Nr. 80: Ist Dir klar, dass eine Forderung nach „bedingungsloser Liebe“ ein Akt der Nicht-Liebe ist?

Dass mich das Leben dazu inspiriert hat, diesen Artikel zu schreiben, erstaunt mich – offen gestanden – etwas. Denn ich dachte immer, dass man sich nur einmal fünf Minuten ernsthaft Gedanken über die Erwartungshaltung „bedingungsloser Liebe“ machen muss, um zu erkennen, dass das ein Holzweg ist!!! Ich habe mich geirrt.

Neulich habe ich mich nämlich mit einer durchaus intelligenten Frau um die 60 über die Liebe zwischen Mann und Frau unterhalten, und sie sagte allen Ernstes: „Ich will bedingungslose Liebe von einem Mann!“ Weil ich diese Forderung so absurd finde, habe ich diese Aussage nicht so ganz ernst genommen. Und prompt folgte kurz später die Korrektur meiner  „weichzeichnenden“, wenn nicht gar verleugnenden Wahrnehmung. Ich hatte mit dieser Frau eine kleine Meinungsverschiedenheit, in der ich mich energisch gegen ihre aggressiven Schuldzuweisungen gegenüber anderen Menschen gewehrt hatte. Denn ich empfand es als ausgesprochen unangenehm, mit so viel aggressiver, ja sogar hasserfüllter Energie überschüttet zu werden. Für mich war diese kleine Eskalation keine große Sache, und ich ging danach zu „business as usual“ über. Diese an sich kleine Sache kam mir aber wieder in Erinnerung, als ich kurz danach von dieser Frau mit Nichtbeachtung und Aus-dem-Weg-gehen sanktioniert = „ mit Liebesentzug bestraft“ wurde. Ich dachte nur fassungslos bei mir selbst: „Sie hat es tatsächlich ernst gemeint: Sie erwartet von anderen Menschen tatsächlich bedingungslose Liebe! Und wer ihr die nicht geben will, sondern sich ihrem Verhalten entgegenstellt, wird sofort bestraft.“ 

Deshalb schreibe ich jetzt also diesen Artikel, den ich eigentlich immer für überflüssig gehalten habe.

Was ich zuvor immer dachte, was das eigentliche Problem sei

Dass Phänomen an sich, dass Menschen mit der Forderung nach bedingungsloser Liebe unterwegs sind, beobachte ich schon sehr, sehr lange. Es ist tatsächlich sehr weit verbreitet. Die krasseste Form habe ich bei Menschen beobachtet, die andere Menschen überhaupt gar nicht wahrnehmen, weil sie ausschließlich immer nur um sich selber und die eigenen Befindlichkeiten kreiseln. Erzählt man etwas von sich selbst, wird das lediglich als Stichwort für die nächste eigene Geschichte verwandt. Daneben gibt es außerdem unendlich viele Menschen, die von Anderen erwarten, mit allen ihren Fehlern, Schwächen und Schwierigkeiten angenommen zu werden, im Gegenzug aber wenig tolerant und manches Mal sogar komplett intolerant gegenüber den Fehlern, Schwächen und Schwierigkeiten anderer Menschen sind. Das kann ganz unterschiedlich aussehen: Diese Menschen verleugnen die eigenen Unzulänglichkeiten, prangern aber die Fehler anderer Menschen gnadenlos an. Manchmal sind das sogar exakt die gleichen Fehler, was in der Fachsprache Projektion heißt. Mal sieht es so aus, dass Gegenwehr gegen destruktives Verhalten aggressiv niedergemacht, schlicht weg ignoriert und mit Opfer-Gejammer oder sonst wie mundtot gemacht wird. Und dazu gehört eben auch, dass andere für vermeintlich „liebloses“ Verhalten bestraft werden, obwohl dieses angeblich „lieblose“ Verhalten – wie in meinem oben geschilderten Fall – lediglich eine Wahrnehmung eigener Bedürfnisse, Interessen und Rechte ist.

All dieses destruktive Verhalten basiert in seinem Kern auf der Forderung nach bedingungsloser Liebe, die aber in den allermeisten Fällen nicht bewusst ist. Und genau da, dachte ich immer, läge das Problem: Dass diese völlig überzogene Erwartungshaltung nicht bewusst ist! Genau diese Situation habe ich auch schon oft im Coaching erlebt: Sobald ich den Menschen dann erklärt habe, dass ihr destruktives Verhalten auf einer schlicht unfairen Forderung nach einseitiger, bedingungsloser Liebe beruhe, war eigentlich sofort allen klar, dass ihr Verhalten tatsächlich destruktiv war! Aber nun will ich aus gegebenen Anlass eben doch einmal diese verquere Forderung nach bedingungsloser Liebe selbst in den Fokus nehmen, um das Problem bei der Wurzel zu packen.

„Bedingungslose Liebe“ ist unter Erwachsenen ein Ding der Unmöglichkeit!

Nach meinen Beobachtungen hat liebevolles Verhalten Seltenheitswert. Es gibt zwar jede Menge Menschen, die gute Taten vollbringen, Geschenke machen oder Geld bezahlen, obwohl sie gar nicht dazu verpflichtet sind. Das kann durchaus auch liebevoll sein, wenn damit die besonderen Bedürfnisse des anderen gesehen und erfüllt werden. Meistens sind das aber – so hart das klingen mag – nur hohle Gesten, die mehr dem Zweck dienen, dem Gebenden das gute oder – schlimmer noch – überlegene Gefühl des „Gutseins“ oder „Helfens“ zu vermitteln; sie haben oft rein gar nichts mit demjenigen zu tun, der da empfangen soll, und das hat eben nichts mit „liebevoll“ zu tun. Was ich damit sagen will: Nach meinen Beobachtungen gibt es nur sehr, sehr wenig Liebe in unserer Welt.

Aber mal angenommen, wir befänden uns nicht in unserer ach so unvollkommenen Welt, sondern stattdessen im Traum-Wunder-Land, in dem alle Ideale, die erstrebenswert sind, verwirklicht werden. Dort gibt es nämlich tatsächlich so etwas wie „bedingungslose Liebe“, nämlich die Liebe von Eltern zu ihrem Kind: Ideale Eltern lieben ihr Kind bedingungslos! Aber was bedeutet das? Dass das Kind einerseits in seiner Individualität anerkannt und wertgeschätzt, mit seinen Sorgen, Nöten und Problemen ernst genommen und unterstützt und vor Gefahren im Außen beschützt wird, dass es andererseits aber auch mit seinem kindisch-destruktiven Verhalten angemessen in die Schranken gewiesen, zu einer gewissen Disziplin angehalten und dadurch gewissermaßen vor sich selbst geschützt wird. Ideale Eltern übernehmen mit anderen Worten für ihr Kind ein angemessenes Selbstmanagement, zu dem das Kind selbst noch nicht in der Lage ist. Diese Balance zwischen positiver Bestätigung und einschränkender Reglementierung ist ein gewaltiger Drahtseilakt, um den ich (die selbst keine Kinder hat) kein Elternteil der Welt beneide, zumal man ja als Elternteil auch noch eigene Bedürfnisse, Sorgen, Nöte, Schwierigkeiten und ungelöste Probleme hat. Aus meiner Sicht ist es deshalb schlechterdings unmöglich, als Elternteil „perfekt“ zu sein; dabei muss man Fehler machen. Aber selbst in der Traum-Land-Wunder-Welt, in der es perfekte Eltern gibt, die bedingungslos lieben können, gilt: Bedingungslose Liebe kann es nur in Kombination mit einem Erziehungsauftrag geben, mit dem dem kindisch-destruktiven und undisziplinierten Verhalten des Kindes Grenzen gesetzt werden! Und genau diesen Erziehungsauftrag gibt es unter Erwachsenen eben gerade nicht! Deshalb kann es unter Erwachsene selbst im Traum-Wunder-Land keine bedingungslose Liebe geben. Das ist ein Ding der Unmöglichkeit!

Warum die Forderung nach bedingungsloser Liebe ein Akt der Nicht-Liebe ist

Außerdem befinden wir uns ja leider nicht im Traum-Wunder-Land, sondern in einer irdischen Realität, in der durch die Bank alle Erwachsenen – selbst die weisesten und reifsten – selbst noch mit eigenen kindischen Problemen zu kämpfen haben. Wer wirklich weise und reif ist, weiß das über sich selbst, und arbeitet an sich selbst, um diese kindischen Aspekte in sich nachreifen und erwachsen werden zu lassen. Und wer das bei sich selbst sehr klar auf dem Schirm hat, sieht das auch ganz schnell bei anderen, und zwar ohne das zu verurteilen oder deshalb böse zu sein, eben weil einem bewusst ist, dass man da auch so die eigenen Probleme hat oder zumindest hatte. Nur eben weil das für einen weisen und reifen Menschen so glasklar ist und weil er selbst an seinen eigenen Schwächen arbeitet, hat er überhaupt keine Lust, das kindisch-destruktive Verhalten anderer Menschen widerspruchslos hinzunehmen und wird sich dagegen wehren. Genau das ist ein Akt der Selbstliebe, der gesund, reif und erwachsen ist: Wer sich dem kindisch-destruktiven Verhalten anderer Menschen unwidersprochen unterordnet, hat ein ernsthaftes masochistisches Selbstliebe-Problem. Genau das aber verlangen Menschen, die auf der Suche nach „bedingungsloser Liebe“ sind: Volle Akzeptanz und liebevolle Annahme ihres eigenen kindisch-destruktiven Verhaltens. Mit anderen Worten: Die Forderung nach „bedingungsloser Liebe“ ist ein glatter Akt der Nicht- Liebe, weil sie anderen Menschen die Selbstliebe verbietet.

Der Teufel steckt im Detail!

Das liest sich jetzt sehr einleuchtend, oder? Während ich geschrieben habe, ist mir aber mal wieder bewusst geworden, dass der sprichwörtliche Teufel im Detail steckt. Denn die Gretchen-Frage ist ja: Was ist kindisch-destruktives Verhalten und was nicht??? Wie sagt Effi Briest so schön: „Ach, das ist ein weites Feld!“ Genau dieses weite Feld gilt es in sich selbst zu erforschen, in dem man herausfindet, wie man selbst auf bestimmtes Verhalten reagiert. Denn wenn man sich selbst nachvollzogen hat, worauf man einerseits mit Schmerz, Angst, Beklemmung, Wut oder sonst welchen negativen Gefühlen oder aber andererseits auch mit Freude, Rührung, Wohligkeit und Dankbarkeit reagiert, weiß man sehr schnell, was geht und was nicht. Damit das hier nicht allzu blumig bleibt, gebe ich Dir ein paar Beispiele für kindisches destruktives Verhalten:

  • Schuldzuweisungen
  • Rachsucht und bestrafen wollen
  • Selbstmitleid, Opfer spielen und Jammern
  • Hass- oder Frusttiraden
  • Grausamkeit, auch getarnt durch verdeckte „Hintenherum-Spielchen“
  • Beschämung
  • Passiv-aggressiver Rückzug

Noch mehr Teufel im Detail!

Ich habe diesen Artikel auch geschrieben, weil ich mit Schrecken festgestellt habe, dass ich dieses Jahr erst drei Artikel geschrieben habe. Das hat weniger mit einem Mangel an Kreativität zu tun. Denn tatsächlich habe ich in diesem Jahre genau so viel geschrieben wie in den vorangegangen. Nur bin ich immer wieder an die Grenzen der Sprache gestoßen und immer wieder am Abschluss eines Artikels gescheitert, weil Bewusstheit ein viel komplexeres Thema ist, als es scheint – einerseits. Andererseits aber ist es auch wieder ganz simpel, wenn man mit dem richtigen Spirit unterwegs ist.

Was ich damit meine, lässt sich ganz gut an der Liste von eben veranschaulichen: Jeder wird mir Recht geben, dass die aufgezählten Verhaltensweisen kindisch und destruktiv sind. Das Problem heutzutage ist nur, dass es so viele schlaue Menschen gibt, die genau diese Verhaltensweisen als „korrekt“ oder „in Ordnung“ rationalisieren oder sogar durch vordergründig „gutes“ oder zumindest „politisch korrektes“ Verhalten kaschieren können. So wird ein hochentwickelter Verstand zum echten Problem, der jedes vernünftige Gespräch unmöglich machen kann.

Warum Du Dir mit der Forderung nach bedingungsloser Liebe in erster Linie selbst schadest

Warum Du Dir mit der Forderung nach bedingungsloser Liebe in erster Linie selbst schadest, liegt nach den vorangegangenen Absätzen auf der Hand: Du bist dann auf der Jagd nach etwas, das es gar nicht geben KANN! Dementsprechend wirst Du immer wieder Enttäuschungen erleben, was Dich irgendwann zu dem falschen Schluß verleitet, dass es generell keine Liebe auf dieser Welt gibt aber oder dass es auf dieser Welt keine Liebe für Dich gibt, weil Du nicht liebenswert bist. Beides stimmt definitiv nicht! Es gibt Liebe auf dieser Welt, und natürlich bist Du auch liebenswert! Nur machst Du es denjenigen Menschen, die Dir Liebe geben können und das auch grundsätzlich wollen, denkbar schwer, Dir tatsächlich Liebe zu schenken. Denn das, was sie Dir geben können, wird nie Deinen Ansprüchen genügen. Das ist für Anderen denkbar frustrierend, weshalb sie sich dann früher oder später abwenden werden. Denn wer hat schon Lust, ständig die Erfahrung machen zu müssen, dass es nie genug ist? Dass man Liebe gibt, im Gegenzug aber für den kleinsten Fehler oder bloß unliebsames Verhalten „bestraft“ wird? Keiner!

Wo Du die Lösung finden kannst

Gerade weil aber so viele Menschen mit der Forderung nach bedingungsloser Liebe unterwegs sind, ist es aber gar nicht so einfach zu erkennen, wer wirklich lieben kann. Das heißt, dass sich in Beziehungen die oben dargestellten Fehlerteufel immer auf beiden Seiten einstellen, was die Kommunikation darüber völlig unmöglich machen kann. Um sich in diesem Dickicht orientieren zu können, gibt es nur eine einzige verlässliche Methode:

SEI MIT DIR SELBST EHRLICH UND LERNE DICH SELBST IN- UND AUSWENDIG KENNEN!

Konzentriere Dich allein darauf und pule nicht an anderen herum! Dann ist es nur eine Frage der Zeit, wann Du ganz automatisch jede Forderung nach „bedingungsloser Liebe“ aufgibst, einfach weil Du Dich selbst ausreichend liebst. Und genau dann kannst Du Dich auch davor schützen, dass andere Menschen Dir mit ihren unbewussten oder bewussten Forderungen nach bedingungsloser Liebe das Leben schwer machen!

Meine abschließende Frage an Dich ist: Willst Du Deine Forderung nach „bedingungsloser Liebe“ ersetzen durch echte Selbstliebe?

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KatrinNr. 80: Ist Dir klar, dass eine Forderung nach „bedingungsloser Liebe“ ein Akt der Nicht-Liebe ist?