieser Hass kann allein dadurch aktiviert werden, dass Eltern dem Kind objektiv sinnvolle Grenzen setzen; der Hass flammt dann dadurch auf, dass das Kind seinen Willen nicht durchsetzen kann. Objektiv destruktives Verhalten der Eltern wie etwa Kindesmissbrauch aktiviert natürlich noch viel mehr Hass. Weil dieser Hass aber ganz, ganz unten im Gefühlssack landet, bleibt dieser Hass den allermeisten Menschen ein Leben lang verborgen und wird nur unbewusst an Frauen beziehungsweise Männern ausgelassen. Das kann auf ganz subtile, fast hinterhältige Art und Weise passieren, die man nur zu packen kriegt, wenn man wirklich blitzwach und sehr bewusst ist. „Unbewusst“ heißt aber jedenfalls keineswegs harmlos. Dieses Ausagieren von Hass kann nämlich auch außerordentlich aggressive und sogar hochgradig kriminelle Wirkung entfalten. Unbewusst bleibt lediglich die Tatsache, dass das Objekt des Hasses an sich nicht das gegenwärtige Opfer ist, egal was dieses an Vorverhalten an den Tag gelegt hat. Objekt des Hasses sind immer die eigene Mutter oder der eigene Vater, was bei ganz genauer Betrachtung an sich auch nicht stimmt: Denn jeder bringt sein Potential für Hass ja bereits bei der Geburt mit in diese Welt, und damit, wie groß dieses Hass-Paket ist, haben die Eltern rein gar nichts zu tun. Frei werden kann jedenfalls nur, wer diesen Hass in sich im ersten Schritt aufspürt und im zweiten Schritt transformiert.

Fremdenhass hingegen entsteht dadurch, dass der in der Kindererziehung aktivierte Hass auf die Eltern auf „Fremde“ verschoben wird, gleichgültig wie diese Gruppe der „Fremden“ definiert wird. Ob das alle Ausländer, alle dunkelhäutigen Menschen, alle Muslime, alle „Ungläubigen“ oder sonst welche Menschengruppen sind, ist egal. Die Psychodynamik immer die gleiche: Hass wird in Kanäle gelenkt, wo er eigentlich gar nicht hingehört. Selbst der Hass auf Menschen, die sich gesellschaftsschädlich verhalten haben wie etwa Mörder, Attentäter, Vergewaltiger oder Rechtsradikale, ist eine Gefühlsverschiebung. Denn wer erleuchtet ist, hat seinen Hass aufgelöst und muss nicht mehr hassen. Der reagiert auf noch so destruktives Verhalten anderer Menschen allenfalls mit akuter Wut und Empörung, Schmerz und Traurigkeit, weil er innerlich weiß: Hass agiert nur aus, wer für die eigene innere Not nicht die einzig adäquate Lösung – nämlich Transformation – gefunden hat. Hass ist übrigens auch gegenüber Menschen, die einem persönlich mit einer hasserfüllten Tat geschadet haben, nie gerecht oder gerechtfertigt, weil es immer etwas mit dem eigenen Bewusstsein zu tun hat, wenn man zum Opfer einer hasserfüllten Tat wird. Nichts passiert zufällig, alles passiert strikt nach dem Gesetz von Ursache und Wirkung. Ich weiß, dass das harter und schwer verdaulicher Tobak ist, aber es ist unabänderliche Wahrheit. Du musst für Dich selbst klären, ob Du Dich auf die Wahrheit einlassen willst oder aber weiterhin die Augen davor verschlossen halten willst. Denn diese Entscheidung ist Deinem freien Willen überlassen.

Wenn man den eigenen Schmerz „weitergibt“

Eng mit der Verschiebung von Gefühlen verbunden, aber von der Psychodynamik her grundsätzlich anders gestrickt ist die Konstellation, wenn man mit seinem eigenen Schmerz nicht klarkommt und andere Menschen darunter leiden lässt. Das liegt daran, dass es eine intrinsische Verbindung zwischen Schmerz und Wut gibt: Wo Schmerz ist, ist meistens auch Wut. Eben haben wir die Wut im Fokus gehabt, die sich auf denjenigen richtet, der den Schmerz ausgelöst hat. Die Wut kann sich aber auch gegen den eigenen Schmerz richten, nämlich in der Form, dass man damit seinen Schmerz betäubt halten kann. Wut ist ein Abwehrmechanismus dagegen, den eigenen Schmerz fühlen zu müssen. Wer seinen eigenen Schmerz nicht fühlen kann, reagiert auf andere, die ihren Schmerz ausdrücken, immer mit mehr oder weniger heftiger Wut, um den eigenen Schmerz unter Kontrolle zu halten, der durch fremden Schmerz aktiviert wird. Dass das keine adäquate Reaktion ist, liegt auf der Hand. Denn die einzig konstruktive Reaktion darauf, wenn jemand seinen Schmerz ausdrückt, ist Mitgefühl. Mitgefühl kann aber nur aufbringen, wer seinen eigenen Schmerz kennt und fühlen kann.

Wie ist es mit Dir? Wie reagierst Du darauf, wenn andere Menschen ihren Schmerz ausdrücken? Kannst Du Mitgefühl empfinden? Oder wimmelst Du Menschen, die ihren Schmerz ausdrücken, ab, indem Du sie zum Schweigen bringen willst oder ihren Schmerz verharmlost? Oder reagierst Du darauf sogar mit blanker Aggression?

Genauso destruktiv können allerdings auch Menschen sein, die ihren eigenen Schmerz sehr wohl fühlen können, aber (natürlich meist unbewusst) meinen, sie seien die Einzigen auf der Welt, die je Schmerz erlitten haben, und deshalb wie auch immer geartete „Vorrechte“ für sich in Anspruch nehmen. Das kann ganz unterschiedlich aussehen, läuft aber insgesamt immer darauf hinaus, dass diese Menschen die „Dauer-Opfer-Rolle“ einnehmen: Weil sie ein „ewiges Opfer“ sind, dürfen sie für das eigene destruktive Verhalten nicht verantwortlich gemacht werden, besondere Rücksichtnahme einfordern, im Gespräch allen Raum für sich einnehmen beziehungsweise das Gespräch immer wieder auch sich lenken und die Rechte, Gefühle und Bedürfnisse anderer Menschen übergehen. Da ich ein großes Herz für den Schmerz anderer Menschen habe, bin ich lange Zeit auf solche Menschen sehr intensiv eingegangen. Mit dem Wissen, das ich heute habe, weiß ich aber, dass diese Gespräche nie zu einer Transformation des Schmerzes geführt haben, weil der eigentliche Schmerz dabei ungefühlt bleibt. Es geht um die Selbstinszenierung und nicht um den Schmerz. Merken kann man das daran, dass sich im Gespräch nichts bewegt. Wo echter Schmerz gefühlt wird, löst er sich nach einer bestimmten Zeit automatisch auf und macht befreiter Fröhlichkeit Platz. Hingegen ist „Schmerz-Drama“ – so nenne ich die Opfer-Selbstinszenierung – ein nicht endender Strom an Selbstmitleid, Jammern und Wehklagen, das einen als Zuhörer auslaugt. Solche Gespräche bringen und lösen gar nichts und sind ausschließlich eine Belastung, weil es in der Sache nicht um den Schmerz geht, sondern um ganz andere Fragen wie etwa: Warum wollen diese Menschen an ihrer Opferrolle festhalten? Versprechen sie sich davon Vorteile? Wollen sie „etwas Besonderes“ sein, das sie von anderen abhebt? Oder aber: Welche Fehlschlüsse ziehen diese Menschen aus dem erlittenen Leid? Solche Fragen sprengen aber jedes normale Gespräch und können nur im Setting eines Coaching beantwortet werden – vorausgesetzt die Menschen suchen überhaupt nach einer Lösung für ihr Leid.

Wie ist es mit Dir? Kennst Du das von Dir selbst, dass Du in Schmerz schwelgst und Dich nicht daraus befreien kannst? Benutzt Du vielleicht sogar Deinen Schmerz dazu, um damit Aufmerksamkeit zu erlangen oder bestimmte Vorteile einzufordern?

Lässt Du anderen Menschen unter Deinen Minderwertigkeitsgefühlen leiden?

Eine andere Konstellation, in der man Gefahr laufen kann, die eigenen inneren Nöte an anderen Menschen auszulassen, sind Minderwertigkeitskomplexe. Das mag auf den ersten Blick überraschend klingen: Wie kann man mit den eigenen Minderwertigkeitskomplexen anderen Menschen weh tun? Damit macht man doch nur sich selber klein! Tja, aber genau damit kann man eben auch ein „Schmerz-Drama“ veranstalten, wie ich es eben geschildert habe. Aber das ist nicht die einzige Schwierigkeit mit Minderwertigkeitskomplexen. Tatsächlich gibt zwei weitere Aspekte.

Da ist zum einen das Problem, dass man andere Menschen oft genauso behandelt, wie man sich selbst behandelt. Und was passiert bei Menschen, die Minderwertigkeitskomplexe haben? Ganz einfach: So, wie sich selbst klein machen und abwerten, machen sie potentiell – natürlich unbewusst – auch alle anderen Menschen klein und werten diese ab. Das ist eine Projektion der eigenen Minderwertigkeit, die sich natürlich für andere nicht gut anfühlt, gleich ob das nun bewusst zur Kenntnis genommen wird oder nur unbewusst aufgenommen wird. Nur wer sich selbst realistisch einschätzen kann, wird anderen Menschen gerecht. Nur wer sich selbst erlauben kann, groß zu sein, der kann auch andere Menschen groß sein lassen.

Weiter verbreitet ist allerdings ein anderer Mechanismus, der ebenfalls in Minderwertigkeitskomplexen wurzelt, und das ist Kompensation: Wer sich innerlich klein fühlt, läuft Gefahr, andere Menschen abzuwerten mit dem – vielleicht auch nur unbewussten – Ziel, sich selber dadurch aufzuwerten. Das läuft auf ein „Ich groß, Du klein“ hinaus, während die eben beschriebene Dynamik sich mit „Ich klein und Du deshalb auch klein“ beschrieben lässt. Deshalb sind die energetischen Auswirkungen andere. Giftig sind sie aber alle beide gleichermaßen.

Ich denke, dass dieser Mechanismus der Kompensation in der Form von „ich bin was Besseres als Du“ den meisten bekannt und vielleicht sogar bewusst ist und dass er deshalb vielleicht sogar erkannt wird, wenn er praktiziert und explizit zum Ausdruck gebracht wird. Dass das destruktiv ist, ist Dir, zumindest wenn Du das jetzt hier so liest, ganz sicherlich bewusst. Niemand wird „größer“ dadurch, dass er andere „kleiner“ macht. Es gibt aber vier miteinander verwandte „Spielarten“, die subtiler und deshalb wohl auch weniger bekannt sind, und die funktionieren wie folgt:

  • Die angemaßte „Erzieher-Rolle“ nach dem Motto: „Ich sage Dir jetzt mal, inwieweit Dein Verhalten lieblos, unangemessen oder destruktiv ist, weil ich das besser weiß und beurteilen kann als Du.“
  • Die Rolle des „aufgenötigten Ratgebers“ nach dem Motto: „Ich sage Dir jetzt mal, wie Du Dich verhalten musst, damit Du Dich zielführend, richtig oder rechtens verhältst.“
  • Die Rolle des „selbsternannten Lehrers“ nach dem Motto: „Ich weiß besser als Du, wie das Leben, Kommunikation oder sonst was funktionieren, und deshalb musst Du auf mich hören!“
  • Die Rolle des „unerbetenen Helfers“ nach dem Motto: „Du brauchst, was ich zu geben habe, egal ob Du es haben willst oder nicht, weil ich besser als Du weiß, was Du brauchst als Du selbst. Deshalb bist Du mir zu Dankbarkeit verpflichtet und musst deshalb xyz tun, dulden oder unterlassen.“

Das kennzeichnende Element aller vier Dynamiken ist, dass sich einer über den anderen erhebt. Nun gibt es allerdings bei allen vier Dynamiken die „Komplikation“, dass sie Elemente enthalten können, die legitimer Bestandteil von Kommunikation sein können, nämlich:

  • Objektive Realität: Wenn eine Tatsache oder ein Verhalten der objektiven Realität entspricht, darf das natürlich benannt werden. Selbst subjektive Wahrnehmungen zu äußern, ist nicht per se destruktiv, sondern werden nur dann destruktiv, wenn sie als objektive Realität verkauft werden.
  • Berechtigte Selbstbehauptung: Gegen das destruktive Verhalten anderer Menschen darf man sich selbstverständlich zur Wehr setzen.
  • Kritik: Kritik an sich ist völlig in Ordnung. Ein erwachsener Mensch muss Kritik an sich, seinem Verhalten und seinen Meinungen aushalten und damit umgehen können. Kritik kann man annehmen oder aber sich vom Leib halten, indem man sie zurückweist.
  • Nicht erbetene, aber gutgemeinte Hilfestellung: Wenn man über ein Thema spricht, können anderen Menschen Ideen und Lösungen zu den eigenen Problemen einfallen, an die man selbst nicht gedacht hat. Diese Ideen und Lösungen mitzuteilen, bereichert das Gespräch.

Die Schwierigkeit besteht darin, dass Kommunikation missverständlich sein oder auch einfach mal falsch herausrutschen kann. Deshalb kann man den Unterschied zwischen den vier aufgezählten destruktiven Kompensationsrollen und den davon zu unterscheidenden vier legitimen Gesprächsbeträgen weniger an den Worten festmachen, die gesprochen werden. Entscheidend ist, ob man loslassen kann, wenn die Sphäre des Gegenübers betroffen ist und das Gegenüber sich dagegen verwahrt, oder ob man seine eigene Ansicht durchsetzen will. Um es konkreter zu machen: Jede „Erziehungsmaßnahme“, jeder Ratschlag, jede Belehrung und jede Hilfestellung sind – egal mit welcher Wortwohl und egal aus welchen Gründen – völlig in Ordnung, solange Du Deinem Gegenüber die Wahl lässt, wie er darauf reagiert und sich daraufhin verhält. Wenn Du erwartest, dass Dein Gegenüber Deine Sichtweise übernimmt und Dich dafür sogar noch lobpreist, dann weißt Du, dass Du es mit einem ungesunden Kompensationsmechanismus zu tun hast, weil Du Dich über den anderen erhebst. Denn selbst wenn Du in der Sache Recht haben solltest und selbst wenn es für anderen tatsächlich vorteilhaft wäre, Deine Sichtweise zu übernehmen, darf jeder für sich selbst entscheiden, wie er sich verhalten und sein Leben führen will. Mit anderen Worten: Im grünen Bereich bist Du nur dann, wenn Du akzeptieren kannst, dass Dein Gegenüber eine Erziehungsmaßnahme, einen Ratschlag, eine Belehrung oder eine Hilfestellung zurückweist. Oder würdest Du Dir gern von anderen Menschen in Deinen eigenen Kram hineinreden lassen wollen, wenn das, was diese Menschen Dir sagen, sich für Dich nicht stimmig anfühlt??? Jeder Mensch darf sich irren, Fehler machen und an seinen Irrtümern und Fehlern festhalten. Anstatt andere verändern zu wollen, musst Du selbst für Dich eine Lösung dafür finden, wie Du mit einem Menschen umgehen willst, der an seinen Irrtümern und Fehlern festhalten will. Mit anderen Worten: Das ist Dein Problem, das Du lösen musst, niemand sonst.

Das leidige Thema der Projektionen generell

Eben im Zusammenhang mit den Minderwertigkeitskomplexen habe ich schon das Thema „Projektionen“ angesprochen. Projektionen generell sind ein Psycho-Mechanismus, bei dem man andere Menschen unter den eigenen Unzulänglichkeiten leiden lässt. Insofern will ich aber auf meinen gesonderten Artikel verweisen: Nr. 57: Hast Du schon Deine Projektionen aufgelöst?

An dieser Stelle nur noch eine ergänzende Bemerkung: Es gibt eine geradezu teuflische Verquickung zwischen Projektionen und der oben angesprochenen Opferrolle: Es gibt einige Menschen, die sich selbst so gut wie gar nicht wahrnehmen können (und meistens auch gar nicht wahrnehmen wollen, weil sie Angst vor sich selbst haben) und deshalb alle ihre schwierigen Eigenschaften, Verhaltensweisen und Gefühle auf andere Menschen projizieren. Diese mit Hilfe von Projektionen produzierte „Realität“, die de facto eine Illusion ist, nutzen sie dann, um sich selbst zum Opfer zu stilisieren. Diese Kombination bei anderen Menschen zu durchschauen, ist ein Ding der Unmöglichkeit, solange man nicht die Möglichkeit hat, irgendwie die mit Hilfe von Projektionen erschaffene Illusion zu durchschauen, zum Beispiel weil man den Menschen schon mal in natura erlebt hat, wie er wirklich ist, oder weil man Erzählungen anderer über diesen Menschen kennt. Auf Dich trifft das mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht zu, weil Du sonst nicht solche Artikel wie diesen hier lesen würdest. Ich habe das hier nur für Dich als Merkposten hingeschrieben, falls Du selbst mal auf einen solchen Menschen triffst. Denn bei solchen Menschen kann man meiner Meinung nach nur eines machen: Weiträumig Abstand halten!!! Das kann man machen, indem man entweder im Kontakt ausreichend Distanz hält oder komplett den Kontakt meidet, was aus meiner Sicht die einzige Lösungsmöglichkeit ist, wenn diese Menschen den eigenen Wunsch nach innerer Distanz nicht respektieren.

Nur wer seine inneren Nöte allesamt aufgelöst hat, kann im hoch gelobten „Jetzt“ leben!

Eckhart Tolle hat die Devise „Jetzt! Die Kraft der Gegenwart!“ oder präziser im englischsprachigen Original „The Power of Now!“ ausgegeben. Als ich diese Bücher vor vielen, vielen Jahren das erste Mal gelesen habe, habe ich bei mir gedacht: „Ja, super, das klingt alles plausibel, aber wie kommt man dahin, wenn man nicht wie Eckhart Tolle blitzerleuchtet wird?“ Die Antwort lautet: Indem Du alle Deine inneren Nöte in Dir aufspürst, auflöst und insbesondere den Sack mit den „Alt-Gefühlen“ ausleerst. Denn nur dann bist Du in der Position, auf die Gegenwart angemessen zu reagieren, anstatt irgendwelche alten Programme in Form von Verschiebungen, Projektionen oder Kompensationen an anderen Menschen abzuarbeiten. Selbst mit sehr konsequenter Arbeit an sich selbst dauert es ein paar Jahre, bis man dahin gelangt. Aber es ist schon sehr viel gewonnen, wenn Du wenigstens merkst, wenn diese Mechanismen in Dir abgehen, weil Du Dich dann ganz bewusst davon abkoppeln und Dein Verhalten entsprechend einordnen kannst. Das heißt nicht, dass Du Dich in jeder Situation sofort „sauber“ verhältst. Es ist schon ein Riesenerfolg, wenn Du zeitnah im Nachhinein nachvollziehen kannst, was in Dir tatsächlich abgelaufen ist hinter dem Vorhang Deines nach außen gezeigten Verhaltens. In der Top-Klasse der Bewusstheit spielst Du mit, wenn Du zumindest meistens in der konkreten Situation auf dem Schirm hast, dass Deine aktuelle Reaktion etwas mit Deinen eigenen Nöten zu tun hat und Du diese Betroffenheit in Worte fassen kannst. Erleuchtet bist Du, wenn Du Deine inneren Nöte so weit hinter Dir gelassen hast, dass sie für Dich und Dein Verhalten gar keine Rolle mehr spielen, weil Du sie schlicht hinter Dir gelassen hast. Aber wer ist schon erleuchtet? Ich bin es jedenfalls nicht.

Was so spannend an diesem Prozess ist: Je besser Du Dich selbst insofern kennst, desto besser kannst Du auch erkennen, wenn diese Mechanismen bei anderen Menschen ablaufen, und zwar gleichgültig, ob es denen selbst bewusst ist oder nicht. Der Selbsterkenntnis folgt unweigerlich immer auch die Kenntnis des Innenlebens anderer Menschen. Das ist der Grund dafür, dass Bewusstheit einem so viel Selbstsicherheit und Selbstbewusstsein vermittelt: Weil man durchschaut, was in der Kommunikation mit anderen passiert. „Selbst-bewusst-sein“ ist exakt was das Wort sagt: Sich seiner selbst bewusst sein.

Na, bist Du jetzt motiviert, Deinen eigenen inneren Nöten auf die Schliche zu kommen? Ich hoffe, ich habe verständlich machen können, dass das auch ein Akt der Nächstenliebe ist, wenn nicht gar der allerwichtigste.

 

 

Bildrechte: Thomas Schaal „Noteinsatz“; Bildquelle: www.piqs.de

KatrinNr. 63: Kannst Du Deine innere Not spüren, wenn sie in Dir aktiv ist?