Nr. 81: Bist Du mit konstruktiven mentalen Konzepten unterwegs?

Dieser Artikel ist ein Paradebeispiel dafür, warum ich im Moment so wenige Artikel schreibe: Unter derselben oder einer ähnlichen Unterschrift habe ich schon ganz viele Versuche unternommen, dieses schwierige Thema anzupacken, und war irgendwie nie richtig zufrieden damit, was ich selbst produziert hatte. Natürlich habe ich darüber reflektiert, warum das wohl so ist. Ich bin zu folgendem Ergebnis gekommen: Dadurch, dass ich immer mehr positive Resonanz auf meine Artikel bekommen habe, ist die Erwartungshaltung an mich selbst gestiegen. Ich wollte „perfekte“ Artikel abliefern und bin diesem Anspruch an mich selbst nicht gerecht geworden. Ich wurde zunehmend genervt und frustriert und habe es dann irgendwann ganz sein lassen, was aber auch keine Lösung ist. Denn ich schreibe diese Artikel ja gern!

Vor diesem Hintergrund will ich hier jedenfalls mein Bestes geben, um Dir verständlich zu machen, warum es von so elementar wichtiger Bedeutung ist, dass Du Deine mentalen Konzepte einer Überprüfung unterziehst. Tatsächlich ist mein eigener innerer Kampf um meine Artikel schon das beste Beispiel dafür: Wer „Perfektion“ abliefern will, läuft Gefahr, sich selber auszubremsen. Es reicht vollkommen aus, wenn Du Dich darum bemühst, Dein (vielleicht auch noch unperfektes) Bestes zu geben. Damit näherst Du Dich automatisch immer mehr der Perfektion an, weil stete Bemühung unweigerlich Früchte trägt. Ich bin jedenfalls gespannt, ob es mir diese Mal gelingt, diesen Artikel jetzt endlich zu Ende zu bringen. Ich hoffe es, denn das Thema ist wirklich wichtig. Ne, allein mit Hoffen wird das nichts: Ich werde mich jetzt durchbeißen und diesen Artikel zu Ende bringen!

Was mich zu diesem Artikel inspiriert hat

Wie immer gibt es einen konkreten Anlass dafür, dass ich mal wieder einen Artikel in Angriff nehme. Ich habe mich vor kurzem lange unterhalten mit einem insgesamt eher introvertierten Mann, der mir zu meiner eigenen Überraschung sehr viel über sich selbst und sein Innenleben erzählt hat. Ich war fasziniert und berührt, weil er wirklich sehr ehrlich gewesen ist und einiges krauses Zeug über sich selbst preisgegeben hat. Am Ende des Gesprächs fragte ich ihn, warum er mir auf einmal so viel von sich selbst erzählt hätte. Er antwortete: „Weil ich mein eigenes Potential erkennen will!“ Da war ich vollends hin und weg, denn ich erlebe sehr selten Menschen, die offen eingestehen, dass sie mit ihrem Selbstwertgefühl hadern. Ich sah ihn liebevoll an und sagte: „Du hast unendlich viel Potential!“ Und zwar mit voller Überzeugung: Egal, wie viel krauses Zeug jemand mit sich rumschleppt, steckt in jedem Menschen unendlich viel Liebe, Weisheit und Schönheit, die gehoben werden wollen. Und gerade bei diesem Mann war schon so viel davon sichtbar.

Erst im Nachhinein ist mir jedoch klargeworden: Was sich für mich wie eine „Beichte“ unschöner Eigenschaften angehört und mich dementsprechend in dem Moment wirklich tief bewegt hatte, war für ihn lediglich eine nüchterne Sachstandsanalyse, die für ihn in der Sache „normal“ und völlig in Ordnung war! Ich war konsterniert: Weil ich bei seinen Ausführungen keinen Widerspruch angemeldet hatte, musste er mein rein passiv-zuhörendes Verhalten als „Annahme“ interpretieren, was ja in der Sache auch stimmt: Krauses Zeug kann man nur dann in Liebe, Weisheit und Schönheit transformieren, wenn man es erst einmal liebevoll annimmt. Deshalb habe ich den Mann angenommen mit dem krausen Zeug, das er über sich selbst erzählt hatte. Nur was ich ganz bestimmt nicht hatte vermitteln wollen, ist, dass just dieses krause Zeug sein Potential war!!! Ich war mir nachträglich aber ziemlich sicher, dass er mich insofern falsch verstanden hatte, und bekam prompt wenig später die Bestätigung dafür.

Warum destruktive mentale Konzepte tatsächlich ein Killer sein können

Ich will Dir hier anhand eines konkreten Beispiels aus dem Gespräch mit diesem Mann deutlich machen, warum destruktive mentale Konzepte tatsächlich ein Killer sein können. Der Mann hatte unter anderem gesagt, er hätte ein Bedürfnis, über andere Menschen Kontrolle auszuüben; er sei lieber der Stichwortgeber, als dass er auf eine von Anderen initiierte Situation reagiere. Das ist ein gerade für Männer sehr, sehr typisches Verhaltensmuster, das ich schon oft beobachtet habe. Den wenigsten Männern ist allerdings bewusst, dass sie Kontrolle ausüben; so selbstverständlich ist das in unserer patriarchalisch geprägten Gesellschaft. Insofern war dieser Mann, mit dem ich gesprochen hatte, natürlich ein wahrer Lichtblick für mich!!! Er wusste wenigstens, dass er kontrollig unterwegs ist. Ihm war offenbar nur nicht klar, dass das destruktiv ist. Manche Männer glauben tatsächlich sogar, dass diese Dominanz eine ganz besonders männliche Eigenschaft sei und ihre „Manneskraft“ demonstriere. Dass das purer Unfug ist, muss einem eigentlich sofort klarwerden, wenn man darüber einmal fünf Minuten in Ruhe nachdenkt. Denn wozu führt die Ausübung von Kontrolle? Dass entweder ein zäher Machtkampf entsteht, weil auch das Gegenüber Kontrolle ausüben will, oder aber dazu, dass sich der oder die Andere anpasst, unterordnet, klein macht und damit selber reduziert. Aber weder ist der ständige Kampfmodus ein angenehmer Seinszustand, noch liegt die Lösung darin, dass sich jemand im Kontakt dauerhaft selbst reduziert; denn dadurch entsteht zumindest unterbewusst jede Menge Feindseligkeit bis hin zum Hass, der in Ehedramen schlimmstenfalls in Mord und Totschlagen mündet, wie man ab und zu in der Zeitung lesen kann.

Damit wird auch deutlich, warum ein Festhalten an destruktiven mentalen Konzepten so schädlich ist: Sie schließen nicht nur jede Veränderung aus, sondern verschlimmern noch den Ist-Zustand, weil die Situation immer angespannter wird! Dabei ist Veränderung gar nicht so schwer: Man muss im ersten Moment lediglich umdenken! Die Ausübung von Kontrolle tatsächlich vollständig aufzugeben, ist hinterher ein bisschen schwieriger, aber es ist möglich! Und wenn man verstanden hat, warum das notwendig und erstrebenswert ist, ist das eine gute Motivation, die Veränderung in Angriff zu nehmen!

Wie sich destruktive mentale Konzepte gegenseitig verstärken können

Da sind wir bei einem weiteren destruktiven Konzept angekommen, das in dem Gespräch mit dem Mann ans Licht gekommen ist: Er geht offenbar davon aus, dass Menschen sich nicht verändern können, und das stimmt definitiv nicht! Durch die Bank jedes destruktive Handeln, Denken und Fühlen kann in seine konstruktiven Gegenpole transformiert werden, man muss nur wissen, wie das geht, und bereit sein, an sich selbst zu arbeiten. Wenn man aber von sich selbst glaubt, man sei unveränderbar und in Stein gemeißelt, ist es fast unmöglich, sich selbst ein destruktives Konzept oder ein Funktionieren nach einem destruktiven Konzept einzugestehen. Denn dann bedeutete das ja das Eingeständnis, dass man für den Rest seines Lebens mit einem „Makel“ behaftet und deshalb minderwertig ist. Und genau das will natürlich keiner, sondern da macht jeder lieber weiter wie bisher, selbst wenn er damit sich selbst und seine Mitmenschen unglücklich macht.

Tatsächlich sind es aber diese de facto vorhandnen Defizite, die einem das Gefühl von Minderwertigkeit vermitteln, wenn man an ihnen festhält, anstatt sie zu transformieren. Will heißen: Destruktive mentale Konzepte sind die Wurzel aller Gefühle von Wertlosigkeit!

Weitere Beispiele für destruktive mentale Konzepte

Ich gebe Dir hier noch ein paar Beispiele für weitere destruktive mentale Konzepte, damit Du mal darüber meditieren kannst, ob und inwiefern Du selbst davon betroffen bist:

„Liebe ist schwach!“

Stimmt nicht, im Gegenteil: Wer in sich die Balance zwischen Selbstliebe und Liebe zu anderen hergestellt hat, kann Berge versetzen! Dass das nicht weithin bekannt ist, liegt nur daran, dass nur sehr, sehr wenige Menschen in diesem Zustand angekommen sind. Ich kann es aber im Kleinen beobachten und damit bestätigen.

„Gefühle sind gefährlich!“

Kompletter Blödsinn! Gefühle per se sind einfach eine Tatsache, die sich im menschlichen Gesamtgefüge nicht wegleugnen lässt. Gefährlich ist lediglich ein falscher Umgang mit den eigenen Gefühlen, nämlich wenn man diese unerkannt im Unterbewusstsein herumwabern lässt, unterdrückt oder verleugnet. Ein konstruktiver Umgang mit den eigenen Gefühlen ist der einzige – wirklich der einzige! – Weg zur Liebe!

„Gefühle sind unwichtig oder wertlos!“

Granatenfalsch!!! Liebe ist in letzter Konsequenz Gefühl pur. Liebe entsteht in jedem Menschen dadurch, dass alle „schwierigen“ Gefühle mithilfe von konstruktiven mentalen Konzepten in Liebe transformiert werden. Viele Männer, die keinen Funken Gefühl aus sich heraus- oder an sich heranlassen können, sagen über sich, sie könnten lieben. Wie soll das ohne Gefühl funktionieren? Ein Ding der Unmöglichkeit!

„Gefühle müssen unter Kontrolle gehalten werden!“

Achtung, hier gibt es einen Fallstrick, weil die Kontrolle über Gefühle sowohl destruktiv als auch konstruktiv sein kann. Wer seine Gefühle unter Kontrolle hält, indem er sie ausblendet oder unterdrückt, übt destruktive Kontrolle aus, weil die Gefühle dadurch „gefährlich“ werden können, siehe oben. Wer aber seine Gefühle vollumfänglich fühlt und deshalb bewusst entscheiden kann, ob er sie zum Ausdruck bringt oder aber auch nicht, übt eine konstruktive Kontrolle aus. Nichts kann mehr Schaden anrichten, als unkontrolliert ausagierte Gefühle!

Übrigens führt der unter Männern so verbreitete Kontrollwahn oft insbesondere dazu, dass sie die Gefühle von Frauen ignorieren oder unter Kontrolle halten wollen. Sie behandeln damit die Frauen exakt so, wie sie mit ihren eigenen Gefühlen umgehen: Lieber ausblenden und unterdrücken. Nur: Wie soll da zwischen Mann und Frau Liebe entstehen, wo Liebe doch Gefühl pur ist?

Es ist natürlich kein Zufall, dass ich hier lauter Beispiele zu destruktiven mentalen Konzepten rund um das Thema Liebe und Gefühl aufgeführt habe. Denn in der Welt des Denkens fühlen sich Männer allgemein hin wohl, während die Welt der Gefühle bei den meisten Männern eher Berührungsängste auslöst. Dabei ist die Welt der Gefühle ganz wunderbar in den Griff zu kriegen, wenn man sie im ersten Schritt erst einmal sorgfältig „durchdenkt“. Aber das ist vielleicht die Übung für Fortgeschrittene. Wenn alle Männer dieser Welt auch nur ihre mentalen Konzepte einer Überprüfung daraufhin unterziehen würden, ob diese konstruktiv sind, sähe unser Planet schon sehr, sehr viel freundlicher aus. Dass sich Männer dann auch noch mit den eigenen Gefühlen auseinandersetzen, kann jedoch die Tür zum Himmel der Liebe öffnen.

Über mentale Konzepte kann und muss man streiten – oder auch nicht!

Ich gehe zwar davon aus, dass alles, was ich hier aufgeschrieben habe, richtig ist, weil ich das sonst hier nicht so festgehalten hätte. Außerdem habe ich mir über all diese Dinge natürlich viele Gedanken gemacht und meine eigenen Erfahrungen ausgewertet. Aber was mir immer wichtig ist: Ich muss nicht Recht haben. Wenn mir jemand plausibel darlegt, dass ich mich irre, habe ich kein Problem damit, meine Meinung zu ändern, weil es mir immer um die Sache geht. Genau da lauert noch so ein schwieriges mentales Konzept: Geht es mir bei einer Auseinandersetzung darum, Recht zu haben und überlegen zu sein? Oder ist es mein Ziel, die Wahrheit herauszufinden?

Und genau an diesem Punkt wird es dann oft hakelig, weil unbewusste Gefühle die an sich rationale Auseinandersetzung vernebeln. Fühlst Du Dich vielleicht unterbewusst schuldig, wenn Du kein Recht hast? Musst Du etwa Dein Verhalten in der Vergangenheit rechtfertigen? Kommen in Dir Minderwertigkeitsgefühle hoch, wenn Du einen Irrtum eingestehen musst? Glaubst Du, Du seist als Mann nichts wert, wenn Du einer Frau einräumst, dass sie Recht hat?

Wenn ich in einem Gespräch merke – und ich merke das mittlerweile fast immer –, dass mein Gegenüber rationalisiert, weil er oder sie mit den eigenen Gefühlen nicht umgehen kann, beende ich das Gespräch irgendwie, weil ich weiß, dass es keinen Sinn hat, weiter zu diskutieren. So ist das eben mit den mentalen Konzepten: Dass sie sehr oft mehr von den eigenen unbewussten Gefühlen diktiert sind, als man sich als Kind der Aufklärung eingestehen will. Da hilft eigentlich nur eines: Dass jeder wenigstens mit sich selber ehrlich ist. Nur so kann man den Nebel vertreiben. Und genau das hat mich in dem Gespräch mit dem Mann, das ich als „Aufhänger“ für diesen Artikel verwendet habe, so sehr bewegt: Er war ehrlich!

Na, bereit die eigenen mentalen Konzepte ehrlich zu überdenken?

PS: Ich selbst bin jetzt übrigens sehr zufrieden mit meinem Artikel. Und froh und dankbar dafür, dass ich ihn zu Ende gebracht habe. Ob er „perfekt“ ist, interessiert mich im Moment nicht. Möge das Dich beflügeln, auch einmal etwas „Unperfektes“ abzuliefern. Vielleicht bist Du selbst damit ja hinterher zufrieden?

Bildrechte: Priem unter www.piqs.de „Zentrale der Macht“

KatrinNr. 81: Bist Du mit konstruktiven mentalen Konzepten unterwegs?