Nr. 78: Bist Du bereit, über Dich, Dein Leben, Dein Handeln, Denken und Fühlen vernünftig nachzudenken?

Schon als kleines Mädchen musste ich mir oft anhören: „Kind, Du machst Dir einfach zu viele Gedanken!“ Ich habe mich beschämt gefühlt und irgendwann keinen Ton mehr über meine Gedanken geäußert. Daran erinnert worden bin ich, als ich mir exakt diese Worte vor kurzem wieder anhören musste, wenn auch ohne das „Kind“ vorneweg (wenigstens das!). Da ich mittlerweile weiß, dass man ein sinnvolles Leben nur dann führen kann, wenn man seinen Alltagserlebnissen hinreichend Aufmerksamkeit schenkt, widersprach ich, fühlte mich dabei aber trotzdem irgendwie dumm, ungeschickt und „schwierig“. Wahrscheinlich waren in mir – wenn auch nicht sofort voll bewusst –  die Ermahnungen meiner Kindheit hochgekommen und hatten die entsprechenden Gefühle aktiviert. Zum Glück folgte das „Aha!-Erlebnis“ kurze Zeit später!

Was passiert, wenn man halb schlafend durch sein Leben wandelt

Die Frau nämlich, die mir die Beschämung meiner Kindheit mit dem angeblich zu vielen Nachdenken um die Ohren geschlackert hatte, lieferte mir wenig später das Paradebeispiel dafür, was passiert, wenn man zu wenig über das eigene Leben nachdenkt. Sie berichtete mir bedrückt davon, wie unglücklich sie in ihrer Ehe sei: Ihr Mann sei Spanier und ihretwegen vor mehr als zehn Jahren mit nach Deutschland gekommen, nachdem sie zuvor ein paar Jahre gemeinsam in Spanien gelebt hatten. Dann habe es sie aber in ihre Heimat zurückgezogen, und sie habe damals zu ihm gesagt, er könne doch mitkommen; verlieren könne er dabei ja nichts. Heute sei er aber sterbensunglücklich, weil er sich in Deutschland nicht wohl fühle. Die Menschen seien hier so kalt und abweisend und nicht so herzlich und freundlich wie in Spanien. Die zyklisch wiederkehrende Streit-Schleife sei immer die Gleiche: Er mache ihr Vorwürfe, warum sie damals nicht in Spanien geblieben seien; es sei ihnen dort doch gut ergangen. Sie reagiere darauf mit Schuldgefühlen und ziehe sich zurück, weshalb er prompt mit weiteren Vorwürfen nachsetze, nämlich dass sie zu wenig Verständnis für seine Situation aufbringe. Dieses zehrende Gespräch wiederhole sich mehr oder minder identisch in regelmäßigen Abständen und belaste den Ehealltag mal mehr und mal weniger. Ihr Mann habe sich in den letzten Jahren deutlich verändert und sei stiller, in sich gekehrter und trauriger geworden.

Meine spontane Reaktion auf ihre Geschichte war: „Aber es trifft doch Dich keine Verantwortung dafür, dass er damals die Entscheidung getroffen hat, Dir nach Deutschland zu folgen. Das war doch seine Entscheidung! Deine Schuldgefühle sind völlig deplatziert.“ Daraufhin erwiderte sie: „Aber ich fühle mich schuldig, daran kann ich nichts ändern.“ Worauf ich entgegnete: „Doch, man kann mit seinen Gedanken auf seine Gefühle Einfluss nehmen!“, was sie nur mit einem verstockt-mauligen Gesichtsausdruck quittierte, weshalb ich das Gespräch auf sich beruhen ließ und das Thema wechselte. Jemandem, der sich nicht helfen lassen will, kann man nicht helfen.

Im Nachhinein gingen mir noch jede Menge andere Aspekte durch den Kopf, an denen man hätte ansetzen können, um die sicherlich nicht einfache Ehe-Situation dieser Frau Schritt für Schritt zu verbessern. Aber um das zu tun, muss man eben bereit sein, die Situation in ihre Einzelbestandteile aufzudröseln, die Verantwortlichkeiten klar zuordnen und Konsequenzen daraus ziehen. Oder anders: Man muss bereit sein, darüber vernünftig nachzudenken. Übrigens wäre diese missliche Situation wahrscheinlich gar nicht erst entstanden, wenn die beiden damals schon vernünftig darüber nachgedacht hätten, was es für sie, für ihn und was es für sie beide als Paar bedeutet, wenn er ihr nach Deutschland folgt. Weil aber beide sich nicht die Mühe gemacht hatten, das zu tun oder dieses Versäumnis irgendwann nachzuholen, hatte es sich zu einer echten Lawine entwickelt, die heute die Ehe bedrohte, aus der zudem – was die Situation noch zusätzlich schwierig machte – mittlerweile drei minderjährige Kinder hervorgegangen sind.

Und ausgerechnet diese Frau hatte mir vorgeworfen, dass ich mir zu viele Gedanken machen würde??? Als ich das in aller Klarheit erkannte, war ich sprachlos!

Wer nicht vernünftig nachdenkt, erschafft und lebt Illusion!

Was ich an diesem Beispiel auch noch mal besser verstanden habe, ist die spirituelle Wahrheit, dass wir Menschen auf dieser Welt in einer „Illusion“ leben. Ich habe mich immer damit schwergetan, der Sichtweise zu folgen, dass das gesamte Leben hier auf der Erde lediglich eine Illusion sei, weil unser eigentliches Zuhause die spirituelle Welt ist. Das ist mir in dieser Pauschalität immer viel zu weltfremd gewesen, denn zu vieles, das ich erlebe, ist (mal so, mal so gefärbte) für mich fassbare Realität: Es gibt Erlebnisse, die mich traurig stimmen, fröhlich machen, mit Schmerz erfüllen, vor Freude jubilieren lassen, in mir krawallige Wut-Stimmung auslösen, mich ergreifend berühren oder sonst welche Gefühle in mir auslösen. Das ist und war immer real für mich, auch wenn ich zunehmend eine andere Ebene dahinter spüren kann, die allem, was ich erlebe, Sinn gibt. Will heißen: Ich weiß mittlerweile, dass meine irdische Realität von mir auf einer höheren oder spirituellen Ebene erzeugt wird und einem Zweck jenseits der irdischen Realität dient. Aber deshalb ist diese Realität (zumindest nach meinem Begriffsverständnis) noch lange keine Illusion.

Illusion entsteht nur dann, wenn man sich der Realität nicht stellt und nicht vernünftig darüber nachdenkt, weil in der Illusion zu leben so viel leichter und einfacher erscheint. Die Illusion, der sich das Paar aus meinem Beispiel oben hingegeben hat, lautete in etwa wie folgt: Wenn er als Spanier seiner Frau nach Deutschland folgt, um mit ihr dort fern der eigenen Heimat zu leben und eine Familie zu gründen, dann muss das „die ganz große Liebe“ sein. Ich will gar nicht abstreiten, dass er von echter Liebe zu ihr zumindest teilweise motiviert war. Nur frage ich mich: War er sich darüber im Klaren, dass es für ihn zumindest teilweise auch ein Akt der „Nicht-Selbstliebe“ war, seiner Heimat, der er sich verbunden fühlt, den Rücken zu kehren? Oder hat er diesen „unschönen“, aber durchaus realen Aspekt mit einer Rosa-Brille-Wahrnehmung von „der ganz großen Liebe“ ausgeblendet? Dieser Mangel an Realitätssinn hat zur Schaffung einer Illusion geführt, die – wie jede Illusion – in der Realität langfristig nicht tragfähig sein kann und früher oder später Risse bekommt. So auch diese angeblich so große Liebe, die sich – so habe ich das zumindest herausgehört – in ein mal mehr, mal weniger beschwerliches Gemeinschaftsprojekt verwandelt hatte; jedenfalls nach Liebe klang das beim besten Willen nicht.

Weshalb ich das hier so aufdrösele: Wer dahergeht und die Probleme dieser Welt mit der Erklärung „wegzuerklären“ versucht damit, dass alles Leben hier nur Illusion sei, wird an den Missständen im eigenen Leben oder der Welt nichts ändern und das schlimmstenfalls auch noch für „heilig“ halten. Solche Menschen laufen tatsächlich in der spirituellen Szene herum, und ich ärgere mich über diese Menschen, weil das in meinen Augen genau die „falschen Propheten“ sind, die in der Bibel angekündigt worden sind. Sie benutzen spirituelle Wahrheit, um allen voran sich selbst, aber unweigerlich auch anderen Menschen Sand in die Augen zu streuen. Im ersten Schritt muss es erst einmal darum gehen, die Realität hinter der Illusion zu enttarnen, damit man dann – mit beiden Beinen in der Realität stehend – erkunden kann, dass und wie die Realität von einer höheren/spirituellen Warte heraus verstanden werden kann. Aber dafür muss man sich eben in allererster Linie erst einmal der Realität stellen.

Warum Menschen, die vernünftig nachdenken, „unbequem“ sind

Was ich durch die Erfahrung mit der Frau und ihrem Ehe-Drama noch besser verstanden habe, ist der Umstand, warum ich mir in meiner Kindheit so oft habe anhören müssen: „Kind , Du machst Dir einfach zu viele Gedanken!“. Ich muss schon als Kind eine geradezu penetrante Vorliebe für die Realität gehabt haben, was für die Illusionen der Erwachsenen schlechterdings ungenüsslich gewesen sein muss. Deshalb hat man mir den Mund verboten, weil in der Illusion zu leben einfach so viel leichter ist – oder zumindest zu sein scheint. Ich bin mir allerdings sehr sicher, dass ich als Kind insofern keine „Ausnahme-Erscheinung“ gewesen bin. Ich glaube fest daran, dass mehr oder weniger alle Menschen in ihrer Kindheit mit ihren Eltern in der einen oder anderen Form die gleiche Erfahrung gemacht haben, was sich vielleicht aber anders gezeigt haben mag oder zu anderen Konsequenzen geführt hat = anders (wahrscheinlich härter) „bestraft“ worden ist. Denn nur so kann ich mir erklären, warum die Frau mich mit ihrem „Du denkst zuviel nach“-Gequatsche „zum Schweigen“ bringen wollte in einer Situation, in der ich für andere hätte unbequem werden können: Weil sie selbst darauf konditioniert worden ist, die Illusion zu akzeptieren, hat sie mir genau das Gleiche abverlangen wollen. Und sich selbst damit am meisten geschadet, weil es sie davon abhält, ihr eigenes Leben im Hier und Heute in den Griff zu kriegen.

Vernünftiges Nachdenken darf nicht in „Grübel-Schleifen“ ausarten!

Wie jede konstruktive Tätigkeit kann sich auch vernünftiges Nachdenken in das destruktive Gegenteil verkehren, wenn man es damit übertreibt, nämlich dann, wenn man ins Grübeln abgleitet: Ich merke mittlerweile recht schnell, wenn ich beim Nachdenken nicht mehr weiterkomme, sondern mit meinen Gedanken auf der Stelle trete und immer nur wieder die gleichen Schleifen drehe. Das ist sinnlose Energieverschwendung und bringt einen kein Stück weiter. Schlimmstenfalls ist das sogar schädlich, weil Grübel-Schleifen ein Trick des Egos sind, einen von den eigenen Gefühlen fernzuhalten: Wer zuviel denkt, kann seine Gefühle nicht wahrnehmen. Dabei kann in den Gefühlen ein wichtiger Schlüssel für die Lösung des Problems liegen. Wenn ich mich selbst beim Grübeln erwische, lausche ich deshalb immer als erstes in mich hinein, ob ich nicht mit meinem Denken irgendein Gefühl vermeiden will. Wenn ich das Gefühl dann zulasse und durchfühle, erscheint mein Problem hinterher oft in einem ganz anderen Licht, was auch Platz für neue Gedanken machen kann. Manchmal muss man sich auch einfach damit abfinden, dass man das Problem im Moment noch nicht lösen kann. Dann muss man bewusst loslassen und darauf vertrauen, dass das Leben einen – auf welchem Weg auch immer – mit neuem Input versorgt, der einen in der Problemlösung weiterbringen kann. Das kann ein Gedankenblitz sein, der einem unerwartet durch den Kopf schießt, oder Lektüre, auf die man „zufällig“ gestoßen wird, oder aber ein Mensch, der einem eine andere Sichtweise oder Bewertung anbietet, wie ich das auch bei dieser Frau getan habe. Wenn man dann aber alles, was von Außen kommt, einfach nur abwimmelt, darf man sich natürlich nicht wundern, dass man mit seinem Problem nicht weiterkommt (was natürlich nicht heißt, dass man letztlich alles, was von Außen kommt, tatsächlich auch übernehmen muss!).

Wenn Du allein nicht weiterkommst: Hol Dir Hilfe!

Ich habe die Frau zum Ende des Gesprächs übrigens noch gefragt, ob sie schon mal darüber nachgedacht habe, mit ihrem Mann eine Eheberatung oder eine Therapie oder irgendetwas in diese Richtung zu machen. Sie reagierte so, wie ich das von den meisten Menschen kenne, nämlich nach dem Motto: Ich bin nicht das Problem, sondern der Andere, will heißen ihr Ehemann. Das ist natürlich immer die leichteste Lösung für die eigenen Probleme, wenn man erwartet, dass jemand anderes diese für einen lösen soll. Ich muss nicht extra dazuschreiben, dass das nicht funktionieren kann, oder? Selbst wenn in einer Ehe einer der Ehepartner offenkundig sehr viel größere Probleme hat, ändert das nie etwas an der Tatsache, dass der andere Ehepartner auch seinen Anteil zu den Eheproblemen beiträgt. Und jeder kann immer nur bei sich selbst anfangen.

In unserem Beispielsfall liegt der Anteil der Frau sogar auf der Hand: Warum quält sie sich mit Schuldgefühlen herum, obwohl diese bei objektiver Betrachtung nicht angezeigt sind? Hinter solchen „unechten“ Schuldgefühlen steckt immer echte Schuld, die man problemlos auflösen kann, wenn man sie ans Tageslicht befördert, aber eben nur dann. Das fördert das eigene Wohlbefinden ungeheuerlich, und zwar unabhängig davon, was ihr Ehemann macht oder auch nicht macht. Gleichzeitig ändert sich auch das Klima der ehelichen Problemgespräche, wenn sie klar und eindeutig alle Vorwürfe von ihm zurückweisen kann, die nicht gerechtfertigt sind. Aber was soll ich mir da den Mund fusselig reden? Das habe ich dementsprechend auch nicht getan, sondern nur still in mich hineingelächelt. Manchen muss es erst noch schlechter gehen, bis sie sich Hilfe holen. Dass bis dahin mehrere Jahre vergehen können, in denen man sich nur immer noch mehr herumquält, scheint selbst vernunftbegabte Menschen nicht zu überzeugen. Aber dann ist das eben so. Ich weiß nur für mich selbst sehr genau, dass wenn ich das nächste Mal diese Frau treffen werde und sie wieder von ihren Eheproblemen anfängt (was ziemlich wahrscheinlich passieren wird), ich gleich abwinken werde: Wer seine Probleme behalten will, kann das von mir aus gern tun, mir damit dann aber bitte nicht die Ohren vollquaken. Denn das ist aus meiner Sicht verschwendete Lebenszeit!

 

Wie ist es mit Dir: Denkst Du vernünftig über Dich, Dein Leben, Dein Handeln, Denken  und Fühlen nach?

 

 

 

 

Bildquelle: www.piqs.de „… neugierige Ameise…“

KatrinNr. 78: Bist Du bereit, über Dich, Dein Leben, Dein Handeln, Denken und Fühlen vernünftig nachzudenken?