Nr. 66: Hast Du schon Deine Minderwertigkeitskomplexe überwunden?

Wenn Du mir diese Frage ins Gesicht bejahen würdest, würde ich Dich liebevoll anlächeln und Dich fragen: „Bist Du Dir da sicher?“ Denn ich glaube, dass sich insgeheim alle Menschen mit Minderwertigkeitskomplexen herumplagen. Sehr oft kann ich das sogar von Außen sehen. Allerdings glaube ich auch, dass das den meisten Menschen allenfalls ansatzweise oder nur diffus bewusst ist. Und noch viel unbewusster sind die Kompensationshandlungen für bewusste, halbbewusste und unbewusste Minderwertigkeitskomplexe und wie extrem schädlich sie sind. Wer glaubt, Minderwertigkeitskomplexe seien doch ein Zeichen von Demut, irrt gewaltig. De facto führen Minderwertigkeitskomplexe nämlich nicht selten zu Arroganz und Hochmut, wie wir gleich sehen werden.

Die grundlegende Psychodynamik von Minderwertigkeitskomplexen

Minderwertigkeitskomplexe vermitteln einem das Gefühl von „ich bin wertlos“ oder „ich bin weniger wert als xy“ oder „ich bin gegenüber xy unterlegen“. Nach meinen Beobachtungen können nur vergleichsweise wenige Menschen dieses Gefühl bewusst wahrnehmen, oder aber sie können es zwar wahrnehmen, aber nicht erkennen, zu welch destruktivem Verhalten sie dadurch verleitet werden. Viele Menschen verleugnen dieses Gefühl schlicht, weil es so schrecklich unschmeichelhaft ist. Aber wie Du ja schon hinlänglich oft bei mir gelesen hast: Gefühle verschwinden nie allein dadurch, dass man sie verleugnet, sondern suchen sich unbewusst ihre Wege, um sich auszudrücken. Mit geschultem Blick kann man Minderwertigkeitskomplexe relativ leicht an den Kompensationshandlungen erkennen. Gleich, ob man seine Minderwertigkeitskomplexe gelegentlich auf dem Schirm hat oder nicht, haben sie immer den gleichen Effekt, nämlich dass sie sich unweigerlich negativ in der Kommunikation mit anderen Menschen auswirken. Diese Auswirkungen können – in kurzen Worten paraphrasiert – vier Ausgestaltungen annehmen:

 

1) Projektion der eigenen Minderwertigkeitskomplexe:

„Weil ich wertlos bin, bist auch Du wertlos!“

 

2) Projektion der eigenen Selbstabwertung:

„Du bist überheblich, arrogant und eingebildet!“, (weil ich automatisch davon ausgehe, dass Du mich abwertest, wie ich das selbst mit mir auch mache).

 

3) Kompensation

„Du bist wertlos, damit ich mich wertvoll(er) fühlen kann!“ Das läuft oft sehr subtil ab in Form von oberlehrerhaften Belehrungen, vermeintlicher Hilfestellung oder der Demonstration von moralischer Überlegenheit.

 

4) Forderungen

„Sag oder zeig mir, dass ich wertvoll bin!“ Das wird natürlich nur zwischen den Zeilen ausgedrückt. Wird diese Forderung (bewusst oder unbewusst) nicht erfüllt, wird mit Feindseligkeit, Schmollen oder Kränkung reagiert, wofür natürlich der „Verweigerer“ verantwortlich gemacht wird, weil die Verbindung zu den eigenen Minderwertigkeitskomplexen nicht bewusst ist.

 

Ich hoffe, dass damit deutlich wird, dass und warum sich Deine Minderwertigkeitskomplexe auf andere immer schädlich auswirken können, weil Du damit andere immer irgendwie in destruktiver Weise in etwas „mit reinziehst“, was mit den anderen rein gar nichts zu tun hat.

Völlig unbeeindruckt bleibt davon nur derjenige, der mit seinen eigenen Minderwertigkeitskomplexen aufgeräumt hat und deshalb diese Psychodynamik durchschaut. In dieser Situation habe ich mich schon ganz oft wiedergefunden, was tatsächlich der Anlass dafür ist, dass ich diesen Artikel schreibe. Ich habe mich immer wieder gefragt: „Wie kann ich diesem Menschen nur helfen und seine Minderwertigkeitskomplexe lindern?“ Ich habe es lange Zeit mit sehr ausdrücklicher, in der Sache aber immer ehrlicher Anerkennung und Wertschätzung probiert. Das hatte nur leider zu oft zur Folge, dass sich diese Menschen dann selbst überschätzt und sich über mich erhoben haben, was natürlich keine schöne Erfahrung für mich ist und eben auch nicht der Wahrheit entspricht. Dieses Pendeln zwischen Wertlosigkeit und Überschätzung ist übrigens ganz typisch für Minderwertigkeitskomplexe. Jedenfalls ist meine Erkenntnis: Ich kann insofern für andere Menschen gar nichts tun. Von seinen Minderwertigkeitskomplexen kann jeder sich nur selbst befreien. Aus meiner Warte kann ich an dieser Stelle nur folgendes beitragen: Minderwertigkeitskomplexe belasten die Kommunikation ungemein. Das sind aus meiner Sicht echte Spaßbremsen, weil sie in der Kommunikation wie Tretminen jederzeit explodieren und dann die Stimmung vergiften können, was aus meiner ganz persönlichen Sicht natürlich völlig unnötig und überflüssig ist, weil man Minderwertigkeitsgefühle relativ leicht in den Griff kriegen kann, wenn auch die vollständige Auflösung vielleicht ein bisschen mehr Zeit und Mühe in Anspruch nimmt. Woher ich das weiß? Weil ich selbst früher von Minderwertigkeitsgefühlen geschüttelt war. Und in mir gibt es auch immer noch die eine oder andere Ecke in meinem Bewusstsein, die sich mit diesen Gefühlen herumquält. Aber weil ich diese Ecken ganz genau kenne, habe ich so gut im Griff, dass sie sich nur noch sehr, sehr selten auf andere Menschen auswirken.

Das Kernproblem bei Minderwertigkeitskomplexen: Totale Verwirrung!

Wenn man durch die Brille der Wahrheit auf das Phänomen „Minderwertigkeitskomplexe“ guckt, ist alles ganz simpel: Minderwertigkeitskomplexe entsprechen nie der Wahrheit. Denn ausnahmslos jeder Mensch ist wertvoll, weil jeder Mensch ein Geschöpf Gottes ist. Allerdings hilft diese Erkenntnis allein wenig, weil man sich diese Wahrheit als Affirmation noch so oft einbimsen kann, ohne dass sich innerlich irgendetwas bewegen würde, wenn man nicht das dahinter stehende Kernproblem löst. Denn auch durch die Brille der Wahrheit ist an Minderwertigkeitskomplexen in gewisser Weise „was dran“, wenn man sich die dahinter liegenden Bewusstseinsstrukturen ansieht: Wo immer in einem Bewusstsein Schuld verbuddelt ist, entsteht automatisch das Gefühl von Wertlosigkeit. Doch während Schuld lediglich an bestimmte Verhaltensweisen, Gedanken und Gefühle und anknüpft und deshalb konkrete Bezugspunkte im Bewusstsein hat, erfassen Minderwertigkeitskomplexe immer die gesamte Person. Das heißt: Minderwertigkeitskomplexe sind nichts anderes als „verallgemeinerte“ Schuldgefühle. Und damit hast Du den Ansatzpunkt dafür, wie Du Deine Minderwertigkeitskomplexe auflösen kannst, vor Dir auf dem Silbertablett: Du musst in Deinem Bewusstsein diejenigen Bereiche oder Aspekte herausfinden, die in Dir Schuld begründen. Je präziser Du diese Bereiche und Aspekte auf dem Schirm Deiner Bewusstheit hast, desto geringer werden automatisch Deine Minderwertigkeitskomplexe.

Die zwei unterschiedlichen Arten von Schuld

Stellt sich also als nächste die Frage: Was verursacht im Bewusstsein eines Menschen Schuld? Auch insofern gibt es wieder eine Struktur. Denn insofern muss man unterscheiden zwischen falscher Schuld und echter Schuld.

Fangen wir mit der echten Schuld an. Echte Schuld ist in Deinem Bewusstsein immer dann vorhanden, wenn dort destruktive Verhaltensmuster, Glaubenssätze oder Gefühle abgespeichert sind. Diese Schuld kannst Du transformieren, indem Du die entsprechenden Verhaltensmuster, Glaubenssätze und Gefühle auflöst. Das ist sozusagen die Schuld, mit der Du auf diese Welt kommst.

Weiterhin entsteht zusätzliche echte Schuld für alle Destruktivität, die Du wegen der in Deinem Bewusstsein abgespeicherten Destruktivität ausagierst. Will heißen: Wenn Du Dich Deinen destruktiven Verhaltensmustern, Glaubenssätzen und Gefühlen hingibst und die entsprechende Destruktivität tatsächlich in die Welt bringst, entsteht jedes Mal eine zusätzliche oder auch eine sekundäre Schuld in Deinem Bewusstsein. Diese Schuld kannst Du zwar durch Wiedergutmachung und Reue bereinigen, aber sie ist zunächst eine zusätzliche Belastung zu der Schuld, die Du mit Deinem Bewusstsein ohnehin mitgebracht hast. Das gilt insbesondere auch dann, wenn Du andere Menschen unter Deinen Minderwertigkeitskomplexen leiden lässt. Insofern trägst Du also nicht nur an der originären Schuld, die zu der Entstehung Deiner Minderwertigkeitskomplexe ursprünglich einmal geführt haben, sondern zusätzlich auch noch an einer sekundären Schuld dafür, dass Du andere Menschen darunter leiden lässt. Genau deshalb ist es so wichtig, Minderwertigkeitskomplexe aufzulösen, weil sie unaufgelöst der Garant dafür sind, dass Du Dich immer mehr in die Schuldspirale verwickelst.

Wenn Du das so liest, mag sich das für Dich nicht besonders „gefährlich“ anhören. Ich möchte Dich davor warnen, diese Dynamik zu unterschätzen. Im Laufe der Jahrzehnte kann die Anhäufung echter Schuld auf das sprichwörtliche „Abstellgleis“ führen, dem man dann irgendwann nicht mehr entkommen kann.

Von der echten Schuld zu unterscheiden ist die „unechte“ Schuld. Unechte Schuld liegt immer dann vor, wenn Du Dich für etwas in Deinem Bewusstsein schuldig fühlst, das an sich nicht oder nicht mehr destruktiv ist. Will heißen: Du fühlst Dich – bewusst, halbbewusst oder unbewusst – schuldig, obwohl es überhaupt gar keinen sachlichen Grund dafür gibt. Unechte Schuld kann man relativ leicht auflösen, indem man gezielt in sein Bewusstsein einprägt, dass diese Schuld ungerechtfertigt ist. Diese Einprägung muss man vielleicht des Öfteren und über einen längeren Zeitraum wiederholen; je tiefer die unechte Schuld sitzt, desto öfter und länger muss man da ran. Aber allein die Erkenntnis, dass man sich Zeit seines Lebens für etwas schuldig gefühlt hat, was keinerlei Schuldgefühle rechtfertigt, kann enorme Erleichterung bringen.

Das eigentliche Problem bei unechter Schuld ist, dass darunter immer eine echte Schuld verborgen ist. Wenn man diese echte Schuld ans Tageslicht holt, kann es einen ganz schön vom Hocker hauen. Jetzt kannst Du denken: „Ein Grund mehr sie im Dunklen zu lassen!“ Das kannst Du gern tun, wenn Du das möchtest. Nur bitte sei Dir darüber im Klaren, dass genau das der Weg in die Schuldspirale ist, der früher oder später auf dem eben angesprochenen Abstellgleis endet.

Vor diesem Hintergrund frage ich Dich: Wie möchtest Du im Alter leben? Mitten im Leben oder auf dem Abstellgleis? Diese Entscheidung für Deine Zukunft triffst Du an jedem einzelnen Tag.

Der Prozess, mit dem Du Minderwertigkeitskomplexe auflösen kannst

Um Minderwertigkeitskomplexe aufzulösen, ist also der erste Schritt, dass Du Dir ganz genau anguckst: Was habe ich an destruktiven Verhaltensmustern, Glaubenssätzen und Gefühlen in meinem Bewusstsein abgespeichert? Und was konkret löst bei mir Schuldgefühle aus? Sind diese Schuldgefühle sachlich gerechtfertigt? Oder fühle ich mich für etwas schuldig, was bei Licht betrachtet an sich sehr wertvoll ist? Das läuft auf eine innere Bestandsaufnahme hinaus, die Dich in die Lage versetzt, genau einschätzen zu können, was einerseits Deine Fehler und Schwächen sind und was andererseits Deine Stärken und Vorzüge sind.

Im zweiten Schritt geht es darum, die Fehler und Schwächen in Stärken und Vorzüge zu transformieren. Denn in jedem Fehler und in jeder Schwäche steckt ja immer auch eine Ressource. Genau deshalb sind Fehler und Schwächen auch gar nicht „schlimm“, wie viele Menschen fälschlicherweise meinen. Wer so denkt, ist noch in den Fangarmen der Dualität verheddert. Wer sich aus diesen Fangarmen bereits befreit hat, der weiß, dass Fehler und Schwäche der Stoff sind, den man in Vorzüge und Stärken transformieren kann. Aber transformieren kann man eben nur, was man zunächst als „transformationsfähig“ in sich identifiziert hat.

Der größte Stolperstein für diesen Prozess ist der eigene Stolz: Es ist natürlich nicht so sehr schmeichelhaft, sich den eigenen Fehlern und Schwächen zu stellen. Aber insofern kannst Du Dich fragen: Was ist mir wichtiger? Meinen Stolz zu pflegen und mir weiter Schuld wegen meiner Fehler und Schwächen aufzuladen? Oder ist es mir wichtiger, dass ich mich in meiner Haut wohl und vor allem (selbst-) sicher fühle? Wenn man nämlich die eigenen Fehler und Schwächen kennt, gibt einem das unglaublich viel Selbstsicherheit, weil man immer besser steuern kann, wem gegenüber man diese Fehler und Schwächen offenbart. Denn das sollte man tunlichst nicht gegenüber jedermann tun. Es gibt genügend Menschen, die die Fehler und Schwächen anderer Menschen dazu missbrauchen, um sich selbst aufzuwerten oder von eigener Schuld, eigenen Fehlern und Schwächen freizusprechen. Tatsächlich glaube ich, dass so die allermeisten Menschen heute unterwegs sind. Dieser ungenüsslichen Situation wirst Du Dich zunehmend entziehen können oder sie zumindest adäquat händeln lernen, was zusätzlich noch Dein Selbstwertgefühl steigern wird.

 

Na, bist Du nun motiviert etwas gegen die eigenen Minderwertigkeitsgefühle zu unternehmen?

 

 

 

Bildrechte: D’Arcy Norman „Calgary NW Landfill“; Bildquelle: www.piqs.de

KatrinNr. 66: Hast Du schon Deine Minderwertigkeitskomplexe überwunden?