Nr. 75: Kannst Du konstruktiv mit Frustration umgehen?

Neulich Abend war ich mit einem Bekannten aus alten Zeiten verabredet, den ich zwar als Mann noch nie besonders spannend fand, den ich aber als Mensch grundsätzlich irgendwie mag, weil er etwas raubeinig Rebellisches an sich hat und weil man so wunderbar hemmungslos mit ihm lachen kann. Es war ein wunderschöner, warmer Spätsommerabend, so schön, dass man – obwohl es bereits Ende Oktober war! – noch draußen sitzen konnte. Als ich bei dem Restaurant ankam, in dem wir uns verabredet hatten, stellte ich beglückt fest, dass es noch einen schönen Platz im Freien für uns gab, den ich natürlich sofort in Beschlag genommen habe. Wohlig ließ ich mich nieder und bestellte ein Bier. Dass ich von dem Bekannten eine SMS erhielt, dass er sich etwa um eine halbe Stunde verspäten würde, weil es am Flughafen zu Verzögerungen gekommen war, störte mich nicht. Das einzige, was mich ein bisschen unruhig machte, war, dass schon aus der SMS herauszulesen war, dass er unter Stress stand. Bewusst entspannte ich. Als er schließlich eintraf und mir gegenüber Platz nahm, war sein Stress greifbar: Wild gestikulierend plapperte er herum. Wieder habe ich mich bewusst entspannt, um ihm Zeit zu geben anzukommen. Als er dann schließlich wenigstens halbwegs „da“ war, setzte er an, schwallartig zu erzählen. Über mir ergoss sich eine Frust-Tirade über die Frauen, über das Leben und über alles Mögliche sonst noch, was im Leben eines Menschen schwierig sein kann. Im Laufe des Abends hat die Anspannung zwar abgenommen, weggegangen ist sie aber nicht. Von dem Lachen, auf das ich mich so gefreut hatte, keine Spur. Erst am nächsten Morgen ist mir mit aller Wucht bewusst geworden, wie sehr mich dieser Abend frustriert hatte. Denn während des gesamten Abends hatte ich mich darauf konzentriert, diesen armen, in sich gefangenen Mann irgendwie abzuholen und eine bessere Stimmung herzustellen, weshalb ich meinen eigenen Frust nicht gespürt habe. Weil meine Bemühungen um eine bessere Stimmung vergebens investiert waren, war ich außerdem auch noch zusätzlich frustriert. Frustriert dachte ich am nächsten Morgen: „Es gibt doch nun wirklich härtere Schicksale, als sich an einem lauen Spätsommerabend mit einer überdurchschnittlich attraktiven Frau zu treffen, die gerne und viel lacht und auch ansonsten nicht auf den Kopf gefallen ist! Dass auch ich ebensowenig seine Traumfrau bin, wie er nicht mein Traummann ist, wusste er doch vorher! Warum macht er sich selbst (und gleichzeitig natürlich auch mir) den Abend kaputt?“ Die Antwort, die mir kam, lautete: „Weil er nicht angemessen mit Frustration umgehen kann!“ Er hatte sie in sich aufgehäuft und dann über mir in einem dicken, nicht endenden Schwall „ausgegossen“. Vor diesem Hintergrund schreibe ich diesen Artikel. Denn dieses Beispiel macht überdeutlich, dass wer mit seiner Frustration nicht konstruktiv umgehen kann, immer nur noch mehr Frustration produziert und auch Andere da mit hineinzieht.

Als Beispiel werde ich hier meine eigene Frustration über den Abend verwenden. Denn egal, was dieser Bekannte gemacht, gesagt oder getan hatte, ist und bleibt meine Frustration ja immer meine Frustration. Damit hat er nichts zu tun, und er ist dafür nicht verantwortlich. Und das ist tatsächlich der erste Schritt im konstruktiven Umgang mit Frustration: Die Frustration in Gänze zu fühlen und die volle Verantwortung dafür zu übernehmen, dass es die eigene Frustration ist, für die niemand anderes die Verantwortung trägt als man selbst. Alles, was von außen kommt, kann lediglich ein Trigger dafür sein, was ohnehin schon in einem ist. Mit anderen Worten: Wer erleuchtet ist, kann durch nichts in der Welt frustriert werden.

Die Notwendigkeit der Überwindung der Dualität von Frustration und Erfüllung

Wenn ich jetzt den Bekannten vor Augen habe, erscheint mir das, was ich jetzt aufschreiben werde, fast unwirklich. Das liegt daran, dass dieser Bekannte noch sehr stark in der Materie verhaftet ist. Für ihn liegen die Ursachen aller Probleme immer im Außen, will heißen: Andere Menschen oder das Leben ist schuld an seinem Unglück. Was ich jetzt schreiben werde, wird vermutlich nur jemand verstehen können, der wenigstens schon mit einen Fuß in der spirituellen Welt steht und zumindest intellektuell verstanden hat, dass die Ursache für alles, was einem im eigenen Leben widerfährt, im eigenen Bewusstsein zu verorten ist. Für mich ist diese spirituelle Welt mittlerweile meine Lebensgrundlage geworden, weshalb mir das alles ganz selbstverständlich erscheint. Dies schreibe ich hier nur vorweg, um Dir damit zu erleichtern, Dich für die folgende spirituelle Wahrheit zu öffnen.

Wahrhaftige Erfüllung kann nur erleben, wer die Dualität von Frustration und Wunscherfüllung überwunden hat. Das bedeutet: Deine innigsten Wünsche können nur dann in Erfüllung gehen, wenn Du konstruktiv damit umgehen kannst, dass sie eben nicht erfüllt werden. Denn solange Du Dich gegen die Nichterfüllung sträubst und auf Erfüllung drängelst, spaltest Du Dich bzw. Dein Bewusstsein innerlich auf in zwei Strömungen, die gegeneinander arbeiten und sich damit gewissermaßen gegenseitig aufheben: Da ist einerseits die Bewegung der Kontraktion in Form von Angst vor und Wut wegen Nichterfüllung und andererseits die Bewegung der Expansion in Richtung Erfüllung. Durch die Kontraktion wird jedoch die Expansion ausgebremst und Erfüllung damit unmöglich gemacht. Erfüllung kann nur erfahren, wer entspannt mit allem umgehen kann, was das Leben an ihn heranträgt. Wenn man diesen Zustand erreicht hat, dann ist man erleuchtet. Aber wer ist schon erleuchtet? Ich bin es jedenfalls nicht. Und es ist extrem schädlich, wenn man sich insofern etwas vorzumachen versucht, weil das nur eine weitere innere Spaltung darstellt zwischen dem bewussten Denken, das das Gefühl der Frustration wegdrücken will, und dem darunterliegenden tatsächlich bestehenden Gefühlszustand. Das ist der Garant dafür, dass man die in sich abgespeicherte Frustration nie auflöst und damit immer und immer wieder neue frustrierende Erfahrungen anzieht. Wer ernsthaft an seiner Bewusstheit arbeiten will, tut sich selbst nichts Gutes, wenn er sich selbst anlügt und was vormacht.

Ganz wichtig in diesem Zusammenhang ist, sich vor Augen zu führen, dass jede denkbare Form der Erfüllung ihren Ursprung immer im eigenen Bewusstsein hat. Das heißt: Deine Wünsche werden sich zwar immer auf ein Geschehen im Außen beziehen, Du wirst die Erfüllung Deines Wunsches jedoch nur dann erleben können, wenn Du innerlich in Deinem Bewusstsein die nötigen Voraussetzungen dafür geschaffen hast. Du wirst zum Beispiel (was diesen Bekannten von mir umgetrieben hat) niemals eine erfüllende Beziehung erleben können, wenn Du nicht die entsprechenden Voraussetzungen dafür in Deinem Bewusstsein hergestellt hast. Dafür müssen eine Reihe von Themen abgearbeitet werden, und eines davon ist eben der angemessene Umgang damit, dass Dein Wunsch nach einer Beziehung erst einmal für eine Weile lang frustriert bleiben wird. Aber diese Zeit kann man sinnvoll nutzen, indem man eben das Thema „Frustration“ und die ganzen anderen Themen nach und nach abarbeitet. Wenn andere Menschen es insofern „leichter“ zu haben scheinen, weil ihnen ihre Beziehungen scheinbar ohne jede Arbeit zufliegen, sind das entweder keine wirklich guten, lebendigen, sondern tote oder zumindest mit Problemen beladene Beziehungen, oder aber diese Menschen haben Probleme in anderen Bereichen des Lebens und müssen deshalb andere Themen auflösen. Du kannst sicher sein, das jeder so sein Päckchen mit sich herumschleppt. Das alles hätte ich auch gern dem Bekannten von mir erzählt, aber er hatte kein Interesse an konstruktivem Input von mir. Er wollte sich einfach nur „auskotzen“.

Wie Du die Dualität von Frustration und Erfüllung überwinden kannst

Kommen wir jetzt also zu der Frage, wie Du die Dualität von Frustration und Erfüllung überwinden kannst. Was ich hier aufgeschrieben habe, orientiert sich an der Pathwork Lecture No. 237 „Leadership – The Art of Transcending Frustration“, die Du auf der Seite der Pathwork Foundation im Internet abrufen kannst. Dieser Text hier ist ein Anwendungsbeispiel. Der erste entscheidende Schritt ist folgender:

Du musst Deine Frustration bewusst wahrnehmen und fühlen!

Das ist schon deshalb so sehr wichtig, damit Du nicht den gleichen Fehler machst, den der Bekannte von mir gemacht hat: Er hat seine Frustration blindlings ausagiert und herausgeblubbert, und das ist immer destruktiv. Das löst gar nichts, das verändert nichts, sondern verpestet nur die Stimmung. Wenn man sich geordnet über konkrete Probleme unterhält, kann man dabei vielleicht Lösungen und Antworten auf offene Fragen finden, was konstruktiv sein kann. Aber wenn sich jemand einfach nur unsortiert über alles „auskotzt“, ist das einfach nur eine Zumutung für das Gegenüber. Sicherlich kann einem das trotzdem mal herausrutschen, aber dann muss man irgendwann die Kurve kriegen. Sonst zieht der Frust nur noch weitere Kreise, wie mein vermasselter Abend anschaulich zeigt. Genauso schlimm sind übrigens Menschen, die nur herumjammern und klagen über das angeblich erlittene Leid; die Psychodynamik funktioniert exakt genauso bei der Frustration, lediglich der emotionale Output ist anders gefärbt. Der nächste Schritt ist:

Entspanne Dich bewusst und öffne Dich für die Möglichkeit, dass Du aus dieser frustrierenden Erfahrung irgendetwas Positives entstehen kann!

Ganz wichtig: Weil Frustration Anspannung im Körper auslöst, ist es als erstes wichtig, einen bewussten tiefen Atemzug zu nehmen und bewusst die physische Anspannung loszulassen. Was die Möglichkeit eines positiven Endergebnisses anbelangt, habe ich übrigens in anderem Zusammenhang schon ganz erstaunliche Erfahrungen gemacht: Etwas, das für mich auf den ersten Blick nach Frustration aussah, löste sich wie von selbst auf in einen unvorhersehbaren Glücksfall! Zum Beispiel hatte ich mal eine Küchengerätschaft im Internet bestellt, und bei der Auslieferung ging wirklich alles schief, was nur schief gehen kann. Ganz bewusst habe ich zu mir gesagt: Gucken wir doch einfach mal, was dabei Gutes herauskommt! Und was war das Endergebnis? Dass der Verkäufer den Gegenstand ein zweites Mal versandte, aber offenbar ohne ihn ein zweites Mal in Rechnung zu stellen. Als ich nämlich einen der doppelt versandten Gegenstände zurückgeschickt hatte, erhielt ich eine volle Kaufpreiserstattung und durfte den zweiten Gegenstand behalten, ohne dafür bezahlen zu müssen! Da war natürlich jeder Gedanke an Frustration verflogen, weil es immerhin um rund 40 EUR ging! Ähnliche Erfahrungen habe ich des Öfteren gemacht, das ist also keine singuläre Erfahrung. Meistens muss man allerdings ein bisschen länger nach dem positiven Aspekt suchen, wie das auch im Fall mit meinem vermasselten Abend war. Dann geht es weiter mit der Frage:

Was soll Dir Deine Erfahrung sagen oder was will Dir Deine Erfahrung beibringen?

Denn es ist wirklich so, dass man aus ausnahmslos jeder Frustration etwas für sich lernen kann. So war es auch in meinem Fall. Schon allein die Tatsache, dass ich meine Frustration erst am nächsten Morgen mit voller Wucht gespürt habe, war extrem aufschlussreich für mich. Ich hatte mal wieder nach einem alten Muster von mir funktioniert, dass ich insbesondere wenn mein Gegenüber unter Stress steht, mit der Wahrnehmung von Gefühlen ausschließlich beim Anderen und nicht bei mir selbst bin. Das ist ein Muster, das ich mir in einer besonders schwierigen Situation in meiner Kindheit eingefangen habe: Weil meine beiden Eltern unter extremen Stress standen, war ich mit meiner hypersensiblen emotionalen Aufmerksamkeit voll bei ihnen gewesen, um möglichst „perfekt“ für deren Bedürfnisse zu funktionieren, um nicht noch mehr Stress zu verursachen. Bei meiner Arbeit ist das eine ganz wichtige Ressource für mich: Ich kann dadurch alle meine persönlichen Gefühle, Befindlichkeiten und Interessen „ausschalten“ und mich mit einer vollständigen Aufmerksamkeit ganz meinem Klienten widmen. Aber in privaten Kontakten ist das schädlich, weil ich mich selbst damit zum „unfreiwilligen Dienstleister“ mache und als Mensch verschwinde. In aller Deutlichkeit wurde mir nach diesem Abend klar: Ich hatte mich von dem Bekannten als „emotionaler Mülleimer“ missbrauchen lassen! Sicherlich war ich unbewusst auch davon motiviert gewesen, ihm zu helfen oder ihm etwas Gutes zu tun. Mir ging durch den Kopf: Manchmal funktioniert diese Strategie des „Sich Einlassens“ auf die umwölkte Gemütslage des anderen auch, weil ich damit manche Menschen emotional gewissermaßen „unterhaken“ und in eine bessere Stimmung „mitnehmen“ kann. Aber weil ich in dieser Situation nicht bewusst gehandelt hatte, hatte ich auch nicht erkennen können, dass diese Strategie bei diesem Menschen nicht funktionierte, weil er emotional unerreichbar war. Ich hätte mich in dieser Situation bewusst abgrenzen und schützen müssen vor diesem Menschen, der wirklich nur Stress und Frust verbreitete. Und damit sind wir dann beim nächsten Schritt angelangt:

Kannst Du erkennen, dass diese Lektion für Dich notwendig war?

Was mir auch schmerzlich bewusst wurde: Dieses Thema ist mir schon ganz oft in meinem Leben begegnet, ohne dass mir der Missbrauchsaspekt je so klar bewusst geworden wäre. Denn ich fühlte mich tatsächlich „missbraucht“, als ich tiefer in mich hineinspürte. Wobei ich das „missbraucht“ bewusst in Anführungszeichen setze, weil ich ja nicht wirklich passiv missbraucht worden war, sondern mich freiwillig (wenn auch unbewusst) hatte missbrauchen lassen: Es wäre mein Job gewesen, irgendetwas zu tun, um meinen Seelenfrieden zu verteidigen! Ich hätte mich zum Beispiel ganz einfach stillschweigend emotional ausklinken und abgrenzen können, wenn ich mitgekriegt hätte, was da gerade passierte. Oder ich hätte etwas sagen können in die Richtung von „Können wir jetzt bitte mal eine Runde lachen? Ich mag nicht mehr in Frustration und Stress herumdümpeln!“ Ich war erschüttert über mich selbst, dass ich so wenig auf mich selbst Acht gegeben hatte. Diese Lektion war also definitiv für mich notwendig gewesen. So unschön sich das alles angefühlt hatte und so unschmeichelhaft das Ergebnis meiner Selbstreflexion für mich selbst war, so sehr hat sich in mir auch ein Gefühl der Erleichterung breit gemacht. Denn ich glaube nicht, dass mir so etwas noch einmal passieren wird. Und jetzt kommt der nächste Schritt, der vielleicht ein bisschen abgefahren klingt:

Kannst Du spüren, wie sich in der frustrierenden Erfahrung „göttliche Fügung“ zeigt?

In diesem Fall musste ich insofern etwas weiter gucken und eine andere frustrierende Erfahrung auch noch mit einbeziehen, die ich in den Wochen zuvor gemacht hatte: Ich hatte mich zweimal mit einer Frau getroffen, die ich im Park kennengelernt hatte. Ihr Verhalten spiegelte mir eine wesentliche Eigenschaft meiner Mutter wider, die für mich als Kind extrem schwierig im Umgang gewesen sein muss. Ich habe die Situation mit dieser Frau jedoch souverän gemeistert, was für mich als „bestandene Prüfung“ empfunden hatte, auch wenn die Erfahrung selbst für mich frustrierend blieb. Ich spürte intuitiv, dass zwischen diesen beiden Erfahrungen ein sachlicher Zusammenhang bestand. Und irgendwann dämmerte mir: Das Leben hat es – auch noch begleitet durch ein paar andere Umstände – so für mich arrangiert, dass ich durch diese Begegnungen noch einmal geballt und bewusst die emotionale Atmosphäre mit meinen Eltern in meiner Kindheit zu spüren bekommen habe. In einem Traum wurde mir noch die Information dazu geliefert, dass beide Konstellationen für sich gesehen gar nicht so gravierend gewesen wären, dass aber genau diese Kombination die Situation für mich als Kind insgesamt zehnfach erschwert hat. Da ich dank der vielen Gefühlsarbeit, die ich mittlerweile absolviert habe, wieder so offen bin, wie ich es als Kind mal gewesen sein muss, habe ich eine Ahnung davon bekommen, dass und warum ich meine Kindheit als so schwierig empfunden habe und warum meine Kindheit in dem ungewöhnlichen und für mich schwierigen Lebenslauf gemündet ist, den ich erlebt habe. Und ich habe noch etwas verstanden, was vielleicht noch viel wichtiger war: Das Verhalten meiner Eltern in meiner Kindheit mir gegenüber war nach gesellschaftlichen Maßstäben total „normal“, auch wenn es – wie ich heute weiß – destruktiv und egozentrisch war. So verhalten sich eben ganz selbst verständlich und ohne jedes Unrechtsbewusstsein auch andere Menschen. Mein Problem als Kind war lediglich gewesen, dass ich das nicht verstanden habe und angesichts der Subtilität der Interaktion auch gar nicht hatte verstehen können, weshalb ich mich nicht dagegen wehren konnte. Heute jedoch sehe ich sehr präzise, was Sache ist, und kann mich abgrenzen. Für mich hat sich durch diese Begegnungen deshalb ein Kreis geschlossen. Und ich stand ehrfürchtig davor, wie das Leben diese scheinbar zufälligen Erfahrungen für mich „inszeniert“ hatte, damit ich noch vorhandene emotionale „Kindheits-Restanten“ auflösen konnte.

Dazu musst Du wissen: Jedes Ereignis, dass Du in Deiner Kindheit emotional nicht verpackt kriegst und deshalb verdrängst und verleugnest, weil Dein kindliches System damit überfordert ist, wirst Du in anderen Situationen in Deinem späteren Leben solange wiederholen, bis Du allen emotionalen Ballast aus der Kindheit aufgelöst hast. Diese Tatsache bestätigt im Übrigen auch die weltliche Psychologie. Und ich würde das hier auch ganz gewiss nicht aufschreiben, wenn ich nicht aus eigener Erfahrung wüsste, dass das stimmt, auch wenn das vielleicht ein bisschen abgefahren klingt. Insofern war ich auch einen Tick genervt, weil ich dachte: „Puh, nicht schon wieder!“ Denn ich habe von diesen „Elternwiederholungen“ schon ganz, ganz viele mitgemacht. Meine Hoffnung ist, dass ich mit diesen Erfahrungen jetzt beim Nukleus meines Elternthemas angekommen und damit endgültig durch bin. Wenig später habe ich auch geträumt, dass ich mich von meiner Mutter, die – wohlgemerkt! – schon im Jahre 2005 verstorben ist, verabschiede, was immer ein Zeichen dafür ist, dass man die Probleme mit diesem Menschen, von dem man sich verabschiedet, gelöst hat.

Wenn Du jetzt denkst: „Man, das ist ja ein schwierige Psychotante, dass die solange mit ihrer Mutter rumtütelt!“, dann liegst Du mit dieser Einschätzung grottenfalsch. Ich bin früh dran. Die meisten Menschen räumen das Verhältnis insbesondere zur eigenen Mutter nie auf. Zwei Cousinen meiner Mutter haben noch mit Anfang/Mitte 60 unter ihrer rüstigen Mutter in den 90ern geächzt. Der Bekannte, den ich getroffen hatte, ist fünfzig Jahre alt, und ich kann an seinen frustrierenden Frauengeschichten erkennen, dass er sein Mutterthema noch nicht einmal an der Oberfläche angekratzt hat. Tatsächlich habe ich in jedem Coaching, das ich mache, immer wenigstens einen Anhaltspunkt dafür, dass das Elternthema noch nicht ausreichend bearbeitet ist. Ich spreche das allerdings fast nie an, weil andere Themen „akuter“ sind.

Die meisten Menschen haben zwar auf der kognitiven Ebene eine innere Haltung gegenüber ihren Eltern eingenommen, aber niemand, mit dem ich dieses Thema auch nur gestreift habe, hat die ganzen Emotionen dahinter aufgeschlüsselt und voll durchgefühlt. Und genau das ist ein Garant für immer wiederkehrende Frustrationserlebnisse: Weil man sich selbst immer wieder in Situationen bringt, in denen diese Gefühle aufgelöst werden könnten. Nur wenn man sie dann nicht tatsächlich auch auflöst, kommt man keinen Schritt von der Stelle und erschafft sich nur immer wieder ähnliche und/vergleichbare Frusterlebnisse. Das größte Problem dabei ist, dass die meisten Menschen fast keinen Zugang zu ihrem Gefühl haben, sodass sie selbst dann, wenn sie etwas auflösen wollten, das nicht können, weil diese Wahrnehmungsebene bei ihnen schlicht dicht ist. Das merken nur leider die Menschen selbst nicht, weil sie so sehr an ihr „gefühlstaubes“ oder emotional eingeschränktes Leben gewohnt sind.

Es ist keineswegs lieblos, sich gegen Frustergüsse anderer Menschen zur Wehr zu setzen!

Jetzt wird vielleicht auch noch deutlicher, warum es destruktiv ist, jemandem einfach all seinen Frust „überzukippen“: Hinter Frust stecken immer persönliche Probleme, die jemand noch nicht gelöst hat. Warum sollen andere Menschen darunter leiden müssen, dass da jemand seine spirituellen Hausaufgaben noch nicht gemacht hat? Deshalb darf man sich gegen solche Frustergüsse guten Gewissens zur Wehr setzen. Zu lieben heißt nämlich keineswegs, dass man sich selbst aufopfern oder ausnutzen lassen muss! Die Selbstliebe gebietet, dass man sich gegen Missbrauch zur Wehr setzen darf. Das hätte ich in diesem Fall definitiv tun müssen, um mir meine gute Laune zu erhalten!

 

 

 

 

PS: Eine Nachbemerkung zu männlichem (?) Kommunikationsverhalten generell

Weil dieser Bekannte auch ein bisschen über sein Verhalten in seiner letzten Beziehung geplaudert hatte, ist mir mal wieder eines aufgefallen, das ich schon oft bei Männern beobachtet habe und auch schon von anderen Frauen berichtet bekommen habe. Ob es auch Frauen gibt, die so sind? Das habe ich bislang noch nicht feststellen können, will es aber genau deshalb auch nicht ausschließen. Bei diesem Bekannten jedenfalls war ganz auffällig, dass er sehr viel weibliche Aufmerksamkeit für sich, seine Probleme und Sorgen in Anspruch genommen hatte, aber so gut wie kein Interesse an den Problemen und Sorgen seines weiblichen Gegenübers gehabt hatte. Er beschwerte sich im Gegenteil darüber, dass es mit seiner Ex-Partnerin nicht möglich gewesen sei, auch mal „nur einfach so entspannt zu plaudern“. Ähnlich hatte ich das schon mal erlebt bei einem Coachee, der selbst davon berichtete, wie sehr seine Ex-Partnerin ihn in einer bestimmten Problemsituation über einen längeren Zeitraum intensiv emotional unterstützt hatte, während er mit ihren Problemen ungeduldig und deswegen sogar aggressiv wurde und sich über einen Mangel an „Leichtigkeit“ beschwert hatte. Das sind die Männer, die kleine Jungs geblieben sind und sich immer dann heulend an Mamas Busen kuscheln wollen, wenn sie sich das Knie aufgeschlagen haben, die sich aber keinen Funken Gedanken darum machen, ob es auch Mama gut geht. Ich glaube, den meisten Frauen fällt diese Nummer nicht einmal auf, weil sie so weit unter Männern verbreitet ist. Unterbewusst muss sich aber bei den Frauen jede Menge Frustration und das Gefühl, zu kurz zu kommen, breit machen. Ich selbst habe das früher vor vielen Jahren auch mal in einer Beziehung mitgemacht, aus einem einzigen Grund: Über die Probleme des Mannes zu sprechen, war die einzige Möglichkeit gewesen, ihm nahe zu sein. Und wie man an meiner Reaktion gegenüber dem Bekannten hier in diesem Beispiel sehen kann, bin ich dieser „Mama-Rolle“ auch noch nicht ganz entwachsen, weil ich „den kleinen heulenden Mann“ hatte gewähren lassen. Für mich ist aber vollkommen klar: Mit so einen Mann würde ich keine Beziehung mehr führen wollen. Also, liebe Männer: Werdet erwachsen!!! Und an Euch, liebe Frauen: Achtet gut auf Euch selbst, dass Ihr Euren Männern nur so viel emotionale Aufmerksamkeit gebt, wie Ihr freiwillig und ohne „Gegenleistung“ zu geben bereit seid. Sonst wird es darum früher oder später Zank geben!

 

 

 

 

 

Bildquelle: www.piqs.de „Einer war noch wach!“

KatrinNr. 75: Kannst Du konstruktiv mit Frustration umgehen?