Nr. 77: Hast Du Liebe und Eros schon in Dir vereint? Oder auch: Über das leidige Thema „Seelenpartner“

Dass die partnerschaftliche Liebe zwischen Mann und Frau ein sehr schwieriges Thema ist, wissen alle, die die Lebensmitte überschritten haben. Dafür gibt es eine Vielzahl von „psycho-logischen“ Gründen, von denen ich hier lediglich einen Komplex gezielt herausgreifen will: Die wenigsten Menschen können Liebe und das erotische Kribbeln, das ich Eros nenne, voneinander unterscheiden; die meisten Menschen verwechseln Eros mit Liebe, obwohl Eros für sich gesehen nur wenig mit Liebe zu tun hat. Denn Liebe ist eine universelle innere Haltung, die sich auf alles und insbesondere auf sich selbst und auf alle anderen Menschen erstrecken kann. Nur wer die Liebe im so verstandenen Sinne in sich kultiviert hat, ist bereit für die partnerschaftliche Liebe zwischen Mann und Frau. Und wer da angekommen ist, steht nicht selten vor einem verwirrenden Problem: Eros zündest just bei denjenigen Menschen, die bei objektiver Betrachtung kein geeignetes Liebesobjekt sind. Und ausgerechnet diejenigen Menschen, die man von Herzen gern hat, sind aus erotischer Sicht irgendwie langweilig. Warum ist das so? Abstrakt lautet die Antwort: Weil Liebe und Eros in einem Menschen noch nicht miteinander verbunden worden sind. Erst wenn diese Vereinigung innerlich stattgefunden hat, ist der Weg frei für die „große Liebe“ mit viel Innigkeit und trotzdem prickelndem Sex.

Wie das in der Praxis aussehen kann

Ich fürchte, dass eher wenige meiner Leser meine abstrakten Erläuterungen in der Einleitung sofort verstehen werden. Die meisten werden denken: Das ist doch nicht mein Problem! Du kannst aber Gift darauf nehmen, dass genau das (zumindest auch) Dein Problem ist, wenn Du Schwierigkeiten in Deiner Partnerschaft hast oder noch immer auf der Suche nach „dem oder der Richtigen“ bist. Deshalb schreibe ich hier mal auf, wie das von Außen aussehen kann, wenn Liebe und Eros noch nicht miteinander vereint sind.

Du lebst mit Deinem Partner in einer dieser (wie ich sie nenne) „Gummiband-Beziehungen“: Wenn Du Nähe und Intimität suchst, reagiert Dein Partner abweisend. Wenn Dein Partner Nähe und Intimität sucht, reagierst Du abweisend.

Du begehrst einen Menschen, der Dich – objektiv betrachtet – schlecht behandelt oder mit Nichtachtung straft. Die entscheidende Frage ist: Kannst Du in aller Klarheit erkennen, dass und inwiefern Dich Dein begehrtes Liebesobjekt schlecht behandelt? Oder läuft bei Dir ein „Rosa-Brille-Film“ ab nach dem Motto: „Das meint der oder die doch gar nicht so.“ Oder: „Eigentlich ist er oder sie ein Herz von einem Menschen, er oder sie kann das nur nicht so zeigen.“ Oder: „Wenn ich mich nur doll genug bemühe, dann liebt er oder sie mich irgendwann.“ Vergiss es! Es ist ein purer Akt der Nicht-Selbstliebe, seine besten Gefühle an einen Menschen zu verschwenden, der es nicht gut mit einem meint.

Du bist eigentlich ganz zufrieden mit Deinem Leben und auch mit Deinem Partner oder Deiner Partnerin, wünschst Dir aber irgendwie mehr Gemeinsamkeit. Die scheint ausschließlich daran zu scheitern, dass der/die Andere nicht „mitmacht“. Frage Dich: Warum hängt mein „Herz“ an jemandem, mit dem ich nicht leben kann, was ich leben will? Dabei habe ich „Herz“ bewusst in Anführungszeichen gesetzt, weil nicht das Herz das Problem ist, sondern Eros, der sich eben gerade nicht an eine liebevolle Situation geheftet hat, sondern an eine problematische Situation.

Du findest Dich in der verwirrenden Situation wieder, dass das Leben Dir eine Entscheidung abzuverlangen scheint: Entweder Liebe oder prickelnder Eros! Beides in einem Gegenpart zu finden, scheint für Dich ein Ding der Unmöglichkeit zu sein.

Es gibt noch ganz viele andere Konstellationen, bei denen die Inkongruenz von Liebe und Eros der Störfaktor in Beziehungen ist. Was ich hier aufgeschrieben habe, sind lediglich die Situationen, die mir in den letzten Monaten besonders aufgefallen sind.

Was die Krux des Problems ist

Das mit der Liebe ist für sich gesehen schon ein dickes Brett. Nach meinen Beobachtungen sind nur wenige Menschen fähig und in der Lage, für ihre Mitmenschen warme Gefühle der Zuneigung und des Mitgefühls aufzubringen und Freude oder auch nur aufrichtiges Interesse für diese zu entfalten. Was die meisten Menschen für „Liebe“ halten, ist eher eine meist etwas verquere Vorstellung davon, wie sie selbst geliebt werden wollen – verquer deshalb, weil diese Vorstellungen allein um die eigenen Gefühle, Bedürfnisse und Interessen kreisen und die Gefühle, Bedürfnisse und Interessen anderer Menschen nicht selten komplett ausklammern. Das ist manchmal so krass, dass sich erwachsene Menschen wie Kinder verhalten, die einseitig, exklusiv und bedingungslos geliebt werden wollen, ohne auch nur einen Fitzel an Aufmerksamkeit zurückzugeben.

Dazu gibt es außerdem das komplementäre Gegenstück, das sich daran abmüht, diese völlig überzogenen Forderungen zu erfüllen, was aber nur bei oberflächlicher Betrachtung „erwachsener“ ist. Denn diese komplementär getakteten Menschen geben nur deshalb diese vermeintliche „Liebe“, weil sie im Gegenzug irgendetwas – Selbstbestätigung, materielle Sicherheit, Schutz oder gesellschaftliche Anerkennung – dafür zurückbekommen wollen. Im Ursprung ist das die kindliche Reaktion auf Eltern, die ihre Kinder mit der eben beschriebenen kindischen Liebeserwartung traktiert haben. Mit echter Liebe hat all das wenig zu tun, sondern das alles imitiert immer nur das Eltern-Kind-Verhältnis in allen denkbaren Variationen, das unter Erwachsenen komplett deplatziert ist.

Diese Gemengelage unreifer Gefühle und Erwartungen ließe sich relativ leicht entheddern, wenn sie nicht noch zusätzlich mit Eros aufgeladen wäre. Eros oder das erotische Kribbeln hat seine Wurzeln ebenfalls in der Kindheit: Eros ist nichts anderes als der erwachsene Ausdruck eines lebendigen Lustgefühls, das jedes Kind in sich hat und fühlt. Und dieses kindliche Lustgefühl heftet sich bei jedem Kind automatisch daran, was das Kind mit seinen Eltern erlebt. Was aber Kinder mit ihren Eltern erleben, hat bestenfalls mehr oder weniger mit Liebe zu tun, manchmal leider auch einfach rein gar nichts. Will heißen: Das kindliche Lustgefühl oder später Eros im Erwachsenen kann an Situationen geheftet sein, die rein gar nichts mit Liebe zu tun haben. Genau so kann übrigens auch sado-masochistische „Liebe“ entstehen: Eros ist mit purer Nicht-Liebe gekoppelt.

So krass wird das bei Dir ganz sicher nicht sein, weil Du sonst Artikel wie diesen hier nicht lesen würdest. Wichtig ist aber, das Prinzip zu verstehen: Was Dir Deine Eltern – bewusst oder unbewusst – in Sache „Liebe“ beigebracht haben, hast Du als Kind automatisch mit Lust gleichgesetzt. Deshalb werden in Dir als Erwachsenem erotische Gefühle insbesondere dann aktiviert, wenn Du ähnliche Situationen wie die mit Deinen Eltern erlebst. Und genau das kann zu einer ganz schwierigen inneren Spaltung führen, nämlich dann, wenn Dich eine Situation oder Beziehung mit einem Menschen des anderen Geschlechts „anmacht“, von der Du kognitiv weißt, dass sie Dir schadet oder nicht gut tut.

Was der Weg aus dem Schlamassel heraus ist

Dafür, wie man sich aus dieser Situation befreien kann, gibt es leider kein Patentrezept im Sinne von „Dann musst Du nur das und das tun!“. Mit Interesse beobachte ich, welche vermeintlichen „Patentlösungen“ Menschen verfolgen:

Da gibt es die (scheinbar) auf Unabhängigkeit bedachte Frau, die jeden Mann auf Abstand hält. Da gibt es den Mann, der von einer Affäre zur nächsten laviert, angeblich immer auf der Suche nach der einen großen „Liebe“. Dabei sind die Geschlechter für beide Konstellationen natürlich austauschbar.

Da gibt es außerdem die rationalen Zweckbeziehungen, die Haus, Hof und Kinder zusammenhalten, obwohl sowohl Liebe als auch Eros fehlen oder sich verflüchtigt haben; Eros wird dann manchmal aushäusig gesucht.

Was auch nicht selten vorkommt: Menschen lassen sich scheiden, um in ihrer zweiten Ehe im Grunde genommen nur noch einmal exakt das gleiche Drama wie in der ersten Ehe zu inszenieren.

Und dann gibt es da natürlich auch die Menschen, die schlicht aufgeben haben und die Liebe zwischen Mann und Frau für ein illusorisches Ding der Unmachbarkeit halten.

Ich persönlich finde das so sehr traurig. Denn ich glaube – nein, ich weiß!, dass es möglich ist, aus durchweg jeder Ausgangssituation einen Ausweg zu finden, wenn man bereit ist, die eigene Vergangenheit auf intellektueller und emotionaler Ebene aufzuarbeiten, indem man alles, was einem heute widerfährt, präzise analysiert und emotional nachvollzieht vor dem Hintergrund der eigenen Vergangenheit. Dann löst sich die Vergangenheit Schritt für Schritt auf. Das ist inneres Wachstum. Dann tun sich auch automatisch neue Horizonte auf, weil das Leben ganz neue Situationen an einen heranträgt, die einen wiederum in noch tiefere Seelenschichten führen können, wodurch wiederum noch weiteres Wachstum möglich ist. Wer hängenbleibt in dem Denken „das ist nun mal so, daran kann man nichts ändern“ oder versucht, sein Leben ausschließlich mit seinem Handeln im Außen zu steuern, muss zwangsläufig auf der Stelle treten.

Mit Interesse beobachte ich, dass es einige wenige Menschen gibt, die genau diesen Weg instinktiv oder intuitiv gehen, ohne dass sie dafür (scheinbar) Hilfe von außen in Anspruch nehmen oder andere Hilfe als die, die ich anbiete. Das erfüllt mich immer mit Ehrfurcht und Freude! Aber ich wäre nicht ich, wenn ich nicht auch das analysieren würde. Nach meinen Beobachtungen sind das Menschen, die intellektuell und emotional in etwa ausgewogen entwickelt sind. Dabei ist es gleichgültig, ob dieser ausgewogene Entwicklungsstand insgesamt eher niedrig oder aber eher hoch ist. Aber solche Menschen lesen Artikel wie diesen nicht, weil sie intuitiv wissen, dass sie die Lösung schon in sich tragen. Wer wie viele Menschen (und übrigens früher auch ich selbst) einen hochentwickelten Intellekt hat, sich mit Gefühlen aber eher schwer tut, wird das hier beschriebene Dilemma meiner Einschätzung nach nicht ohne Hilfe lösen können.

Was das alles hier mit dem berühmt-berüchtigten „Seelenpartner“ zu tun hat

Die Vereinigung von Liebe und Eros steht für viele Seelen, die im Moment inkarniert sind, auf der „To-Do-Liste“. Deshalb treffen sich viele Männer und Frauen, die sich aus vorangegangenen Inkarnationen kennen und bei denen zwischen Liebe und Eros in den vorangegangenen Jahre eine Schieflage bestanden hat. Wenn mir das jemand vor sechs Jahren erzählt hätte, hätte ich mit einem distanzierten milden Lächeln = irgendwas zwischen Skepsis, Neugier und Ungläubigkeit reagiert. So etwas klang damals nämlich für mich genauso „esoterisch angehaucht“ = fragwürdig wie das Schlagwort „Seelenpartner“, dem ich ebenfalls skeptisch gegenüberstand. Und was ist dann mir alter „Immer-schön-sachlich-und-nüchtern“-Tante passiert? Ich habe mich prompt in einen Mann verliebt, von dem ich vom ersten Augenblick an wusste, dass ich ihn schon ganz, ganz lange kenne, obwohl wir uns noch nie zuvor begegnet waren. Seitdem ist für mich Reinkarnation, die ich vorher immerhin schon theoretisch für möglich gehalten hatte, eine Tatsache. Ich bin dann sogar so weit gegangen, dass ich erwogen habe, dass an dem Stichwort „Seelenpartner“ etwas dran sein könnte. Heute bin ich theoretisch der Überzeugung, dass es tatsächlich „Seelenpartner“ gibt in dem Sinne, dass die Seele eines Mannes und einer Frau irgendwann ein ein geeintes Seelenwesen bilden. Aber das ist – wie gesagt – lediglich eine theoretische Überzeugung, die darauf beruht, dass es gar nicht anders sein kann; es ist kein gefühltes inneres Wissen. Was heute viele Menschen als „Seelenpartner“ bezeichnen, sind meiner Überzeugung nach allenfalls in sehr, sehr wenigen Ausnahmefällen tatsächlich echte „Seelenpartner“, sondern vielmehr Partner aus karmischen Beziehungen in vorangegangenen Leben, mit denen man eine alte „Liebe-Eros-Ungleichheit“-Rechnung offen hat. Und genau deshalb sind diese Beziehungen so unendlich schwierig: Weil Liebe und Eros am Anfang nicht parallel laufen. Wenn beide Partner hart an sich arbeiten, kann daraus die große Liebe werden, denn das ist der Lohn für jeden, der Liebe und Eros in sich vereint. Wenn beide Partner aber untätig bleiben, dann wird daraus ein einziger Alptraum. Und wenn sich nur einer der Partner auf den Weg macht, wird der oder die früher oder später einen anderen Partner treffen, mit dem er oder sie die große Liebe leben kann. Will heißen: Wer an sich arbeitet, wird in jedem Fall irgendwann „belohnt“, auch wenn es nicht unbedingt das ursprüngliche Objekt der erotischen Begierde ist, das einen irgendwann einmal dazu veranlasst hat, sich an die Arbeit zu machen.

Also lautet meine Frage an Dich: Willst Du weiter auf der Stelle treten oder aber Dich an die Arbeit machen?

 

 

 

Bildquelle: www.piqs.de „Streit“

KatrinNr. 77: Hast Du Liebe und Eros schon in Dir vereint? Oder auch: Über das leidige Thema „Seelenpartner“