Nr. 65: Ist Dir klar, dass Liebe ein „Seins-Zustand“ ist und nichts, was man „tut“?

Ganz viele Menschen sind heute auf der Suche nach Liebe, und das hat einen Grund: Wir leben in einer Zeit der menschlichen Evolution, in der die „Wiederauferstehung“ der Liebe ansteht. Das heißt aber auch: Im Moment ist die Liebe in unserer Gesellschaft noch ein rares Gut, das interessanterweise gnadenlos unterbewertet ist, obwohl sich fast alle Menschen danach bewusst, halbbewusst oder unbewusst verzehren. Wer Liebe geben kann, weiß oft nicht, was für einen Schatz er da zu verschenken hat und lässt sich deshalb ausnutzen. Wer Liebe bekommt, stopft sie oft gedankenlos in sich hinein und erhebt sich dann über den Geber, weil Liebe in unserer Gesellschaft als schwach gilt. Wer aber verstanden hat, wie Liebe funktioniert, weiß, dass es auf dieser Welt keine größere Macht und kein wertvolleres Geschenk als die Liebe gibt, und der wird sich ganz gewiss nicht ausnutzen lassen.

Vor diesem Hintergrund will ich Dir hier einen Aspekt der Liebe nahebringen, der meiner Einschätzung nach den wenigsten bewusst ist: Liebe ist ein „Seins-Zustand“ und nichts, was man in einer bestimmten Situation oder gegenüber einem bestimmten Menschen „tut“. Wer Liebe leben und erleben will, muss diesen Seins-Zustand in seinem Bewusstsein herstellen, statt auf die Jagd nach der oder dem „Richtigen“ zu gehen.

Der Zustand der Menschheit in Sachen Liebe

Wer an der Wiederauferstehung der Liebe teilhaben und Liebe leben will, der wird die Liebe in sich wach küssen müssen. Ich weiß: Eigentlich alle Menschen glauben von sich, dass sie schon lieben könnten. Nach meinen Beobachtungen stimmt das nicht. Vielmehr ist es so, dass das kindliche Bedürfnis geliebt zu werden verwechselt wird mit der erwachsenen Fähigkeit zu lieben. Um Dir meine Sicht auf die Dinge verständlich zu machen, hilft vielleicht folgendes Bild: Stell Dir vor, 95% der Menschen würden ein rotes T-Shirt (= kindliches Bedürfnis geliebt zu werden) tragen und alle behaupteten steif und fest, dass ihr T-Shirt blau (= erwachsene Fähigkeit zu lieben) sei, einfach weil sie nicht wissen, wie ein blaues T-Shirt aussieht. Schließlich tragen sie ihr rotes T-Shirt schon seit ihrer Kindheit und haben so gut wie noch nie ein blaues T-Shirt zu Gesicht gekriegt, weil eben 95% der Menschheit rote T-Shirts trägt. Auch von den eigenen Eltern haben sie schon gesagt bekommen, dass deren rotes T-Shirt blau sei. Und weil die roten T-Shirts so weit verbreitet sind, kann auch keiner die paar blauen T-Shirts darunter erkennen, weil alle davon ausgehen, dass sowieso alle Menschen rote T-Shirts tragen. Bestenfalls wird das blaue T-Shirt für ein schmutziges rotes T-Shirt gehalten, mit dem „irgendwie etwas nicht in Ordnung“ ist. Aber ich betone: Das ist meine Sicht auf die den Zustand der Welt. Vielleicht ist Deine Wahrnehmung eine andere. Und ob Du selbst ein rotes oder blaues T-Shirt trägst und rote und blaue T-Shirts voneinander unterscheiden kannst, kannst letztlich nur Du selbst wissen. Ich denke, es ist in jedem Fall hilfreich für Dich, wenn Du Dich mit dieser Frage einmal bewusst beschäftigst.

Wer Liebe (er-)leben will, muss umdenken!

Nicht wenige Menschen hängen in Sachen „Liebe“ der romantischen Fehlvorstellung nach, dass man nur den oder die „Richtige“ treffen muss, um Liebe leben zu können. So wird es ja auch immer in Literatur und Film dargestellt: Mann trifft Frau, es knallt, und das daraus sich entwickelnde Drama endet im Happy End, als wenn das für den Rest des Lebens dann Bestand hat. Und so ist es eben in der Realität nicht. Was in den Filmen und Büchern beschrieben wird, hat meist rein gar nichts mit Liebe zu tun, sondert handelt ausschließlich von Verliebtheit. Verliebtheit ist aber keine Liebe. Verliebtheit ist lediglich ein Hormoncocktail, der den Zustand der Liebe simuliert und in der Schöpfung die Funktion hat, einen Menschen dazu zu animieren, das Lieben zu lernen. Verliebtheit ist sozusagen der „Appitizer“ für die Liebe, der aber nach zwei bis vier Jahren „aufgezehrt“ ist, wenn er nicht mit Liebe unterfüttert wird. Was dann übrig bleibt, wenn die Liebe nicht wächst, ist das Gefühl von „Ich brauche Dich“, das mit Liebe verwechselt wird. Dabei hat Liebe rein gar nichts mit „Brauchen“ zu tun, im Gegenteil: Liebe braucht nichts, sondern gibt und lässt ansonsten frei. „Ich brauche Dich“ ist exakt das kindliche Bedürfnis nach Liebe, von dem ich oben gesprochen habe. Auch der „abgeklärte“ Umgang mit „Ich brauche Dich“ ist keine Liebe. Er sagt nämlich: „Ich brauche Dich nicht“, muss aber immer ausreichend Abstand halten, damit das darunter liegende „Ich brauche Dich“ nicht doch wieder aufflammt. Damit kann man ein zufriedenes, aber eben kein liebeserfülltes Leben führen. Ein klammerndes „Ich brauche Dich“ oder ein auf Abstand bedachtes „Ich brauche Dich nicht“ kann sich nur dann in ein entspanntes „Ich möchte gern mein Leben mit Dir teilen“ verwandeln, wenn man das Lieben lernt.

Liebe kann nur geben und empfangen, wer Liebe ist!

Wer Liebe (er-)leben will, muss sich selbst klarmachen, dass Liebe grundsätzlich anders funktioniert als das, was in unserer Gesellschaft als „normaler Funktionsmodus“ eines Menschen empfunden wird. Und wie sieht der „normale Funktionsmodus“ eines Menschen in unserer Gesellschaft aus? Er definiert sich im Wesentlichen über das Tun: Was Menschen beruflich machen, welchen familiären Verpflichtungen sie nachgehen, welche Tätigkeiten sie zu ihrer Erholung oder Unterhaltung ausüben, wohin sie verreisen, wie sie ihre tagtäglichen Probleme lösen. Dieser „Tun-Modus“ funktioniert aber nicht für die Liebe, weil die Liebe ein „Seins-Zustand“ ist. Ich will versuchen zu verdeutlichen, was den entscheidenden Unterschied ausmacht.

In Deinem Verhalten kannst Du Dich innerlich „aufspalten“ und Dich in bestimmten Lebenssituationen anders verhalten als in anderen. Das ist tatsächlich sogar notwendig, wenn Du zum Beispiel in unterschiedlichen Lebensbereichen unterschiedliche Funktionen ausübst. Wenn Du Familienvater bist, hast Du in Deiner Vaterfunktion eine Art Führungsfunktion inne; wenn Du gleichzeitig im Beruf einen Vorgesetzten hast, übst Du in diesem Kontext eine „Folge-Funktion“ aus. Dein Verhalten wird in beiden Bereichen also grundlegend unterschiedlich aussehen. Mit großer Wahrscheinlichkeit wirst Du auch bestimmte Menschengruppen anders behandeln als andere, was in der Sache völlig in Ordnung und sachgerecht ist.

Das Problem ist nur: Die meisten Menschen scheinen zu glauben, dass sie sich in Sachen „Liebe“ genauso innerlich „teilen“ können. Mit anderen Worten: Viele Menschen sitzen dem Irrglauben auf, dass sie manche oder sogar nur einen Menschen lieben könnten, während sie alle anderen Menschen nicht lieben. Und genau das funktioniert eben nicht. Denn Liebe hat ihre Quelle in der Gefühlswelt, und Deine Gefühlswelt kannst Du nicht bewusst „teilen“ oder steuern, wie Du das bei Deinem Verhalten kannst. Gefühle entziehen sich nämlich der willentlichen Steuerung. Vielmehr ist es so, dass die Gefühlswelt eines jeden Menschen de facto schon geteilt ist. Denn wer noch nicht erleuchtet ist, hat in seiner Gefühlswelt unweigerlich lichte Liebe, Freude und Mitgefühl einerseits, aber andererseits immer auch finstere Schatten von Angst, Feindseligkeit und andere destruktive Gefühle. Es sind diese destruktiven Gefühle, die die Liebe ausbremsen und zerstören. Will heißen: Jeder noch nicht erleuchtete Mensch ist innerlich gefühlsmäßig gespalten, was sich natürlich unweigerlich auch auf sein Verhalten auswirkt, ohne dass man daran etwas mittels bewusster willentlicher Steuerung ändern könnte. Damit wird auch deutlich: Auch Dein Verhalten kannst Du nur eingeschränkt mit Deinem bewussten Willen steuern, weil Deine Gefühle aus Deinem Unterbewusstsein heraus immer Einfluss nehmen, gleichgültig ob Du das willst oder nicht.

Der Weg zur Liebe geht dahin, die eigenen Gefühle Schrittchen für Schrittchen in Richtung Liebe umzuerziehen. Und genau das kannst Du mit Blick auf Deine Gefühle mit Deinem bewussten Willen bewerkstelligen, mehr aber auch nicht.

Wie viel Umerziehung ist für die Liebe notwendig?

Dazu, wie Du Deine Gefühle umerziehen kannst, habe ich schon ganz viel in anderen meiner Artikel geschrieben. Insofern möchte ich hier nicht tiefer einsteigen, um diesen Artikel nicht zu überfrachten. Offen gestanden glaube ich, dass die meisten Menschen insofern gut daran täten, wenn sie sich hierzu Hilfe holen würden, weil ich nur sehr wenige Menschen kenne, die intuitiv mit einem konstruktiven Gefühlsmanagement unterwegs sind. Das liegt nicht nur daran, dass die eigenen Gefühlswelt für die allermeisten Menschen eine „Terra Inkognita“ = eine unbekannte Welt ist, sondern auch daran, dass das „Management-Wissen“ dazu recht komplex und umfassend ist. Wenn ich mein Jura-Studium vergleiche mit meinen Studien über die menschliche Gefühlswelt, dann halte ich letztere für anspruchsvoller. Das ist tatsächlich manchmal verwirrend für mich: Eine juristische Einschätzung traut sich kaum ein Nichtjurist zu. Aber in Gefühlsdingen glauben die allermeisten Menschen, als Koryphäe geboren zu sein. Ich sage dazu aber natürlich nie etwas, weil ja jeder seines eigenen Glückes Schmied ist. Jeder darf nach eigener Fasson unglücklich bleiben oder glücklich werden.

Zwei andere Aspekte möchte ich mit Blick auf die notwendige Umerziehung hier aber ansprechen.

Wie viel Umerziehung Deine Gefühlswelt braucht, kannst Du ganz leicht daran erkennen, wie glücklich Du bist. Meiner persönlichen Meinung nach ist das ein lebenslanger Prozess, weil in Sachen Liebe und Freude die Messlatte nach oben offen ist. Aber wenn Du Dich mit weniger begnügen willst, ist es natürlich Dein gutes Recht, es dabei zu belassen.

Solange Du aber aktiv daran arbeiten willst, kann ich Dir nur einen ganz heißen Tipp geben: Nutze jede sich Dir bietende Gelegenheit, um das Lieben zu üben! Wenn Du mit dem Tunnelblick ausschließlich nach der einen Richtigen oder dem einen Richtigen suchst, übersiehst Du nicht nur vielleicht Deinen potentiellen Herzpartner. Insbesondere beraubst Du Dich selbst auch der Möglichkeit zu üben. Denn die Umerziehung der Gefühle fordert vor allem eines: Ständige Übung, und zwar im Umgang mit der Familie, den Kollegen, Freunden, Kunden, Mitarbeitern, ja sogar im Supermarkt, beim Bäcker und beim sonstigen Tageswerk. Denn wer die „große“ Liebe erleben will, muss erst recht die kleinen Schwestern der Liebe wie etwa Aufmerksamkeit, Rücksichtnahme, Respekt, Wertschätzung, Anerkennung, aber auch Selbstbehauptung und Loslassen beherrschen. Und das kann man wirklich immer und überall üben, wenn man weiß, wie es geht. Wer Olympia-Sieger werden will, käme ja auch nicht auf die Idee, sich ohne jedes Training für die entsprechenden Wettbewerbe anzumelden. Tatsächlich glaube ich, dass heutzutage Liebe zu leben, ebenso herausfordernd – wenn auch auf einer anderen Ebene – ist, wie eine Olympia-Medaille zu erringen. Oder nimm den Vergleich zum Fahrradfahren: Kannst Du Dich daran erinnern, wie lange Du üben musstest, bis das Fahrradfahren eine Selbstverständlichkeit für Dich geworden ist? Genauso ist es auch mit der Liebe, nur ist die Liebe um ein Vielfaches komplizierter, weil am Anfang so vieles „unsichtbar“ ist. Um im Bild zu bleiben: Bis man das „Fahrrad“ sehen kann, das man für die Liebe beherrschen muss, dauert es ein wenig. Deshalb gilt: Üben, üben, üben, weil Üben übt! Du wirst außerdem überrascht sein, wie viel Du dabei über Dich selbst erfahren wirst.

Na, bereit dafür, in den Seins-Zustand der Liebe hineinzuwachsen?

 

 

 

Bildquelle: www.piqs.de „Herz-lich“

KatrinNr. 65: Ist Dir klar, dass Liebe ein „Seins-Zustand“ ist und nichts, was man „tut“?