Nr. 8: Kennen Sie den „Nutzen“ von Reinkarnation?

Reinkarnation ist eines dieser religiösen Reizwörter, bei denen viele Menschen automatisch dicht machen und abwinken. Das ist schade. Denn allein die intellektuelle Idee der Reinkarnation kann sehr heilsam wirken. So gesehen ist Reinkarnation schlicht „praktisch“.

Reinkarnation bedeutet ja, dass die Seele eines Menschen in mehreren Menschenleben sukzessive immer wieder in neue menschliche Körper wiedergeboren wird. Alle Umstände, die das Leben eines Menschen ausmachen – wie etwa seine Eltern, sein Geburtsort, seine Eigenschaften, bestimmte Stationen auf seinem Lebensweg –, werden dadurch festgelegt, wo seine Seele auf ihrem Entwicklungsweg steht, wie sie sich in vorangegangenen Leben verhalten hat und was sie sich im aktuellen Leben in sich zu läutern vorgenommen hat. Mit anderen Worten: Reinkarnation erklärt, warum alles, was einem im Leben widerfährt, seine Richtigkeit hat. Das hilft, die Umstände so anzunehmen, wie sie sind. Und je mehr man die Umstände so annehmen kann, wie sie sind, desto größer ist der innere Friede, was dazu führt, dass man mehr Kraft und Klarheit dafür hat, die Umstände oder die eigene Einstellung dazu tatsächlich zu ändern, anstatt sich in innerlichen Kämpfen darüber aufzureiben, dass die Umstände eben nicht so sind, wie man sie gern hätte. Als intellektuelles Konzept kann Reinkarnation Fragen beantworten wie zum Beispiel:

  • Warum bin ich von Eltern geboren worden, die mich vor bestimmte Herausforderungen gestellt haben?
  • Warum musste ich Mobbing am Arbeitsplatz erleben?
  • Warum greift mich ein Mann öffentlich an, obwohl ich ihm gar nichts getan habe?

Für mich selbst war Reinkarnation lange Zeit eine rein intellektuelle Arbeitshypothese, die mir befriedigende Antworten auf viele offene Fragen gab. Als ich bei einer spirituellen Veranstaltung eine medial begabte Frau kennenlernte, die auf mich zukam und zu mir sagte: „Du, ich kenn Dich aus einer altägyptischen Mysterienschule!“ schwankte ich zwischen Lachen und Staunen. Stimmte das? Aber weder die Frau noch die Tatsache, dass ich in einer altägyptischen Mysterienschule gewirkt haben soll, fühlten sich für mich vertraut an. Also doch nur Fantasie oder Geltungssucht dieser Frau? Ich habe diese Fragen einfach offen stehen lassen.

Bass erstaunt war ich nur, als mir ein medialer Heiler, der von dieser Begebenheit nichts wissen konnte und dem ich hundertprozentig vertraute, kurze Zeit später auf einem Workshop nebenbei – ungefragt und ohne jeden äußeren Anlass! – mitteilte, dass meine Übungspartnerin und ich uns aus einer Mysterienschule kennen würden; ich sei ihre Lehrerin gewesen. Alles Zufall?

Wirklich überzeugt davon, dass Reinkarnation eine reale Erscheinung ist, bin ich, seitdem ich selbst einen Mann kennen gelernt habe, von dem ich innerlich wusste, dass ich ihn schon sehr lange kannte. Er fühlte sich auf eine besondere Art und Weise so vertraut an, wie ich es vorher bei keinem anderen Menschen erlebt habe. Ihn zu fragen, ob es ihm ähnlich ergangen sei, hatte ich leider keine Gelegenheit: Wir haben in aller Öffentlichkeit einen hochnotpeinlichen Streit inszeniert, der die Psychodynamik einer Hexenverbrennung hatte und dazu führte, dass ich fluchtartig den Raum verließ. Und mir fiel es später wie Schuppen von den Augen: Er war nicht der erste Mann, der mich in meinem Leben „hexenverbrannt“ hat. Ein paar andere Begebenheiten in meinem Leben – auch positive – passten auch zu diesem Muster. Völlig perplex war ich, als ich dann Monate später von jemandem gehört habe, dass dieser Mann über sich selbst gesagt hat, dass er in früheren Leben Hexen verbrannt habe. Seitdem ist Reinkarnation eine Tatsache für mich. Aber vielleicht ist deutlich geworden, dass man das Konzept der Reinkarnation auch einfach nur für die Selbsterkenntnis nutzen kann, auch wenn man nicht daran glaubt.

Übrigens gibt es Bibelstellen, die man als Beleg dafür ansehen kann, dass Reinkarnation eine Tatsache ist:

Und Jesus ging vorüber und sah einen, der blind geboren war. Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Meister, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er ist blind geboren? (Joh. 9, 1)

Denn die Frage der Jünger, ob der blind Geborene selbst gesündigt hat, setzt ja voraus, dass er schon vor seiner Geburt die Möglichkeit gehabt haben muss zu sündigen. Das wäre denklogisch nur möglich, wenn der Blinde vorangegangene Leben durchlaufen hätte. Ich habe allerdings bewusst geschrieben, dass man dies als Beleg ansehen kann. Muss man aber nicht. Denn die Antwort Jesu lässt diese Frage offen:

Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern dass die Werke Gottes offenbar würden an ihm (…). (Joh. 9, 3)

Mit anderen Worten: Der Blinde ist nur deshalb blind geboren, damit Jesus an ihm Gottes Werk vollbringen und ihn heilen kann, was er dann anschließend auch tut.

Außerdem ist ja jedes Bibelzitat dem Einwand ausgesetzt, dass die Bibel stellenweise verfälscht worden ist. Dem wiederum entgegen ist auch schon behauptet worden, die katholische Kirche habe im Mittelalter systematisch alle Stellen in der Bibel „bereinigt“, die explizite Aussagen über Reinkarnation enthalten, weil sie anderenfalls mit ihren Ablässen kein Geld hätte verdienen können. Die Argumentation lautet: Wenn die Menschen explizit gewusst hätten, dass sie ihre Schuld in weiteren Leben abtragen können, hätten sie der Kirche kein Geld dafür gezahlt, dass die Kirche ihnen ihre Schuld erlässt.

Mir erscheint plausibel, was der katholische (und zugleich durchaus kirchenkritische) Franziskaner-Pater Richard Rohr insofern vermutet: Rohr geht davon aus, dass man an der Frage der Jünger erkennen könne, dass Reinkarnation zur damaligen Zeit als Selbstverständlichkeit angesehen wurde und deshalb gar nicht explizit erwähnt werden musste. Jesus selbst habe jedoch die Reinkarnation bewusst in ihrer Bedeutung herunter spielen wollen, weil der Buddhismus in Indien zuvor gezeigt habe, dass Reinkarnation als Rechtfertigung für Lethargie missbraucht werden könne nach dem Motto: Wenn ich eh noch viele Leben vor mir habe, muss ich mich ja nicht in diesem Leben mit der unangenehmen Aufgabe befassen, mich selbst zu läutern.

Aber offen gestanden finde ich solche intellektuellen Debatten – so interessant sie auch sind – überflüssig, weil man spirituelle Wahrheit nicht über oder mit dem Verstand erfassen kann. Man kann spirituelle Wahrheit nur über innere Gewissheit erlangen, und das ist nur möglich, wenn man entsprechende Erfahrungen macht. Und diese Erfahrungen wiederum macht man nur, wenn man bereit ist, sich mit dem Verstand dafür zu öffnen, dass eine spirituelle Wahrheit zutreffend sein könnte. Und für diese Öffnung hatte bei mir persönlich die eingangs dargestellte pragmatische Überlegung größere Überzeugungskraft als die Bibel.

 

 

Bildrechte: Masakazu Matsumoto „Double-helical staircase“; Quelle: www.piqs.de

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